03.04.2022

Wo ist der Schwachsinn noch nicht Realität?

von Dushan Wegner, Lesezeit 5 Minuten, Foto von Mantas Hesthaven
»Dushan, kennst du einen Platz auf der Welt, wo der Schwachsinn noch nicht Realität ist?«, so fragt ein Leser. Was soll man antworten? Gibt es einen solchen Ort?
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Ein Leser schreibt mir: »Dushan, kennst du einen Platz auf der Welt, wo der Schwachsinn noch nicht Realität ist?«

Natürlich hätte ich gerne mit der Angabe eines bestimmten Landes geantwortet, und noch viel lieber hätte ich gesagt: »Nein, bleib auf jeden Fall da, wo du jetzt zu Hause bist! Heimat ist Heimat, und wenn du sie einmal verlässt, bist du für immer ein Wandernder.« (Siehe dazu auch meine Essays »Wanderer, aus Gründen« (2019) und »Vom Auswandern« (2021).)

Jedoch, ich will so präzise antworten, wie es mir möglich ist, und ich besann mich jener bewährten Anwalts-Antwort: »Es kommt drauf an!«

Nein, diese Antwort ist nicht (nur) eine Ausflucht, es ist die Aufforderung zur Nachfrage: »Worauf kommt es an?« (Und dann kann der Anwalt mit der kostenpflichtigen Beratung beginnen, »worauf es ankommt«. Meine philosophische Beratung kommt ohne Rechnung, außer natürlich, Sie wollen später dankbar einen freiwilligen Leserbeitrag zahlen.)

Ob es irgendwo auf der Welt einen Ort gibt, »wo der Schwachsinn noch nicht Realität ist«, das hängt gleich von mehreren Faktoren ab, deren erster es ist, was Sie unter »Schwachsinn« verstehen.

Fisch und Freunde

Nehmen wir einmal an, dass Sie Bauingenieur oder Handwerker sind (oder ein penibler Kerl, der darauf besteht, dass Häuser nicht schon als Neubau auseinander fallen), dann könnte die Bauqualität in einem beliebten Zielland deutscher Auswanderer definitiv als »zu Realität gewordener Schwachsinn« gelten. Ja, in jenem Land kann es passieren, dass die unsauber eingesetzten Fenster den Regen ins Haus lassen, und als ordentlicher Deutscher regt man sich zunächst ganz doll schlimm auf – was für ein Schwachsinn!

Was aber, wenn die Einwohner jenes anderen Landes eben andere Prioritäten setzen? Das Wetter ist die meisten Tage des Jahres sowieso sonnig, und die Zeit, die es braucht, um Fenster abzudichten, ist so viel besser investiert, wenn man mit Freunden zusammensitzt, leckere heimische Würstchen grillt, ein importiertes Steak oder einen gestern gefangenen (und zur Sicherheit über Nacht gefrorenen) Fisch, dazu allen Anwesenden einen der örtlichen Weine einschenkt, die sonnenwarme Luft genießt – und redet, redet, redet.

Extra hart zu arbeiten, Überstunden zu machen oder ökonomisch kreativ zu sein (um das Geld für neue Fenster und andere Dinge am Haus zu verdienen), statt mit Freunden den Tag zu genießen, gerade das könnte diesen Leuten als real gewordener Schwachsinn erscheinen!

Regen kommt und geht, Fensterrahmen verbiegen sich in der Sonne sowieso irgendwann, man kann sie also genauso gut gleich so lassen, und was gebaut ist, zerfällt wieder. Die Momente aber, die wir mit Freunden verbringen, mit Glückshormonen in unseren Adern und Lachen in der Abendstimmung, diese magischen Augenblicke kommen nicht wieder. Nur weil man sich um die Abdichtung der Fenster und die Stabilisierung der Zäune und effizientere Bürokratie oder konsistentere Durchsetzung des Rechts kümmern muss, nur wegen solcher Banalitäten und Sachlichkeiten weniger schöne Momente zu erleben, das wäre doch Schwachsinn, oder nicht?

Emotional pleite

Das perfekte Land gibt es nur in Märchen und Ideologien (und in beiden funktioniert es nur, wenn man störende Details »der Einfachheit halber« aus dem Narrativ herauslässt). Jedes Land hat etwas, das der eine oder andere als »Schwachsinn« empfinden könnte – die Frage ist, welcher »Schwachsinn« für dich verhandelbar ist, und welcher nicht.

»Dushan, kennst du einen Platz auf der Welt, wo der Schwachsinn noch nicht Realität ist?«, so fragt der liebe Leser, und ich antworte: Es kommt darauf an, was man unter »Schwachsinn« versteht – und auch im Negativen: »Nicht nur Dinge, die passieren, können Schwachsinn sein – auch Dinge, die nicht passieren, die ausbleiben, die fehlen.

Für den einen Menschen läuft die Abwesenheit von Ordnung und konsistent geltendem Recht (auch Baurecht) unter »Schwachsinn«. Für den anderen Menschen wäre es »Schwachsinn«, nicht Tag für Tag jeden Moment zu genießen.

Ich höre, praktisch seit ich öffentlich schreibe, von nicht wenigen Menschen, die ernsthaft darüber nachdenken, wo sie in den nächsten Jahren wohnen sollen (oder, in unserer Sprache gesagt: ob und wie sie ihre Kreise (neu) ordnen wollen).

Ich höre auch von Menschen, die ihren Überlegungen auch Taten folgen ließen und tatsächlich auswanderten. Einige Auswanderungen klingen wie Erfolgsgeschichten, aber nicht alle. Selbst wenn man am Auswandern nicht finanziell pleite geht, kann man sich doch emotional verspekuliert haben.

Indien, Guatemala oder Berlin?

Meine sehr ernsthafte Antwort auf die leichtfüßige Frage jenes Lesers wäre wohl eine Serie von Rückfragen, so wie diese: Hast du Freunde, da wo du jetzt lebst? Wie wichtig und wie nah sind sie dir? Menschen zurückzulassen, auf die dein Glück und dein Selbstbild baut, das wäre womöglich Schwachsinn.

Kommst du damit klar, dass in einigen beliebten Auswanderer-Ländern das Recht derart flexibel ausgelegt wird, dass die Einheimischen das nicht einmal als Korruption empfinden? Wenn du darauf bestehst, dass die Regeln des Landes für alle Menschen – auch für dich als Ausländer – gleich gelten, dann könnte die Entscheidung für ein solches Land für dich eventuell »Schwachsinn« sein (und Deutschland ist das praktisch einzige Land auf diesem Planeten, in welchem Ausländer in wesentlichen Dingen besser gestellt sind – anderswo aber bist du der Ausländer).

Kommst du damit klar, dass es auch anderswo Tabu-Themen gibt, nur eben andere als in Deutschland? Kommst du mit extra-großzügiger Einhaltung von Terminen und Vereinbarungen klar? Kommst du mit kafkaesker Bürokratie klar, oder ist es für dich »Schwachsinn«, wenn bürokratische Zustände herrschen wie in Indien, Guatemala oder Berlin? Und so weiter, und so fort.

Nicht aus der Flucht

»Dushan, kennst du einen Platz auf der Welt, wo der Schwachsinn noch nicht Realität ist?«, so fragte der Leser, und meine Antwort ist: Überall auf der Welt herrscht Schwachsinn. Es kommt darauf an, welcher Schwachsinn dich weniger aufregt – und was dir derart wichtig ist, dass du den Schwachsinn der jeweiligen Zeit und Lokalität in Kauf nehmen willst.

Es kann sehr gut sein, dass es die klügere Wahl wäre, dich weiter über den Schwachsinn in deinem aktuellen Kontext aufzuregen. Das Glück kommt nicht aus der Flucht vor aktuellem Schwachsinn, sondern aus der Ordnung der Kreise, die dir wirklich wichtig sind, und das ist die eigentliche Frage: Wo und wie kannst du ein Leben leben, das du leben willst, wissend, dass es immer Schwachsinn geben wird.

Der Schwachsinn, lieber Leser, ist Realität, und zwar überall auf der Welt. Die Frage ist, wo und wie du mit dem Schwachsinn irgendwie klarkommst, weil das, was dir wichtig ist, dort eher und besser gestärkt wird als woanders.

Finde heraus, was deine relevanten Strukturen sind. Stärke, was dir wichtig ist, ob du es auf der anderen Seite des Planeten tust – oder genau an dem Ort, den du genau jetzt dein Zuhause und deine Heimat nennst.

Weiterschreiben, Wegner!

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