6.12.2019

Wanderer, aus Gründen

von Dushan Wegner, Lesezeit 10 Minuten, Bild von Louis Zhang
Qualifizierte wandern aus, weniger Qualifizierte wandern ein. Man müsste schon SEHR Gutmensch sein (und etwas irre), um zu glauben, dass »es gut geht«. Auswandern und Dableiben sind heute beides tiefgreifende Entscheidungen.
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Ein Schüler kam zum Meister, um sich zu beraten. Er war ein junger Geschäftsmann. Er erwog, eine Manufaktur für Uhren zu eröffnen, und er würde all sein Erspartes dafür brauchen, und dazu würde er wohl auch Schulden aufnehmen müssen. Er war voller Sorge ob seiner möglichen Zukunft.

Geschäft ist eine besonders höfliche Form des Krieges. Wenn du einen Krieg einmal beginnst, kannst du ihn nicht mehr nicht-beginnen.

»Soll ich dieses Geschäft wagen?«, fragte der Schüler, als sie auf der Terrasse saßen, in den Garten blickten und kleine Schlucke vom heißen Tee nahmen.

Am Himmel flog ein Schwarm Vögel. Es waren Zugvögel aus dem Süden, und sie flogen zurück in ihre Heimat weiter im Norden.

Es war Frühjahr, doch der Meister erzählte eine Geschichte, die im Herbst spielte, und mit dieser Geschichte antwortete er auf die Frage des Schülers, und die Geschichte begann so: »Ein weiterer Sommer neigte sich seinem Ende zu. Einige Blätter hatten schon die Farbe gewechselt, aber noch weit nicht alle. Der Herbst war noch eine ferne Melodie, und doch konnte sie hören, wer ein feines Gehör hatte.

Zwei junge, vorwitzige Schwalben-Kerle beschlossen zusammen, dieses Jahr schon früh in den warmen Süden zu fliegen, und sie würden allein aufbrechen. Die anderen Schwalben warnten, es sei gefährlich, ohne den Schwarm zu fliegen, und es sei dumm, früher loszuziehen, als es seit Jahrtausenden üblich war. 

Die zwei Schwalben-Kerle ließen sich nicht von ihrer Idee abbringen. Wir wissen ja, wie junge Kerle sind!

Die zwei Schwalben-Kerle bereiteten sich auf ihre Reise vor. Sie fraßen fette Würmer und reife Körner, sie sagten Lebewohl zu ihren Lieben, und dann flogen sie los, weit früher als all die anderen Schwalben. 

Der Flug der beiden Schwalben-Kerle war viel anstrengender als ein üblicher Schwalbenflug. Die beiden flogen ja allein, und es fehlte ihnen der Windschatten der Schwalben-Kolonie, und sie spürten es mit jedem Flügelschlag. 

Trotz all der Mühen und Gefahren erreichten die beiden Schwalben den warmen Süden. Das Ziel ihres Fluges kam in Sichtweite und die Schwalben freuten sich, bald schon dort zu sein, lange vor all den anderen Schwalben – da fiel einer der beiden Schwalben-Kerle plötzlich erschöpft vom Himmel herunter auf die Erde.

Die erschöpfte Schwalbe fiel in den warmen Sand des Südens, röchelte, blutete einige Tropfen Schwalbenblut, und dann starb sie. Die andere Schwalbe flog weiter, erschrocken, aber lebendig.

Der eine Schwalbenkerl war tot, der frühe Flug war ihm zu viel gewesen, die andere Schwalbe aber kam im Süden an, also dort, wohin sie beide unterwegs gewesen waren.

Die Schwalbe, die ankam, hatte dort freie Wahl, sich den besten Ort zum Überwintern zu suchen. Die Schwalbe hatte freie Wahl unter den besten Früchten und so viele Körner, wie sie fressen konnte. Als die anderen Schwalben um Wochen später endlich ankamen, bewunderten und feierten sie den überlebenden Schwalbenkerl, wenn andere Schwalbenkerle auch etwas neidisch waren – doch die Schwalbe, die vom Himmel gefallen war, die war bald vergessen.«

Der Schüler war erschrocken über diese Geschichte. Er fragte: »Welche der beiden Schwalben werde ich sein?«

Der Meister sagte: »Du wirst es wissen, wenn du im warmen Süden ankommst! Falls du im warmen Süden ankommst. Du wirst es wissen, wenn dein Geschäft gelingt.«

»Werde ich denn überhaupt im Süden ankommen?«, fragte der Schüler.

»Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden«, sagte der Meister, und der Schüler ahnte die Antwort. »Indem ich losfliege«, sagte er, »doch soll ich nun mein Unternehmen gründen oder nicht?«

»Eine Reise anzutreten«, sagte der Meister, »das ist immer auch von der Neugier getrieben, ob man ankommen wird. Bist du denn neugierig genug?«

Der Schüler grübelte, er nippte an seinem Tee, und er war unruhig.

Der Meister lächelte. Er wusste, dass der Schüler längst losgeflogen war, in seiner Seele, in seinem Mut. Jetzt mussten nur noch die Flügel folgen, und auch das würde sich ergeben. Die Uhren, die der Schüler bauen wollte, sie liefen schon – er musste sie nur noch bauen.

Slalom um die Anzeigen

Es ist eine neue Nachricht, und sie hat auch mit Wanderern zu tun, und zwar mit Menschen, und es ist nicht zwingend so, dass alle, die gehen, auch wiederkommen, und nicht so, dass die, die kommen, auch die sind, die gingen – oder auch nur annähernd ähnlich qualifiziert.

Ich schrieb zu Anfang 2018: »Der Strom der Auswanderer wird leise breiter – und es gehen oft jene fort, deren Abgang wirtschaftlich besonders weh tut.« (aus: »Katharsis ist nicht genug«)

Nun, es ist nicht mehr »leise«. »Warum Hunderttausende Deutsche dem Land den Rücken kehren« fragte man sich in welt.de, 6.12.2019, und der Text muss von jener Redaktion als erfolgreich eingeschätzt werden, denn er wurde hinter die Bezahlmauer gesetzt. Einst lockten Sirenen die Seefahrer, gegen den Felsen zu fahren, heute locken saftige Überschriften den Websurfer, die Kreditkarte zu zücken – tempora mutantur, nos et mutamur in illis. Beim focus.de, 6.12.2019 gibt es wohl denselben Inhalt »gratis« – wenn man im Slalom um die Anzeigen und Link-Tipps herum liest. Erstaunlicherweise wird es sogar vom Staatsfunk notiert (tagesschau.de, 4.12.2019), dort liest sich die Meldung dann so trocken wie der Sand der Sahara.

Apropos »Sand der Sahara«: Ein Problem am Kommen und Gehen im Besten-Deutschland-aller-Zeiten™ ist der Qualifikationsunterschied (und dieser Unterschied wiederum hängt mit dem Kulturunterschied zusammen). In beiden Gruppen, also unter denen, die gehen, und unter denen, die kommen, gibt es Menschen, die sich nicht richtig verständigen (können) – die einen, weil sie vor lauter Formeln und Wissenschaft gar keine Lust und Zeit mehr haben, sich mit uns Normalsterblichen abzugeben (was sie nicht daran hindert, ihre Familie vorzüglich zu versorgen und dort, wo sie leben, Steuern zu zahlen), die anderen aber, weil sie unsere Sprache nicht beherrschen (was sie nicht daran hindert, ihre Familien vorzüglich versorgen zu lassen und dorthin, wo sie herkommen, Geld zu überweisen – vergleiche  wiwo.de, 7.4.2019: »Migranten überwiesen 5,1 Milliarden Euro in ihre Heimatländer«, davon übrigens 189 Millionen Euro allein ins Fluchtland Syrien, jeweils 22 und 21 Millionen in die Fluchtländer Eritrea und Nigeria – und 822 Millionen in die Türkei).

»Es werden auch Menschen kommen, die nicht unmittelbar verwertbar sind!« – diese latent rassistische Formulierung wurde von der Vize-Parlamentspräsidentin Claudia Roth geprägt. Natürlich würden wir nicht ent-menschlichend über »Verwertbarkeit« von Menschen reden, schließlich wollen wir nicht wie Sozialisten und Vergewaltiger den Menschen als Material betrachten, doch hinter Frau Roths entmenschlichender These steckt ein soziales Problem, wie es so häufig bei Populisten der Fall ist: Projekte wie die »Replacement Migration« der UN betrachten Menschen als Material, das sich eben nachfüllen lässt, wenn es durch undichte Stellen weniger wird – und dass das falsch ist, das ahnt wohl sogar die Grüne Roth, wenn man es auch gewiss nicht so entwürdigend formulieren sollte wie Gutmenschen es tun.

Philip Plickert kommentiert die Meldungen über die vielen hochqualifizierten deutschen Auswanderer so: 

»Und gleichzeitig mehr als 2 Mio weitgehend unqualifizierte und kaum gebildete Asyl-Immigranten unkontrolliert aufgenommen. Leistungsträger gehen, Sozialleistungsempfänger kommen. Das kann auf Dauer nicht gut gehen.« (sic, @philipplickert, 5.12.2019)

Wenn es »auf Dauer nicht gut gehen« kann, wie und wohin wird »es« gehen? Mit »es« meint Plickert vermutlich den Wohlstand und sozialen Zusammenhalt Deutschlands, und die Frage nach dem Auswandern ist die Frage, ob und wie man davon Teil sein will, wenn »es nicht gut geht«.

TV-Shows eben

Mancher fragt sich heute, was riskanter ist und was mehr Chancen eröffnet – Auswandern oder in Deutschland bleiben. Es gibt ja sogar eigene Fernsehformate, die den Akt des Auswanderns ins TV-Abendprogramm bringen. Aber: Populäre Auswanderer-TV-Shows, sind eben das: TV-Shows, und als solche leben sie von Konflikt und Drama. Auswanderer-TV-Shows zeigen und zeichnen ein bestimmtes Bild vom Auswandern, das nicht zwingend repräsentativ ist. Eine Auswanderer-Show wäre eher langweilig, wenn ein gut qualifiziertes Paar mit etwas angespartem Geld gutbezahlte Stellen annimmt, während eine auf Auswanderer spezialisierte Agentur sich entspannt um den Rest kümmert, von Wohnung und Schulen für die Kinder bis hin zu allen An- und Ummeldungen.

Unter den Fragen, die meine Leser mir schreiben, gehört die nach der Möglichkeit des Auswanderns wohl zu den häufigsten. Dabei fallen zwei Muster auf – erstens: Oft wird die Frage nicht für sich selbst gestellt, sondern für die eigenen Kinder. Und zweitens: Die Frage wird nicht gestellt, es wird vielmehr dokumentiert, dass diese Frage einen beschäftigt. All unsere Antworten sind also zuerst und zuletzt Antworten an uns selbst, ein kollektives Selbstgespräch, wenn Sie so wollen, oder einfach: gemeinsames Denken

Im Text »Naturschützer und Zitronenfalter« notierte ich eine bekannte Redensart: »Harte Zeiten schaffen starke Männer. Starke Männer schaffen gute Zeiten. Gute Zeiten schaffen schwache Männer. Schwache Männer schaffen harte Zeiten.« – Die Frage ist nicht, ob uns diese Zeiten formen, sondern wie. Zerbrechen uns diese Zeiten, oder lassen sie uns zu bewussteren Menschen werden? Es sind selten gute Zeiten, die den Menschen zu grundsätzlichen Entscheidungen drängen. Diese Zeiten drängen uns zu grundsätzlichen Entscheidungen. Und, also: Die Entscheidung, nicht auszuwandern, muss heute genauso bewusst getroffen werden wie die, auszuwandern.

Es wäre eine gefährliche Illusion, zu glauben, es würde sich alles automatisch einrenken, wenn man in ein anderes Land zieht. Als Deutscher kann man darüber klagen, dass Deutschland den eigenen Bürgern nimmt und den Fremden gibt – doch man klagt, weil andere Länder es nicht tun – anderswo wird man eben selbst »der Fremde« sein (wobei man hört, dass etwa in Spanien die Deutschen besser behandelt werden als in Deutschland die Deutschen, aber ein Fremder bleibt man doch).

Es soll Paare geben, die glauben, eine kriselnde Beziehung durch die Geburt eines Kindes stabilisieren zu können – das Gegenteil ist natürlich der Fall, die Konflikte werden natürlich verschärft. Ähnlich: Wer in Deutschland aufgrund von mangelnder Qualifikation seinen Unterhalt nicht bestreiten kann, der kann und wird es vermutlich im Ausland noch schwerer haben, weil ihm da auch noch die Sprachkenntnisse und das gewachsene Netzwerk fehlen.

Ja, dies sind Zeiten, die uns zu grundsätzlichen Entscheidungen zwingen, und zwar auch persönlich und als Verantwortungsträger einer Familie. (Unternehmer treffen ganz ähnliche Entscheidungen, und wir lesen täglich von der Verlagerung von Produktionsstätten aus Deutschland heraus ins Ausland, sei es ins politisch unkorrekte Ungarn oder gleich weiter weg nach Asien.)

Ob Eheschließung und Familiengründung, Berufswahl, Unternehmensgründung und -übernahme – jede der großen Fragen des Lebens ist eine Frage danach, wer ich eigentlich bin, und die Frage »Auswandern oder Hierbleiben?« ist da keine Ausnahme.

Bin ich jemand, der weiter für die Wiederkehr der Vernunft kämpfen will? (Und bin ich einer, der glaubt, dass dies möglich ist?) Möchte ich meine Kinder in der »multikulturellen« Gesellschaft aufwachsen sehen, was heute ja Code ist für Beliebigkeit von Werten. Möchte ich Rentner in diesem Land sein – und wenn nicht: In welchem anderen Land möchte ich bis zum Lebensende ein Fremder sein?

Wir haben uns diese Zeiten nicht ausgesucht, wir haben sie nicht gewollt – wir sind weder Staatsfunker noch Strippenzieher. Der potentielle Auswanderer denkt sich: Ich selbst habe die Grenzen nicht offen gelassen, ich verdumme das Land nicht mit politisch korrekten Lügen, und doch bin ich es, der das ausbaden soll – will ich diese Rolle annehmen?

Im Text »Die AfD ist schuld an allem« erzähle ich die Meistergeschichte mit dem Schüler, der sich einen von acht Reiskuchen aussuchen soll – und jede Entscheidung für einen ist eine Entscheidung gegen alle übrigen. Jeder Schritt, den ich gehe, ist eine Entscheidung gegen die anderen möglichen Schritte, zumindest in dem Moment.

Die Entscheidung fürs Nicht-Auswandern wiegt nicht weniger schwer als die fürs Auswandern, und sie ist genauso eine vollwertige Entscheidung – ob man es in dem Moment bedenkt oder nicht.

Losfliegen. Losfliegen?

»Werde ich denn überhaupt im Süden ankommen?« – so fragt der Schüler in der Geschichte zu Beginn dieses Textes.

»Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden«, sagte der Meister, und wir wissen, was der Weg ist: Losfliegen.

Die eigentliche Frage ist für den Einzelnen nicht, »ob man auswandern soll«, sondern: Was für ein Mensch will ich sein? – Und dann: Bin ich neugierig genug, herauszufinden, was passieren wird? – Diese Frage aber stellt sich nicht weniger, wenn man bleibt, wenn man weiter kämpft für das, was man vererbt bekam, wohinein man geboren wurde, womit einem das Herz verwachsen ist.

Ordne…

»Soll ich mein Uhren-Unternehmen gründen?«, fragt der Schüler in der Geschichte. »Soll ich dort bleiben, wo meine Heimat ist?«, fragt mancher Deutscher heute.

Die eigentliche Antwort muss die eigentliche Frage beantworten: Was für ein Mensch will ich sein?

Will ich ein Mensch sein, der hier kämpft oder einer, der dort kämpft? Was ist es, das mir wirklich wichtig ist – meine relevanten Strukturen also – und in welcher Reihenfolge ist es mir wichtig?

Worauf bin ich bereit, eben doch zu verzichten, wenn es hart auf hart kommt – und worauf selbst dann nicht, unter keinen Umständen?

Die Frage nach dem Auswandern ist – und darin wahrlich nicht die einzige, aber doch eine der bedeutendsten – eine Frage danach, was mir wirklich wichtig ist.

Oder, noch knapper: Ordne deine Kreise – einiges andere ergibt sich dann von selbst.

»Weiterschreiben, Wegner!«

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