11.12.2019

Sind wir den Außerirdischen zu blöd?

von Dushan Wegner, Lesezeit 8 Minuten, Bild von Vlad Tchompalov
Wie würden Sie die Überlebenschancen eines Ameisenvolkes einschätzen, das die Ameisen aller anderen Ameisenhaufen wichtiger findet als die eigenen, das sich bis zur Erschöpfung aufopfert, um jene zu versorgen?
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Ein Wald, eine abschüssige Lichtung. Am unteren Rand der Lichtung ein Bach, auf der hohen Seite der Lichtung ein Ameisenhaufen. Eine Ameise sitzt auf dem Ameisenhaufen. Um die Ameise herum wuseln all die anderen Ameisen, doch diese Ameise hat sich eine Pause genommen, und sie denkt bei sich: »Niemand baut so elaborierte Bauwerke wie wir, die Ameisen! Die Termiten vielleicht, aber die bauen gröber, nicht so brilliant wie wir Ameisen. Es ist offenbar und offensichtlich, wir Ameisen haben nichts unseresgleichen!«

Ein Architekt aus der großen Stadt genoss seine wohlverdiente Sommerfrische. Straßenbahnen unter der Erde plante er, zusammen mit den anderen Ameisen – pardon: den Kollegen, selbstverständlich – den Ingenieuren. Hochhäuser und Kathedralenvorplätze plante er. (Die Kathedralen selbst plante er nicht, dafür war zu seiner Zeit kein Geld mehr da. Oder kein Wille, der ja bekanntlich das Geld freigesetzt hätte. Wohl auch nicht mehr das Wissen – es ist ja kaum noch Wissen da, die Kathedralen auch nur zu erhalten!) – und Bahnhöfe baute er, feinste Bahnhöfe (wenn auch ohne die Warteräume, die planten wiederum andere).

Dieser Architekt auf seiner Sommerfrische nun spazierte durch den Wald, und er blieb am Ameisenhaufen stehen. Er stützte die manikürten Hände in die Seite seines feinen Mantels, er blickte herab auf den Haufen aus alten Nadeln anderer feiner Waldbestandteile, und er sinnierte: »Was für ein gar liebenswertes Hin und Her diese kleinen Tierchen doch praktizieren! Ich will sie beobachten, gewiss, aber ich will sie nicht stören!« – Und so spazierte der Architekt weiter, die Bäume betrachtend, stets auf der Suche nach neuer Inspiration.

Die Ameise auf dem Haufen hatte den Mann im feinen Mantel wohl übersehen, oder ihr fehlten die Sinne, Speicherplätze und begrifflichen Kategorien, um zu erfassen, was dieser große Schatten war, der sich sinnierend über der Ameisen Lebenswerk gebeugt hatte. – Die Ameise dachte derweil, des Architekten Kommen und Gehen nicht gewahr, bei sich: »Wenn es ein Lebewesen gäbe, das auch nur annähernd so geschickt wäre wie wir Ameisen, ein Wesen, das so kluge Gebäude und wohldurchdachte Tunnel durch die Erde zu bauen wüsste – oder gar noch erhabenere Gebäude! – dann hätte es sich gewiss uns Ameisen offenbart. Es ist ja etwas einsam, das klügste aller möglichen Lebewesen zu sein, doch was will man tun?« – Im Nachhall dieser Gedanken krabbelte die Ameise wieder an ihre Arbeit, und den Rest ihres Tages wie auch ihrer Tage trug sie, von stiller Würde und bescheidener Erhabenheit, tote Fichtennadeln von hier nach da, bis ein Gewitter den Ameisenhaufen samt dieser Ameise und ihren Tausenden von Brüdern über die Lichtung und in den Bach spült. Sic transit gloria formicariorum.

Nachrichtenameisen

Wenn man im Hubschrauber fliegt oder am Fenster eines hohen Stockwerks steht, und wenn man dann auf die Straßen hinunterschaut und auf die Menschen, dann könnte sich für eine Sekunde das Gefühl einstellen, dass man auf Ameisen herunterschaut, sehr genau wissend, dass man in vielen anderen Momenten selbst eine dieser Ameisen ist. – Über das Studium der Tagesnachrichten ließe sich ähnliches sagen: Die Menschen, von denen wir in den Nachrichten lesen, gerade wenn es um statistische Kumulation geht, etwa um die Zahl der Geburten oder die Zahl der Messeropfer eines Wochenendes, diese Menschen sind uns ebenfalls meist fern und damit klein wie Ameisen, und natürlich wissen wir, dass am nächsten Tag auch wir selbst eine dieser Nachrichtenameisen werden könnten – hodie mihi, cras tibi – heute ich, morgen du.

Was treiben wir Ameisen denn zur Zeit, was sagen uns die Nachrichten dazu?

Wir beschäftigen uns mit Augsburg, gleich doppelt. Wir erfahren Details dazu, wie der Feuerwehrmann in Augsburg starb; der Leiter der Augsburger Kriminalpolizei: »Dann gab es einen Schlag, der Mann fiel zu Boden« (focus.de, 11.12.2019) – Der Hauptverdächtige aber, ein Herr Halid S., wird von einem Freund als »ein netter, ein herzlicher Mensch« beschrieben (ebenda). Bezüglich des Toten hört man, dass er auf die verdächtige Gruppe zugegangen sein soll, sie ermahnend, also ob das heute schon etwas böses wäre. Mich würde nicht wundern, wenn Gutmenschen die Facebook-Postings des Toten durchgehen, bis sie etwas finden, mit dem sich sein Andenken beschädigen ließe. Und: Ich erwarte demnächst die Homestory vom Hauptverdächtigen, exklusiv in allen größeren Medien, mit Fotos wie er mit Hundewelpen spielt und seiner kleinen Schwester geduldig bei den Hausaufgaben hilft.

Doch, noch eine Meldung hören wir dieser Tage aus Augsburg! Ein syrischer Hausvermieter wollte seine Wohnungen exklusiv an syrische Flüchtlinge vermieten und wurde deshalb mit 1.000 Euro Bußgeld bestraft – nein, halt, da habe ich etwas verwechselt, in meiner ameisenhaften Eile! Die richtige Meldung lautet: »Prozess in Augsburg – Wohnung nur „an Deutsche“ – Vermieter muss wegen Diskriminierung 1000 Euro zahlen« (focus.de, 10.12.2019). Geschieht ihm recht – er hätte ja von den Gutmenschen lernen können, welche dieselbe Filterung über den Preis vornehmen – oder er hätte es direkt an die Stadt vermieten sollen, für Flüchtlinge, wie so manche Politiker es tun, und das soll ja weit profitabler sein, als so eine lumpige Miete von armen Deutschen.

Nun, das Leben geht weiter, und nicht nur aus Augsburg gibt es Nachrichten im Zeichen von Toleranz! Über ein internes Papier der Bundesregierung erfahren wir: »Auch Ausländer hätten Anspruch auf die Grundrente.« – Es geht um 8,4 Millionen Menschen zusätzlich, die gratis auf ihre alten Tage von Deutschland versorgt werden sollen (so focus.de, 11.12.2019), also zusätzlich zu all den anderen Empfängern deutschen Wohlstands. Das Geld wird da sein, und wenn wir alle vom Morgen bis zum Abend brav die Pfandflaschen aus den Mülleimern angeln gehen – bis sie uns auch dafür vor Gericht stellen. Hoffen wir nur, dass die Clans genug Pfandflaschen in den Müll werfen, statt sie geizig zurück in den Supermarkt zu bringen, sonst bricht nach der Enteignung von Immobilien, für die man sich jahrzehntelang krumm gearbeitet und zusammengespart hat, bald auch dieser Pfeiler deutscher Altersversorgung weg!

Ich wünsche guten Erfolg

Wir Menschen fragen seit jeher, was der Sinn unseres Lebens sei; die Völker und Nationen haben es meist beantwortet mit »das eigene Überleben sichern und den eigenen Leuten etwas Glück möglich machen«; den Deutschen des 21. Jahrhunderts scheint dagegen von rätselhaften Mächten als raison d’être aufgetragen worden zu sein, immerzu zu arbeiten und so lange ausgequetscht zu werden, bis alle Produktiven ausgewandert oder verstorben sind. – Ja, es gibt noch einige Deutsche, die sich nicht damit abfinden wollen, wenig mehr als das Verbrauchsmaterial von Globalisten und Gutmenschen zu sein, und ich wünsche ihnen guten Erfolg im Rahmen von Recht und Demokratie (ich halte exakt nichts davon, etwa die Antifa-Gewalt mit ebenso undemokratischer Gegengewalt zu bekämpfen). Doch, ich stelle mir zugleich die poetisch-theoretische Frage: Wenn wir Ameisen wären und jemand unseren Haufen beobachtete, was würde er von uns denken?

Das Bild von den Ameisen ist entfernt angelehnt an das »Fermi-Paradoxon« (siehe auch Wikipedia), welches bekanntlich grübelt: Nach aller Wahrscheinlichkeit müsste es außer uns noch weitere Zivilisationen da draußen im Weltall geben – wo sind sie denn alle? Die möglichen Antworten lassen sich in zwei Gruppen teilen – eine, die uns schmeichelt, und eine, von der ich als Arbeitshypothese ausgehen würde.

Die erste Gruppe von Antwortversuchen zum Fermi-Paradoxen schmeichelt uns (wenn es auch ein berechtigtes Gefühl von Einsamkeit erzeugen könnte), indem angenommen wird, dass wir tatsächlich allein sind, dass dieser Planet die einzige Stelle im gesamten Weltall ist, auf dem in unserem Sinne intelligentes Leben vorhanden ist.

Die zweite Gruppe theoretischer Erklärungen zum Fermi-Paradoxon wage ich frech zusammenzufassen mit: Wir sind denen einfach zu blöd. In der zweiten Antwortgruppe sind spektakuläre Antworten zu finden, etwa die »Dunkler-Wald-Theorie«, wonach es durchaus intelligente Zivilisationen im Weltall gibt, die sich aber lieber verstecken, um nicht selbst zum Opfer zerstörerischer Außerirdischer zu werden. Man könnte auch postulieren, dass wir durchaus beobachtet werden, aber derart, dass wir nichts davon mitbekommen, oder nur in Stichproben, oder auf eine Weise, die mitzubekommen uns (und unseren Maschinen) schlicht die Sinnes- und Geisteskapazitäten fehlen. Die Theorien der zweiten Gruppe haben gemeinsam, dass es nach ihnen durchaus intelligentes Leben da draußen geben könnte, dieses aber kein Interesse hat (oder sich selbst die Möglichkeit genommen hat), mit uns in Kontakt zu treten – flapsig, jedoch nicht zwingend unpräzise formuliert: Wir sind denen zu blöd.

Schule für Außerirdische

Wenn wir einmal uns selbst als Ameisen betrachten, und uns in die Rolle des Architekten hineindenken, der wie in der einleitenden Metapher über unserem Ameisenhaufen steht, was würde der Architekt über unser Treiben auf unserem Haufen denken?

Wie würden Sie die Überlebenschancen eines Ameisenvolkes einschätzen, dem einprogrammiert wurde, seine Vorräte den Ameisen aller Nachbarvölker zur Verfügung zu stellen, das bis zur Erschöpfung arbeitet, um diese Vorräte aufzufüllen, das seine Arbeiter-Ameisen bestraft, wenn sie es wagen sollten, einmal die Ameisen des eigenen Ameisenhaufens zu bevorzugen? Wird das Volk es noch lange machen, wird es dem Wind und dem Regen widerstehen – oder wird es vom nächsten Gewitter die Lichtung herunter gespült werden, in den Bach der gnadenlosen Zeit?

Oder, ganz ohne Metapher, aber dafür mit Außerirdischen: Was würde ein Außerirdischer denken, wenn er dieses Deutschland und diese Deutschen studierte? Was sollte es geben, das Außerirdische von uns lernen sollten?

Der Aufruf an den Menschen, dazuzulernen und also gewisse Eigenschaften von Tieren zu adaptieren, hat gute Tradition. Im Text »Erdoğan, unsere IS-Kämpfer und die Kunst, ein Gentleman zu sein« zitiere ich etwa diese Aufforderung eines bekannten jüdischen Wanderpredigers: »Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben« (Matthäus 10:16b).

Im selben kanonischen Werk, in seinem »ersten Teil« gewissermaßen, findet sich ein Teilbuch, von dem sich definitiv sagen lässt, dass es »auch dann funktioniert, wenn man nicht dran glaubt«, und dort, in Sprüche 6:6 lesen und lernen wir: »Geh hin zur Ameise, du Fauler, sieh ihre Wege an und werde weise!« – Es ist, so scheint mir, nicht nur der Fleiß, den wir von der Ameise lernen können.

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