Dushan-Wegner

01.04.2023

Künstliche Intelligenz wird mich nicht arbeitslos machen – und dich?

von Dushan Wegner, Lesezeit 9 Minuten, Wohin fahren Roboter in Urlaub?
Bitte einmal durchzählen! Jeder x-te von Ihnen wird vom Computer ersetzt werden. Fragt man aber den Einzelnen, scheint er meist überzeugt zu sein, er sei die Ausnahme und unersetzbar. Warum eigentlich?
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Erst gestern, im Essay »Kessel und Katharsis«, beschrieb ich, dass und wie der Westen sich in einer Abwärtsspirale dreht, immer schneller dem selbst gegrabenen Abgrund entgegen.

Eine Litanei der Schrecklichkeiten sagte ich auf. Keine Bergpredigt, sondern eine Abgrundpredigt. Von Hexenjagden, Morden und spätdeutscher Dekadenz schrieb ich.

Es war wahr und es bleibt wahr, vorläufig. Doch ich gehe einen Schritt weiter.

Ich lege Ihnen vor, warum ich überzeugt bin, dass all diese Ereignisse, so schrecklich sie auch sein mögen, für die allermeisten von uns mit Abstand nicht so wichtig sind, wie eine bestimmte andere Super-Frage.

Diese andere Super-Frage lautet: Wovon werden Sie leben, wenn Computer alle aktuellen Jobs erledigen können?

Kisten füllen, wie ein Mensch

Ich ahne, was Ihr erster Reflex sein könnte. Vielleicht sagen Sie: »Die Jobs anderer Leute werden Computer vielleicht machen, aber meinen nicht so bald. Ich muss hin- und hergehen und viele kleine Teile anfassen. Dabei muss ich nachdenken, kreative Lösungen finden und mich doch mit der Materie auskennen.«

Okay.

Wir waren über Jahre so sehr mit den lustigen Videos von Boston Dynamics beschäftigt – tanzende Roboter und so – dass wir gar nicht mitbekommen, was andere Firmen so treiben.

Hier ist ein kurzes Hochkant-Video zum Pack-Robter »EVE« von 1X aus Norwegen. Der Roboter fährt zum Tisch, packt lose Teile in eine Kiste, und fährt die Kiste dann weg.

Wie ein Mensch.

Anders als ein Mensch kann er allerdings in Echtzeit alle Informationen der Menschheitsgeschichte zu diesen Teilen abrufen, kann ihren Bestand prüfen und gleich nachbestellen und so weiter. Und er kann es rund um die Uhr tun, 365 Tage im Jahr, ohne Pinkelpausen, Schnupfen und sonstige lästige Menschlichkeiten.

Die Firma 1X ist in den Schlagzeilen, da eine andere Firma namens »OpenAI« in diese investiert hat – womit sie in Konkurrenz zu Roboterplänen von Tesla tritt (siehe finance.yahoo.com, 27.3.2023).

Von der Firma OpenAI aber haben viele von uns gehört, als diese ChatGPT für die Öffentlichkeit verfügbar machte.

ChatGPT ist eine Online-Software, mit der du chatten kannst und die erstaunlich intelligent ist. Die URL ist chat.openai.com. Hier ist ein deutsches YouTube-Video dazu.

Im Dezember ließ ich mir von dieser AI bei einem Text helfen: »Unser großer Filter und warum alles gut wird (vielleicht)«

20 statt 5.000

Inzwischen ist die 4. Version von ChatGPT verfügbar. Deren Leistung entspricht nach meiner Einschätzung etwa der Leistung eines wissenschaftlichen Assistenten in einer Gehaltsklasse ab etwa 5.000 Euro monatlich – nur dass dieser digitale Assistent etwa 20 Euro monatlich kostet.

Klar, man muss gegebenenfalls um die politisch korrekten Filter herumnavigieren, etwa indem man Fälle mit fiktiven Namen abwägen lässt oder es als Entwurf für fiktive Geschichten formuliert.

Dafür verfügt ChatGPT über Grundlagenwissen zu … allem. (Offiziell reicht das Wissen der aktuellen Version bis zum Jahr 2021, doch mein Eindruck ist, dass es doch viele aktuelle Ausnahmen gibt, die auf aktuelles Wissen hinweisen.)

Anders als ein realer Assistent beherrscht ChatGPT aktuell fünfzehn Sprachen (ich habe eben nachgefragt), also alle Weltsprachen inklusive Chinesisch (traditionell und vereinfacht), Arabisch, Russisch oder Japanisch, die wichtigsten europäischen Sprachen sowieso.

Zusätzlich zu den Menschensprachen beherrscht die Software auch Programmiersprachen – und die Kunst des Programmierens selbst. ChatGPT ist praktisch in der Lage, dich vom Finden einer Idee für dein Software-Unternehmen über die Programmierung der Software bis hin zur Gründung, Einstellung von Personal und täglichem Vertrieb zu begleiten.

businessinsider.com. 21.3.2023 listet einige akademische und staatliche Prüfungen auf, die von der Software bereits abgelegt wurden. Wenn es »nur« nach den Tests geht, kann ChatGPT auch Anwalt werden oder an der Uni zugelassen werden.

Und ChatGPT ist nur ein Werkzeug von mehreren, wenn auch unter den öffentlichen Modellen das Beeindruckendste.

Es ist ein »LLM«, also ein »Large Language Model«. Ein LLM wird »trainiert« mit riesigen Mengen an Text, und dann trifft es Vorhersagen über Text: Gegeben sei Text »A«, was wird wahrscheinlich als Text »B« kommen? »A« ist der Prompt, und gegeben den richtigen Prompt ist »B« eben eine Neufassung von Romeo und Julia– nur eben, wenn man es mag, im Weltall. Oder unter Piraten. Oder als Unterwasser-Romanze. (Das sind nur drei Varianten, die ChatGPT mir vorschlug, als ich um Ideen bat, in denen es Romeo und Julia neu verfassen könnte.)

In Communitys wie huggingface.co tauschen Entwickler trainierte LLMs aus, die sie lokal auf dem PC laufen lassen können. Auch wenn diese Modelle nicht ganz mit den Riesenmodellen auf zentralen Serverfarmen mithalten können, sind sie für die Zukunft nicht minder interessant. Schon heute kann sich der Tech-affine Hobbyist eine künstliche Intelligenz daheim installieren – und sie dann ohne die »ethischen« Einschränkungen zentraler LLMs betreiben.

Ich stimme ausdrücklich all jenen nicht zu, die sagen, LLMs seien tatsächlich wenig mehr als »noch ein Werkzeug« (siehe etwa Oliver Gorus bei freiheitsfunken.info, 29.3.2023).

Ich wage heute folgende These und Faustregel: Wenn die Arbeit in deinem Beruf vorhersagbar ist, wenn der Kunde sich also wünschen würde, dass du und dein Mitbewerber zu denselben Ergebnissen kommen – und sei es innerhalb einer Bandbreite an Möglichkeiten wie bei Gebrauchskreativen – dann bist du wahrscheinlich durch Roboter ersetzbar.

Programmierer, Anwälte, Manager, Buchhalter, Analysten, die meisten Journalisten, teilweise Psychotherapeuten, Ärzte und Lehrer, Laborangestellte, Designer, Künstler, Online-Servicepersonal, Sekretariat und so weiter (siehe dazu Listen wie businessinsider.com, 2.2.2023) – sie alle werden ersetzt werden.

Eine aktuelle Studie legt übrigens nahe, dass Kindergarten-Kinder zumindest im Video-Unterricht schlaue Roboter weniger schlauen Menschen vorziehen (ctvnews.ca, 28.3.2023). Und es muss nicht extra gesagt werden, dass ChatGPT ganz selbstverständlich als interaktiver Lehrer für praktisch jedes Lernfach vom Vorschulalter bis zu den meisten Studiengängen genutzt werden kann.

Ich unterhielt mich kürzlich mit dem Chef einer Agentur für Design und Illustrationen. Er macht gerade eine Gewissenskrise (»relevante Strukturen stehen im Widerspruch«) durch. Einen Teil seiner Aufträge kann/könnte er heute bereits durch KI-Illustration abwickeln, was seine Kosten für diese Aufträge mal eben in den einstelligen Prozentbereich senken würde. Die für ihn bislang arbeitenden Illustratoren sind seine Freunde, seit Jahren und Jahrzehnten schon. Wenn er aber seine Zulieferer nicht durch Software ersetzt, werden seine Mitbewerber es tun – oder seine Kunden direkt bei sich vor Ort.

Wovon werden Sie leben, wenn Computer alle aktuellen Jobs erledigen können?

Man beachte übrigens, dass ich in der Frage das Verb »können« verwende, nicht »werden«.

Die vier Gruppen

Ich möchte hier eine These vorlegen, die ich wahrscheinlich in wenigen Tagen oder Wochen wieder verwerfen und neu formulieren werde, einfach um eine Stufe zu haben, auf die unser Denken jetzt treten kann.

Die These ist: In der Zukunft wird es vier Kategorien von Berufen geben, nämlich die »Magier der Macht«, die »Meta-Programmierer«, die »Künstler«, und die »Billigen«.

Als die »Billigen« bezeichne ich alle Tätigkeiten, die mit Robotern zu erledigen zwar möglich ist, aber von Menschen einstweilen weit billiger geleistet werden. Das können Aushilfsarbeiter auf dem Bau, Handwerker vor Ort oder Stewardessen sein. Um einen Roboter herzustellen, der selbstständig gehen und Lasten heben, einen Verband wechseln oder einem Fluggast freundlich zulächeln kann, braucht es Milliarden Dollar und eine Armee an Top-Ingenieuren. Um einen Menschen herzustellen, der das kann, braucht es eine halbe Flasche Wein und eine halbe Stunde Munkeln. Die Gruppe der potenziell Billigen wird immer größer werden, gleichzeitig werden Roboter immer billiger oder Unternehmen passen ihre Geschäftsabläufe auf die Möglichkeiten bezahlbarer Roboter an – siehe prototypisch die Bestellaufnahme und Bezahlung bei immer mehr McDonalds-Filialen weltweit.

Als die »Magier der Macht« bezeichne ich jene Leute, deren einzige Qualifikation darin besteht, sich in Positionen der Macht zu begeben. Teils reichen sie diese Fähigkeit seit Generationen weiter, teils ist es ihnen gelungen, durch Sitzfleisch, Strippenziehen und moralische Zäpfchenförmigkeit in diese Positionen zu gelangen. Wenn Sie diesen Essay lesen, gehören Sie wahrscheinlich nicht dazu (arbeiten aber womöglich als PR-Hilfskraft für so einen »Magier«) – und Sie werden absehbar auch nicht dazugehören.

Die »Meta-Programmierer« sind im engsten Sinne jene, die selbst als Programmierer anfingen, doch mittlerweile andere Programmierer bei der »Programmierung der Welt« beaufsichtigen, also Elon Musk, Bill Gates, Sam Altman, Jeff Bezos und so weiter. In einem erweiterten Sinne des Begriffs werden aber auch etwa Juristen, Buchhalter oder Ärzte immer mehr zu Meta-Programmierern werden. Immer weniger werden sie selbst ihre Arbeit tun, und immer mehr werden sie Roboter dabei beaufsichtigen, wie diese die Arbeit tun, werden etwa automatisch bearbeitete Fälle noch schnell prüfend überfliegen, statt sie selbst von Anfang bis Ende zu bearbeiten.

Die »Künstler« aber sind Leute wie ich. Ein Künstler (in meinem Verständnis des Wortes) leistet etwas, das eine Maschine nicht leisten kann, weil sie eine Maschine ist. Das klingt esoterisch, ist aber sehr handfest.

Eine künstliche Intelligenz »lernt« alle existierenden Texte des Internets, und dann produziert sie Daten, die ihr statistisch am wahrscheinlichsten richtig erscheinen. In sehr vielen Bereichen ist das exakt das, was verlangt wird. Wenn die Maschine die Bilddaten eines Tumors vorgelegt bekommt, soll sie die »wahrscheinlich richtige« Diagnose liefern, ähnlich für Daten eines Rechtsstreits, für eine konkrete Situation im Verkehr oder wenn sie die Wettervorhersage schreiben soll.

Der Künstler dagegen hört in sich hinein und trägt dann nach außen, »was es mit ihm macht«. Er soll nicht etwas »statistisch wahrscheinlich Richtiges« liefern – es soll zu Protokoll geben, was die Welt an ihm tut. Die Datenmenge des Künstlers ist nicht die geschriebene Wahrheit von Millionen, aus denen er einen wahrscheinlich richtigen Durchschnitt bildet. Die Daten des Künstlers sind seine Wahrheit im Moment des Schaffens. Da die Masse nur im Irrtum zuverlässig ist, wirst du manche Wahrheit eher beim Künstler finden.

Auch andere Berufe blicken in sich, wie etwa der Psychotherapeut, der seinem Klienten echte Empathie entgegenbringt. Der Künstler aber geht einen entscheidenden Schritt weiter: Er sucht nach Wahrheiten über das Menschsein, die so noch nicht gesagt wurden. (Deshalb fürchteten die Nazis die angeblich »entartete« Kunst, weil sie eben Wahrheiten zeigte, die Künstler spürten und auf die Leinwand brachten, die aber besser nicht offengelegt werden sollten. Doch heimlich wussten auch jene bösen Gestalten, dass es Wahrheit und damit wertvolle Kunst war, also sammelten sie diese Bilder als »Raubkunst« im Privaten.)

Ich zittere

Der Künstler schaut in sich selbst hinein und hält seine emotionale und auch sonst zutiefst menschliche Funktion fest.

Natürlich lässt sich Kunst »simulieren«. Wenn Menschen das tun, nennt man es »Klischee« oder »Kitsch«. In diesem Sinne können Maschinen auch Klischee oder Kitsch herstellen.

Maschinen können auch neue, ansprechende Bilder durch die Kombination erlernter Stile und vorgegebener Stichworte »malen«, wobei diese Stichworte selbst wieder von einem Text-Roboter stammen können. (Die Bilder über meinen Texten stammen seit einiger Zeit von einer Künstlichen Intelligenz, erstellt nach meinen Stichworten.)

Die Welt ist in keiner guten Verfassung. Man weiß nicht, ob die Ereignisse selbst oder die Dummheit der Reaktionen darauf uns mehr Angst machen sollten.

Und doch, falls man das aktuelle Geschehen finanziell und physisch irgendwie überlebt, ist diese Meta-Frage rein praktisch wichtiger als alle anderen: Wovon wirst du leben, wenn Computer einen Job nach dem anderen ersetzen?

Ich zittere um einen jeden von uns. Einige werden es erleben, dass die Stelle, auf die sie viele Jahre hingearbeitet hatten, von heute auf morgen ersatzlos gestrichen wird.

Andere werden es schaffen, eventuell auch in späteren Lebensjahrzehnten, ihren geistigen Werkzeugkasten vom »Macher« zum »Meta-Programmierer« aufzurüsten.

Ich darf Sie aber alle einladen, liebe Leser, es mal wieder uns »Künstlern« gleichzutun, mal in die eigene Seele hineinzuhören und dann für sich festzuhalten, was Sie im Innersten umwühlt.

Sie müssen es ja nicht gleich Tausenden von Lesern mitteilen – aber Sie können, klar!

Die Maschinen »wissen«, dass sie keine Menschen sind (ich habe sie gefragt). Es könnte eine gute Idee sein, wenn wir Menschen uns nochmal vergewissern, dass wir keine Maschinen sind.

Weiterschreiben, Wegner!

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