Heute wird Dushan zum Märchenonkel und erzählt eine Geschichte: Stell’ dir vor, du hast eine Hütte, die steht einsam auf halber Höhe eines Berges, und plötzlich »klopft« es an der Tür …

Stell dir vor, du bewohnst eine Hütte, von der du sagen kannst: »Das ist meine Hütte!«

Deine Hütte steht auf einer Anhöhe, einem Bergvorsprung, auf halber Höhe eines mittelhohen Berges. Du blickst aus dem Fenster deiner Hütte hinunter ins Tal, und das tust du immer dann, wenn du am Abend über das Schicksal der Menschen nachdenkst. Du blickst hinauf zum Berggipfel, wenn du am Morgen dein eigenes Schicksal bedenkst. Oder wenn du einfach nur aus der Tür trittst, denn so ist die Tür nun mal ausgerichtet.

Das Tal mit seinem Dorf und dem Dorfplatz und den Menschen mit ihren Mühen, dieses Tal ist stets gut sichtbar von deiner Anhöhe aus, auch wenn das Licht überm Tal je nach Wetter und natürlich nach dem Stand der Sonne wechselt.

Der Berggipfel aber, der ist immerzu in Wolken gehüllt, in Nebel, ins Unscharfe und doch Grelle, sodass du die Augen zukneifen und blinzeln musst, wenn du hinaufblicken solltest, und doch hast du bislang nur wenig gesehen.

Obgleich du auf halber Höhe des Berges lebst, in dieser Hütte, die du »meine Hütte« nennst, Du hast es noch nie unternommen bislang, zum Gipfel hinaufzusteigen, in den Nebel, um des Gipfels gewiss scharfe Steine mit eigenen Fingern zu berühren.

Ist es deine Faulheit? Deine Feigheit? Oder vielleicht Deine Beobachtung, dass Reisende von Zeit zu Zeit an deiner Hütte vorbeikommen, dich gehetzt grüßen und dann weiter hochziehen, zum Gipfel, in den Nebel, und dass kein einziger Reisender bislang von diesem Gipfel zurückkam?

Vielleicht liegt dort im Nebel ja eine glänzende, reiche Stadt, das würde auch das gelegentliche Glitzern vom Gipfel her erklären, so sagst du dir. Und die Reisenden fanden dort gewiss ein jeder eine neue Heimat. Ach, wenn du das glaubtest, warum solltest du zögern, selbst hinaufzusteigen?

Und dann, eines Tages sitzt du in deinem Sessel und liest aufs Neue eine alte Zeitung, welche du vor Jahren aus dem Tal mit hochgebracht hast. Es ist vorgekommen, dass Reisende, wenn sie bei deiner Hütte vorbeikamen, dir anboten, dir eine neuere Zeitung zu überlassen. Du aber hast abgelehnt, denn du magst diese neuen Zeitungen nicht.

In diesen neuen Zeitungen, da stehen Meldungen von Bergwanderern, die von Steinen erschlagen wurden. In diesen Zeitungen da stehen Warnungen vor Steinlawinen und woran man nahende Steinlawinen erkennt. So etwas aber macht schlechte Laune. Ich meine, wer will denn Abends in seinem Sessel sitzen und schlechte Laune haben?

Da sitzt du also in deinem Sessel und du hörst es an deine Tür klopfen.

Du stehst auf, du öffnest die Tür, doch draußen ist niemand. Du schiebst mit dem Fuß einige Steinchen weg, die sich auf der Schwelle angesammelt haben, und du schließt die Tür wieder.

Du willst zurück zu deiner alten Zeitung, doch es klopft wieder. Wieder gehst du zur Tür, wieder ist niemand da. Auf der Schwelle liegen ein paar neue Steine.

Beim dritten Mal klopft es nicht mehr nur, es schlägt laut, wie harte, wütende Fäuste. Vor der Tür liegen nun faustgroße Steine.

Bei diesem dritten Mal schließt du die Tür nicht mehr gleich. Du trittst nach draußen, du schaust dich um und da siehst du Hunderte Steine, du hörst bald Tausende Steine, die den Berg hinunterrollen.

Steine rollen durch deinen Vorgarten, schlagen an die Mauern deines Hauses.

Zwei Steine rollen durch die offene Tür. Ein dritter Stein schlägt gegen deinen Knöchel. Du schreist auf vor Schmerz. Du schiebst die Tür zu, während weitere Steine dagegenrollen. Du humpelst wieder ins Haus und du lässt dich in deinen geliebten Sessel fallen und greifst nach deiner alten Zeitung.

Du tust dein Bestes, den schmerzenden Knöchel zu ignorieren, denn ein schmerzender Knöchel ist nicht gut für die gute Laune. Du liest in deiner alten Zeitung, dass die Gaststätte im Tal ein neues Gericht mit Schafsfleisch anbietet. Das macht gute Laune.

Die Steine schlagen weiter an deine Tür. Du aber versuchst stur, die Steine nicht zu hören, so wie du auch auf deinen pochenden Knöchel nicht hören willst.

Dann passiert alles schnell. Der erste Riss in Mauer und Wand. Ein Stein durchschlägt die Tür. Weitere Steine folgen, rollen bis vor deine Füße.

Du aber sitzt weiter in deinem Sessel. Du merkst die Steine, doch du sagst: »Es wird wohl nicht so schlimm werden, sonst hätte meine Zeitung mich ja gewarnt.«

Der Boden rund um deinen Sessel ist nun von Felsbrocken bedeckt.

»Die Steinchen werden wieder aufhören zu rollen«, so denkst du dir, »wenn erst die Steine, die herunterrollen wollten, alle heruntergerollt sind. Und so viele Steine werden es ja schon nicht sein! Und dann repariere ich meine Hütte eben und das Leben geht weiter.«

Derartige Theorien postulierend sitzt du in deinem Sessel. Die Tür ist nun vollständig zerschlagen. Sitzend erstarrst du aber, sitzend und den Berg hinaufstarrend, gen Gipfel. Zum ersten Mal in deinem Leben haben sich die Nebel zurückgezogen.

Freund, als du annahmst, dass die Steine sich schon noch wieder beruhigen würden, dass sie ihr Rollen und ihr Schlagen an deine Hütte einstellen würden, da irrtest du unter anderem in der Annahme, dass, wenn die Steine wirklich zur Ruhe kommen werden, es noch eine Hütte geben wird, von der du sagen kannst: »Das ist meine Hütte.«

E-Mail-Abo

Lassen Sie sich automatisch benachrichtigen, sobald ich hier etwas Neues veröffentliche! (Gratis, jederzeit abbestellbar.)

Der Essay Deine Hütte hat keine Tür mehr (eine Geschichte) von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/deine-huette/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!