- English (AI)
- German
- Spanish (IA)
Ich hatte einen Freund, der wurde wahnsinnig. Ich meine nicht extravertiert oder extra fröhlich. Ich meine wahnsinnig, so richtig mit Diagnose und Behandlung und allem.
Heute hat er sich aus der Welt zurückgezogen, doch die letzte Wegstrecke davor war … gruselig und herzzerreißend zugleich.
Wir alle kennen ja die »gewöhnlichen« Wahnsinnigen. In unserer Stadt ist ein Wahnsinniger, der durch die Einkaufstraße läuft und gellend laute Töne wie ein Tier ausstößt. Letztens hat ihn wohl die Obdachlosenhilfe versorgt, hat ihm die grauen Haare geschnitten, den grauen Bart gestutzt und seine Kleidung neu sortiert. So lief er durch die Straße und bot den Anblick eines ordentlichen Geschäftsmanns um die Sechzig.
Als die Sozialarbeiter ihn schick zurechtmachten, wollten sie vielleicht auch uns, den »Normalen«, die Abscheu oder Angst vor ihm nehmen. Doch auf mich wirkt der gepflegte Irre noch gruseliger: Mir wurde bewusst, dass auch du und ich jeder nur eine Fehleinstellung im Gehirn davon entfernt sind, in den Straßen unserer Stadt umherzustreifen und alle zehn Sekunden aufzuschreien wie ein abgestochener Pavian.
Einen anderen Obdachlosen erlebte ich erst gestern, als ich mit einem Freund am Rand meines Lieblingsparks saß und die Welt diskutierte. Dieser Obdachlose war sehr ungepflegt und dazu sichtlich verwirrt. Nachdem er, warum auch immer, minutenlang das Geländer an der großen Treppe begutachtet hatte, setzte er sich auf den Rand eines Blumenkübels. Er hatte die ganze Zeit etwas vor sich hingebrummelt. Als er sich aber gesetzt hatte, begann er plötzlich, deutsche Prosa zu zitieren.
Ich erkannte nicht, was er da zitierte, es klang mir aber sehr nach geschriebenem, nicht nach zuerst gesprochenem Deutsch. Ich möchte mir vorstellen, dass er Kafka zitierte. Und dann will ich mich fragen, wie viele dumme Fehler ich davon entfernt bin, auf dem Rand des Blumenkübels zu sitzen und deutsche Prosa zu zitieren.
Nun, jener wahnsinnig gewordene Freund erzählte in den Monaten, bevor er sich zurückzog, Dinge, die schlicht wahnsinnig klangen. Dinge, die laut zu sagen wohl gleichzeitig ein Fall für die Klapsmühle wie auch für morgendliche Besuche der »Unsere Demokratie«-Polizei wären.
Heute aber, wenige Jahre später, sehe ich, wie Fragmente seiner im Wahn gegebenen Versprechen eines nach dem anderen wahr werden.
Es ist wie ein sich selbst zusammensetzendes Puzzle. Nein, wahrlich nicht alle seine Puzzlestücke konnte ich einsetzen – viele werden es wohl nicht werden, weil sie eben wahnsinnig waren. Aber deutlich mehr Behauptungen, als man erwarten würde, waren nicht nur wahnsinnig, sondern auch zutreffend.
Unsere alten Verschwörungstheorien sind alle wahr geworden, das ist nicht neu. Wir sind übergangen zur Phase, in welcher der Wahnsinn von gestern zur neuen Wahrheit und Realität wird.
Ich würde jenen Freund ja fragen, was ihn damals zu seinen Vorhersagen brachte. Es geht nicht mehr. Sein Körper ist noch da, doch wurde ihm durch Ärzte via Tabletten das Licht etwas gedimmt.
Nein, nicht jeder, den man für einen Wahnsinnigen hält, ist damit schon ein Prophet. Doch es ist auch wahr, dass mancher Prophet, Apostel und Wahrheitssager seiner Aussagen wegen für wahnsinnig gehalten wurde.
Im Alten Testament:
Der Prophet ist ein Narr, der Mann des Geistes ist wahnsinnig! (Hosea 9:7)
Im Neuen Testament:
Du bist wahnsinnig, Paulus! Dein großes Wissen bringt dich zum Wahnsinn. (Apostelgeschichte 26:24)
Du bist nicht dadurch schon Galileo Galilei, dass die Autoritäten deine Ideen nicht ernst nehmen. Du bist nicht William Shakespeare, nur weil du neue Wörter erfindest. Und du bist nicht dadurch schon ein Prophet, dass wir dich für wahnsinnig halten.
Wahr bleibt doch: Dass man dich für wahnsinnig hält – sogar wenn du diagnostiziert wahnsinnig bist und es sogar selbst weißt –, schließt nicht aus, dass du in deinem Wahnsinn einige Wahrheit gesehen haben könntest, die den »Normalen« verschlossen blieb. (Die Frage bleibt auch hier wieder, wer zuerst da war: die Henne oder das Ei? Die schreckliche Einsicht oder der Wahnsinn? Was folgt woraus?)
Ich bin den Ärzten, die das Licht jenes Menschen mit Chemie herunterdrehten, nicht einmal böse. Ich hätte es als Arzt wohl auch getan, bei jedem, der darum bittet. Ich weiß, dass er darum bat. Er leidet nun weniger. Und hätten die Ärzte es nicht getan, würde er gar nicht mehr leiden.
An mir nagt aber die Frage: Woher wusste er das alles? Kann man es erfahren, kann man seine Quelle aufschließen, ohne zu werden – und zu enden – wie er?
Weiterschreiben, Wegner!
Das Schreiben dieser Essays ist nur mir Ihrer Unterstützung möglich. Werden und bleiben Sie Teil meiner Arbeit!
Bitte wählen Sie Ihren freiwilligen Leserbeitrag:
E-Mail-Abo
Lassen Sie sich automatisch benachrichtigen, sobald ich hier etwas Neues veröffentliche! (Gratis, jederzeit abbestellbar.)
Der Essay Was unterscheidet den Propheten vom Wahnsinnigen? von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/den-propheten-vom-wahnsinnigen/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
