17.04.2021

Smartphone-Daddeln ist das neue Rücken-Zuwenden

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, Foto von paul mocan
Wer im Bundestag auf dem Smartphone rummacht, statt an der Debatte teilzunehmen, setzt damit ein demonstratives, unzweideutiges Zeichen der Demokratieverachtung. Es ist nichts weniger als die moderne Art, dem Gegner den Rücken zuzudrehen.
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Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Date? (Das »dejt« hat wohl im modernen Neudeutschen das französische Rendezvous verdrängt – sic transit gloria galliae). Erinnern Sie sich noch, als Sie sich zum ersten Mal zwecks Abendessen oder erstmal nur auf ein kühles oder heißes Getränk mit einem Menschen des von Ihnen präferierten Geschlechtes trafen?

Falls die Menschen damals noch keine mobilen Telefone oder Smartphones mit sich trugen, so gab es doch gewiss Zeitungen und natürlich Bücher. Simple Frage: Wie wäre Ihr erstes Treffen verlaufen, wenn das Gegenüber, statt Ihnen in Ihre gewiss sehr schönen Augen zu blicken, demonstrativ die Zeitung gelesen oder in einem Buch geblättert hätte?

Oder, betrachten wir eine ganz aktuelle und durchaus alltägliche Version von »Date«: Wir treffen auf einen Geschäftspartner oder einen Verkäufer, welcher angeblich mit uns eine Art von Beziehung beginnen oder aufrechterhalten will. Statt uns aber seine ganze Aufmerksamkeit zu geben, widmet er sie lieber seinem elektronischen Gerät. Wir, der realweltliche Mensch vor dem Elektronikfreund, werden allerhöchstens mit einem mühsamen Seitenblick zwischendurch abgespeist. Körperlich ist er da, doch jedes Detail seines Verhaltens signalisiert, dass er sich lieber weit weg von uns befände.

Werden wir mit so einem Menschen eine geschäftliche oder andersartige Beziehung aufbauen wollen? Wenn es sich irgendwie verhindern lässt, werden und sollten wir es unterlassen, mit so einem Menschen irgendwelche Geschäfte zu unternehmen (und wir wollen vielleicht darauf achten, nicht selbst solche Menschen zu sein).

Symbolische Verachtung

Es ist ein »neues Normal« im deutschen Bundestag: Politiker, die während der Debatte auf ihrem elektronischen Gerät daddeln. Ob Schäuble, der während des Abnickens der Milliarden für Griechenland auf seinem Tablett lieber Sudoku spielt (es wurde sogar im Ausland berichtet: elmundo.es, 28.2.2012), oder Merkel und der Rest der Regierung, die demonstrativ ihre ganze Aufmerksamkeit ihren Smartphones zuwenden, während die Opposition spricht.

Auch diese Woche, während das Merkelsystem sich vom Parlament »ermächtigen« lässt, am eben diesem Parlament und an den Ländern vorbei die Freiheit der Bürger einzuschränken, griffen Merkel & Co., wenn sie nicht selbst redeten, sondern gar kritisiert wurden, extra demonstrativ zum elektronischen Gerät, und bezeugten so ihre Verachtung und innere Abwesenheit (siehe etwa @APatzwahl, 16.4.2021).

Wenn Bürger gelegentlich kritisch nachfragen, warum im Bundestag so viele Sitze leer sind (also früher, als man noch nicht per »Coronatheater« eine Ausrede fürs Wegbleiben-aber-Kassieren hatte), warum die Vielfachverdiener im Parlament ihrem lästigen Nebenjob »Abgeordneter« oft auf so unsichtbare Weise nachgehen, dann wird den Bürgern schon mal entgegnet, die Debatte im Plenum sei doch nur symbolisch, eine simulierte Demokratie quasi – die eigentliche Entscheidungsfindung fände doch in Ausschüssen und Ministerien statt.

Nun gut, nehmen wir sie beim beschwichtigenden Wort, und fragen wir: Wenn das Geschehen im parlamentarischen Plenum ohnehin nur symbolisch sind, was symbolisiert es denn?

Was ist der Unterschied?

Es ist ein leider altbewährtes Mittel der Undemokraten, zwar im Parlament anwesend zu sein, aber dem politischen Gegner unzweideutig und symbolstark den Respekt zu verweigern. Man widerspricht nicht mal mehr (was ja auch schlicht nicht möglich ist, wenn er in der Sache durchaus richtig liegt), man beschimpft ihn höchstens (und lässt ihn, wie heute in Deutschland, zusätzlich von der Propaganda angreifen), und ansonsten bezeugt man dem Gegner maximalen Mangel an Respekt, etwa indem man sich wegdreht.

Die geschichtlich Interessierten kennen die Bilder, als 1930 die NSDAP demonstrativ dem sprechenden Abgeordneten Dr. Loewenthal den Rücken zuwandte (siehe etwa sz-photo.de oder alamy.com). Immer wieder meinen auch heute noch Politiker, dass es eine kluge Symbolik sei, seine Verachtung für den politischen Gegner durch demonstratives Umdrehen kundzutun (etwa als CDU-Hinterbänkler im Bundestag, siehe kreiszeitung.de, 24.12.2019 und @Beatrix_vStorch, 20.12.2019). Manches demonstrative Umdrehen ist dagegen zwar weiterhin symbolgeschichtlich schwierig, aber in der inneren Logik dann doch nicht inkonsequent, nämlich wenn sich die Abgeordneten der »Brexit Party« beim Abspielen der Pseudo-EU-Hymne demonstrativ umdrehten (bbc.com, 2.6.2019) – sie widersprachen damit symbolisch der Lüge, dass die EU nun quasi ein Staat sei, sie protestierten mit den Mitteln von Undemokraten gegen die Fake-Demokratie der EU-Bürokraten – schwierig, ja, aber logisch kohärent.

Fragen wir doch geradeheraus: Inwiefern unterscheidet sich denn das demonstrative Wegdrehen von der demonstrativen Smartphone-Benutzung in seiner inhaltlichen Aussage?

Die NSDAP, die sich demonstrativ umdrehte, und die Merkelisten, die sich demonstrativ ihren elektronischen Geräten zuwenden, sie demonstrieren beide damit die unzweideutige Verachtung für den politischen Gegner und damit zugleich eine offene Verachtung für das Prinzip der Demokratie selbst.

Es tropft und trieft ja vor Ironie! Während die Opposition dokumentiert, wie Merkel und ihre Helfer die Demokratie aushöhlen (wollen), wenden sich die Angesprochenen vor aller Welt ihren elektronischen Geräten zu (oder gehen spazieren und quatschen extra demonstrativ untereinander), und dokumentieren sie auch bildlich ihr eben kritisierte, offene Verachtung für die Demokratie.

»a used car from this man«

1960 attackierten die US-Democrats ihren damaligen Gegner Richard Nixon mit einem Plakat, das ein recht düsteres Foto Nixons zeigte, und daneben die Frage: »Would YOU buy a used car from this man?«; zu Deutsch: »Würden SIE ein gebrauchtes Auto von diesem Mann kaufen?«

Wir können die Frage heute ganz praktisch und lebensnah stellen! Würden Sie ein Auto von einem Autoverkäufer kaufen, der Sie und Ihre kritischen Fragen ignoriert, indem er demonstrativ auf seinem Smartphone rumspielt?

Nein, von einem Verkäufer, der Sie und die Gepflogenheiten des Marktes dreist verachtet, von dem würden Sie kein Auto kaufen – falls und solange Sie auch bei anderen Verkäufern ein Auto kaufen können. Nun, wenn es nach dem Willen von Merkel und Propaganda geht, können Sie kein anderes kaufen als immer nur diese antideutsche, globalistische Fake-Moral, mal in Grün, mal in Schwarz oder auch mal in Rot angemalt.

»Wird unsere Kraft reichen, den Weg zurück zu gehen?«, so fragte ich 2018. Die Antwort scheint heute recht klar: Es gibt keinen Weg mehr zurück. Der Schaden, den Merkel und Journalisten angerichtet haben, ist zu groß, ist zumindest als Ganzes irreversibel.

Ich gebe mich wenig Illusionen hin, dass Deutschland an diesem Punkt noch »repariert« werden könnte. »Das Haus brennt – lasst uns das Neue planen!«, so schrieb ich im März 2020, und ich fragte: »Wenn ein Haus niederbrennt, wann soll man mit den Plänen, mit dem Wiederaufbau beginnen?«

Wissen und spüren

Deutschland wird regiert von Leuten, die uns ihre Verachtung kaum deutlicher zeigen könnten. Wer heute noch Hoffnung schöpfen will, sollte nicht fragen, wie sich das längst lodernde Feuer verhindern lässt, sondern was übrig sein wird, und wie es sich aufs Neue bauen lässt.

Es ist schon lange an der Zeit, Deutschlands masochistisches Verhältnis zur FDJ-Sekretärin und ihren Schemelhaltern aufzukündigen und neue Gesichter kennenzulernen. Wir könnten ja von Anfang an darauf bestehen, dass »die Neuen« nicht die ganze Zeit demonstrativ auf ihren Smartphones werkeln, um uns wissen und spüren zu lassen, wie unwichtig wir ihnen sind.

Ein Gedanke, dessen Vater wenig mehr als ein Wunsch ist, beschreibt selten das, was wirklich ist und sein wird. Wir rufen ja den Linken und Propagandaopfern zu: »Nichts ist nur deshalb wahr, weil du es dir wünschst!«; wir sollten uns selbst daran erinnern: »Nichts wird nur deshalb gutgehen, weil wir uns wünschen, dass es gegen alle Wahrscheinlichkeit irgendwie gutgeht.«

Wir selbst täten gut daran, die Realität nicht zu ignorieren, wie Politiker im Bundestag demonstrativ die Realität ignorieren.

»Was soll ich tun?«, so frage ich mich selbst, und heute ist die Antwort nicht ganz einfach: »Sieh sehr genau hin, beurteile den Charakter dieser Leute, gestehe dir ein, was das alles für dich bedeutet – und dann erwäge, was dein nächster Schritt sein wird.«

Was, wenn es plötzlich vorbei sein sollte, und wir gar nicht wissen, was als Nächstes ansteht? Dann würde es sehr schnell wieder werden, wie es heute ist!

Ich wähle auch heute die Hoffnung, die aus dem eigenen Handeln kommt: Lasst uns den Kopf oben halten und die Hände frei. Was sich als gut erweisen wird, es wird das Werk unserer Hände gewesen sein.

»Weiterschreiben, Wegner!«

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