Ja, »Demokratie« ist ein missbrauchtes Wort – doch »unsere« nicht minder. »Unsere Demokratie« ist weder »unsere« noch »Demokratie«. Wenn ein Politiker »wir« oder »unsere« sagt, genau dann brüllt er in Wahrheit am lautesten: »Ich! Ich! Ich!«

Es ist das Unwort (oder der »Un-Begriff«?) dieses Jahrzehnts: »Unsere Demokratie«.

Es ist ein Orwellsches Gegenteilwort, im Geiste von »Krieg ist Frieden« und »Freiheit ist Sklaverei«. »Unsere Demokratie« steht für die Macht alter Kader und Seilschaften gegen den Willen des Volkes, für den Verrat an demokratischen Werten und Regierungshandeln zum Schaden von Land und Volk.

Das Wort »Demokratie« in Unsere Demokratie steht für das Gegenteil von Demokratie. Wofür aber steht »unser«?

Mancher Zyniker, auch ich, deutete »unsere« schon mal sarkastisch als »Demokratie im Besitz alter Kreise«. Es ist definitiv nicht falsch – doch eine tiefere und damit präzisere Deutung ist möglich.

Ich bin da, um Geld zu machen

Am 21.11.2018 schrieb eine gewisse Katarina Barley auf Twitter (heute: »X«): »Mit @georgesoros habe ich heute über die Bedeutung einer lebendigen #Zivilgesellschaft für die Zukunft unserer #Demokratie gesprochen.« (Aktuell hat Frau Barley ihren X-Account stillgelegt, doch dieser öffentliche Kotau ist archiviert.)

Damals fungierte Frau Barley als Familienministerin. Seit bald einem Jahrzehnt deute und dokumentiere ich die Funktion des Familienministeriums als Deutschlands Quasi-Propagandaministerium. (Siehe dazu etwa die Essays »George Orwell 2016 „Ministerium für Liebe“« oder »Regierung ruft zu Denunziation von »Verschwörungsdenken« auf«, aber auch »1,1 Milliarden Euro – willkommen im Propagandastaat«.)

Natürlich weiß Herr Soros um seinen Ruf. Er entschuldigt ihn nicht einmal. Schlüssel-Zitat: »Ich bin da, um Geld zu machen. Ich kann nicht auf die sozialen Konsequenzen dessen, was ich tue, schauen, und tue es auch nicht.« (Siehe Essay vom 30.11.2018. Er sagte dies im Kontext einer Finanzkrise. Er will uns aber glauben machen, dass er für sein sonstiges Engagement einen ganz anderen moralischen Kompass verwendet. Reiche Leute haben offenbar mehr als nur eine Moral.)

Und natürlich wird auch Frau Barleys für PR zuständiges Personal von dem Ruf jenes Herrn wissen. Mir fällt als Deutung also nur ein, dass Herr Soros eine öffentliche Selbst-Demütigung gefordert haben könnte.

Es überrascht nicht wirklich, dass Frau Barley, die zwischenzeitlich mit einem geradezu fanatisch und krass anti-demokratisch anmutenden Kampf gegen die Opposition auffiel (@oida_grantler, 22.08.2025), nun von der SPD als Verfassungsrichterin ins Spiel gebracht wurde (tagesschau.de, 22.08.2025).

Wir sind empört und wütend über diese Dreistigkeit der sogenannten Eliten. Das Wort »Demokratie« bedeutet denen offenbar das Gegenteil dessen, was wir einst in der Schule lernten. »Unsere Demokratie« ist die pervertierte Umkehrung von »Wille des Volkes«.

In »Unsere Demokratie« werden Land und Volk zum Mittel und zur Verfügungsmasse für den Willen außer-demokratischer und wohl auch transnationaler Akteure. Es ist das Gegenteil von Demokratie. Welche Rolle spielt aber das Wort unsere hier?

Über Besitzverhältnisse

Unsere ist die flektierte Form des Possessivpronomens unser. Ein Possessivpronomen ist ein besitzanzeigendes Fürwort. Es beschreibt ein Besitz- oder Zugehörigkeitsverhältnis zum Sprecher und mindestens einer weiteren Person. Unsere impliziert, dass eine Gruppe existiert, derer Teil der Sprecher ist, und das von unsere bezeichnete Objekt befindet sich im Besitz dieser Gruppe.

Der durch unser beschriebene Besitz kann praktisch sein oder auch rechtlich (dann wäre es wohl Eigentum). Der Besitz kann aber auch ideell sein, wie etwa die Mitglieder einer Familie oder die Fans eines Fußballvereines von »unserer Familie« oder von »unserem Verein« reden.

Unser impliziert und behauptet damit die Existenz dreier Dinge: 1. Ein Objekt und 2. ein rechtliches, praktisches oder ideelles Besitzverhältnis zu diesem Objekt durch 3. eine Gruppe, derer Teil der Sprecher und oft auch der oder die Angesprochene(n) sind.

Hierin kommt aber das erste Problem des modernen deutschen Propaganda-Ausdrucks ans Tageslicht: »Unser« impliziert, dass das Eigene lediglich eine Spielart ist.

Ich weiß, dass andere Vereine existieren – unser Verein spielt ja regelmäßig gegen diese. Ich weiß, dass andere Familien außer »unserer« existieren, dass die glücklichen alle gleich sind und die unglücklichen jede auf ihre eigene Weise unglücklich.

Doch im Fall von Prinzipien und höheren Werten von unsere, also von Besitz zu reden, klingt aus gutem Grund recht schräg.

Unsere Mathematik

Würde jemand sagen, »unsere Mathematik ist so und so«, dann würden wir ihm attestieren, Mathematik nicht verstanden zu haben.

Sogar Sektierer, die sich außerhalb der Kirche auf Christus und die Bibel berufen, sagen nicht »unser Christentum«. Auch sie wissen, dass nur ein einziges Christentum existiert, also eine Art göttlicher Mathematik, nur eben auch in dem Glauben, sie hätten es als einzige voll begriffen – dass also jeder von ihnen mehr Einsicht besitzt als die Heiligen und Kirchenväter zweier Jahrtausende zusammen.

Demokratie ist ein Prinzip. Staatsformen mögen unterschiedlich sein, sogar demokratische Traditionen mögen voneinander abweichen. Doch wer ein Prinzip zum Besitz erklärt, der redet von etwas anderem, denn ein Prinzip kann nicht besessen werden. (Anmerkung: In einem Fall kann ein Prinzip durchaus im ideellen Besitz einer Instanz sein, nämlich wenn es sich ergibt, dass der Stifter auch Gott ist. Und zwar wirklich, sich nicht nur dafür hält. George Soros: »Ich habe mich für eine Art Gott gehalten… Es ist eine Art Krankheit, wenn man sich für eine Art Gott hält, den Schöpfer von allem, aber ich fühle mich jetzt wohl damit, seit ich begonnen habe, es auszuleben.« (latimes.com, 4.10.2004))

Die Besitznahme durch Unser im Ausdruck Unsere Demokratie ist so anmaßend wie pervertierend und begrifflich schlicht falsch.

Wie aber verhält es sich mit der bezeichneten Gruppe?

Das Wir ist verwirrt

Die SPD fuhr mal eine erfolglose Wahlkampagne mit Peer Steinbrück und dem Slogan »Das Wir entscheidet« (spiegel.de, 04.11.2013).

Sogar SPD-nahe Kreise diagnostizierten »Ver-wir-rung« (sueddeutsche.de, 11.4.2013) zur Frage, wer dieses entscheidende Wir denn sei.

Vermutlich wollte die SPD bloß an das erfolgreiche CDU-Wahlkampfwort »gemeinsam« anknüpfen (siehe schnelle Google-Suche).

Im Buch Talking Points erkläre ich, dass und wie politische Rhetorik immer nur ein einziges Ziel verfolgt: die Menschen davon zu überzeugen, dem Redner die Macht über ihr Leben anzuvertrauen.

Richtig und gut

Über alle Staatsformen hinweg gilt: Was auch immer ein Politiker sagt, immer gilt als Prämisse »Gebt mir Macht über euer Leben, weil«, und als Schlusswort: »deshalb ist es gut, wenn ich Macht über euer Leben habe«.

Wenn also ein Politiker das Wort »wir« verwendet, hören wir – und sollen wir hören: »Ich führe euch an, denn es ist richtig und gut, dass ich Macht über euch habe.«

In keinem Augenblick schreit der Politiker lauter »Ich!«, als wenn er »wir« und »unsere« sagt.

(Wenn ein Politiker tatsächlich »ich« sagt, dann oft nur deshalb, weil er gerade bei einer Schweinerei erwischt wurde, und sich herauswinden will: Ich habe die an mich gestellten Erwartungen enttäuscht, ich trete zurück, ich gebe euch mein Ehrenwort. Tatsächlich ist es, wenn ein Politiker das Wort »ich« benutzt und sich klein macht, oft einer der demokratischsten Momente überhaupt, heute also viel seltener als früher.)

Wenn aber ein Politiker »unsere« sagt, meint er: »Es geht um meine Macht, und ihr habt mir dabei zu helfen.«

Wenn ein Politiker »Wir« sagt, dann brüllt er in Wahrheit: »Ich! Ich! Ich!«

Doch vergessen wir nicht: Manche Macht ist verliehen und manche geraubt.

Ich fürchte den Tag, an dem Menschen zur Erkenntnis gelangen, dass diejenigen, die über sie herrschen, ihre Macht weder vom Volk noch von Gott verliehen bekamen, sondern es sich anfühlt, als hätten sie ihre Macht schlicht geraubt.

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Der Essay Weder unsere noch Demokratie von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/ich-ich-ich/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!