Merz fordert Aufnahme-Stopp für Syrer und Afghanen
25.08.2024 · Lesezeit 6 Minuten · Bild-Titel: »Was hat Merz zugegeben«
Friedrich Merz gibt de facto zu – zumindest in meiner Deutung –, dass die bisherige Politik für diese Morde verantwortlich ist. Das hat er nicht durchdacht. Okay, aber eins nach dem anderen.
Gestern standen wir vorm Abgrund, heute sind wir einen Schritt … Moment, falscher Vergleich, falscher Denkansatz.
Korrekt wäre eher dies: Gestern, als wir die Nachrichten des Attentats hörten, hatten wir »so eine Ahnung«, wir »wussten Bescheid«, wenn auch Anführungsstriche mitklangen.
Die korrekte neue Redeweise müsste also lauten: Gestern wussten wir Bescheid, heute wissen wir.
In Solingen hat wohl ein »arabisch aussehender Mann« zugestochen. Eine tote Frau, zwei tote Männer. Aber eigentlich hatte es uns genügt, den Stadtnamen zu hören, und wir »wussten Bescheid«. So ist das eben in diesen Stadtnamenjahren.
»Willkommen, Flüchtling H.«
Die Nachrichten berichten, dass der Attentäter von Solingen sich gestellt hat.
»Attentäter von Solingen hat sich gestellt!«, schreibt bild.de, 25.8.2024, und zitiert ihn: »Ich bin der, den ihr sucht«.«
Laut spiegel.de handelt sich um einen Syrer namens Issa al H. (offenbar besonders wichtig: das Abkürzen des Nachnamens). Der junge Mann kam wohl 2022 als »Flüchtling« nach Deutschland. Und in Deutschland enthielt er all-inclusive – inklusive wehrloser Opfer, um seine Mordlust zu befriedigen.
Schon bevor ein Name bekannt war, als man nur »Bescheid wusste«, liefen die bekannten Rituale.
Der »Islamische Staat« hatte die Tat für sich beansprucht (aljazeera.com, 24.8.2024). Sie sei »Rache für Muslime in Palästina und anderswo«, und man hätte eine »Gruppe von Christen« treffen wollen. Wofür die sich wirklich »rächen«, ist natürlich der Widerspruch zwischen ihrer Ideologie und der Realität.
Blubbernde Stegreiftränen
Zur muslimischen Zerrissenheit gehört, dass es nicht nur Muslimen in christlichen Ländern oft viel besser geht als Christen in vielen muslimischen Ländern – es geht auch Muslimen in christlichen Ländern oft viel besser als in muslimischen Ländern. Deshalb fliehen sie so oft dorthin – um dann absurderweise die neuen Länder zu machen wie die alten.
Deutsche Politiker sonderten ihre abgedroschenen Textbausteine ab. NRW-Innenminister Herbert Reul begab sich an den Tatort und blubberte dort: »Man will das gar nicht wahrhaben, was man hier sieht.«
Herbert Reul ist CDU-Mitglied. Als jene Partei, die mit Merkel das größte Unheil seit dem Ende des zweiten Weltkriegs über Deutschland brachte, darf man ihm bestätigen, dass CDU-Mitglieder und Wähler so einiges offenbar »nicht wahrhaben« wollen.
Friedrich Merz fordert jetzt plötzlich einen Aufnahmestopp für Migranten aus Syrien und Afghanistan (bild.de, 25.8.2024). Das hat er wirklich nicht durchdacht. Indem er das als Reaktion auf den Dreifachmord von Solingen sagt, gibt er de facto zu, dass die bisherige Politik der offenen Grenzen und Portemonnaies für diese Morde verantwortlich ist. Doch das ist die Politik der CDU, also auch seine.
Und es wird nicht besser! Indem Merz jetzt einen Aufnahmestopp für junge Männer aus Syrien und Afghanistan fordert, macht er unmissverständlich deutlich: Die bösen Populisten fordern Vernunft, bevor es Tote gibt – die Altparteien erst danach, manchmal, und vermutlich auch das nur kurz vor Wahlen.
Schlimm, ja – aber so schlimm?
Das Super-Rahmenwerk, innerhalb dessen alles in Deutschland passiert, nenne ich »Propagandastaat«.
Ein solcher Anschlag eine Woche vor den Wahlen in Sachsen und Thüringen (siehe dazu auch Essay vom 23.8.2024) ist natürlich eine Katastrophe für das Narrativ des Propagandastaates.
Die Toten von Solingen sind noch lange nicht begraben, und schon versucht man, ihren Tod gegenzurechnen. »31 Jahre nach dem rechtsextremen Brandanschlag auf ein Haus türkischstämmiger Familien erlebt Solingen ein weiteres Trauma durch eine unfassbare Gewalttat«, schreibt etwa spiegel.de.
Will man uns in Propagandasprache mitteilen, dass die Deutschen es irgendwie verdient hätten, weil vor 31 Jahren etwas passierte? Es ist ein anderes Deutschland.
Wieder schließt sich eine Lücke. Eine weitere Lücke zwischen »Bescheid wissen« (sprich: qualifizierter Ahnung) und Wissen (sprich: wieder einmal bestätigt sich eine Ahnung).
Die Lücke, die man nennen darf, ist nicht die wirkliche Lücke
Die andere große Lücke aber darf weiter nur umrissen werden. Nebenbei: Kunst wird auch dadurch zur Kunst, dass sie eine Lücke umreißt, die Umrisse eines Unaussprechlichen beschreibt. Und so ähnelt das Sprechen über die mögliche Motivation des Attentäters einer Art von »Kunst«. Der Unterschied zwischen tatsächlicher Kunst und dem Sprechen über Islam/Islamismus ist der, dass die von der Kunst beschriebene Lücke ihrer Natur nach unaussprechbar ist, während man beim Sprechen über eine gewisse Denkweise schnell einen Kopf kürzer gemacht wird – mal bildlich von gewissen westlichen Propagandastaaten, mal tatsächlich.
Aus dem Tao kennen wir diese gerade für die politische Welt wichtige Regel: »Der Name, den du nennen kannst, ist nicht der wirkliche Name.« – Und ähnlich: Die Lücke, die du nennen kannst, ist nicht die wahre Lücke. Das heißt: Was in den Nachrichten des Propagandastaates über Solingen gesagt wird, ist nicht die eigentliche, die wirklich wichtige Nachricht.
Wenigstens umreißen
Gestern standen wir vor dem Abgrund, heute sind wir … ach, da hätte ich fast schon wieder die andere Redensart benutzt. Ich meinte: Gestern hatten wir eine Ahnung, und heute bestätigt sich die Ahnung. Doch in Wahrheit wissen wir natürlich schon lange Bescheid, wir sollten es nur nicht sagen, wenn wir nicht vorzeitig vom Abgrund aus einen weiteren Schritt nach vorn unternehmen wollen.
Wir hören einen Stadtnamen und wissen Bescheid. Wir kennen die Verantwortung der Politik. Wir kennen die Denkschule des Täters, und wir wissen dies oder jenes, doch wir dürfen es nicht aussprechen.
Aber wir können versuchen, es zu umreißen. Hiermit getan.
So viel für heute. Ich danke euch für eure Zeit und Aufmerksamkeit. Wir lesen uns in den Kommentaren! Ich bin sehr gespannt, wie ihr mit dieser ständigen Spannung aus Bescheidwissen und Wirklichwissen klarkommt.
Und: Vergesst nicht, dass diese Arbeit nur mit eurer Unterstützung möglich ist. Danke euch und danke jedem neuen Mitglied!
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Der Essay Merz fordert Aufnahme-Stopp für Syrer und Afghanen von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/alles-bestaetigt/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!