20.07.2021

Mancher von uns hat deren Sachzwänge satt

von Dushan Wegner, Lesezeit 7 Minuten, Foto von Jr Korpa
Immer mehr Doppeltgeimpfte werden positiv auf COVID-19 getestet. Die Politiker aber machen weiter, als sei nichts los und die Impfung wäre die Lösung. Was treibt sie?
Mancher von uns hat deren Sachzwänge satt
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Ich habe Lieblingswörter, etwa »manch« und »mancher«. Schon was der Duden in der Erklärung zum Wörtlein »manch« schreibt, es klingt mir wie Poesie: »einzelne Person oder Sache, die sich mit andern ihrer Art zu einer unbestimmten, aber ins Gewicht fallenden Anzahl summiert« (via duden.de)

Ach, in »manch« ist der Wunsch manches Menschen hinein codiert, wenn schon nicht in der Mehrheit, so doch zumindest nicht allein zu sein – »mit andern ihrer Art zu einer unbestimmten, aber ins Gewicht fallenden Anzahl summiert« – wunderschön.

Und ja, ich kann auch Hasswörter nennen. Wie bei den Lieblingswörtern handelt es sich um Begriffe. Hasswörter stehen für unschöne Ideen. Ein Hasswort ist: Sachzwänge (der häufigere Plural des Sachzwanges).

Wer je mit höheren Ebenen zu tun hatte, der kennt jene Flure, wo unsere Realität betrieben und beschrieben wird (beides mit großer Autorität), wo man sich aber zugleich stupend wenig um eben diese doch dort bewirkte Realität schert. Der Uneingeweihte und mit Suchende rennen da bald, blutig und immer wieder gegen das kalte Wort »Sachzwänge«.

Es könnte etwa so klingen:

»Das geht so nicht.« – »Warum?« – »Sachzwänge.«

»Das müssen wir tun.« – »Warum?« – »Sachzwänge.«

»Das kann sein, dass es uns schadet. Das müssen Sie aber jetzt mal so hinnehmen.« – »Warum?« – Richtig: »Sachzwänge.«

Hmm.

Man könnte ja um ein Haar vermuten, dass dieses Wort »Sachzwänge« in Wahrheit etwas ganz anderes bedeutet. Dann grübelt man eine Sekunde lang darüber nach. Dann stellt man fest, dass »Sachzwänge« für sich so gut wie nichts bedeutet, dass es eine Umschreibung eines kafkaesken Befehls ist, eines Befehls, dessen Sinn der Befehlende genauso wenig versteht wie der, dem befohlen wird.

Infiziert

In Frankreich wurde letzte Woche demonstriert. Es ging gegen Pläne der jeweiligen Regierungen, die Bevölkerung via »Gesundheitspass« in Geimpfte/Genesene und »Gefährliche« zu teilen, quasi in Reine und Unreine.

Man meint die Unsicherheit mit Händen greifen zu können, wenn etwa die »linke« TAZ über die Proteste in Paris schreibt (taz.de, 18.7.2021). »»Freiheit statt Diktatur«« ist der Text betitelt (es ist ein Zitat). Man spürt im Text den Ekel der Zeitung gegen die Abweichler. Ich meine aber auf zweiter Ebene eine Erinnerung zu lesen eine Erinnerung daran, dass man als »TAZ-Schreiber« doch einst selbst gegen das System und für die Freiheit protestierte (oder vielleicht projiziere ich nur, wie so ein Linker).

In Großbritannien wurde am selben Wochenende der »Freedom Day« erklärt (siehe etwa tagesschau.de, 20.7.2021). Weil genug Menschen geimpft seien, wurden Diskotheken und andere Großveranstaltungen erlaubt – und das Angebot wurde sehr gern angenommen.

Was aber »Freedom«, also »Freiheit« auf Britisch bedeutet, das ließe sich debattieren. Zum einen will das offiziell aus der EU ausgetretene Großbritannien ab September einen Impfpass nach EU-Vorbild einführen (telegraph.co.uk, 18.7.2021 und ec.europa.eu, »EU Digital COVID Certificate«). Zum anderen steigt aktuell die Zahl der britischen Covid-19-Infizierten, die doch dagegen geimpft waren (metro.co.uk, 15.7.2021).

In Großbritannien soll es aktuell mehr infizierte Geimpfte als infizierte Ungeimpfte geben (sciencefiles.org, 18.7.2021). – Auch in den USA diskutiert man den Sinn der Impfung, seit drei sogenannte »Democrats«, die laut eigenen Angaben doppelt geimpft waren, später positiv auf COVID getestet wurden (reuters.com, 19.7.2021). (Ironischerweise waren diese drei angeblichen »Democrats« nach Washington »geflohen«, um durch Abwesenheit eine Abstimmung zu torpedieren; Nachtrag 20. Juli, Nachmittag: Auch ein Sprecher von Nancy Pelosi, der Kontakt mit diesen Drei hatte, wurde positiv getestet; siehe reuters.com, 20.7.2021.)

Kann man aus all dem ableiten, dass die Impfung riskant, aber nutzlos ist? Nicht zwingend – zum Vergleich: Wenn die Mehrzahl der bei einem Autounfall gestorbenen Autofahrer einen Gurt trugen, folgt daraus nicht, dass ein Gurt zwecklos ist. Je mehr Menschen mit einem nicht-hundertprozentig wirksam Impfstoff geimpft sind, umso mehr werden statistische auch trotz Impfung erkranken.

Auf der anderen Seite geben neue Studien einen konkreten Anlass, genau hinzusehen, wie lange der mRNA-Impfstoff eigentlich wirkt. Nach einer neuen Studie könnte die ohnehin unvollkommene Wirksamkeit schon nach zwei Monaten verflogen sein (sciencefiles.org, 19.7.2021).

Was tun?

In Zwängen

Im Spektrum der möglichen Stellungen zwischen totaler Corona-Panik und totalem Corona-Zweifel belegte ich von Anfang an die »nervöse Mitte«. Ich glaube durchaus, »das da etwas ist« – doch wer, egal in welchem Lager, würde die Reaktion der Politik als rational und moralisch akzeptabel bewerten?

Menschen werden injiziert und gelten als »geimpft« – und müssen dennoch in Quarantäne. Es ist ja verständlich, wenn voll Geimpfte (oder schreibt es sich »Vollgeimpfte«?) zu Superspreadern werden (130 Ansteckungen! – siehe ndr.de, 17.7.2021). Man injiziert zig Millionen Menschen – und weiß offenbar nicht, ob es überhaupt besser hilft als einfach nur Sommer, Sonne, gesunde Lebensweise und frische Luft (also das diametrale Gegenteil der Bars und Diskotheken, in denen manche Leute jetzt zum Feiern ihrer »Freiheit« stürmen, nicht nur in Großbritannien).

Es funktioniert nicht (nachweisbar), warum wird es also befohlen?

Wenn mächtige Instanzen dir etwas befehlen, und wenn sie nicht genau sagen können, was und warum sie befehlen, dann könnte es das sein, was man »Sachzwänge« nennt. Jemand hat jemandem die (hoffentlich nur sprichwörtlich-metaphorische) Pistole auf die Brust gesetzt. Dieser hat der Instanz unter sich Anweisungen erteilt. Dieser wieder der Charge unter ihm – und am Ende werden die Zellen von Kindern via mRNA neu programmiert.

Immer diese Sachzwänge.

In der Ecke

Manch einer könnte, wenn er zum ersten Mal von den »Sachzwängen« hört, an Verschwörungstheorien denken. Es ist wie jenes berühmte Sprachspiel vom »Morgenstern« und »Abendstern«, die unterschiedliche Begriffe sind und unterschiedliche Inhalte transportieren, sich aber doch auf denselben Gegenstand beziehen, nämlich die Venus.

»Höhere Mächte befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen!«, so lautet der Titel eines Gemäldes von Sigmar Polke (sowie der Text auf eben diesem Werk, siehe artsy.net).

»Sachzwänge«, es soll sachlich klingen, doch wir hören: »Höhere Mächte befahlen, dass du dies zu tun hast – und es liegt nicht an dir, nach Sinn oder Grund zu fragen.«

Die, welche den unteren Chargen desPropagandastaates die Sachzwänge auferlegen, sie wissen selbst oft nicht, wer es war, der diese Sachzwänge für solche erklärt hatte. Man weiß nicht einmal, warum diese Sachzwänge gelten (und wer in diesen Dingen erfahren ist, der vermeidet allertunlichst, allzu bohrend nachzufragen). Man weiß nur, wie die Ankläger in Kafkas Albtraumwelten, dass Sachzwänge bestehen, und was in Folge getan werden muss.

Der nächste Kanzler der Deutschen wird wohl einer werden, der schon mal Klausuren verschlampt und dann die Noten würfelt (welt.de, 2.6.2015). Der in sehr unpassenden Momenten lacht und nicht begreift, wo er ist und was er da tun soll (welt.de, 17.7.2021). Und einer, der behauptet, keiner habe die Flut ahnen können. (Wir merken an: außer natürlich, einer guckte detailliertere Wettervorhersagen – siehe @visevic, 10.7.2021 und KaiZornWetter via YouTube – oder gilt man dann bereits als Verschwörungstheoretiker?)

Mancher nimmt an, dass er gut die Sachzwänge zu manövrieren wusste (etwa die mit den Masken).

In der Partyhalle

Wie gut ein Politiker heute ist (ja, im Sinne von moralisch gut), das bestimmen wir auch daran, ob und wie weit er »Sachzwängen« zu widerstehen vermag. Heute kann man ja schon Kanzler werden, wenn man erstens »gut vernetzt« ist, zweitens in der »richtigen Partei« ist (beides Voraussetzungen, die Baerbock erfüllte), und drittens sich weniger deppert als Baerbock anstellt (was für die meisten Individuen nicht schwer ist, außer natürlich für Baerbock). Ob so einer dann auch ein guter Politiker werden kann, ob er den Sachzwängen widerstehen kann, das darf bezweifelt werden. Ist der Aufstieg in einer Partei denn nicht daran geknüpft, über Jahrzehnte hinweg so viele Sachzwänge bedient zu haben, dass es einem zur tiefsten Natur wurde?

Mancher von uns glaubt dem einen nicht, und dem Gegenteil ebenso nicht. Ich glaube nicht, dass mit der Umwelt alles in Ordnung ist (unabhängig von diesem Hochwasser; es gab vor der Industrialisierung weit üblere) – ich glaube aber auch nicht denen, die uns ihre Weltrettungspläne vorlegen.

Ich glaube den Corona-Panikern nicht – und ich glaube nicht, dass es eine gute Idee ist, sich zu Hunderten schwitzend in einer Partyhalle dicht auf dicht zu drängen.

Ich glaube diesen Menschen nicht, denn die einzige Konstante in deren Handeln scheint mir zu sein, von »Sachzwängen« getrieben zu sein. Manch einer von uns hat Zweifel.

Im Urwald

Ich glaube nicht immer an die »goldene Mitte« (es gibt etwa keine goldene Mitte zwischen »kein Heroin« und »Heroin«), doch ich fahre heute immerhin in der »nervösen Mitte«.

Manch einer lernt heute, es zu ertragen, einen Weg zwischen Unsicherheiten zu gehen. Einen Schritt vor den anderen setzen, und den Boden bei jedem Schritt prüfen. Nicht der Panik verfallen, doch auch nicht der Unbedachtheit. Nicht in Schwermut verfallen, doch auch nicht leichtsinnig werden.

Die Politiker hangeln sich entlang ihrer »Sachzwänge« wie Affen an den Ästen des Urwalds – und fragt man sie, wissen sie erstaunlich schlecht anzugeben, warum sie genau diese Äste und nicht andere wählen.

Ich gehe weiter meinen nervösen Weg der Mitte. Ich glaube an die Hoffnung, die aus dem Handeln erwächst, und daraus, dass ich einen Fuß vor den anderen setze, auch wenn Verharren bequemer wäre.

Ich weiß, dass es manch einem von Ihnen wie mir geht. Dass wir nicht allein sind, das hilft ein wenig über die Nervosität hinweg.

Einen Fuß vor den anderen und dabei nicht am Irrsinn irre werden, ganz so versucht es mancher heute, auch ich. Einen Schritt nach dem anderen – und sich auf keinen Fall von »Sachzwängen« zu dummen Sachen zwingen lassen!

Weiterschreiben, Wegner!

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