22.1.2021

Produktiver Kahlschlag

von Dushan Wegner, Lesezeit 3 Minuten, Foto von Bas Emmen
Die alte Welt ist vorbei, und eine neue Welt ist eingeläutet – unwiderruflich. Was ändert sich dadurch aber für uns selbst? Welche Konsequenzen ziehen wir?
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Nun haben wir uns also vom Faust-gen-Himmel-Schütteln verabschiedet. Nun haben wir also eingesehen, dass weder die stille Wut im heimischen Sessel noch die laute (und potentiell existenzbedrohende) Wut in den angeblich »Sozialen« Medien den Berg motivieren, sich zum Propheten zu bewegen.

Selbst jene von uns, die sich mit Tatkraft und Verve in Parteien engagiert hatten, scheinen dieser Tage in ihrem politischen Furor abgekühlt, investieren immer häufiger ihre unerbittlich weiterlaufende Zeit lieber in wirklich relevante Strukturen (so sie nicht zwischenzeitlich an Posten und Diäten gelangt sind – und gelegentlich wohl selbst dann).

Im Essay vom 12.8.2020, »Wo sehen Sie uns in 5 Jahren?«, schrieb ich: »Schüttelt eure Faust empört gen Himmel, der sich vom Horizont her mit dunklen Wolken füllt, wenn solches Tun euch denn hilft, die Verspannung der Seele ein wenig zu lösen – doch belasst es nicht beim Faustschütteln!«

Was auf jene Passage folgte, war keineswegs ein Aufruf zu demokratischen Umwälzungen, nicht einmal ein Aufruf zur weitschweifigen inneren Umkehr oder gar Buße. (Wenn wir überhaupt für etwas büßen, dann vielleicht für falsch vergebenes Vertrauen – und mancher sagt: für die innere Trägheit unserer Nachbarn.)

Auf den Aufruf, es nicht beim Faustschütteln zu belassen, folgte: »Holt eure Kinder rein – metaphorisch – und in einigen Teilen der Welt auch bitter wörtlich. – Holt eure Kinder, eure Wäsche, und eure herumstehenden Blumenkübel rein. Wer sich auf den Sturm vorbereitet, wird wahrscheinlicher überleben – wird sogar ohne Schaden davonkommen!«

Mein Sohn hat seinen Schreibtisch in der Nähe des meinen aufstellen lassen; er bestand darauf. Während ich diese Zeilen schreibe, zeigt er stolz seiner großen Schwester ein kleines Ratespiel, dass er mit Hilfe der Random-Zahlen-Funktion in JavaScript geschrieben hat. (Zwischendurch musste ich aufstehen, um es selbst zu bewundern. Ich habe ihn gelobt, und dann die Idee vorgelegt, statt via »prompt« den Spieler »yes« und »no« eintippen zu lassen, doch lieber den Befehl »confirm« zu verwenden. – Jetzt bin ich aber wieder bei Ihnen, liebe Leser.)

Als am 20. Januar 2021 die alte Welt endete und das Jahrtausend der Konzerne und konzernartigen Staaten unumkehrbar eingeläutet worden war (Text dazu: »Die Welt, wie wir sie kannten, ist vorbei«), da war eine meiner ersten Reaktionen, meine Aufgabenliste auszuräumen.

Über die Monate, und ja, Jahre, haben sich in meiner Aufgabenliste viel zu viele Aufgaben, Ideen und Fragmente angesammelt, die ich »irgendwann mal« und »wenn ich dazu komme« angehen wollte.

Ich habe die Kategorie »Eigentlich eine super Idee« radikal zusammengestrichen. Ich habe auch die Kategorie »Wäre-nett-brennt-jetzt-nicht« einem eiskalten Kahlschlag unterzogen. Wenn die »guten Ideen« wirklich so gut waren, werden sie gewiss zur rechten Zeit von selbst ein weiteres Mal an meine Tür klopfen.

Auch wirklich gut klingende Ideen, kreative Seitenzweige und sinnvolle Verbesserungs-Vorschläge können ein Ballast sein. Auch was technisch »nur« eine Zeile in einer Aufgabenverwaltung bildet, trägt zum störenden Hintergrundrauschen meines Denkens bei, wenn das Gewissen immerzu nagt: »Warum hast du es noch nicht erledigt?« 

Unsere Faust ist müde geworden von all dem Geschütteltwerden, in Richtung eines menschengemachten Himmels, der uns ja doch nicht erhören will. Lasst uns die Faust herunternehmen, sie öffnen, und dann anpacken, wo anzupacken sich wirklich lohnt.

In keiner Zeit Ihres oder meines Lebens war es so wichtig wie heute, sich glasklar darüber bewusst zu sein, was uns wirklich wichtig ist. In kaum einer uns bekannten Zeit war es so buchstäblich überlebenswichtig, sich selbst im Klaren darüber zu sein, worauf man seine Aufmerksamkeit richten will – und dann mit aller Konsequenz selbst und aktiv in die Zeit hinein zu handeln.

Ich will mein bekanntes Motto abwandeln und auf meine Aufgaben anwenden: Prüfe alles, behalte wenig, handle selbst!

»Weiterschreiben, Wegner!«

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