Für die eine Hälfte meiner Gedanken, wenn ich sie heute öffentlich sagte, würden sie mich in den Knast werfen. Für die andere Hälfte würden sie mich in die Klapsmühle sperren. Allerdings: Die beiden Hälften überlappen sich, haben eine Schnittmenge, und so bleibt mir ein mathematischer Rest des Sagbaren – über den schreibe ich! Und ich hoffe auf höhere Hilfe, dass aus dem legal Gesagten das unsagbare Wahre zu erschließen ist.
Tertullian schreibt:
Cum odio sui coepit veritas. Simul atque apparuit, inimica est. (Tertullian, Apologetik, Kap. VII)
Mit gewisser Freiheit ins Deutsche übertragen (und dabei die poetische Zuspitzung in »sui« zurücknehmend) bedeutet das: »Mit der Wahrheit kam auch der Hass auf sie in die Welt. Sobald sie erschien, wurde sie zum Feind.«
Nicht jede Aussage, die einen Feind findet, ist damit auch schon die Wahrheit. Doch eine Wahrheit von jener Beschaffenheit, welche die Lügen des Lügners als solche offenbart, wird in ebendiesem Lügner schnell einen wütenden Feind finden.
Die eigenen Augen ausgerissen
Doch täuschen wir uns nicht selbst: Der Feind der Wahrheit ist wahrlich nicht stets ein anderer. Gefährlich sind die Lügen, die uns die anderen erzählen, gefährlicher und täglich tödlich sind die Lügen, die wir uns selbst erzählen, denn die sind es, die uns selbst zum Feind der Wahrheit werden lassen.
»Bin ich also euer Feind geworden, weil ich euch die Wahrheit sage?«, so fragt der Apostel Paulus in Galater 4:16.
In den Versen zuvor schreibt der Apostel über seine Verwunderung darüber, dass genau diese Galater sich, wenn nötig, für ihn, Paulus, die eigenen Augen ausgerissen und sie ihm gegeben hätten. Jemand muss sie »abtrünnig« gemacht haben, und Paulus seufzt: »Ich wollte, ich könnte jetzt bei euch sein und in anderem Ton mit euch reden; denn ihr macht mich ratlos.« (Galater 4:20)
Ach, wäre Feindschaft nur die einzige Bewertung, die der Wahrheit heute begegnet.
Ist die Lüge nur groß genug, ist die Wahrheit also weit genug von ihr entfernt, wird die Wahrheit von den Lügnern bald für Wahnsinn erklärt – und der, der die Wahrheit sagt, zum Wahnsinnigen.
»Du bist von Sinnen, Paulus! Dein großes Wissen treibt dich zum Wahnsinn«, so wird Paulus vom römischen Statthalter Festus diagnostiziert (Apostelgeschichte 26:24).
Antisoziale Persönlichkeitsstörung
Wer heute Augen und Verstand hat und beide zu nutzen wagt, dem werden von den Schergen des Propagandastaates schnell psychische Fehlstellungen diagnostiziert.
Wer heute aus Gründen der Vernunft, des Überlebenswillens oder gar der Moral diese oder jene Ideologie ablehnt, dem wird diagnostiziert, an einer Phobie zu leiden, also einer Angststörung und damit einer Deformation der Psyche. Und die heutige Diffamierung einer kritischen Meinung als Angststörung hat genau die geschichtlichen Vorbilder, die man erwarten würde.
Als Beispiel: In der Sowjetunion wurden Dissidenten wegen »Anti-sowjetischer Agitation und Propaganda« oder »Verleumdung« einer psychiatrischen Zwangsuntersuchung unterworfen (auch mal »in Abwesenheit«) – und der »Patient« wurde anschließend sogleich in eine psychiatrische Klinik verbracht.
Im Iran wurde ziviler Ungehorsam als »Antisoziale Persönlichkeitsstörung« diagnostiziert (thelancet.com, 21.10.2023). Selbst ein simpler Verstoß gegen die Kleidungsvorschriften des Gottesstaates konnte eine Zwangs-Psychotherapie nach iranischem Muster zur Folge haben.
Auch in China wurden, so berichtet cambridge.org, 2.1.2018, etwa die Mitglieder von Falun Gong in Psychiatrien gesperrt und »behandelt«.
Übrigens, bevor wir arrogant mit den Schultern zucken, solcher Missbrauch der Psychologie sei halt auf »die üblichen« Länder und Kulturen beschränkt, vergessen wir nicht: Bei uns im Westen werden Kinder – insbesondere Jungen –, die ihrem natürlichen Drang zur Bewegung folgen wollen, regelmäßig mit Psychopharmaka betäubt, denn betäubt stören sie den Schulbetrieb weniger. Und das ist nur eine Art des Missbrauchs durch Psychologen.
Zurück aber zum Thema: Wer eine Wahrheit sagt, die »geeignet ist«, den (tatsächlich längst nicht mehr existierenden) »öffentlichen Frieden zu stören«, der wird regelmäßig 1. zum Feind erhoben und 2. zugleich für psychisch abnorm erklärt.
Doch wenn sie euch nicht nur zum Feind, sondern auch zum Wahnsinnigen erklären, tröstet euch – ja, fühlt euch geehrt! Besseren Leute als euch erging es ebenso.
Lange vor mir
Ja, die Menschen, die uns für verrückt halten, können uns sogar nahestehen. Über Jesus selbst sagten sogar seine Angehörigen, als und weil so viele Menschen seine Wahrheit hören wollten: »Er ist von Sinnen.« (Markus 3:21)
Eine Hälfte meiner Gedanken würde mir Ärger einbringen. Und eine Hälfte meiner Gedanken würde als Torheit verlacht werden. Das war der Gedanke, von dem ausgehend ich diesen Essay zu schreiben begann.
Wie froh war ich, dass es nicht nur mir so geht, dass auch Große vor mir Ähnliches empfanden – und dass sie wohl lange vor mir das Prinzip der Schnittmenge entdeckten:
Wir aber verkünden Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein Ärgernis, für Heiden eine Torheit. (1 Korinther 1:23)
Ob du als Christ in Jesus die Wahrheit siehst, oder ob du den säkular-politischen Hut trägst: Die wirklich wichtige Wahrheit liegt regelmäßig in der Schnittmenge jener Wahrheiten, die einem Ärger einbringen, und jener, für die man dich für wahnsinnig hält.
Das aber ist einer der vielen Unterschiede zwischen einem Jesus, einem Paulus und dir oder mir: Die berichteten aus der Schnittmenge. Dafür wurden sie als »von Sinnen« beschimpft und ihre größte Tat »eine Torheit« genannt.
Abermals anderen Mut
In der Bibel folgt auf die Ablehnung der Wahrheit durch die Welt oft die Verfolgung – bis hin zur Kreuzigung. Oder die Enthauptung in Rom. Oder »nur« Gefängnis wegen Bullshit-Vorwürfen. Oder wirtschaftliche und soziale Vernichtung. Oder einer der vielen anderen Versuche, die Wahrheit verstummen zu lassen.
Die berichteten aus der Schnittmenge. Ich berichte aus dem Rest, aus dem, was noch irgendwie sagbar ist, was einen weder ins Gefängnis noch in die Kapsmühle bringt.
Nein, ich bin kein Held. Aber immerhin weiß ich es und gebe es zu, also will ich der mutigste der Feiglinge sein.
Und doch, und doch, ich wage zu vermuten: Wer immerhin das, was heute noch gesagt werden darf, ehrlich ausspricht und zu Ende denkt, der könnte einige der übrigen Wahrheiten entdecken.
Dann aber die Konsequenzen daraus zu ziehen, wird abermals anderen Mut verlangen.
Weiterschreiben, Wegner!
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