26.2.2020

Seid Lernende, nicht Gehorsame!

von Dushan Wegner, Lesezeit 8 Minuten, Bild von Dieter de Vroomen
Berlin kämpft gegen Coronavirus: Homöopathie-Produktion hochgefahren. Krankenhäuser mit magischen Kristallen versorgt. Tausende Geistheiler einsatzbereit. Alle Wahlen bis auf weiteres ausgesetzt. – Hmm. Einiges davon traut man denen tatsächlich zu.
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Früh am Morgen, so wie es verabredet worden war, kam der Schüler zum Meister, auf dass er lerne. Der Meister lehrte den Schüler von der Kunst, einen Reiskuchen auszusuchen und darüber, wie der Apfel rollt. Am Abend saßen sie dann auf der Terrasse, und es war Zeit, die Gedanken des Tages zu sammeln, bevor man sich zum Schlafen zurückzog.

Der Meister hatte ihnen Tee in Schalen geschüttet. Er reichte dem Schüler seinen Tee, dabei jedoch tat er sehr erstaunt und überrascht, und er sagte, als träfe er diesen Schüler gerade zum ersten Mal: »Oh, willkommen! Schön, dich zu treffen! Darf ich dir einen Tee anbieten?«

Der Schüler verstand nicht. Der Meister lachte, und er sagte in gespieltem Ernst: »Heute morgen habe ich einen Schüler getroffen, der sah dir sehr ähnlich, aber nur an Gesicht und Kleidung!«

Da verstand der Schüler, lächelte höflich und sagte: »Dankeschön.«

Die Deutsche Italiengrenze

Während Deutschland (darf man noch »Deutschland« sagen?) mit der Frage beschäftigt war, ob Abgeordnete ihrem Gewissen und dem Wählerwillen folgen dürfen, wenn es der Kanzlerin nicht gefällt (theoretisch: Ja — praktisch: Hahaha…), während Deutschland darüber grübelt, ob eine Einladung zum Kaffee schon Faschismus ist und wann endlich Herr Laschet die Frau AKK als designierter Merkel-Klon ablöst, während all dieser Schein-Debatten, die so kleinlich wirken, dass man sie wohl eher Kleingeld-Debatten nennen sollte, während all dessen steigen die Zahlen der vom Coronavirus Infizierten (jetzt heißt der Virus übrigens »COVID-19« oder »SARS-CoV-2«, siehe Wikipedia).

In Italien werden ganze Dörfer abgeriegelt (siehe auch mein Essay vom 24.2.2020). In Deutschland werden aktuell Fälle aus NRW und Baden-Württemberg gemeldet (welt.de, 26.2.2020; bild.de, 26.2.2020; focus.de, 26.2.2020).

Man fragt sich durchaus, ob die Dramatik der Situation auch bei den Parteien der nationalen Merkel-Front in Berlin angekommen ist. Laut dem Qualitätssender CNN erwägt Deutschland derzeit nicht, die Grenze zu Italien zu schließen (@cnni, 24.2.2020: »Germany is currently not considering closing the country’s borders with Italy due to the coronavirus outbreak, its foreign ministry said«) — eine Meldung, die Österreich nervös machen könnte, bis es den Zustand der Bundeswehr bedenkt — und den aktuell als Außenminister agierenden deutschen Peinlichminister. (Witzerklärung: um eine Grenze zu Italien nicht zu schließen, müsste Deutschland zunächst eine Grenze zu Italien besitzen, und vorm Besitzen kämen wohl erst Besetzen und Besatzen…) — Jedoch, jetzt mal ohne Flachs oder andere Gewebe: Experten warnen, dass Deutschland gerade »fahrlässig« in die drohende Corona-Epidemie schlittert (vergleiche welt.de, 25.2.2020).

Fangen spielen

Deutschland begegnet dem Corona-Virus, wie es allen drohenden Krisen begegnet. Deutschland bereitet sich auf Krisen vor wie Kinder, wenn sie sehr klein sind, Fangen spielen: Deutschland verschließt die Augen, und hofft, dass wenn es das Problem ignoriert, dann ignoriert das Problem auch Deutschland.

Nun, wir wissen: Am Ende gewinnt immer die Realität. — Im Fall von Epidemien ist die Realität eben Krankheit, Särge und natürlich wirtschaftliche Verluste.

Deutschland wurde durch Fleiß und Klugheit stark. Selbst wenn man nicht besonders fleißig sein sollte oder wollte, braucht es noch immer (und umso mehr) Klugheit, wenn man langfristig überleben will.

Im Text »Das Ende der Wahrheit, wie wir sie kannten« verwende ich das Bild vom Cartoon-Kojoten, der über die Kante einer Klippe rennt, aber zunächst in der Luft weiterläuft und eine Zeit lang nicht merkt, dass ihn kein Boden mehr trägt. Was in Deutschland heute funktioniert, scheint immer mehr nur aufgrund alter, bewährter Denkweisen zu funktionieren und trotz linksgrüner neuer Denkmuster. Deutschland wird heute dümmer. Was heute funktioniert, funktioniert noch — was heute neu begonnen wird oder womit Deutschland heute konfrontiert wird, funktioniert schlicht nicht, da es nach neuem Denken aufgezogen wird, vom Flughafenbau in Berlin über das andauernde Versagen in der Flüchtlingskrise und die gefährliche Blindheit über die soziale Wirkung kultureller Unterschiede, bis hin zur aktuell drohenden Corona-Virus-Epidemie.

Deutschland ist aktuell einem Prozess unterworfen, der sich »Ent-Lernen« oder schlicht »Verdummung« nennen ließe — und ich traue mir zu, sehr genau vorzulegen, was ich mit diesen Worten meine.

zuerst: die Dummheit

Bereits im Essay »Es gibt kein Recht auf Dummheit« (2016) lege ich eine kleine »Theorie der Dummheit« vor:

Unsere Ad-Hoc-Theorie der Dummheit soll sein: »Dummheit« ist das fahrlässige Ignorieren von Zusammenhängen. Ein Mensch wird von seinen Mitmenschen »dumm« genannt, wenn er regelmäßig relevante Zusammenhänge ignoriert. (Gelegentlich auch, wenn er bloß unangenehme Dinge sagt, dann ist »dumm« nur ein Schimpfwort ohne eigene inhaltliche Bedeutung.)

Dummheit (wie ich das Wort verwende) ist das mutwillige und/oder faule Ignorieren absehbarer und wissbarer Konsequenzen und/oder Zusammenhänge.

Wenn ich sage, dass wir als Deutschland verdummen, dann ist das nicht zwingend eine emotionale Bewertung, sondern schlicht die These, dass Deutschland sich immer seltener der absehbaren Konsequenzen und bekannten Zusammenhänge von Phänomenen und Handlungen bewusst wird und zudem diese auch nicht in die praktischen Entscheidungen einfließen lässt.

(Interessanterweise könnten mehrere Seiten des politischen Spektrums dieser These steigender Dummheit zustimmen, also etwa Klima-Apokalyptiker und Migrations-Kritiker gleichermaßen, nur eben jede Seite mit ihren eigenen Inhalten.)

dann: das Lernen

Wenn ich vom Lernen rede, meine ich die Veränderung des Menschen hin zu einem Zustand, in dem er die Zusammenhänge einer Angelegenheit richtiger und umfassender versteht (= theoretisches Lernen), oder besser befähigt ist, eine Angelegenheit in seinem Sinne zielgerichtet zu verändern (= praktisches Lernen).

Betrachten Sie die großen Themen und Problem, die uns beschäftigen. Betrachten Sie den Stand der öffentlichen Debatte etwa zu kulturellen Unterschieden, wie sie etwa von Peter Scholl-Latour oder Helmut Schmidt geführt wurde, vergleichen Sie diese mit dem Niveau der Debatte von heute. Wenn Sie mir zustimmen, dass wir in öffentlicher, »offizieller« Debatte heute Zusammenhänge ignorieren, derer wir uns einst bewusst waren, dann stimmen Sie eben auch zu, dass wir in dieser Hinsicht ent-lernen. Oder betrachten Sie praktische Vorgänge, wie den inzwischen paradigmatischen Bau des Flughafens BER oder die Aufstellung der Bahn, und fragen Sie: Sind wir heute praktisch besser oder schlechter darin, produktive Ziele zu erreichen und Probleme in unserem Sinne zu lösen? Wenn wir nicht darin besser sind, dann kann man leider sagen, dass wir ent-lernen.

Lernen bedeutet, sich zu verändern zu einem Menschen, der eine Angelegenheit besser versteht. Praktisches Lernen bedeutet, zu einem Menschen zu werden, der eine Situation gezielt in eine andere überführen kann.

Deutschland ent-lernt, oder: verdummt, und es ist damit nicht unbedingt allein (fragen Sie die Schweden…).

Etwas zu schimpfen und dann die Situation zu analysieren ist wichtig, doch es will mir nicht genügen — die Frage ist: Wie können wir wieder zu Lernenden werden?

Wie konnte das passieren?

Der Meister in der Geschichte tut zum Spaß so, als würde er seinen Schüler nach einem Tag fleißigen Lernens nicht wiedererkennen. Der Lernende wird ein anderer Mensch! Manchmal fragen wir einander am Abend: »Wie war dein Tag?« — Vielleicht sollten wir fragen: »Was hast du gelernt?« — Uns selbst könnten wir zur Rede stellen: »Bin ich am Abend derselbe wie am Morgen zuvor, und wenn ja, wie konnte das passieren?!«

Einst erzählten wir einander Märchen, um »die Moral von der Geschicht’« zu lernen. Einst lasen die Kinder spannende Bücher von fernen, fremden Welten, um ihre eigene Welt, als Spiegelung oder als Kontrast, besser zu verstehen — sprich: zu lernen. Einst ließen wir Kinder in der Natur spielen, wo sie ihre Grenzen austesten konnten, sprich: über sich selbst lernen — heute lernen Kinder, die von oben vorgegebene Meinung nachzukauen, und im Sinne der Regierung »Wir sind mehr!« zu brüllen (siehe auch »Wie nennt man es, wenn sie alle gleich schalten?«) — und sich ansonsten an arabische Lieder zu gewöhnen (bild.de, 25.2.2020).

Einst reisten Westler zu Gurus nach Indien, um ganz andere Denkweisen kennenzulernen (vergleiche etwa die Biographie von Steve Jobs), heute dürchpflügen sie auf Kreuzfahrtschiffen die Weltmeere, und wenn sie nicht gerade in Quarantäne gehalten werden, erleben sie die Länder, in die sie einfallen, nur jeweils in Happen von wenigen Stunden und organisierten Landausflügen — um bald nach Hause zurück zu kehren und wahrscheinlich genau so dumm zu sein wie zuvor, nur eben viel CO2 in der Luft und viel Geld in den Taschen der Reisekonzerne (und meist nur dort) gelassen habend.

So oder so!

Die deutsche Hilflosigkeit gegenüber drohenden und schwärenden Problemen ist eine Lernkrise.

Wir haben, als Land und Gesellschaft das Lernen ver-lernt. Ein mächtiger, milliardenschwerer Staatsfunk arbeitet täglich an der Verschärfung des deutschen Lern-Problems (und wenn man die NGOs, die Ministerien-Propaganda und linksgrüne Lehrer bedenkt, könnte man ganz entmutigt werden).

Der Einzelne kann nur begrenzt viel gegen die kollektive Verdummung und das Ent-Lernen Deutschlands wirksam tun — doch zumindest für uns selbst und für die uns anvertrauten Familien können wir beschließen, uns der Verdummung zu verweigern, können Lernende sein.

Ich weiß nicht, ob es uns gelingen wird, Deutschland wieder zurück in ein lernendes Land zu verwandeln, ein Land mit brauchbarer Theorie, sinnvoller Praxis und einer intellektuellen Debatte, die diesen Namen verdient. Doch, wenn es gelingen könnte, irgendwie, dann würde es zweifellos mit uns selbst beginnen, und deshalb: Studiert die Zusammenhänge! Habt den Mut, euch selbst die Konsequenzen einzugestehen! Seid Lernende, nicht Gehorsame!

Wer lernt, wird im Lernen ein anderer Mensch. Doch, man könnte sagen: Der Ent-Lernende und Verdummende auch. Der Unterschied ist: Der ent-lernende Mensch und die ent-lernende Nation werden gleichermaßen von Tag zu Tag und von Jahr zu Jahr schlechter darin, anstehende Probleme zu bewältigen – oder auch nur zu verstehen, was passierte. Der lernende Mensch und die lernende Nation dagegen werden Tag für Tag und Jahr für Jahr besser darin, den Krisen zu begegnen und die Probleme zu lösen – und zu verstehen, was womit zusammenhängt.

Lassen Sie uns daran arbeiten, dass wir selbst am Ende des Tages weniger dumm als am Morgen sind — jeden Tag!

»Weiterschreiben, Wegner!«

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