06.12.2021

Vom Auswandern

von Dushan Wegner, Lesezeit 7 Minuten, Foto von Paulius Dragunas
Menschen wandern aus Deutschland aus, seit Jahren schon. Zu den Gründen fürs Auswandern kommt aktuell ein neuer hinzu: Der Wunsch nach Freiheit. Ja, Menschen sagen, dass sie aus Deutschland heraus und in die Freiheit fliehen wollen.
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Ein Bächlein fließt aus Deutschland heraus, seit Jahren nun. Die Zahl der Auswanderer wird größer. Ich habe schon früher darüber geschrieben, etwa vor exakt zwei Jahren, im Essay »Wanderer aus Gründen« (6.12.2019), und dann wieder heute vor fast genau einem Jahr, im Text »Die Ingenieure ziehen fort« (8.12.2020)«.

Wir schreiben das Jahr 2021, und die Zahl der Menschen, die sich mit dem Auswandern aus Deutschland beschäftigen, ist nicht geringer geworden. Ich bin schon länger nicht mehr überrascht, Mails aus Ländern rund um den Planeten zu erhalten.

Eine Sache ist aber anders in diesen Tagen, eine bestimmte Qualität der Auswanderungswilligen scheint mir sehr grundlegend anders zu sein.

Bis vor einiger Zeit schienen viele Menschen, die sich mit dem Auswandern aus Deutschland beschäftigten, zu einer Gruppe zu gehören, die es ohnehin ein wenig »in den Füßen juckte«. Einige von uns zieht es eben in die Ferne, um den Kontext zu wechseln, um Neues kennen zu lernen, um Chancen und Möglichkeiten auszuprobieren.

Etwas ist aber heute anders als noch vor einem oder zwei Jahren. In Deutschland ist kaum noch zu leugnen, dass demokratische Werte, Grundrechte, das Recht auf körperliche Unversehrtheit und schlicht der gesunde Menschenverstand erschreckend leicht einfach so aufgehoben werden können, dass es womöglich die ganze Zeit nur ein denkbar dünner Lack über ganz anderen Mechanismen war.

Heute beschäftigen sich auch solche Menschen mit dem Gedanken ans Auswandern, deren Wurzeln tief in Land und Gesellschaft hinein reichen, die mit dem Auswandern viel verlieren werden, emotional wie auch finanziell und beruflich.

Immer wieder schreiben mir Auswanderungswillige, und Sie/sie fragen, was meine Gedanken zum Auswandern sind.

In diesem Text will ich auf einen Aspekt hinweisen, der zwar bei jedem einzelnen Gespräch übers Auswandern mitschwingt, jedoch ausgesprochen werden muss, vielleicht sogar aufgeschrieben, um präzise(r) und ehrlich(er) bedacht werden zu können (siehe dazu auch meinen Essay »Privates in Gedanken«).

Es liegt nahe, Auswandern zuerst als einen praktischen Akt zu analysieren, und natürlich ist das wichtig und elementar. Man wird sich, besser früher als später, bestimmte sehr handfeste Fragen stellen müssen, und man sollte besser ebenso handfeste Antworten parat haben: Kann ich auch im neuen Land davon leben? Kann ich mir das Wohnen im neuen Land leisten? Gesundheitsversorgung ist in jedem Land anders, funktioniert sie in meinem Zielland für mich und meine Familie? Welche Schulen sollen meine Kinder besuchen? Wie komme ich mit der Sprache des Ziellandes klar? Wie schnell kann ich ein neues Netzwerk aufbauen? Was ist mein »Plan B«, falls mein Einkommen für eine Zeit wegbricht? Was ist mein »Plan C«? Und so weiter, und so fort.

Jedoch, über und hinter all den praktischen Fragen gesellt sich ein weiterer, philosophisch-psychologischer Aspekt dazu, und er sollte ausformuliert und bedacht werden – es geht um die nur auf den ersten Blick ätherische Frage, was der Akt des Auswandern mit einem selbst anstellt.

Das Auswandern gehört, wenn es einmal tatsächlich vollzogen wurde, zu jenen Entscheidungen im Leben, die deinen Status im Leben unumkehrbar verändern. Ein Mensch, der einmal heiratet, wird auch nach einer Scheidung oder nach dem Tod des Partners nie wieder wirklich ledig sein, sondern eben geschieden oder verwitwet, auf jeden Fall aber wird er nie wieder seinen ersten Status zurück erlangen.

So ähnlich verhält es sich auch mit dem Auswandern: Wer einmal auswandert, wird – samt eventuellen Kindern! – immer Auswanderer bleiben. Im Gastland wird er Gast und Fremder sein, ebenso wie erstmal seine Kinder – und es ist kein Zufall, dass Zielländer, die attraktiv und lebenswert sind, nicht allzu »tolerant« gegenüber Fremden sind, zu denen der Auswanderer dann eben gehören wird.

»People are strange when you’re a stranger«, so singt Jim Morrison; zu Deutsch, frei übertragen und ohne das Wortspiel: »Menschen verhalten sich merkwürdig, wenn du ein Fremder bist.« – Auswandern, das bedeutet auch, dass die Einheimischen sich ein Leben lang »merkwürdig« zu dir verhalten werden, da du ein Fremder bist. (Der Vollständigkeit halber sollte man aber darauf verweisen, dass die deutschsprachigen Communities in diversen Zielländern rund um den Globus zahlreicher und größer werden.)

Selbst wenn der Auswanderer nach Jahren zurückkehren sollte, wird er eben ein »Rückkehrer« sein, und dazu – seien wir stets ehrlich! – vermutlich vor sich und anderen ein Stück weit auch ein Gescheiterter.

Wenn nun aber erst einmal der Schritt vollzogen wurde, die Heimat zurückzulassen, und wenn man erst einmal »weiß wie es geht« und die Angst vor dem Akt verloren hat, dann ist auch die Hemmung gesunken, es noch einmal zu tun.

Wenn der Auswanderer erst einmal ausgewandert ist, bleibt er den Rest seines Lebens ein Wanderer. Ist man einmal ausgewandert, dann ist es keine Prinzipienfrage mehr, ob man es irgendwann noch einmal tut.

Ein Aus-Wanderer ist ein Wandernder, selbst wenn er den Rest des Lebens am neuen Ort bleibt (was er in der Praxis oft doch nicht tut, aus verschiedenen Gründen). Die eigentliche Frage ist also: Möchten Sie zu »Wandernden« werden?

Eine ganze Reihe meiner Leser schreibt mir inzwischen aus Ländern rund um den Globus – und in manchen Orten Spaniens etwa hört man seit Jahren schon mehr Deutsch im Alltagsleben als in gewissen Stadtteilen Deutschlands. Ein jeder muss aber die Entscheidung zum Übergang in den neuen Zustand selbst treffen – und sollte sich der Verantwortung bewusst sein!

Leser fragen sich, und Sie/sie teilen Ihre/ihre Fragen mit mir, welches Land sich wohl anbieten würde. Manche Ländernamen fallen besonders oft, etwa Kanada oder Schweden, auch Länder des ehemaligen Ostblocks und auch asiatische Staaten. Ich lese sogar von Deutschen, die in China leben, und sich freier fühlen als zuvor in Deutschland!

Eine meiner bewährten Lebensregeln lautet, neu formuliert: »Wenn eine Antwort und ihr Gegenteil beide plausibel erscheinen, stellen wir wahrscheinlich die falsche Frage.«

Auf die aktuelle Frage nach dem Zielland angewandt könnte die Regel bedeuten: Wenn Länder mit denkbar unterschiedlichen politischen Systemen auf dich ähnlich attraktiv wirken, dann ringst du vielleicht nicht wirklich mit der Frage nach dem richtigen Land, sondern mit einer anderen Frage, und meine These für die andere Frage wäre: Bin ich bereit, zum Wandernden zu werden?

Die politische Lage im angepeilten Zielland kann sich drehen. Du kannst feststellen, dass du mit der Zielkultur nicht klarkommst – oder sie nicht mir dir. Dein Einkommen im Zielland könnte wegbrechen. – Die erste Frage für potentielle Auswanderer ist nicht die nach dem Land, sondern die, ob man zum (Aus-) Wanderer werden möchte. Die Frage nach dem Zielland ist dann eigentlich eine Frage nach dem ersten Zielland, und die Chancen stehen gut, dass spätestens die nächste Generation wieder weiterwandert.

Leser fragen mich, was ich vom Auswandern halte, und ich frage zurück: Sind Sie bereit, ein Leben lang zu »Wandernden« zu werden? Sind Sie bereit, Gäste und Fremde zu sein? Übernehmen Sie die Verantwortung, Ihre Kinder zu Gästen und Fremden zu machen?

Wie wohl alle Entscheidungen im Leben ist auch die Frage nach dem Auswandern eine Frage der Relevante Strukturen: Was ist mir relevant, was ist mir wichtig? Welche Strukturen sind tatsächlich betroffen, welche werden gestärkt, welche geschwächt?

Ein Bächlein rinnt aus Deutschland heraus, und jeder Auswanderer ist ein Tropfen darin. Was rate ich also allen, die mit dem Gedanken spielen, sich anzuschließen und anderswo neue Freiheit und ein neues Leben zu suchen?

Ich rate wieder das, was ich immer rate: Kläre deine Gedanken bezüglich der in diesem Fall tatsächlich (!) betroffenen Strukturen, welche gestärkt werden und welche geschwächt. Dann entscheide, welche der betroffenen Strukturen dir in welchem Maße relevant sind.

Und schließlich, wenn du dir Klarheit verschafft hast, dann bringe den Mut auf zu handeln. Fortgehen ist eine Handlung, und nach ausreichend langer Bedenkzeit eben doch zu bleiben, auch das ist eine Handlung.

Wofür auch immer du dich entscheidest, stelle sicher, dass es deine Handlung ist, deine Entscheidung, und damit auch deine Verantwortung.

Wer je seinen Urlaub, dieses »Auswandern auf Zeit«, in einem Hotel mit Animation oder sogar Karaoke verbracht hat, der hat gewiss erlebt, wie Urlauber spät nachts sentimental beim Sinatra-Hit »My Way« mitsangen (im Essay vom 15.2.2020 schreibe ich mehr zu diesem Lied).

»I did it my way«, frei und sinngemäß ins Deutsche übertragen: »Ich habe auf meine Weise gelebt«. Ob Sie sich fürs Auswandern oder fürs Dableiben entscheiden, ich wünsche Ihnen, dass Sie zuletzt genau das »mitsingen« können, und zwar nicht als vorübergehende Urlaubsutopie, sondern als ehrlichen Rückblick aufs eigene Leben: I did it my way.

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