30.9.2020

Debatte, Chaos und kluge Berufswahl

von Dushan Wegner, Lesezeit 10 Minuten, Foto von Dave Sherrill
Die erste der US-Debatten war eine Schlammschlacht. Biden reihte Lüge an Lüge, beleidigte den Präsidenten – der Moderator schützte Biden. Trump kämpft längst nicht mehr nur für sich. Trump kämpft für die Demokratie selbst. Wird er gewinnen? Kann er?
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Wenn wir alle unseren Namen richtig trügen, dann wären noch viel mehr von uns arbeitslos. So viele Leute heißen Wagner (oder Wegner) – und kaum einer davon baut auch wirklich noch Wagen oder Kutschen, nicht einmal Droschken oder wenigstens zwischendurch einen Handkarren.

Ob Wagner, Schmidt, Fischer, Köhler oder natürlich Bauer – manche der bezeichneten Berufe selbst existieren ja noch, doch der Marktbedarf ist weit geringer als einst, manche Berufe sind samt ihrer Namen verschwunden.

Wenn wir die Bezeichnung »Harzer« hören, denken wir nicht an einen, der das Harz von den Bäumen sammelt. Einen, der alte Kleidung sammelte, nannte man einen »Haderlump« – ich finde, man sollte das schöne Wort in neuer Bedeutung wiederbeleben. Und in »Wahrheit und Ächtung« (14.7.2020) beschrieb ich den einstigen Beruf des »Türmers«, der vom Turm aus nach nahender Gefahr sah und im Fall des Falles dann seine Mitbürger warnte.

Nach den diversen Ostblock-Umstürzen traf man nicht wenige Menschen, deren Beruf mal eben obsolet geworden war. Einige der Berufe der DDR etwa wurden zwar offiziell als vergleichbar mit einem Westberuf anerkannt, auch der Rente wegen, doch tatsächlich waren nicht wenige der Kenntnisse, die Ost-Qualifikationen mit sich brachten, schlicht nicht mehr vonnöten.

Ich erinnere mich an die Gespräche mit Menschen, die vor kurzem noch eine Arbeitsstelle und damit eine Rolle in ihrer Gesellschaft hielten – und dann innerhalb von Monaten zu unqualifizierten Bittstellern wurden. Es ist bitter, wirtschaftlich fast wertlos zu sein, in einer Gesellschaft, in der sich so vieles um wirtschaftliche Nützlichkeit dreht. Es ist schmerzhaft und fühlt sich zugleich etwas surreal an, ohne eigenes Verschulden von einem Tag auf den anderen gefühlt überflüssig zu sein.

Nicht in diesem Extrem

Am 30. September 2020 hatte ich mir den Wecker auf die allefrühesten Morgenstunden gestellt. Ich hatte den Klingelton viel zu laut eingestellt und weckte die gesamte Familie. Die Kinder schimpften und schliefen wieder ein. Mit Elli im Arm schaute ich dann die Live-Sendung, die als »Debatte der US-Präsidentschaftskandidaten« angekündigt worden war. Ich erlaube mir, es so umzuschreiben: In anderen Kontexten könnte ein Mann eher zerknirscht reagieren, wenn die Frau sagt: »Und dafür hast du mich geweckt? Meh, ich hätte lieber geschlafen.«

Die erste der drei angesetzten TV-Debatten zwischen dem aktuellen Präsidenten Donald Trump und dem Herausforderer Joe Biden war kaum »Debatte« zu nennen. Wie ein AfD-Politiker in deutschen Staatsfunk-Talkshows allein gegen alle steht, so hatte Trump gleichzeitig Joe Biden und den Moderator Chris Wallace gegen sich.

Joe Biden hatte im September beinahe die Hälfte der Tage freigenommen, um sich auf die Debatte vorzubereiten, und was auch immer seine Betreuer mit ihm angestellt hatten, es scheint erfolgreich gewesen zu sein. Bidens übliche Aussetzer waren kaum merkbar (einige Beobachter können es sich nur mit elektronischen Hilfsmitteln erklären; in den sozialen Medien kursieren Nahaufnahmen von Biden, auf ein elektronisches Gerät aus Bidens Ärmel zu ragen scheint (siehe 3:39 via YouTube/CNN) – seine Apologeten werden sagen, Biden trage eben einen Kugelschreiber in seinem Ärmel – nun, in einem Casino aber wäre Biden wahrscheinlich zumindest wegen möglichem Betrugsversuch überprüft worden; tatsächlich ist es wohl ein Art am Handgelenk getragener Rosenkranz). Beeindruckend wäre, wenn Biden die Gebrechlichkeit und scheinbare Demenz bislang nur simuliert hätte, um Trump davon abzuhalten, sich selbst optimal auf die Debatte vorzubereiten. Andererseits fordert etwa Nancy Pelosi, keine weiteren Debatten zuzulassen. Es half Biden sehr, dass der Moderator Chris Wallace ihn oft lange Monologe direkt in die Kamera reden ließ – und ihm sogar bekannte Anti-Trump-Stichworte wie die Very-fine-people-sides-Lüge als Prämisse vorlegte.

Die »Debatte« war eine Schlammschlacht, Biden und sein »Anwalt« Wallace gegen Trump. Biden belegte Trump – wohlgemerkt den Präsidenten der USA –regelmäßig mit üblen Schimpfwörtern (»rassist«, »clown«, »shut up, man«), wie es Linke eben von ihren Anheizern erwarten. Trump wies wiederholt (und sehr deutlich) auf die Risse in Bidens Anspruch hin, etwa die Deals seines Sohnes in Russland oder China.

Das Motiv, das sich durch die Schlammschlacht zog, waren Bidens Lügen und Widersprüche, in Stellung gebracht mit Hilfe des Moderators Wallace. Die »Very fine people«-Lüge etwa. Oder der widersprüchliche Vorwurf, Trump betreibe den Lockdown nicht harsch genug – kombiniert mit dem Vorwurf, die aus dem Lockdown folgenden wirtschaftlichen Schäden seien allein Trumps Schuld. (Die für Linke und Journalisten plausible Implikation: Ein Biden würde einen Lockdown betreiben, der totaler als alle Trump-Lockdowns wäre, aber zugleich keinen einzigen Arbeitsplatz kosten würde. Absurd, ja, aber Trump-Hasser glauben so etwas.)

Biden sagte, er würde den geradezu wahnsinnigen »Green New Deal« nicht unterstützen (quasi eine Vernichtung der US-Wirtschaft zum Wohl der Umwelt) – seine eigene Website nennt ihn ein »entscheidendes Framework« (joebiden.com/climate-plan/) – und dann verteidigte er  ihn (@RNCResearch, 30.9.2020).

Auch der Moderator Chris Wallace bog die Fakten gelegentlich zur Lüge um. Donald Trump hatte in der letzten Woche verboten, dass die als »Critical Race Theory« etikettierte Anti-Weißen-Ideologie an Regierungsbehörden unterrichtet wurde – der Moderator Wallace aber behauptete, Trump hätte »racial sensitivity training« abgeschafft (vergleiche breitbart.com, 29.9.2020), also etwa das Wecken von Bewusstsein für Spannungen zwischen Rassen – es ist eine Unwahrheit, die natürlich die »woken« in Bidens Wählerschaft in Wallung bringen soll.

Man könnte die Liste der Bidenschen Lügen und Verdrehungen fortsetzen (ich muss dem Drang widerstehen, sie im Nachhinein in diesen Essay einzufügen und ihn unerträglich lang werden zu lassen), doch es ist nicht die eigentliche Schlagzeile, dass ein Linker wieder lügt. Auch dass der Moderator sich offen auf Bidens Seite stellte, wenn dieser zu straucheln drohte, ist nicht die eigentliche Schlagzeile – noch nicht einmal, dass der hoch parteiische Moderator zusammen mit Biden lachte, wenn dieser eine vorbereitete Frechheit gegen den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika ausspuckte.

Obwohl der Moderator sich regelmäßig schützend vor Biden warf, landete Trump durchaus Wirkungstreffer, etwa als er darauf hinwies, dass keine einzige Polizeiorganisation sich für Biden ausgesprochen hätte, aber eine ganze Reihe für ihn, Trump – aber auch das ist nicht die eigentliche Schlagzeile.

Auch den vom Biden-Fan Chris Wallace abverlangten diversen Glaubensbekenntnisse (für dies, gegen jenes) entzog er sich (meist). Abverlangte Glaubensbekenntnisse sind ein rhetorischer Trick: Der Angesprochene verliert das rhetorische Machtspiel gerade dann, wenn er sich unterwirft. Der unparteiischen Vollständigkeit halber – wir sind ja keine Journalisten! – sei notiert, dass auch ich mindestens die Augenbrauen hochzog, als Trump auf die Aufforderung hin, »white supremacists« zu verurteilen, sich dahin flieht, die »Proud Boys« aufzufordern: »stand back and stand by«, zu Deutsch etwa: »Zieht euch zurück und haltet euch bereit!« – Das Ziel der Aufforderung durch den parteiischen Moderator: Trump sollte emotional und thematisch mit dem Thema zusammengebracht werden. Tatsächlich hat Trump es über die Jahre getan, wieder und wieder, siehe simple Suche bei YouTube. Die Frage des Moderators war Stimmungsmache, Trumps Reaktions jedoch wirkt wie ein jener ungeschickten Formulierungen, die man Linken tausendfach durchgehen lässt, aber Nicht-Linken einfach nicht passieren sollten. – Dass Biden sich hingegen um eine Verurteilung der Antifa drückte (es sei nur »eine Idee«), also einer Terrorbande, die tatsächlich zuletzt täglich in Amerika gewalttätige Angriffe vor allem in sozial schwächeren Städten lanciert, das wäre ebenso kaum eine Schlagzeile, zumindest keine überraschende.

Die eigentliche Schlagzeile scheint mir zu sein, dass diese Debatte eine derart aggressive und unwürdige, schlicht schmutzige Angelegenheit darstellte, dass jeder, der die Idee der Demokratie als Ganzes in den Schmutz ziehen will, nur auf dieses Schauspiel mit dem Finger zeigen muss, um schlicht zu fragen: Das soll moralisch überlegen sein? (Ein anderer Deutungsansatz würde formulieren, dass gerade die Möglichkeit, einen Präsidenten so anzuraunzen, ihn öffentlich zu beleidigen und linke Lügen über ihn im TV zu erzählen, die Stärke der Demokratie ausmache. Ich teile diese Deutung nicht unbedingt, nicht in dem vorgefallenen Extrem.)

Gegenteil und Chaos

Die Idee und Werte der Demokratie erodieren, weltweit – und damit die Demokratie selbst. Demokratie, wie das Glück und die Freiheit, braucht Ordnung. Die Demokratie ordnet, sie bekämpft das Chaos, denn im Chaos siegt immer nur der Starke, selten die Vernunft und nie die Gerechtigkeit.

Beispiele: Die Feinde der Demokratie stiften Chaos und Unordnung – im Namen einer vorgeblichen »Moral«. Ungebremste Migration schafft Chaos in Gesellschaft und Sozialsystemen. Die Umdeutung von Wörtern in ihr orwellsches Gegenteil schafft Chaos in der demokratischen Debatte – und greift so direkt die Demokratie an. Um eine Demokratie in die Knie zu zwingen braucht es nicht unbedingt Armeen – durch Propaganda gestiftetes Chaos kann beinahe Effektiver sein, denn emotionale Manipulation zeichnet sich je gerade dadurch aus, dass sie in ihrem Opfer keinen Widerstand weckt, sondern es zum Mittäter werden lässt.

Diese Debatte war Chaos. Der Herausforderer log, der Moderator half ihm dabei. Alle drei Teilnehmer schrieen einander an und unterbrachen die Rede des anderen Lagers. (Randnotiz: Allein Bidens üble Beschimpfungen des US-Präsidenten sollten ihn bereits für ein solches Amt disqualifizieren.)

Demokratie setzt auf Debatte. Das war keine Debatte (ebensowenig wie die »Talkshow« genannte Tribunale und Einheitsmeinung-Stuhlkreise im deutschen Staatsfunk). Wenn wir keine Debatte mehr zu führen in der Lage sind, sind wir nicht mehr zur Demokratie in der Lage. Wer wird uns aber dann vor der Macht vertreten, wenn wir nicht mehr zur Demokratie befähigt sind?

Dem Postkutschen-Mechaniker

Wer im Sozialismus einen Beruf lernte, der auch bei den ach-so-schlimmen Kapitalisten von Nutzen war, den traf der Umsturz nicht ganz so hart – es fühlt sich für mich immer mehr wie eine Metapher an.

So wie einige Menschen nach dem Kollaps des Sozialismus plötzlich einigermaßen wirtschaftlich nackt und hilflos dastanden, so ahne ich heute, dass einige von uns sich fühlen werden, wenn die Idee der Demokratie mit Geschrei und vermeintlich »guter« Absicht vom Mob-der-Guten gelyncht und verscharrt wurde.

Was für Berufe, was für Geisteshaltungen und Menschentypen wird es brauchen, wenn unsere Gesellschaften von der Demokratie in einen neuen Aggregatzustand übergehen?

Ärzte wird es auch nach der Demokratie brauchen, Ingenieure auch. Propagandisten, Spitzel und Haltungsjournalisten werden erst so richtig aufdrehen.

Doch, vom Beruf als Metapher zur »politischen« Qualifiation: Demokratische und überhaupt vom links-globalistischen Zeitgeist abweichende Perspektiven auf die Welt könnten demnächst eher »unbeliebt« sein. Einem Selbstdenker in Deutschland geht es ja schon heute bald ähnlich wie einem Menschenrechtsaktivisten in Hong Kong. Einer, der das Recht weiterhin aus dem demokratischen Konsens im Geist des habermasschen zwanglosen Zwangs des besseren Arguments herleiten will, dem wird es in einer von linken Lügen und NGO-Interessen dominierten Postdemokratie ähnlich ergehen wie dem Postkutschen-Mechaniker im Zeitalter von E-Mails und mobilen Sofortnachrichten – er wird überflüssig.

Der politische Klimawandel wird uns weit früher die Haut verbrennen und das Wasser bis zum Hals steigen lassen, als jener Klimawandel, der heute mehr einem Kult gleicht (zu welchem natürlich der Moderator Wallace ein peinliches Glaubensbekenntnis von Trump einforderte).

Was bleibt

Der Zerfall der Werte, auf welchen die Idee der Demokratie ruht, ist keine »Phase« mehr, kein bloßer Pendelschwung. Während die selbsternannten »Guten« alle Debatten aus hundert Kanälen in einem Strom von Lügen und irrationaler Emotion überschwemmen, wird andernorts im Stillen die Schlinge um den Hals der Demokratie und damit aller freien Bürger enger gezogen – man denke nur an das Anti-Freie-Rede-Gesetz »NetzDG« in Deutschland, das derzeit so radikal verschärft werden soll, dass sogar einem Steinmeier (der, der nichts mit Eikonal zu tun hatte) wohl Bedenken zu kommen scheinen (netzpolitik.org, 18.9.2020: »Ein neues Gutachten hält große Teile des Gesetzes für verfassungswidrig.«).

Einige der Geisteshaltungen, derer sich die Ewighoffenden heute noch rühmen, könnten sehr bald sehr obsolet sein. Ich fühle mich an jene Parabel Bertolt Brechts erinnert, als »Herr Keuner, der Denkende« sich im Saal vor vielen Zuhörern gegen die Gewalt ausspricht. Plötzlich wird es leise und die Zuhörer weichen vor Keuner zurück. Hinter Keuner steht: die Gewalt. Was er getan habe, fragt die Gewalt, und Herr Keuner antwortet, er habe sich für die Gewalt ausgesprochen.

Mit jeder Zeile, die ich für die Idee der Demokratie schreibe, für echtes Recht und gerechte Ordnung, mit jedem zum Dokument gewordenen Satz frage ich mich, ob nicht schon sehr bald die Undemokratie auf meine Schulter klopft, und mich zum Bekenntnis zwingt, schon immer gegen die Freiheit gewesen zu sein (denn die Freiheit führt zu »Hass«, und wer für Freiheit ist, der ist also auch für »Hass«, so sagen die Undemokraten) – zu sagen, schon immer für die Unmoral und gefühlte Wahrheit der Globalisten gewesen zu sein, es wäre eine Selbstverleugnung, die zudem als dokumentierter Publizist nicht so leicht möglich wäre – das Internet vergisst nicht, und die Geschichte lehrt uns, dass die Feinde der Freiheit doppelt nicht vergessen.

Einige, die sich heute ihrer Rolle in der demokratischen, marktwirtschaftlichen Gesellschaft sehr sicher sind, könnten sehr bald sehr verloren dastehen. Bedenken Sie nur, wie viele Leute heute »Müller« heißen – und wie wenige Menschen man kennt, die tatsächlich ihr Brot mit dem Mahlen des für eben dieses Brot notwendigen Getreides verdienen.

Die Bewahrer der Demokratie und die Verteidiger der Freiheit, sprich: die Konservativen und die Liberalen, haben keinen George Soros, keine ausländischen Mächte mit tiefen Taschen, dafür immer weniger Vertretung in den Parlamenten. Wir haben wenig mehr als die schwindende Kraft der Argumente und den trotzigen Appell an alte Vernunft – doch wenn beides unter der Schlammlawine linker Lügen untergeht, was bleibt?

Was uns bleibt, ist die Hoffnung, einen Beruf gewählt zu haben, der (auch) im nächsten System dazu taugen wird, sein Brot zu verdienen ohne allzu viel Schaden an seiner Seele zu nehmen.

»Weiterschreiben, Wegner!«

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