28.10.2022

Wie sicher bist du dir?

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, Foto von John Royle
Gruppe A »will glauben«, was im TV verkündet wird. Gruppe B weiß, dass Wahrheit nie endgültig ist und also hinterfragt werden muss. – Die Gruppen sind inkompatibel. Gruppe A hasst Gruppe B, nennt sie »Schwurbler« usw. (früher: »Häretiker«, »Ketzer«).
brown animal near body of water
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Es gibt Menschen, die können Farben nicht so gut unterscheiden wie der sogenannte »normale« Mensch. Wir nennen solche Menschen »farbenblind«, wobei das nicht immer genau ist. Wenn jemand etwa nur Rot und Grün nicht gut unterscheiden kann, wäre »Farbenfehlsichtigkeit« korrekter.

Und, die Chancen stehen sehr gut, dass ein Teil von Ihnen, liebe Leser, die Sie diese Zeilen lesen, nicht alle Farben unterscheiden können, die etwa ich unterscheiden kann. Wie gut, dass Buchstaben und Wörter auch ohne Farbe funktionieren!

Farbenblindes Land

Von José Saramagos »Die Stadt der Blinden« inspiriert wollen wir uns einmal ein Land vorstellen, in welchem die Farbenblindheit »normal« ist.

Ja, stellen wir uns vor, dass die allermeisten Menschen farbenblind sind, dies aber nicht als Mangel empfinden.

Was wird diese »normale«, farbenblinde Mehrheit über jene Menschen sagen, die behaupten, mehr zu sehen, Farben zu sehen?

Man wird sie für verrückt erklären, für Schwurbler und Verschwörungstheoretiker.

Was, wenn die Farbensehenden aber konkret belegen können, dass sie doch Farben sehen. Entsprechende Experimente sind ja leicht denkbar. Man könnte verschiedenfarbige Zettel nehmen, die dem Farbenblinden gleich aussehen, und sie immer wieder zuverlässig sortieren. Oder zeigen, dass sie sich unter Sonneneinstrahlung anders verhalten. (Dem Physiker oder Chemiker fallen bestimmt noch mehr Beweise ein.)

Man wird ihnen gar nicht erst zuhören, und man wird ihnen sagen, sie sollten gefälligst »der Wissenschaft glauben«, nicht ihren eigenen Augen (und mit »Wissenschaft« ist gemeint, was aktuell als »die Wahrheit« im Fernsehen verkündet wird).

Aber du bist doch nicht?

Seit ich diese Essays schreibe, versuche ich den »Graben« zu kartographieren, der Deutschland ganz offensichtlich teilt. (Siehe dazu Essays wie »Eine Brücke über den großen Graben« (2017) oder »Wenn sie uns so hassen, sollen wir noch mit ihnen reden?« (2019).)

In der jüngsten »Volksverhetzung«-Debatte (siehe Essay vom 27.10.2022) ist mir erneut aufgefallen, dass in einem sehr wichtigen Punkt der Weltwahrnehmung in unserer Gesellschaft zwei Lager gegeneinanderstehen.

Für das eine Lager »gibt es« Fakten und Wahrheit – und für das andere Lager sind Fakten und Wahrheit ein Näherungswert und ein wichtiges Ziel, das aber immer nur angestrebt wird, und zwar genau dadurch, dass man die aktuelle Wahrheit prüft und abklopft.

Befragt man das Absolute-Fakten-Lager, woher sie ihre Gewissheit nehmen, werden sie gelegentlich eine vage Begründung wagen. Diese klingt nicht selten auffällig religiös. (»Glaubt der Wissenschaft« könnte genauso gut ein Slogan von Scientology-Kirche sein, welche doch auch »Wissenschaft« im Namen hat.)

Absolute-Fakten-Gläubige weichen der Debatte meist aus – um leider zu oft statt einer echten Argumentation den Fragenden übel zu beschimpfen. Wer sein Knie nicht vor der stets absoluten »Wahrheit des Tages« beugt, der gilt als »Schwurbler« et cetera (früher entsprechend als »Ketzer«/»Ketzerin«).

Wenn man also von außen sucht, woher die vermeintlich absoluten Fakten jenes Lagers tatsächlich stammen, stellt man schnell fest: Von den Autoritäten – und mit Autoritäten ist heute gemeint: Was im politiknahen TV als Konsens und gültige Wahrheit verkündet wurde.

Unüberbrückbares

Ich nehme an, dass Sie, wenn Sie meine Leser sind, wie ich eher im zweiten Lager zu verorten sind. Wir gehen davon aus, dass alles Wissen und alle Fakten immer nur vorläufig sind. Wir haben begriffen, dass der Satz »dies ist die Wahrheit« nur ein verkürzendes Hilfskonstrukt ist für: »Von diesen Thesen gehen wir aktuell aus, dass es stimmt, bis zur Widerlegung, die wir aktiv begrüßen.«

Seit letzter Woche soll es in Deutschland strafbar sein (siehe Essay vom 28.10.2022), ein Kriegsverbrechen zu leugnen – und schon die vermutete Planung kann dich ins Visier des Verfassungsschutzes bringen, der dann deine gesamte Telekommunikation abhören könnte – vermutlich bis sich etwas gegen dich findet.

Ich war ehrlich schockiert, wie viele Stimmen sich aber meldeten, und ernsthaft sagten: Das sei doch kein Problem, man solle einfach keine Kriegsverbrechen und andere Kriegshandlungen anzweifeln. Wenn man zurückfragt, wer denn bitte festlege, was wirklich passiert sei und was nicht, kommt meist keine Antwort (oder üble Beschimpfungen und Unterstellungen, was »die Guten« heute eben als Argument empfinden).

Als »Fakten« und »Wahrheit« gilt für diese Menschen, was ein Mensch, dem sie auf Instinktbasis entsprechende Autorität erteilen, ihnen als Fakt vorgestellt hat.

Das ist ja, warum und wofür die Moderatoren und Volkseinpeitscher des Staatsfunks so absurde Summen erhalten: Diese Leute werden von genügend vielen Bürgern als »Autorität« akzeptiert, und können damit festlegen, was als »wahr« gilt (und was als »gut«).

Keine Kompatibilität

Menschen, die in ihrem Reden davon ausgehen, dass es »die Wahrheit« gibt, und diese Wahrheit von den Autoritäten in TV und Politik gesetzt wird, sind wie Farbenblinde, denn sie sehen bestimmte Eigenschaften der Welt einfach nicht, die andere Menschen ganz selbstverständlich wahrnehmen.

Es hat einen guten Grund, warum ich dieses Jahr mein Buch übers Loslassen geschrieben habe, und warum ich darin ausführlich argumentiere, dass, wie und inwieweit wir Konzepte wie »Wahrheit« und »Gewissheit« loslassen können.

Der auch nur implizite Glaube an »absolute Fakten« – etwa durch Autoritäten im TV verkündet – fühlt sich für gefährlich viele Bürger stabil an, wie ein »Fels in der Brandung«, doch tatsächlich ist es eine wackelige Illusion (mindestens im Wortlaut an den Informatik-Irrtum der »security through obscurity« erinnernd).

Ein Farbenblinder, der sich selbst davon überzeugt hätte, dass seine Sicht der Welt die »richtige« und »normale« sei, würde alle Farbensehenden für verrückt erklären. Und wenn die Farbensehenden darauf insistieren würden, dass doch Farbe in der Welt sei, könnte eine Gesellschaft der Farbenblinden überlegen, wie sie die lästigen farbensehenden »Schwurbler« loswird.

Und jetzt

Tatsächlich Rot-Grün-Blinde dürfen zwar ein Auto fahren, doch sie sollten wissen, dass sie diese spezielle Blindheit haben, und sie müssen etwa an Ampeln darauf achten, ob das obere oder das untere Licht leuchtet.

Was aber »die Wahrheit« betrifft, dürfen auch jene Menschen an Wahlen teilnehmen, die für die Feinheiten des Wahrheitsbegriffs vollständig blind sind. Für die eine oder andere Partei könnten die derart kognitiv Eingeschränkten sogar die Hauptzielgruppe darstellen. (Deshalb wünschen sich diese Parteien, dass auch extra leicht manipulierbare Teenager das Wahlrecht erhalten).

Menschen, die meinen, es gäbe absolutes Wissen, die sind nicht nur farbenfehlsichtig oder farbenblind im metaphorischen Sinne – die sind blinder als jeder Blinde!

Augenlinsen

Jedoch, tatsächlich sind wir Menschen alle »farbenfehlsichtig« – wir sehen nur einen winzig kleinen Teil des Wellenspektrums.

Wir sehen nur ein kleines Spektrum des Lichts. (Übrigens: Anders als unsere Augenlinsen lassen die Linsen von Katzen, Hunden und anderen kleineren Tieren ultraviolettes Licht durch; Wissenschaftler vermuten, dass die Tiere das UV-Licht auch sehen können – siehe sciencev2.orf.at, 19.12.2014 – doch auch das ist natürlich keine »absolute Wahrheit«.)

»Unser Wissen ist Stückwerk«, so schreibt Paulus bekanntlich (und er mahnt weiter: »und unser prophetisches Reden ist Stückwerk« 1. Korinther 13:9). »Er soll wissen, dass er nichts weiß«, heißt es schon bei Cicero. Und früher sagten wir flapsig auf dem Schulhof, unbekannterweise Francis Bacon aufgreifend und veralbernd: »Wissen ist Macht. Ich weiß nichts – macht nichts!«

Viel zu sehr

Es macht Spaß (und provoziert ein klein wenig …), einem allzu selbstbewussten Zeitgenossen zurückzurufen: Wie sicher bist du dir?

(Und wenn Sie nicht persönlich fragen wollen, habe ich für Sie ein T-Shirt mit dieser Frage vorbereitet: »Wie sicher bist du Dir?«)

Ich weiß, dass ich nichts weiß – und ich ahne, dass auch die anderen nichts wissen, sich selbst dafür aber sehr ernst nehmen.

Das habe ich über die Jahre gelernt: Die Leute nehmen ihre Aufgabe gar nicht ernst – und sich selbst viel zu sehr.

Und deshalb nehme ich mir vor: Nimm dich selbst und dein vermeintliches »Wissen« etwas weniger ernst – deine Aufgabe dagegen umso mehr.

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