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Man will nicht, dass du die Hoffnung ganz aufgibst. Dann könntest du dir ja grundsätzliche Gedanken machen. Hättest ja nichts zu verlieren. Also hält man dir Strohhalme der Hoffnung hin. Nach der nächsten Wahl wird alles besser! Hab’ nur etwas Hoffnung!

Ich las letztens eine Nachricht von der Art, die empfindsamen Menschen wie dir und mir etwas Hoffnung gibt. Und in der Woche davor las ich mindestens zwei solcher Nachrichten. Und in der Woche davor – ach, wenn ich es recht bedenke, lese ich schon seit Jahren Nachrichten, die mir immer wieder einen Funken Hoffnung geben.

Eine deutsche Redensart spricht davon, dass Menschen ihre Hoffnung an einen Strohhalm klammern. Ein Strohhalm bricht schnell, doch wenn keine Wurzel und kein starker Ast in Reichweite sind, weder Rettungsring noch festes Seil, dann greift der Mensch eben nach dem sprichwörtlichen Strohhalm. Was sonst soll er auch tun?

Und dann bricht der Strohhalm.

Will es ein günstiger Zufall, dass just wenn der eine »Strohhalm der Hoffnung« zerbricht, die Nachrichten uns den nächsten Hoffnungsstrohhalm hinhalten? Und dann wieder, den nächsten? Jede Woche neu, über Jahre und nun bald Jahrzehnte hinweg? Oder werden wir hingehalten?

Es scheint fast so, als würde eine professionelle Industrie uns unentwegt »Strohhalme« hinhalten, die Strohhalm-Hinhalte-Industrie. Man hält uns hin, indem man uns Strohhalme hinhält.

Zum Beispiel. Ja, die aktuelle Regierung macht alles kaputt, aber nach der nächsten Wahl wird alles besser werden! Bestimmt! (Die Demokratie als »Hinhaltemaschine«? Ein Zyniker könnte sagen: Wenn Wahlen aber wirklich etwas zu ändern drohten, würde man mit Propaganda und schmutzigen parlamentarischen Tricks dafür sorgen, dass sie dies eben doch nicht tun.)

Ich schrieb mal einen extra langen Essay über das Loslassen. Ich nannte ihn »Das Buch übers Loslassen von Dushan Wegner – Dushan Wegner«. Ich feierte darin das Loslassen. Es ist ja naheliegend: Meine Aufmerksamkeit, meine Kraft und meine Zeit auf Erden sind schmerzhaft endlich. Wenn ich greifen und festhalten will, was wirklich wichtig ist – ein anderer Weg führt ja nicht zum Glück –, dann sollte ich loslassen, was nicht wichtig ist. Loslassen, was nicht wichtig ist im Sinne von überlebenswichtig. Loslassen, was nicht wichtig ist im Sinne von sinngebend.

Es könnte heute ein guter Vorsatz sein, die Hoffnung aufs Neue loszulassen, dass politisch etwas besser werden wird.

Wäre ich ein böser Kerl, der die Menschheit hasst, der Stiftungen und NGOs finanziert, um die Macht des Bösen zu mehren und die Menschen unglücklich zu machen, würde ich zugleich heimlich immer etwas Hoffnung verbreiten. Hoffnung ist das Opium des Wahlvolks.

Jaja, ich weiß: Einige von euch haben viel Zeit, Geld und Gefühl in die Hoffnung auf Veränderung investiert. Andere arbeiten vielleicht sogar selbst an einem Funktionärsposten in der Hoffnungsindustrie.

Ihr werdet mir vielleicht sagen: »Wer kämpft, kann verlieren; doch wer nicht kämpft, der hat schon verloren.«

Ich antworte: »Wer auf aussichtslosem Posten kämpft, der verliert ja nicht nur Zeit und Energie. Wer seine Hoffnung aufs Hoffnungslose setzt, der vergibt sich die Chance zu tun, was wirklich wichtig ist.«

Nein, man will nicht, dass du die Hoffnung ganz aufgibst. Wenn du die Hoffnung auf »die Politik« endgültig loslassen solltest, könntest du ja womöglich den Aufstand wagen, hättest ja nichts zu verlieren.

Also hält man dir Strohhalme der Hoffnung hin.

Bei der nächsten Talkshow wird es fair zugehen. Nächsten Monat kommt die Politik zur Einsicht.

Und wenn nicht: Der nächste Kanzler wird seine Versprechen halten, wird Grenzen dichtmachen und das Schuldenmachen beenden – versprochen!

Diesmal stimmt es, und dann wird alles wieder gut – hab’ nur etwas Hoffnung!

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Der Essay Industrielles Hinhalten von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/industrielles-hinhalten/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!