17.7.2020

In der Dämmerung die Gespenster

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, Foto von Di Maitland
Im TV berichtet der Siemens-Chef, wie er bei ausgeschaltetem Ton (!) das Böse in der Rede der Opposition zu erkennen meinte. (Und dann wurde es NOCH bizarrer.) Was kommt als Nächstes? Schädelvermessung bei Abweichlern?
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Stellen wir uns vor, dass wir Maurer sind (die Maurer unter uns, müssen sich das natürlich nicht extra vorstellen). Stellen wir uns weiter vor, dass wir die zehnte Lage der Steine eines neuen Hauses setzen, da wird es windig.

Der Wind bläst und bläst, und Sie fragen sich: Wird das Haus auch stark genug sein, dem Wetter standzuhalten? Wie muss ich diese zehnte Lage bauen, so dass diese zehnte Lage und dann der Rest des Hauses dem Sturm standhält?

Wovon hängt es ab, ob die zehnte Lage der Steine halten wird? Nun, wie stabil die zehnte Lage dem Wind standhält, das hängt zuerst davon ab, wie stabil die ersten neun Lagen gebaut wurden! Wenn Sie erst bei der zehnten Lage Steine – oder gar erst beim Dachbau! – darüber nachdenken, wie Sie Ihr Haus sturmfest bauen, ist es womöglich schon zu spät. Bereits das Fundament, bereits die Steine der allerersten Lage müssen klug gegossen und gerade gelegt sein, damit das ganze Haus sturmfest sein kann.

Der Groß-Cophta

Kurz vorm Einstieg in dieses mit Fortlauf immer irrealer wirkende Jahr 2020 schrieb ich den Essay »Selbstbestimmung – das große Thema des Jahrzehnts«. Es fühlt sich weit mehr als ein halbes Jahr entfernt an.

Ich erwähnte, unter anderem, Goethes »Groß-Cophta«, und ich zitierte das erste der kophtischen Lieder. Die Gedanken der alten Großen scheinen mir ganz ausgezeichnete Steine für die ersten, besonders schwere Last tragenden Lagen des sturmfesten Hauses zu sein. Ist es nicht das, was Eltern tun? Ihren Kindern bei Bau ihres Hauses die ersten Steine anzureichen? Es gibt wahrlich schlechter geeignete Steine als die Sätze der Weisen von Weimar.

In der vierten Szene des zweiten Aktes im Groß-Cophta (nachlesen bei zeno.org) lässt Goethe die Marquise erklären: »Die Menschen lieben die Dämmerung mehr als den hellen Tag, und eben in der Dämmerung erscheinen die Gespenster.«

Der Ton war leise

Diese Ära der Übermoral, der industriell produzierten Dauer-Moral-Panik, diese Ära ist bevölkert mit ihren ganz eigenen Gespenstern und sich zuerst in Visionen manifestierenden Gestalten (siehe auch Essay vom 15.6.2020).

Wer ein klitzekleinwenig älter ist und den klugen Erich von Däniken vermisst, der konnte dieser Tage bei ganz besonderen Sendungen im deutschen Staatsfunk nicht-nur-ein-wenig in Nostalgie schwelgen.

Man weiß ja recht zuverlässig, was man zu erwarten hat, wenn eine Journalismuspreisträgerin im Zahl-oder-ab-in-den-Knast-TV einen politisch Korrekten interviewt.

Ziemlich genau bei 1:00:00 der letzten Hayali-Sendung kommt die Journalismuspreisträgerin in einem 1:1-Interview mit dem sich politisch ultrakorrekt gebenden Siemens-Chef Joe Kaeser auf das Lieblingsthema aller auffallend gleich denkenden deutschen »Eliten« zu sprechen, den Kampf gegen die Opposition.

Die Journalismuspreisträgerin legt, wie Journalismuspreisträgerinnen es gerne machen, sofort Ton und Richtung fest, indem sie von der »sogenannten Alternative« spricht – derart plumper Propagandasprech, dass man dies nicht weiter zu kommentieren braucht (zdf.de, 16.7.2020). Während Hayalis »Einordnung« eher plump und gewohnt schlicht ist (Kaeser dazu: »mir gefällt das gut«), wird es wenig später in Herrn Kaesers Antwort geradezu bizarr.

Herr Kaeser berichtet, zur guten Sendezeit im zweiten Kanal des deutschen Staatsfunks, über seine Twitter-Arbeit zu einer Rede der Co-Vorsitzenden der größten deutschen Oppositionspartei.

– Kaeser: Ich kann mich gut erinnern, ich saß damals in Frankfurt in der Lufthansa-Lounge. Auf `nem Flug nach USA. Und ich sah das, und ich dachte, was ist das denn? Man… Der Ton war leise, ich hörte gar nicht, was sie sagt, aber ich sah die Ausdrucksform…
– Hayali: von Alice Weidel
– Kaeser: dieser, dieser Dame, die da geredet hatte. Und ich dachte: Wenn das die Menschen in der Welt sehen, dann werden sie mich fragen: Habt ihr denn in Deutschland echt nichts gelernt.
(ZDF, Dunja Hayali, zdf.de, 16.7.2020, ab ca. 1:02:11, mein Transkript)

Als er von »Ausdrucksform« redet, so scheint es mir, beginnt Herr Kaeser breit zu lächeln (oder: zu grinsen?, schauen Sie selbst, bei ca. 1:02:27), sei es weil er ein Gefühl der »Entrückung« erlebt, weil er sich selbst darüber wundert, was für einen wirren Unsinn man im deutschen Staatsfunk sagen kann, wenn es nur gegen die Opposition geht, oder aus ganz anderen Gründen.

Diese propagandistisch wirkende Logik ist recht einfach: »Die Opposition sagt böse Dinge, auch wenn ich nicht höre, was sie sagt, und weil sie böse Dinge sagt, weiß ich, dass sie böse ist, und weil sie böse ist, weiß ich, dass sie böse Dinge sagt, auch wenn ich gar nicht höre, was sie sagt.«

Ein Journalist, wie ich ihn »von früher« kenne, würde bei den sehr irritierenden Aussagen kritisch nachhaken. Die Journalismuspreisträgerin vom Staatsfunk leitet gewohnt rustikal mit der linkspropagandistischen Masche ein, Kritik in der Sache mit dem Hinweis auf angebliche »Morddrohungen« abzubügeln – und dann wird es tatsächlich noch bizarrer. Kaeser berichtet nicht, dass er Anzeige erstattet hat (was nicht heißt, dass er es nicht getan hat). Er berichtet davon, wie er mit einem als »Adolf Hitler« auftretenden anonym Drohenden in E-Mail-Kontakt getreten ist, und dann positioniert er die üblichen Vokabeln im Anti-Oppositions-Kampf, also »Hass«, et cetera. Frau Hayali wechselt, scheinbar zufrieden mit dem Abhaken der Anti-Oppositions-Vokabeln, zu den Rentenplänen Kaesers, der sich selbst loben darf – natürlich unwidersprochen. Fürwahr eine Sternstunde der Kuriosität, selbst im längst von Realität und Ratio losgelösten deutschen »Kampf gegen Recht(s)«.

Es ist nicht bekannt, ob Kaeser und Hayali demnächst nach der Kunst der Mimikdeutung auch die Kunst der Schädelvermessung (siehe Wikipedia) im deutschen Staatsfunk verhandeln werden, um auch so die »wahren« Gedanken von Oppositionellen zu ergründen. Auch konnte ich nicht unmittelbar herausfinden, welche Gedanken der sehr moralische Herr Kaeser etwa an den Gesichtern der Verurteilten in Saudi-Arabien ablesen kann, wenn sie etwa wegen »Hexerei« hingerichtet werden (siehe Wikipedia) – vielleicht kann uns Siemens Saudi-Arabien da mit Erkenntnissen und Gesichtsdeutungen weiterhelfen.

Auch nur eine Sekunde lang

Selbst dem Aufgeklärtesten kann es passieren, dass die Dämmerung unbemerkt über ihn hereinbricht, und dann sieht er plötzlich Gespenster, und dann will der Wind durch die Ritzen seines Weltbildes pfeifen. Gerade dann und deshalb ist es wichtig, dass das persönliche Fundament steht, dass die Mauern vom ersten Stein an gut gebaut sind.

Ich tue mir sehr schwer, wirklich zu glauben, dass der Konzern-Chef auch nur eine Sekunde lang das glaubt, was er von sich gibt. Ich bin jedoch ziemlich sicher, dass er, wenn er etwas allzu anderes sagte, nicht solche an Gratis-PR erinnernden Sendeminuten von lupenreinen Journalismuspreisträgern im deutschen Staatsfunk bekäme.

Dass ein Herr, der es so weit schaffte, wirklich so denkt, so etwas zu glauben tue ich mir zu schwer – doch ich fürchte, dass es viel zu viele Menschen im Staatsfunk-Publikum gibt, die den Mimiklesen-Voodoo tatsächlich in ihren politischen Aberglauben integrieren.

Vom ersten Stein an sturmfest

Um den Meister Goethe zu paraphrasieren, wahrscheinlich sinnwahrend: Die Deutschen lieben die Dämmerung mehr als den hellen Tag, und eben in der Dämmerung erscheinen die Gespenster.

Stürmische Zeiten und die Dämmerung des Geistes dazu, das kann einem durchaus Angst bereiten, das kann uns Gespenster erscheinen lassen.

Stellen wir uns vor, dass wir Maurer sind, und dass wir die zehnte Lage der Mauern unseres Hauses setzen, und prompt wird es sehr windig. Wird das Haus auch stark genug sein, dem Wetter standzuhalten? Wohl dem, der sich ein starkes Fundament gebaut hat. Wohl dem, der seine Mauern vom ersten Stein an sturmfest baut. Wohl dem, der von den Gespenstern auf die Dämmerung zu schließen weiß – und also die Gespenster hinterfragt.

Die Menschen sollen sich fürchten, und die Menschen wollen sich fürchten. Die Menschen sehen Gespenster, weil es dämmert, und im Staatsfunk wedeln sie mit ihren halbweißen Laken und rufen: »Buh! Buh! Fürchtet euch!«

Um einen Abweichler zu zitieren, den die heutigen Pharisäer genauso kreuzigen lassen würden, wie sie ihn damals kreuzigen ließen (nur dass »Gotteslästerung« heute »Hassrede« heißt): Fürchtet euch nicht!

»Weiterschreiben, Wegner!«

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