Stell dir vor, du hältst einen Stift auf ein Blatt Papier. Du bewegst diesen Stift in gerader Linie hin und her. Zum Beispiel hoch zum oberen Rand des Blattes und dann wieder herunter.
Stellst du es dir vor? Hat deine schreibende Hand sich unwillkürlich aufs Schreiben vorbereitet, hat zur Probe den Stift gegriffen? Haben die Muskeln deines Armes das Szenario durchgespielt? – Fein!
Nun stell dir vor, ich würde mich zu dir setzen. Ich würde nach dem Blatt greifen, und ich würde es quer zu deiner Stiftbewegung hin und her bewegen.
Du zeichnest also von oben nach unten und wieder zurück. Und ich bewege das Blatt von links nach rechts und wieder zurück.
Wenn wir beide tatsächlich die Bewegungen harmonisch und gerade ausführen, was würde als gezeichnete Figur auf dem Blatt erscheinen? Kannst du es dir vorstellen?
Richtig!
Ein Kreis.
Und mit jeder Runde wird die Linie des Kreises dicker.
Gut. Und nun stelle dir vor, es läge nicht ein einzelnes Blatt vor dir, sondern eine Papierrolle.
Du ziehst den Stift weiter hin und her, hoch und runter. Ich aber drehe an einer Kurbel und ziehe das Papier immer weiter.
Jetzt zeichnen wir keinen Kreis, sondern was?
Wieder richtig!
Eine Welle.
Ein Kreis ist ein nervöses Hin-und-Her, extra harmonisch ausgeführt, und die Welle ist ein in den Lauf der Zeit gestreckter Kreis.
Wir kennen ja die Verse aus dem Buch Kohelet (auch Prediger genannt), welche die wiederkehrende Wiederkehr gewisser Ereignisse notieren.
Ja, lest selbst, etwa das ganze erste Kapitel, hier beispielhaft nur der berühmte Vers 9:
Was geschehen ist, wird wieder geschehen, was getan wurde, wird man wieder tun: Es gibt nichts Neues unter der Sonne. (Prediger 1,9)
Beschreibt die Bibel also eine Kreisbewegung, wie die Weisheit Asiens es tut? Jein. Es kehrt wieder – und doch bewegt es sich vorwärts.
Wir reden vom Jahreskreis und vom Kreis der Jahreszeiten. Auch dein Geburtstag kehrt jährlich wieder, als würde sich dein Leben im Kreis bewegen. Doch das Alter ist nur eine von vielen Zahlen, die dich daran erinnern werden, dass sich die Welt weiterbewegt hat. Die Wellenbewegung, die du dein Leben nennst, hat einen bestimmten Abschnitt zurückgelegt. Doch du und die Welt, ihr seid beide andere geworden.
Ja, es wäre geradezu tragisch, es wäre Zeichen eines vergeblichen und vergeudeten Lebens, wenn wir uns wirklich im Kreis bewegten. Wenn du nicht angeben kannst, was du im letzten Jahr dazugelernt hast, wie du weiser und gütiger wurdest, wo du deine Feinde geliebt hast und zum Diener wurdest, wozu hast du dann gelebt?
Die Bibel könnte hierzu kaum deutlicher sein:
Wie ein Hund, der zurückkehrt zu dem, was er erbrochen hat, so ist ein Tor, der seine Dummheit wiederholt. (Sprüche 26,11)
Stell dir also noch einmal vor, du hältst einen Stift auf ein Blatt Papier. Nichts anderes – bildlich gesprochen – tun du und ich ja jeden Tag – solange wir leben.
Höhere Mächte drehen die Papierrolle voran, und was geschrieben wurde, bleibt für immer geschrieben. Eines Tages wird deine Papierrolle plötzlich zu Ende sein.
Du kannst die Papierrolle nicht zurückdrehen, um etwas zu korrigieren. Du kannst nicht verhindern, dass deine Hand zittert. Du kannst dein Bestes geben, nicht aus dem Papier zu kommen oder es gar vorzeitig zu zerreißen.
Du kannst nur um höhere Weisheit bitten, auf dass die Wellen, die du da kritzelst, zumindest im Rückblick einen Sinn ergeben. (Und dann, wenn dir höhere Weisheit gegeben ist, befolge sie auch – sonst bleibt dein Gekritzel eben das.)
Du schreibst.
Das Leben zieht das Papier vorbei. Deine Hand zittert, und doch schreibst du. Das Geschriebene bleibt, für immer. Doch irgendwann: kein Blatt mehr übrig.
Was hast du gezeichnet?
Weiterschreiben, Wegner!
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Der Essay Die Welle ist ein Kreis im Lauf der Zeit von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/welle-ist-ein-kreis-in-der-zeit/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
