02.12.2020

Ich will wieder vertrauen können

von Dushan Wegner, Lesezeit 4 Minuten, Foto von Rhaúl V. Alva
Wenn ein Politiker einen schnellen Deal für dringend benötigte Masken macht, werden wir alle gleich zynisch und misstrauisch. Vertraut ihr denen da oben? Werden wir denen jemals (wieder) vertrauen?
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Haben Sie von Herrn Laschet gehört, dem Ehrensenator im Kölner Karneval (und Ministerpräsidenten von NRW)? Dem werden da gerade unangenehme Fragen gestellt. Nein, nicht wegen der Klausuren und Fake-Noten, das ist lange her (welt.de, 2.6.2015). Nein, nicht wegen seines Buches, das er nach mancher Interpretation auf Steuerzahlerkosten schreiben ließ, das ist ja noch länger her (spiegel.de, 12.6.2015). Aktuell geht es augenscheinlich um einen Millionenauftrag – doch, der Reihe nach!

Der Sohn des Herrn Laschet, »Johannes Laschet«, firmiert bei Instagram als @joe_laschet und nennt sich »Enthusiast Of Classic Menswear«. Auf seiner Website joelaschet.com präsentiert er sich als Stil-Ikone in Sachen Männermode – und, seien wir ehrlich: Er macht keine schlechte Figur. (Randnotiz: Die Website selbst wirkt technisch etwas amateurhaft.)

Die meisten von uns haben von Joe Laschet wahrscheinlich bis heute nicht gehört (und dabei hat er auf Instagram derzeit stolze 92,1 Tausend Follower), und dass wir von ihm hören, das hat mit Corona zu tun.

Herr Laschet junior arbeitet, wie man hört, als »Influencer« für den Textilhersteller van Laack. Zu Beginn der Corona-Krise, als in Deutschland die Masken fehlten (vielleicht auch weil der inzwischen wohlbehauste Herr Spahn das Corona-Virus herunterspielte; ihm machten »Verschwörungstheorien, die Unsicherheit verbreiten« mehr Angst als das Virus selbst; siehe Essay vom 13.3.2020).

Herr Laschet versuchte nun, so seine Darstellung, dringend Masken aufzutreiben, möglichst aus NRW (siehe etwa welt.de, 1.12.2020: »Wir haben uns die Hände wundtelefoniert, gefragt, gedrängt, gebettelt«).

Herrn Laschet fiel ein/auf, dass sein Sohn den Kontakt zum Textilhersteller hatte, und mit dem einigte man sich dann auf einen Deal über 38,5 Millionen Euro. Ausgerechnet der »Medienkonzern mit Amateur-Politik-Abteilung«, die SPD, diese Partei die nicht nur in NRW so manchem als paradigmatisches Musterbeispiel merkwürdiger Politikgeschäfte gilt, mäkelt an Laschets Deal herum.

Ein positiver Fall von »Klüngel«?

Sicher, man könnte am Rande fragen, ob ein Ministerpräsident nicht realistischerweise bei jedem Unternehmen seines Bundeslandes sofort zum Chef durchgestellt wird. So wie Laschet selbst die Angelegenheit darstellt (und in der Sache widerspricht man ihm ja nicht wirklich, eher in der »Duftnote«), wäre es ein positiver Fall von »Klüngel« gewesen.

Der Kölner Begriff »kölscher Klüngel« hatte einst eine gar nicht so schlechte Konnotation – heute ist das nicht immer trennscharf. Ich definiere aus dem Gedächtnis: Klüngel ist der Einsatz privater Beziehungen zum Vorteil öffentlicher Angelegenheiten – Korruption ist der Einsatz öffentlicher Kontakte (sowie Gelder…) zum persönlichen Vorteil.

Bis zu 600 Euro

An dieser Stelle dieses Textes fragen Sie sich vermutlich: »Was ist nun Wegners Position zu Laschets Masken-Deal? Erst hat er Laschets andere ›Merkwürdigkeiten‹ aufgezählt, und dann stellt er den Deal als möglicherweise nicht nur korrekt, sondern sogar lobenswert dar. Was nun?«

Ich bin ebenfalls ein wenig überrascht. Es ist heute nicht einfach, Politikern und ihren Freunden zu vertrauen (siehe dazu auch »Wegners Rasiermesser«, erwähnt im Essay vom 24.3.2020).

Denken wir nur ein paar Jahre zurück, was alles geschehen ist! Politik befördert unter fake-moralischen Vorwänden die Einwanderung junger Männer – und verdient Milliarden mit deren Versorgung, während die soziale Struktur von Städten und Stadtteilen kippt. Während die Corona-Maßnahmen die Wirtschaft abwürgen und die ohnehin einsetzende Pleitewelle wahrscheinlich potenzieren werden, gönnt man sich im Bundestag erstmal eine Extraportion (bis zu 600 Euro obendrauf, wenn man zwischen März und Oktober auch nur einen Tag im Bundestag war, so @steinhoefel, 2.12.2020). Und wo alle sich gerade zu bedienen scheinen, will der weltweit teuerste Staatsfunk wahrscheinlich nicht hintan stehen und verlangt 400 Millionen Euro extra (spiegel.de, 21.11.2020). Wie soll man irgendwem derer da oben vertrauen?

Einigermaßen stabil

Deutschland ist geteilt in die Politik und ihre Freunde, die aus den Krisen, welche die Politik erst verursacht, ob Migrationskrise, Klimakrise oder Coronakrise, als Gewinner herauszugehen scheinen – und die Bürger, welchen von Politik und Propaganda täglich neu das Fell über die Ohren gezogen wird – so kommt man leichter an unsere Taschen dran.

Nehmen wir einmal an, dass mit dem Laschet-Deal tatsächlich alles sauber war. Stellen wir die Gegenfrage: Hätte man es ihm nicht zum Nachteil auslegen können, wenn er den Kontakt nicht genutzt hätte? Nehmen wir einmal an, dass tatsächlich niemand unmittelbar persönlich profitierte – warum fühlt es sich dennoch so schlecht an? Der Deal fühlt sich so fragwürdig an, weil die Politik uns an anderer Stelle zu oft zu dreist belogen hat.

Herr Spahn hat gestern mit Herrn Laschet ein Impfzentrum besucht, und davon berichtet: »Alle Seiten bereiten sich intensiv auf die erste Impfstoffzulassung vor.« (@jensspahn, 1.12.2020) – Ein Bürger kommentiert: »Ich hab ›bereichern sich intensiv‹ gelesen. Passt ja auch.«

Ich frage mich, was hiernach kommt. Es ist ja denkbar, dass ein System einigermaßen stabil ist, das auf Trägheit und täglichem Hinnehmen basiert – doch die Instabilität eines solchen Systems wird von außen kommen. Trägheit und Misstrauen lähmen.

Was auch immer hiernach kommt, ich hoffe (und glaube tatsächlich), dass es neue Gründe zur Motivation finden wird.

Ich will, wenn Politiker eine schnelle Lösung finden, sagen können: »Wow! Gut gemacht!«

Ich will, wenn Politiker einen Deal einfädeln, nicht mehr im Reflex denken müssen: »Da haben die bestimmt selbst dran profitiert!«

Ich will wieder vertrauen können.

Guter Text?

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