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Azteken opferten Kinder, und wir finden das unmenschlich. Erlaubt aber eine Frage: Wenn eine 16-Jährige vom Zug zermalmt wird und die Mehrheit das hinnimmt, als Opfer an die »Moral« – wie abgestumpft, unmenschlich und emotional tot ist diese Mehrheit?

Es beschäftigt mich – nein, genauer: es quält mich – seit Jahren, was die Völker Südamerikas einander antaten, bevor (und teils noch während) die Spanier kamen. Es quält mich, denn es lässt mich an der gesamten Menschheit (ver-)zweifeln. Und ich frage ratlos: Wie können Menschen anderen Menschen so etwas antun?!

Die Azteken etwa, besorgt um ihren eigenen Klimawandel (siehe auch Essay vom 30.6.2019), töteten in blutigsten Ritualen schon mal einen Kriegsgefangenen und weideten ihn zeremoniell aus – und bisweilen töteten sie schon mal Tausende Kriegsgefangene –, auf dass die Götter wieder gutes Wetter machen.

Nicht immer wurden »nur« Kriegsgefangene von den Azteken zwecks Umstimmung der Götter geopfert. Bisweilen opferte man Kinder, sogar die eigenen.

Die deutsche Wikipedia schreibt erfrischend nüchtern: »Die Menschenopfer waren vollständig mit der Opferfarbe Grau bemalt und standen möglicherweise unter Drogeneinfluss, um Schreie zu vermeiden. Man führte sie zur Spitze der Tempelpyramide von Tenochtitlán. Vier Priester hielten den Gefangenen dort an Händen und Füßen fest, während ein fünfter ihm mit einem Obsidianmesser den Brustkorb aufschnitt.

Er hob das schlagende Herz der Sonne entgegen und besprengte mit dem Blut Bildnisse der Götter, anschließend legte er es in einer Adlerschale ab. Endlich stieß man den Körper des Opfers die Pyramidenstufen hinab.«

Ich verglich 2019 deutsche Migrationspolitik mit den blutigen Opfern der Azteken. Für die »Götter der Migrationspolitik« (sprich: globale Akteure, die selbst weit weg von den Folgen ihrer Forderungen leben) opfert man nicht »nur« das Land und alles Ersparte, sondern bisweilen auch das Leben der eigenen Kinder – oder sogar das eigene. Ist es nicht das, was Deutschland in der Migrationspolitik tut?

Ach, es war eine Metapher, aber »nur« insoweit, als nicht die »Priester der deutschen Propaganda« das Messer in die Opfer stoßen. Die neuen deutschen Priester sichern lediglich die notwendige emotionale Taubheit in der deutschen Mehrheit, damit Opferhandlungen ohne größeren Aufruhr vollzogen werden können.

Die Frau des Huitzilopochtli

Via 9gag (amerikanische Meme-Website, etwas seriöser als CNN oder Tagesschau) lernte ich dieser Tage von der »Frau des Huitzilopochtli«; und ich habe unter anderem bei mexicolore.co.uk, 02.09.2025 nachgelesen.

Die Mexica waren damals die dominierende Gruppe innerhalb der Azteken. Die verschiedenen Stämme des damaligen Amerika waren unentwegt zerstritten und führten blutige Kriege. Dennoch gelang den Mexica schrittweise eine Etablierung ihrer Dominanz. Sogar Ehen und andere Bündnisse zwischen Mexicas und Nicht-Mexicas wurden geschlossen.

Die Mexica suchten den Frieden mit einem Stamm namens Culhua. Auf Forderung ihrer eigenen Priester (für den Gott Huitzilopochtli) beschlossen die Mexica, den Culhua-Mächtigen Achitometl direkt anzusprechen.

Die Mexica boten ihm an, dass seine Tochter die »Frau des Huitzilopochtli« wird.

Achitometl verstand offenbar nicht genau, was »Frau des Huitzilopochtli« bedeutet – und er stimmte bereitwillig zu. Seine Tochter würde geehrt werden und es würde Frieden geschlossen. Das klang doch prima, oder?

Dort erkannte der Vater

Nun, seine Tochter wurde tatsächlich in die Stadt Tizaapan gebracht und dort mit einer großen Zeremonie empfangen, wurde geehrt und gefeiert.

Dann wurde sie geopfert.

Gemäß alter Tradition wurde ihr die Haut vom Leib abgezogen. Ein Huitzilopochtli-Priester zog sich ihre Haut über. Das war es, was es bedeutete, »Frau des Huitzilopochtli« zu werden. (All das sollte übrigens rituell die Erneuerung von Leben symbolisieren, was wiederum für die Landwirtschaft nicht unwichtig ist.)

Die Mexica luden sogar den Vater Achitometl ein, am Abschluss der großen Festivitäten teilzunehmen. Dort aber erkannte der Vater die Haut seiner Tochter auf dem Körper des Priesters – und er reagierte genau so, wie wir es von einem Menschen erwarten würden.

Der Stamm der Culhua griff zu den Waffen, und andere Stämme schlossen sich ihnen an. Gemeinsam vertrieben sie die Mexica zurück in die Sümpfe, aus denen sie gekommen waren.

Keine Invasionsarmee

Es ist fürwahr eine schockierend und gruselige Geschichte, die wir da lesen, und über die ich bei 9gag lernte. Doch bei einem bestimmten Kommentar dazu lief es mir besonders kalt den Rücken herunter:

Schon lustig, dass selbst in der primitivsten Vergangenheit die Massakrierung eines Mädchens genügte, um eine gewalttätige und eindringende Macht zu vertreiben, während es heutzutage nicht einmal mehr genügt, rechtliche Konsequenzen zu rechtfertigen. – Es ist auch nicht wirklich sehr lustig.

Weißbrotfisch auf 9gag.com; Original English

Der Kommentar von Weißbrotfisch erzwingt übrigens nicht, dass die jungen Männer, die heute zu Gast im Land sind, und von denen einige wenige jungen Mädchen schon mal etwas Böses antun, Teil einer »Invasionsarmee« sind. Für die Feststellung einer Invasionsarmee bräuchte es ohnehin Umstände wie etwa eine klare Befehlskette und definierte Ziele, die in den aktuellen Entwicklungen so nicht gegeben sind. (Auch ist es logisch möglich, dass die aktuellen Zustände und die aktuelle Ausrichtung sich erheblich von dem Ziel unterscheiden, das die globalen Akteure wirklich anpeilen.)

Jener Kommentar stellt zuerst fest, dass damals die Massakrierung eines Mädchens einen kollektiven Aufschrei und eine massive kollektive Aktion motivierte. Und dass heute die brutale, zutiefst ungerechte Tötung von Mädchen nicht einmal in allem Fällen adäquate rechtliche Konsequenzen nach sich zieht, zumindest nicht für den Täter.

»Was wir nicht brauchen«

Vor zwei Tagen erst, im Essay »Altparteien beschließen Kartell des Schweigens«, erwähnte ich den Fall der 16-Jährigen, die wohl von einem irakischen Asylbewerber vor den Zug gestoßen wurde und starb.

Inzwischen lesen wir, dass der Asylantrag des mutmaßlichen Täters abgelehnt worden war. Eigentlich hätte er gar nicht mehr in Deutschland sein dürfen. Man könnte diese ethische These aufstellen: »Jeder Politiker und jeder Behördenbeamte, der durch Unterlassung oder sogar aktive Sabotage eine wirklich wirksame Abschiebung solcher Personen verhindert, hat moralisch mitgetötet.«

Wie aber reagiert der deutsche Propagandastaat? Der berüchtigte NDR titelt zitierend: »Tote 16-Jährige: ›Was wir nicht brauchen, sind Hass und Hetze‹«. (ndr.de, 01.09.2025).

Man stelle sich nur vor, dass der Mexica-Priester damals die Haut jenes Mädchens frech vor dem Vater präsentiert und die Priester der Culhua zuerst beschwichtigend gerufen hätten: »Ja, er trägt ihre Haut als Kleid, aber was wir nicht brauchen, sind Hass und Hetze!«

Den ewigen Wandel für immer anhalten

Wir könnten die Völker des präkolonialen Amerika als brutal und barbarisch beschreiben, und zwar sowohl in Nord- als auch in Südamerika, und das wäre nicht ganz falsch. Was diese Menschen einander antaten, war teils schlicht unmenschlich.

Nein, es ist kein angemessener Umgang mit Kriegsgefangenen, ihnen die Kopfhaut abzuziehen (und es ist eine Schande, dass die Europäer die Praxis der Skalpierung im Kampf gegen die Eingeborenen von diesen übernahmen).

Nein, es ist nicht »Diversität« und liebenswürdiger lokaler Brauch, Kriegsgefangenen das Herz herauszuschneiden und es in Richtung der Sonne zu halten, um so das Klima zu beeinflussen. (Vom Blutigen abgesehen ist es allerdings ähnlich irre, seine eigene Wirtschaft zu zerstören, um durch dieses Opfer den ewigen Klimawandel nach Jahrmillionen magischerweise für immer anzuhalten.)

Nein, es ist nicht menschlich, die anvertraute Tochter eines benachbarten Königs zu töten, ihr die Haut abzuziehen und diese vor dem Vater stolzierend über der eigenen Haut zu tragen.

Ja, es ist schlimm, was die Azteken aneinander damals antaten. Gut also, dass wir heute so viel moralischer sind als die Azteken damals.

Hmm, sind wir es wirklich?

Damit es nicht aufschreit

Als damals eine Jugendliche derart schändlich getötet wurde, folgte prompt ein kollektiver Aufschrei – und man tat etwas dagegen.

Die Priester des heutigen Propagandastaates reagieren, indem sie das Volk ermahnen, auf keinen Fall emotional – und damit: menschlich – auf die sinnlose, vermeidbare Tötung eines ihrer Kinder zu reagieren.

Damals setzten die Azteken die zu opfernden Menschen unter Drogen, damit diese die Zeremonie nicht durch Schmerzensschreie stören würden.

Heute wird dem Volk eine Droge namens Propaganda eingeflößt, damit die Mütter und Väter nicht aufschreien, wenn die Töchter des Landes für die Besänftigung höherer Mächte im Namen einer vermeintlichen »Moral« geopfert werden.

Wir als Kollektiv sind womöglich überhaupt keine besseren Menschen als die Azteken. Die Mehrheit steht vielmehr unter Drogen, die sie haben stumpf werden lassen – und eine der Wirkungen dieser Drogen ist der feste Glaube, man gehöre zu den »Guten«, wie viel Leid und Zerstörung man auch bewirkt.

Komfortabel taub

Die deutsche Mehrheit ist, wie Pink Floyd es besang, »comfortably numb« – also etwa: »auf komfortable Weise taub gegenüber Schmerzen«. Doch, liebe Leser, glaubt bitte für keine Sekunde, es würde sich unter Merz bessern.

Das Familienministerium fungiert bekanntlich de facto als deutsches Propagandaministerium, und dort wurden die Mittel für Propaganda erhöht (nius.de, 29.08.2025).

Eine Wirkung der heutigen Propaganda-Drogen ließe sich als ethische Zirkularität beschreiben: »Wir sind die Guten, denn alles was wir tun, ist gut – und alles was wir tun, ist gut, denn es wurde von den Guten getan.«

Solche ethische Zirkularität ist eine vom »UnsereDemokratie«-Staat injizierte Propaganda-Droge. Die Folge ist ein moralischer Rausch, der die Mehrheit gleichgültig hinnehmen lässt, dass ein ausreisepflichtiger Asylbewerber ein 16-jähriges Mädchen von einem Zug zermalmen lässt.

Nein, wir sind womöglich gar nicht besser als die Azteken. Die Mehrheit ist bloß auf anderen und stärkeren Drogen.

Für dich und mich aber bleibt als Lehre und Erkenntnis nur dies: Die Zeiten sind böse, also musst du besser werden als die Zeiten.

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Der Essay Nicht besser als die Azteken von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/wir-neuen-azteken/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!