Im Computerspiel »Outer Wilds« soll der Spieler als Amateur-Astronaut in einer Zeitschleife die Geheimnisse einer im Weltall verschollenen Zivilisation erforschen.
Eines der Elemente dieses Spiels hat mich besonders bewegt: Man hört gelegentlich Melodien, die von einem zunächst unbekannten Ort her erklingen.
Dein Weltall-Scanner meldet dir, dass aus einer bestimmten Richtung eine Melodie erklingt. Tatsächlich kannst du sie auch hören, aus der Ferne. Und du musst die Quellen jener Melodien erst finden.
Es ist meist ein anderer Astronaut, also in der erzählerischen Logik jenes Spiels einer deiner Vorgänger.
Er hat sich eingerichtet, hat eine Feuerstätte gebaut oder sich eine Ruhestätte geschaffen. Und er spielt eine Melodie, die zart, aber eben doch vernehmlich ins Weltall hinausklingt.
Ein Spieler jenes Computerspiels tut gut daran, diese Astronauten aufzusuchen und mit ihnen zu sprechen. Es stellt sich nämlich heraus, dass diese Gestrandeten nützlichen Rat mitzuteilen haben. (Und außerdem sind es außerhalb des Startplaneten die einzigen »belebten« und aktiv kommunizierenden Figuren, denen du begegnen wirst. Die übrigen Figuren sind gefährlich und tödlich – oder seit Äonen tot.)
Ich bin bewegt von diesen Flötenspielern. Vielleicht weil ich selbst mich bisweilen wie ein solcher fühle. Vielleicht weil es sich anfühlt, als durchsuchte ich selbst das Weltall nach Seelen, die übriggeblieben sind.
Seelen, die eine Flötenmelodie ins Weltall senden, in der Hoffnung, gehört und gefunden zu werden, um alte Weisheit mitzuteilen.
Er hilft dir, indem er dir wichtige Informationen und bewährte Weisheiten weitergibt. Du hilfst ihm, denn indem er sein Wissen mit dir teilt, erhält seine Weltallmission eben doch noch einen Sinn.
Man könnte einwenden, dass sich die Welt jenes Computerspiels und unsere sogenannte Realität darin unterscheiden, dass es hier – anders als im Spiel – noch viele andere belebte Figuren gibt.
Nun, in jenem Computerspiel finden sich viele Spuren und Ruinen früherer Zivilisationen, Skelette und manch leeres Gefäß.
Heute ist es doch auch, auf metaphorische Weise, durchaus ähnlich! Unsere Mitmenschen, wenn sie Phrasen dreschen und auf Geheiß des Fernsehgeräts in Richtung des Abgrunds mitmarschieren – was sind sie denn anderes als Skelette, leere Gefäße und Überbleibsel früherer Kulturen?
Hört ihr auch die leisen Flötenklänge zwischen all den Ruinen und Skeletten, die Anomalien in den kalten Weiten des Weltalls der menschlichen Dummheit? Ja? Willkommen in eurer wahren Familie.
Falls ihr aber wirklich Flötenklänge hört, dann ist es womöglich das Kind des Nachbarn, das Blockflöte zu spielen lernt. Und das wäre, so nervig es nach der hundertsten Wiederholen sein mag, ein sehr konkreter Anlass zur Hoffnung.
Weiterschreiben, Wegner!
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Der Essay Flötenspieler im Weltall von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/floetenspieler-im-weltall/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
