20.10.2020

Generation Corona – Kindheit ist nicht aufschiebbar

von Dushan Wegner, Lesezeit 9 Minuten, Foto von Erik Mclean
Ein neuer und längerer Lockdown würde bedeuten, dass für heutige Kinder die einzige Kindheit, die sie haben, von Virusangst und Heimgefangenschaft geprägt sein wird. »Aufgeschoben ist nicht aufgehoben« sagt man, doch Kindheit lässt sich nicht aufschieben!
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»Was uns nicht umbringt, das…« – na, wie geht diese Redensart weiter? Richtig, natürlich kennen wir es: Was den Menschen nicht umbringt, das macht ihn angeblich stärker. – Ich habe Zweifel daran.

Nun, nicht jede Redensart ist klug und richtig, geschweige denn weise. Was dich nicht auf der Stelle umbringt, das kann dich noch immer traumatisiert, verängstigt und an Leib wie Seele beschädigt zurücklassen.

Eine andere Redeweise, die mir bald ähnlich schädlich erscheint, lautet: »Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.«

Natürlich ist das Aufgeschobene auch aufgehoben! Also, »aufgehoben« im Duden-Sinne 3.a): »nicht länger bestehen lassen«, nicht »aufgehoben« etwa im Duden-Sinne 1.c): »in die Höhe heben; erheben« oder im Duden-Sinne 2.: »aufbewahren«.

Das romantische Abendessen mit dem Lieblingsmenschen etwa, das aufgeschoben wird, es findet schlicht nicht statt. Es lässt sich ein zweiter Termin ansetzen für ein anderes Abendessen, doch das Aufgeschobene ist gestrichen, gecancelt, für immer aus diesem Zeitstrahl der umgesetzten Möglichkeiten gelöscht. Der neu angesetzte Termin kann natürlich wieder aufgeschoben werden, und der nächste dann wieder, bis man es vielleicht ganz aufgibt (»hat eben nicht sollen sein«), oder sich vielleicht doch noch zusammenfindet, zu einem »Beziehungsmeeting«, das dann nicht selten mit einem gestressten Seufzer beginnt (»Uff! Puuh! Jetzt hat es also endlich geklappt!«) – und ähnlich romantisch »durchgezogen« wird, bis beide Seiten sich einig sind, ihre Pflicht am Terminkalender abgeleistet zu haben.

Und dann existieren Angelegenheiten, zu denen ein Ersatztermin schlicht unmöglich ist. Wer einmal auf den Text des Liedes »Cat’s in the Cradle« achtete, der ahnt, welche Angelegenheiten ich meine – das Lied handelt vom Vater, der die Kindheit seines Sohnes damit vergeudet, immerzu zu versprechen etwas Zeit mit seinem Sohn zu verbringen – und es nie tut.

Infektions-Asymmetrie

Im Essay »Im Fass auf die Niagara-Fälle zu« (13.4.2020) sagte ich als »Zeitplan« voraus:

Ostern alles zumachen, Ramadan wieder öffnen, und Weihnachten dann wieder zumachen (so spart man sich auch das Merkel-Lego um die Weihnachtsmärkte und die Hochsicherheits-Zonen zu Silvester). – Läuft!

(Der Weihnachtsmarkt am Kölner Dom etwa wurde tatsächlich inzwischen abgesagt; siehe rnd.de, 1.9.2020 – oder, nach jener falschen Redeweise formuliert: der Weihnachtsmarkt 2020 wurde aufs nächste Jahr »verschoben« (und ja, ich weiß, dass das unsinnig ist – that’s the point).)

Ganz als bemühte man sich brav, »meinen« Zeitplan einzuhalten, setzen in Deutschland wieder die Lockdowns ein.

Als eines der »Superspreader«-Events in Bremen etwa gilt eine sogenannte »Clan-Hochzeit« (welt.de, 18.10.2020, hinter Bezahlmauer gegen arme Leser).

Bereits Ende August berichtete aus dem Klinikum Darmstadt der Funktionsoberarzt Cihan Çelik, dass dort zu dem Zeitpunkt alle neuen COVID-19-Patienten einen »Migrationshintergrund« aufwiesen (faz.net, 30.8.2020) – was, wenn man wirklich ehrlich ist, oft politisch korrekter Code ist für: »in muslimisch geprägten Parallelgesellschaften leben«. Ich überlasse es an dieser Stelle dem Leser, die ihm am plausibelsten erscheinende Ursache für diese Entwicklung zu benennen.

Ein Zyniker könnte hier seinen zynischen Zynismus anbringen, wonach eine Gruppe, die der Meinung ist, die Regeln der Ungläubigen würden nicht für sie gelten, auch die Corona-Regeln nicht einhält. Ich selbst habe im Text »Familien, Generationen und das Virus« (7. April 2020) die Theorie vorgelegt, wonach besonders jene Gruppen und Kulturen gefährdet sind, in denen die Generationen starken Kontakt pflegen — womit das »deutsche COVID-Wunder«, das bald keines mehr ist (vergleiche de.reuters.com, 20.10.2020: »Deutschland ist nicht besser als andere Länder durch Corona-Krise gekommen«), nicht wirklich ein Ruhmesblatt für Deutschland wäre.

Merkel kommentiert die Infektions-Asymmetrie auf ihre übliche Weise, die weiterhin keine erkennbaren Zweifel lässt, wo ihre Sympathien liegen; die ehemalige FDJ-Sekretärin wird etwa von welt.de, 19.10.2020 in bemerkenswerter Trennung von Handelndem und Verantwortung so zitiert: »Die Corona-Krise trifft Migranten in Deutschland nach Ansicht von Kanzlerin Angela Merkel besonders hart.«

Während Frau Merkel sich also vor allem Sorgen um den ihr wirklich am Herzen liegenden Teil der Bevölkerung macht, setzen in Deutschland wieder die Lockdowns ein.

Im Landkreis Berchtesgadener Land dürfen Wohnungen ab 14 Uhr (!) nur noch »aus triftigen Gründen« verlassen werden (so welt.de, 20.10.2020). Das Schulleben wird weitgehend eingestellt: »Für Schul- und Kita-Kinder gibt es lediglich Notbetreuungs-Angebote.«

Praktisch das gesamte öffentliche Leben, wo Menschen einander begegnen, wird »aufgeschoben«:

Schließen müssen unter anderem Sauna- und Badeanstalten, Kinos, Tagungs- und Veranstaltungsräume, Clubs, Bars und Diskotheken, Spielhallen, Theater, Vereinsräume, Bordelle, Museen, Sporthallen, Sport- und Spielplätze, Fitnessstudios, Bibliotheken, Tierparks, Musik- und Volkshochschulen. Hotels dürfen nur noch Geschäftsreisende aufnehmen. In Kliniken, Alten- und Pflegeheimen gelten strikte Besuchsverbote. (welt.de, 20.10.2020).

Nicht nur Ärzte, die hilflos zusehen müssen, wie operable Erkrankungen ihrer Patienten vor sich hin wuchern und inoperabel werden, damit Kapazitäten für potentielle COVID-19-Patienten freistehen, fragen sich, was der Preis dieser Maßnahmen ist. Beispiel: Aus Altersheimen weltweit hört man (siehe etwa abc.net.au, 15.9.2020) von Traurigkeit und Verzweiflung, von alten Menschen, die lieber sterben wollen, als weiter einsam und von der Familie abgeschnitten zu »leben«.

Wochen oder gar Monate

Es ließe sich eine Reihe von Gründen benennen, warum Bürger, selbst wenn sie sich an die Regeln im Kampf gegen das China-Virus halten, wütend auf diese Regeln sind oder sogar deren Sinnhaftigkeit bezweifeln.

Ein plausibler Grund für den Zweifel an den COVID-19-Maßnahmen wäre der Eindruck, dass Politiker selbst sich nicht dran halten, sondern höchstens halbmotiviert schlechtes »Coronatheater« spielen.

Ein weiterer Grund, an der Sinnhaftigkeit von Corona-Maßnahmen zu zweifeln, wäre die ehrliche Aufrechnung des für die Zahlenspiele gezahlten Preises.

Ein Kind, das draußen spielt und sich mit Freunden trifft, das kann infiziert werden und danach kann es das Virus übertragen oder sogar erkranken, wobei nicht einmal die Corona-Diktatur-Fraktion die Wahrscheinlichkeit dafür hoch ansetzt.

Aber: Jedes einzelne Kind, das in Virus-Angst und Quasi-Gefangenschaft aufwächst, verliert damit ein Stück seiner Kindheit.

Was ist eine Kindheit ohne Freunde und Spielen auf dem Spielplatz? Was ist ein Leben ganz ohne Sportvereine, Bibliotheken, Parks und schlicht Freiheit? – Sicher, im Text »Wie viel Lockdown vertragen wir?« vom 12.10.2020 habe ich nahegelegt, dass wir uns neu in der »Kunst der Stille« üben – das sollte nicht für Kinder gelten müssen! Nicht zwangsweise und nicht über Wochen oder gar Monate, geschweige denn Jahre!

In den vergangenen Wochen noch

»Aufgeschoben ist nicht aufgehoben« – was für ein übler Irrtum! Was soll eine »aufgeschobene« Kindheit sein?

Einer meiner privaten Wahlsprüche lautet: »Es gibt kein Leben im Konjunktiv« – ich schreibe es sogar aufs T-Shirt. Wir müssen heute ergänzen: Es gibt kein aufgeschobenes Leben. Und, natürlich, schmerzhaft und noch konkreter: Es gibt keine aufgeschobene Kindheit.

Politiker beziehen die Diäten, die sie großzügig für sich selbst festlegten, auch in der Krise weiter, da gibt es keinen »Aufschub« – andere haben weniger »Glück«. Unternehmer und Freiberufler, die durch die Anti-Corona-Maßnahmen in den Bankrott schlittern, haben ihr Geschäft nicht nur »aufgeschoben« – die Kunden ändern ihren Bedarf durch die Krise, und es ist unwahrscheinlich, dass der Bedarf so bald wieder »ganz wie zuvor« wird – geschweige denn, dass allzu viel »nachgeholt« wird. Eine verlorene Arbeitsstelle und entgangenes Gehalt sind nicht »aufgeschoben«, sondern verloren, futschi, fort.

Ich gestehe derweil gern: Ich bin einer von denen, die mit dem bald zum Klischee verkommenen Aufruf angesprochen sind, wenn wieder jemand ruft: »Aber wer denkt denn an die Kinder?!«

Es ist seit 2015 schon offensichtlich, dass es Merkel und ihren Helfern nicht egaler sein könnte, wie es den Schwächsten der Gesellschaft geht. Während Asylbewerber (jungefreiheit.de, 13.10.2020) schon mal feine Gratiswohnungen ablehnen, weil sie ihnen nicht zentral genug liegen, werden Obdachlose »wegen Corona« auf die Straße gesetzt (ndr.de, 15.10.2020, taz.de, 17.10.2020).

Das China-Virus hat manche Entwicklungen beschleunigt, die ohnehin abzusehen waren: Eine ist die wachsende Dominanz Chinas (tagesschau.de, 19.10.2020: wenn die offiziellen Zahlen stimmen, dann wird China »die einzige große Volkswirtschaft sein, die in diesem Jahr zulegt«), eine weitere ist das Verschwinden der Kindheit bei gleichzeitiger Infantilisierung der gesamten Gesellschaft. Es ist eine neue, weitere dringende Aufgabe der Rest-Erwachsenen in der Gesellschaft, den Kindern die Kindheit zu retten.

Daheim zu sitzen und allein auf dem Tablet irgendwas zu daddeln, während die Eltern irgendwie Geld zusammenzukratzen versuchen, das ist aufgeschobene Kindheit, und das bedeutet unzweideutig: keine Kindheit.

Während Merkel & Co. auf Zahlen starren, deren Bedeutung keinesfalls eindeutig ist, während es stellenweise den Eindruck hat, dass linke und die den Linken am Herzen liegende Kreise sich nicht an die Regeln halten und so die Zahlen neu hochschnellen lassen (sprich: Partyszene und »Partyszene«; siehe auch bild.de, 20.10.2020: »Berchtesgardener Land: Feierten mehr als 100 Leute in einer Shishabar?«), droht eine Generation von Kindern ganze Monate – und bald Jahre – ihrer Kindheit zwischen dauerndem Panikmodus und Lockdown zu verbringen. (Nebenbei: Warum viele Kinder seit Beginn des Schuljahres den ganzen Tag über Masken tragen müssen, während in den vergangenen Wochen noch (nicht nur) in der Kölner Altstadt am Abend maskenlos, Schulter an Schulter getrunken und gefeiert wird, erschließt sich mir nicht direkt – doch ich bin natürlich kein kluger Epidemiologe).

Was uns nicht umbringt, das kann Kindern noch immer die Kindheit stehlen. Eine aufgeschobene Kindheit ist keine.

Unser aller Lebensgeschichte

Es mehren sich die Stimmen, wonach die drastischen Corona-Maßnahmen des Merkel-Apparates gegen die deutsche Verfassung verstoßen könnten, von Verfassungs-Autodidakten wie einem Herrn Wendler (zdf.de, 9.10.2020: »schwere Verstöße gegen Verfassung und Grundgesetz«) bis zu Oldschool-Juristen (zeit.de, 13.10.2020: »Das Beherbergungsverbot ist sinnlos und schon deshalb nicht verhältnismäßig. Es verletzt die Grundrechte.« – Man würde ja gern den Verfassungsschutz bitten, sich drum zu kümmern, doch dessen Spitze hat sich leider gerade kollektiv infiziert (nein, ich bin es nicht, der hier scherzt; rnd.de, 16.10.2020: »Verfassungsschutz: Gesamte Behördenspitze mit Corona infiziert«).

Es ist gut, dass das stellenweise wenig demokratisch anmutende Durchregieren in Sachen China-Virus von Gerichten geprüft und gelegentlich aufgehoben wird (siehe etwa: bild.de, 15.10.2020).

Niemand von uns wird jemals »die Corona-Zeit« vergessen. Es ist schon jetzt Teil unser aller Lebensgeschichte.

Das unterscheidet Sie und mich von heutigen Kindern: Diese Krise wird (hoffentlich) nicht prägen, wer ich, Dushan Wegner, bin. Diese Krise prägt aber die Kindheit heutiger Kinder – und damit ihr gesamtes, gerade beginnendes Leben.

Für heutige Kinder wird der Corona-Lockdown zum Teil ihrer Kindheit – was heute mit ihnen, an ihnen und um sie herum passiert. Was uns nicht umbringt, kann uns noch immer fürs Leben verängstigen.

Ja, ich trage draußen brav die Maske über Nase und Mund, sobald ich auch zwanzig Meter nah an einem Mitmenschen bin. Ja, auch mich nervt es manchmal.

Doch, es sei mir erlaubt, das Virus allein ist nicht meine einzige Sorge, nicht einmal meine Größte. Auch das mögliche Sterben ganzer Wirtschaftszweige ist schrecklich. Geschlossene Rollläden wo eben noch blühende Geschäfte waren, flößen mir Angst ein, doch auch das ist aktuell nicht meine größte Sorge – Geld ist druckbar und selbst wenn die Bedürfnisse der Menschen sich ändern sollten, wird der Mensch nicht ein bedürfnisloses Wesen werden, also wird er ein wirtschaftendes Wesen bleiben. Noch vor den Fragen nach Virus und Wirtschaft treibt mich heute um, wie die Lockdowns (und wir alle wissen, dass sie kommen werden) das Leben heutiger Kinder formen.

Immer mehr und immer lautere Stimmen rufen dazu auf, die »Hygiene-Maßnahmen« gerichtlich überprüfen zu lassen – anderen halten sich gar nicht erst dran und feiern lieber, sei es einen Rave oder eine Clanhochzeit.

Ich widerspreche nicht – ich kann aber auch nicht alle Schlachten schlagen. Mein Aufruf ist schlicht: Helft, so gut ihr könnt, um heutigen Kindern eine Kindheit zu geben, zwischen Lockdown und Maskenpflicht, zwischen dummem Gehorsam und kluger Vorsicht.

Ob ein Meeting, ein romantisches Dinner, eine Unternehmung, eine Arbeitsstelle oder ein Urlaub aufgeschoben werden können oder nicht, das ließe sich debattieren.

Wenn ihr Kinder habt, gebt ihnen die beste Kindheit die sie in Zeiten von China-Virus und Lockdown haben können. Wenn ihr keine Kinder habt, überlegt doch, ob ihr Nachbarn oder Verwandten aushelft.

Eine Kindheit lässt sich nicht aufschieben. Dies ist die einzige Kindheit, welche die Kinder haben, und heute ist es eben eine Kindheit in Corona-Zeiten.

Während ich diesen Text schreibe, ist der Morgen in den Mittag und dann in den frühen Nachmittag übergangen. Ich schreibe diese letzten Zeilen, und auf meinem Schreibtisch liegt schon die Maske bereit. Elli und ich gehen die Kinder von der Schule abholen – es fühlt sich dieser Tage richtig an, die Kinder zu zweit abzuholen. Einfach so.

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