10.10.2020

Kein König, etwas Flüstern

von Dushan Wegner, Lesezeit 4 Minuten, Foto von David Moore
In den USA wollen sie, bald buchstäblich mit aller Gewalt, den Mann des Volkes absetzen. Die alte Garde will die alte Macht wieder, wieder ganz und ungeteilt. Ach, riefen diese Undemokraten zumindest nach dem Kaiser, das hätte noch Würde und Klasse!
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Es gibt etwas, wovon wir in all den Heiligen Büchern nichts lesen, aber auch wirklich gar nichts? Über Wahlen und Parlamente, über Abgeordnete und Listenplätze, kurz: über die Demokratie

Es ist schon merkwürdig! Was wir essen dürfen und was nicht, das steht drin. Wie wir heiraten dürfen steht drin. Welche Wochentage uns heilig zu sein haben, auch das steht drin. Nur über die Demokratie, davon steht nichts drinnen (außer man betrachtet die Vertretung von Stämmen oder den Rat der Stammesältesten als »Demokratie«, klar).

Die Herrscher mögen gerecht und rechtschaffen sein, so lesen wir. Die Bürger mögen Gott geben, was Gottes ist, und dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Steuern zahlen wir ja auch heute, wenn auch nicht an den Kaiser (»leider«, sagen manche). Aber davon, wen man klugerweise wählen soll, davon steht einfach nichts drin, in unseren Heiligen Büchern (was selbst die Gottlosesten unter den zu Wählenden nicht davon abhält, sich auf die Heiligen Schriften zu berufen).

Büffel und Pfeile

In den Vereinigten Staaten von Amerika wütet dieser Tage ein Wahlkampf, wie ihn die jüngere Geschichte kaum gesehen hat. Bei den letzten US-Wahlen, 2016, unterlief den alten, dunklen Mächten ein Missgeschick, und es wurde ein Mann des Volkes gewählt. Seitdem versuchen sie, die letzte Wahl rückgängig zu machen. Man lässt die Städte niederbrennen und die Rechtschaffenen bedrohen. Man nennt die Nacht den Tag und das Dunkel die Helligkeit. Man nennt einen Mann eine Frau und das Falsche ein Wahres. Wenn jedes auch sein Gegenteil genannt werden kann, hat nichts mehr einen Namen. Man erfindet Geschichten, in denen Russland vorkommt, um den Mann des Volkes zu stürzen; man kennt die Lügner, doch man fürchtet ihre Macht (foxnews.com, 8.10.2020).

Wird der US-Präsident die kommende Wahl bestehen? Ich weiß es nicht.

Stelzen im losen Sand

Den ersten Pfeil schüttelt der Büffel ab, der hundertste Pfeil erlegt ihn.

Einst brauchte es einen klugen und gerechten König, auf dass das Land klug und gerecht sei. Wenn der König dumm war oder böse, was ja oft nicht zu unterscheiden ist, dann scheiterte dieses Land eben und wurden von klügeren Königen erobert. Und selbst der kluge und gerechte König wurde alt, und dann starb er, und wenn ihm kein kluger und gerechter Nachfolger beschert war, auch dann ging sein Land auf die eine oder andere Weise verloren.

Die Demokratie war der Versuch, jedes einzelne Land zum Gelingen zu führen, auf dass es nicht von der Klugheit und Gerechtigkeit eines einzelnen Königs abhängig wäre. Die Entscheidungen aus der demokratischen Debatte heraus sollten jedem Land zu jeder Zeit sichern, klug und gerecht zu sein. Es gelang in vielen Fällen, es gelingt nicht immer.

Wie ein Haus, dessen Stelzen im losen Sand des Flusses stehen, so hat auch die Demokratie eine ewige Schwäche: Der demokratische Staat ist nur so stark, gerecht und beständig, wie das Volk weise, klug und zu weitsichtigen Entscheidungen befähigt ist.

Mit Propaganda und als Moral verkleideter Dummheit lässt sich eine Demokratie leichter einnehmen als mit Waffen und Soldaten.

Mit etwas Augenzukneifen

In den Heiligen Büchern lesen wir viel von der Ordnung. Die Heiligen Bücher sind Bücher der Ordnung. Man könnte sagen, dass Heiligkeit eine Art der Ordnung ist. (»Cleanliness is next to godliness«, sagte John Wesley, zu Deutsch etwa: Reinlichkeit kommt gleich nach Gottesfurcht.)

Wir lesen vom Glück, das ja das Bewusstsein einer guten Ordnung ist. In den Heiligen Büchern wird dem König und Bauern zu einer glückbringenden Ordnung geraten, der Frau, dem Mann und dem Kind. Einzig für die Demokratie erhalten wir in den Heiligen Büchern keine Ratschläge, außer jenen, die zuerst fürs Königreich gedacht waren und die wir mit etwas Augenzukneifen auf die Zustände der Demokratie anwenden. (Wir ignorieren nebenbei all die Ratschläge der Heiligen Schriften zur Staatsführung, die uns gerade nicht kommod erscheinen, etwa die glasklare Anordnung zur Todesstrafe für alle, die den Ruhetag brechen; siehe 2. Mose 31:15.)

Wie fern ist der Tag, an welchem es uns nicht mehr nur als Versäumnis erscheint, dass die Heiligen Schriften nicht von der Demokratie reden?

Flüstere ich, diskret

Die Demokratie war unsere Chance, jeden einzelnen Staat erfolgreich werden zu lassen, jeder auf seine Weise stark, klug und gerecht.

Haben jene Zyniker recht, welche sagen, die Demokratie mache die Menschen zu dumm für die Demokratie? Zu jubeln ziemt nicht.

Es fällt heute schwer »Lang lebe die Demokratie!« zu rufen, wenn wir doch sehen, wie das Fundament, auf dem die Demokratie stand, von der Propaganda weggetragen wird, vernachlässigt und mutwillig beschädigt von jenen, die sie zu bewahren gar königlich entlohnt werden.

Ich will nicht »Lang lebe der König!« rufen, wenn ich nicht einmal einen König habe.

Ich will »Lang leben die Weisheit!« rufen, und wer mich versteht, der versteht mich.

Und für die, die zu müde sind, nach der Weisheit zu rufen, so wie auch ich an manchen Tagen, für die flüstere ich, diskret und nicht für fremde Ohren: Lang lebe die Ordnung! Lang lebe das Glück!

»Weiterschreiben, Wegner!«

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