30.12.2021

»Der Infektionsschutz hat höchste Priorität.«

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, Foto von Ed Leszczynskl
Gruselige Szenen in Münchens Abenddämmerung. Rote Laufschrift. Polizei-Stimme droht: »Der Infektionsschutz hat höchste Priorität!« – Das Erschreckendste ist wohl, wie viele Bürger die neue Dystopie begrüßen.
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München, ausgerechnet Geschwister-Scholl-Platz – ausgerechnet. Abenddämmerung des 29. Dezember 2021. Ein Mannschaftswagen der Polizei. Oben am Wagen läuft eine rot glühende Schrift. Über Lautsprecher droht eine weibliche Stimme den Passanten. Es klingt wie die Stimme einer kalten Bürokratin, die es nicht gewohnt ist, laut zu verkünden, jetzt aber die Gelegenheit gern ergreift.

Die körperlose, durch den Münchner Abend schallende Stimme sagt in kaltem Bürokratendeutsch:

Es folgt eine Durchsage Ihrer Münchner Polizei. Durch die Stadt München wurden nicht angemeldete Versammlungen, Corona-Spaziergänge und Kerzen-Demos untersagt. Die Teilnahme an untersagten Versammlungen stellt eine Ordnungswidrigkeit dar, die mit einer Geldbuße bis 3.000 Euro geahndet werden kann. Der Infektionsschutz hat höchste Priorität. In Bayern gilt ein Ansammlungsverbot. Beachten Sie daher die Kontaktbeschränkung. (Polizei München, 29.12.2021 via Lautsprecher, transkribiert vom Video @langemannmedien, 29.12.2021)

Die Schrift auf dem Laufband droht ähnlich (siehe Video). Der Infektionsschutz hat höchste Priorität, vor Grundrechten oder blankem Anstand. Andere Video-Aufnahmen zeigen, dass dieselbe Szene sich auch mit einer männlichen Stimme wiederholt (@ninimuckeline, 29.12.2021).

Protokoll des Privaten

Ich sah die Bilder, ich hörte von Münchnern, und ich war sprachlos.

Wer aber von sich sagt, dass er »sprachlos« ist, der ähnelt jenem Kreter, der sagt, dass alle Kreter lügen. Wenn ich sage, ich sei sprachlos, dann meine ich eher, dass ich »geschockt« bin (im hoffentlich nicht-medizinischen Sinn von »Schock«), denn ich habe dann nicht nur durchaus gesprochen, sondern auch begonnen, den Auslöser meines »Schocks« zu untersuchen.

Meine Essays sind, ohne dass ich es jederzeit bewusst beabsichtige, ein Protokoll der Zeit, eine Mitschrift jeweils gegenwärtiger Ereignisse – aus der Innenperspektive des Essayistengemüts.

In Konferenzen und Vereinssitzungen gibt es manchmal einen Doofen, der sich freiwillig meldet, wenn es darum geht, ein Protokoll der Sitzung zu erstellen – wir freien Blogger sind wohl die Doofen, die laut »ich schreibe das Protokoll« rufen, und dann ihr Bestes geben, das Durcheinander der Zeit in geordnete Sätze zu gießen. Ich bin gern der Doofe, der Protokoll führt – und ich nehme mir die Freiheit, es auf meine Art zu tun.

»The personal is political«, so erklärte die Studentenbewegung der 1960er (siehe englische Wikipedia), zu Deutsch natürlich: »Das Private ist politisch.« (siehe deutscher Wikipedia-Eintrag zu »Politik der ersten Person«)

Ich teile heute diesen Spruch – frei interpretiert – ich etikettiere das Private als politisch, und ich verteidige mich gleich: »Die Politik hat aber angefangen!«

Indem die Politik übergriffig wird und täglich mehr ins Private eingreift, ist sie es, die das Private – und das Privateste! – politisch werden lässt. (Mit »das Private« meine ich etwa Familie und Beruf; und mit »das Privateste« meine ich etwa meine Ängste und Gemütslagen, die ich mit niemandem teile, außer natürlich mit Tausenden von Lesern.)

Wenn ich also heute meine innere, privateste Fassungslosigkeit protokolliere, dann schreibe ich auch ein Fragment der Geschichte mit. Gerade das Privateste ist politisch, und ich erlaube mir, von meiner Fassungslosigkeit auf die Verfasstheit der Politik zu schließen. (Wo bleibt der Verfassungsschutz, wo das Verfassungsgericht? Es wirkt fast so, als ob diesen beiden Institutionen immer noch brave Merkelisten voranstünden – und dies nicht ohne Auswirkung wäre.)

»Gut so!«

Die aktuellen Szenen aus München wirken, als wollten die Münchner Behörden unbedingt Hollywood-Dystopien kopieren. Es fehlt bald nur noch, dass Drohnen herumfliegen, die Gesichter scannen und erkennen – ach, Moment, das wird bereits konkret vorbereitet, siehe netzpolitik.org, 18.8.2021: »Bayern rüstet Polizei bei der Luftüberwachung auf«.

Die aktuellen Bilder aus München sind schockierend und erschreckend, aber nicht überraschend; (nicht nur) meine Essays sind das Protokoll eines mindestens gefühlten Abrutschens Deutschlands in einen Stil, den die Älteren und Geschichtsbewussten nie wieder zu erleben hofften.

So erschreckend die vulgär und dystopisch anmutenden Einschüchterungs-Maßnahmen der Münchner Polizei sind – einige der Reaktionen einfacher Bürger erschrecken auf eigene Weise noch mehr.

Nicht alle Bürger reagierten negativ auf die dystopischen Bilder und Ereignisse von Berlin. Einige Bürger reagierten hämisch, etwa: »Haltet den Mund, ihr seid nur die Minderheit!«, oder: »Gut so, die Polizei soll auch durchgreifen!«

Mit »Durchgreifen« ist hier gemeint: Wegen angeblichem »Infektionsschutz« gegen Menschen vorgehen, die an der frischen Luft spazieren gehen. Ist es an diesem Punkt wirklich mehr als nur noch eine rhetorische Frage, ob es wirklich um Gesundheit geht – oder um Gehorsam und Unterwerfung?

Wie geschichts- und/oder gewissenlos muss man sein, ausgerechnet in Deutschland, um das ausgerechnet zu sagen? – Quasi: »Deine Meinung zählt nicht, deine Argumente verdienen nicht gehört zu werden, deine Grundrechte sind ausgesetzt, denn du bist nur die Minderheit.«

Von Ähnlichkeit

Merken die selbsternannten »Guten« von heute wirklich nicht, wie präzise sie den Bösen aller Zeiten und Weltgegenden ähneln? Oder merken sie es, und haben ihre Gründe, warum es in ihrem Fall irrelevant oder sogar nützlich ist?

Wenn das, was wir in der Schule lernten, irgendwas wert war, dann sollten alle Warnleuchten angehen, wenn der Stil der »Guten« von heute dem Stil der Bösen ferner Zeiten und Regionen ähnelt.

Ich will eine These wagen: Die sogenannten »Guten« von heute kopieren nicht die Bösen – sondern: Jene, die man uns als »die Bösen« vorstellte, und die »Guten« von heute greifen auf ähnliche Abgründe in der menschlichen Seele zu.

Gib einem Menschen etwas Macht, und du wirst erkennen, was wirklich in ihm steckt. Corona diente der Politik als »Grundlage zur Ermächtigung«. Die Corona-Panik gab den deutschen Behörden neue und größere Macht – und nun ahnen wir, was wirklich »in ihnen steckt« – und es gruselt. (Man sollte es näher untersuchen, worin genau diese Abgründe bestehen. Gibt es da neue Erkenntnisse?)

Affen mit Raketen

Ich beschrieb einst die Grünen als »eine Partei wie ein Affe mit Maschinengewehr« (Essay vom 28.5.2019). – Heute vermute ich, dass ich darin zwar nicht falsch lag, aber nicht universell genug gedacht hatte. Die Grünen sind der parteigewordene Dunning-Kruger-Effekt (Wikipedia), der politische Vertreter moralintriefender Dummheit, jedoch darin, dass sie einem Affen mit viel zu gefährlicher Technologie gleichen, darin könnten sie der Menschheit insgesamt gleichen.

Und doch, und doch: Ich denke nicht, dass alles verloren ist – noch nicht. Die dystopischen Bilder von München wurden bemerkt und vieltausendfach kommentiert.

Die Polizisten mögen sich vor sich selbst herausreden, sie hätten Befehle befolgt, sie sind aber auch Menschen, und sie haben Familien und Freunde, die ihnen ins Gewissen reden. Wenn sogar blanke Diktaturen den Druck der Straße fürchten, dann muss es doch auch in Deutschland möglich sein, die Behörden zu fragen: »Habt ihr sie noch alle?«

»So nicht, Freunde«

Wir sind tatsächlich, als Gesellschaft – und dank Computern, Internet und Smartphones auch als Einzelner – wie »ein Affe mit Maschinengewehr«. Unser Staat, unsere Behörden und wir als Einzelne verfügen über Werkzeuge, deren Möglichkeiten spürbar über das hinausgehen, was von unserer Weisheit und moralischen Bildung abgedeckt ist.

Es wird in diesen Jahren viel von Klima und anderen großen Themen der Zukunft geredet. Wenn wir nicht dieses oder jenes zum Klima tun, ist alles andere egal, so heißt es.

Mein Verdacht ist, dass ein anderes Thema nicht weniger dringend ist: Wenn wir nicht dringend unsere »moralische Bildung« und »kollektive Weisheit« auf ein höheres Niveau heben, dann werden ein paar Grad mehr nicht unser größtes Problem sein.

Die Bilder aus München sind dystopisch und erschreckend und alarmierend. Wenn es den Deutschen nicht gelingt, sich zusammenzureißen und den Behörden demokratisch und unmissverständlich zu sagen: »Nicht in diesem Ton, Freunde!«, dann waren die Grusel-Szenen von München womöglich nur Teil dessen, was man später »den Anfang« nennen wird.

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