Frank Underwood, an den nackt in der Badewanne sitzenden Peter Russo gerichtet:
Ich bin der Einzige, der an dich glaubt, Peter, aber vielleicht ist das einer zu viel. Das heiße Wasser wird deine Kapillaren erweitern. Das Aspirin, das du gerade genommen hast, wird dein Blut verdünnen. Es liegt an dir, Peter. Oh, und falls du dich doch für den Ausweg des Feiglings entscheidest, geh entlang der Adern, nicht quer – das wäre ein Anfängerfehler.
– Frank Underwood (Kevin Spacey), House of Cards, 1. Staffel, 5. Folge
Wer weiß, der weiß: Ich zitierte hier eine Szene aus einer TV-Serie über das knallharte Business namens »Politik«.
Der junge, korrupte und auch sonst für manche Versuchung anfällige Kongressabgeordnete Peter Russo taucht mitten in der Nacht bei dem skrupellosen Protagonisten Frank Underwood auf. Die Folge gipfelt in jener emotional intensiven Szene in der Badewanne.
Russo sitzt in der Badewanne, im heißen Wasser. Er ist seelisch kaputt, sein Blut ist verdünnt und Underwood hat ihm eine Rasierklinge bereitgelegt.
Peter Russo kann »den Ausweg des Feiglings« nehmen (»the coward’s way out«) – es ist verführerisch.
Er kann sich aber auch wieder abtrocknen und vollständig ausnüchtern – doch dann wird nicht nur sein politisches Leben lange in der Hand des Manipulators Frank Underwood sein.
Russo geht nicht den vermeintlichen »Ausweg des Feiglings«.
Nehmen wir aber einmal an, dass der verzweifelte Kongressabgeordnete tatsächlich »entlang der Adern« geschnitten hätte, dass er sein Leben in der Badewanne des Skrupellosen beendet hätte.
Ich frage euch (und mich): Wer wäre es gewesen, der Russo getötet hätte?
Juristen würden vermutlich zuerst fragen, ob man Russo die freie Suizidentscheidung zu- oder abspricht. Wenn wirklich eine vollständig freie Entscheidung vorläge, dann wäre Underwood juristisch womöglich tatsächlich nicht verantwortlich. Doch die Szene liefert genug Hinweise darauf, dass Russo alles andere als vollständig frei entscheidet. Die psychische Überwältigung eines verzweifelten Betrunkenen, das Bereitstellen von Badewasser, Aspirin und Klinge, die Erklärungen zur Schneidetechnik – all das macht Underwood zum »Täter hinter dem Täter«. Obwohl Russo geschnitten hätte, lägen Mordmerkmale wie Heimtücke und niedrige Beweggründe vor.
Leider sind solche Szenarien nicht nur in düsteren TV-Serien denkbar.
Drei Stunden lang
Deutschland kennt etwa den kurios-makabren Siriusfall aus dem Jahr 1983 (siehe Wikipedia). Der Angeklagte Fred G. hatte sein labiles Opfer Heidrun T. davon überzeugen können, er stamme vom Stern Sirius, sie solle ihm viel Geld überweisen, eine Lebensversicherung abschließen und dann »ihren Körper verlassen« (siehe historisches-sachbuch.weebly.com).
Auch in diesem realen Fall sollte es in einer Badewanne passieren, doch per Fön statt Rasierklinge. Das Opfer überlebte und spürte »nur ein Kribbeln«, weil die Wanne nicht geerdet war – und ging dann wohl zur Polizei. Drei Stunden lang hatte der Täter versucht, sein Opfer telefonisch zum Selbstmord anzuleiten, bis sie wohl beide aufgaben und die Frau überlebte.
Es war kein einfacher Fall, schließlich ist Suizid nicht strafbar und das Opfer hatte zudem überlebt. Das Gericht aber diagnostizierte »ein Verbrechen der versuchten mittelbaren Fremdtötung« und verurteilte Fred G. zu sieben Jahren Gefängnis.
2022 wurde ein 62-Jähriger vom Landgericht Limburg wegen Mordes und Mordversuchs zu lebenslanger Haft verurteilt (rsw.beck.de, 22.3.2022).
Er hatte, so das Gericht, Kontakt zu labilen Frauen gesucht, die er per Chat oder Telefon zu manipulieren versuchte, sich das Leben zu nehmen. Im Fall einer Bremerin hatte er »Erfolg«. Das Gericht sprach von einer »mittelbaren Täterschaft«.
Auch aus den USA sind solche Fälle zu berichten. Soziale Medien und Chats auf Smartphones machen es leicht, sich im Virtuellen und Nur-Gedachten zu verlieren – genug aber der düsteren Beispiele.
Meine »Inspiration« zu diesem Text war ein Grübeln über Deutschland.
Ich sehe, wie etwa 75 Prozent der Wahlberechtigten in Deutschland auch weiterhin de facto für den nationalen Suizid stimmen. Die Industrie schließt oder wandert aus; Innenstädte veröden oder werden gefährlich; einst reiche Städte und Kommunen stehen vor der Pleite, wie aktuell etwa Stuttgart (bild.de, 17.12.2025).
Und 75 Prozent der Wähler in Deutschland sagen: »Weiter so!«
Diese Gedanken zurechtgelegt
Wer aber trägt die Schuld daran, dass 75 Prozent der Wähler den wirtschaftlichen Suizid wählen?
Um die Schuld zu finden, müssten wir fragen, warum sie es tun.
Arbeitshypothese: Ein Mensch tut Dinge, weil seine Gedanken (seine Annahmen über die Welt) und seine moralischen Gefühle (seine Ethik) ihn dazu bewegen.
Weitere These: Auch ein Mensch, der glauben will, dass seine Entscheidung frei ist, wird sich innerhalb der ihm bekannten Annahmen und der ihm vertrauten Moralkonzepte bewegen.
Wenn die Wähler im Wahllokal aber den nationalen Suizid wählen, weil dieser für sie dem »Rechtswählen« vorzuziehen ist, dann hat jemand ihnen diese Gedanken zurechtgelegt.
Es sind ARD, ZDF und politiknahe Medienhäuser, die den Deutschen diese Gedanken zurechtlegen und die Mehrheit der Wähler dazu bewegen, für den Niedergang zu stimmen.
Tragen also Journalisten die wahre Schuld am Niedergang Deutschlands?
Besser nicht
Nun, schaut euch obige Szene auf YouTube an.
Seid ihr der Meinung, dass Frank Underwood eine Schuld am Suizid des verzweifelten Betrunkenen tragen würde, nachdem er diesem warmes Badewasser und eine Rasierklinge vorbereitet hatte? – Die Antwort auf die eine Frage ist die Antwort auf die andere Frage.
Aber nein, es wäre nicht fair, deutsche Journalisten mit dem skrupellosen Frank Underwood zu vergleichen!
Frank Underwood hatte Stil. Und, vor allem, in jener Szene wollte er gar nicht, dass sich Peter Russo wirklich das Leben nimmt. Er ließ ihm einen Ausweg, zeigte ihm auch eine andere Möglichkeit auf. Das unterscheidet ihn dann von deutschen Journalisten.
(Nur schaut besser nicht Folge 11 der 1. Staffel. Frank Underwood zieht es dann doch durch. Mit Auto statt Badewanne – und mit sehr konkretem eigenem Einsatz.)
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Der Essay Lieber tot als rechts? von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/lieber-tot-als-rechts/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
