30.8.2020

Etwas bricht hervor

von Dushan Wegner, Lesezeit 7 Minuten, Foto von Stijn te Strake
Weltweit entflammen Proteste. Linke Anti-Demokratie-Mobs in den USA. Nicht-linke Pro-Demokratie-Proteste in Weißrussland, Berlin und anderen fernen Ländern. In EINEM sind sie sich einig: Man ist unzufrieden, SEHR unzufrieden, doch sind die Gründe gleich?
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Stellen wir uns eine Kiste vor, die auf der Veranda stand, oder auf dem Balkon, vielleicht auf der Terasse. Die Kiste ist fest verschlossen, doch sie stand etwas feucht da, die letzten Jahre über.

Wir ahnten, dass es ein Problem mit der Kiste gibt, doch wir haben versucht, die Kiste zu ignorieren. Zu viel anderes gab es zu tun – nicht-nur-heimlich hofften wir, dass das, was in der Kiste lebte, nicht-so-bald hervorbrechen würde – doch dann brach es hervor. Es war größer geworden, was in dieser Kiste gelebt hatte. Größer, stärker, schleimiger, giftiger – und vor allem aber war viel mehr davon da, als mancher geahnt hatte.

Hosen mit Schlag

Ich meine mich zu erinnern, dass man einst am Wochenende in den Städten nichts tat als zu spazieren und zu flanieren (heute stellenweise gefährlich, wegen »Partyszene« und »Toleranz«), dass Halbstarke den hübschen Damen hinterherpfiffen (»Sexismus!«, »Catcalling!«) und ein Eis schleckten (das wiederum ist mit Corona-Masken eine ziemliche Sauerei).

Wenn einem also nun das Eisschlecken, das Damenhinterherpfeifen wie auch das Flanieren vergällt wurde, was bleibt zu tun? Richtig – das Demonstrieren. Rund um diesen weiterhin schönen und weiterhin ruhig rotierenden Globus versammeln sich die Menschen in diesen Wochen zu gemeinsamen Demonstrationen.

In den letzten Jahren waren die großen Demonstrationen nicht selten eher Propaganda-Veranstaltungen und Gratis-Konzerte (siehe etwa »5 Mark und Bratwurst – wenn das System zur Demonstration ruft« und »Ich glaube den meisten Großdemos heute nicht – hier ist der Grund« – das ist seit einigen Monaten anders.

Aus einem fernen Luxusurlaubs-Paradies, konkret: Mauritius, wurden aktuell Proteste berichtet (Auslöser war ein Ölleck und der symbolstarke Tod einiger Dutzend Delfine, aber natürlich geht es um die Regierung selbst, deren Rücktritt gefordert wird; siehe etwa bbc.com, 19.8.2020).

Nein, nicht alle Proteste verlaufen auch entlang geordneter Denkbahnen. Für die nächsten Tage haben die Weltuntergangsesoteriker von »Extinction Rebellion« ihre Proteste in britischen Städten angekündigt (theguardian.com, 28.8.2020).

Einige Proteste sind ernsthafter, etwa die Arbeitslosigkeitproteste in Tunesien, die bereits zu politischen Konsequenzen führten (siehe egyptindependent.com, 29.8.2020). Für eine weit längere, aber offensichtlich noch immer nicht vollständige Liste der Proteste dieses Jahres siehe den »Protest Tracker bei carnegieendowment.org. Bei den weiterhin in den USA wütenden Plünderungen durch Antifa und Black Lives Matter wurde in Portland sogar ein Trump-Anhänger erschossen (siehe apnews.com, 30.8.2020, @KatieDaviscourt, 30.8.2020). Nach den im Internet kursierenden Aufnahmen geht der Mörder auf sein Opfer zu, das in dem Moment von ihm weggeht, das Opfer wird angebrüllt, bleibt stehen und dreht sich fragend um, und wird dann mit zwei Schüssen getötet. Einige meinen, im Video zuvor gehört zu haben, wie die Antifa-Terroristen einander zurufen »we got another Trumper here« (mir scheint es recht undeutlich).

Und es wurde bekanntlich auch in Berlin demonstriert. Über die Proteste wurde alles geschrieben, aus vielen Perspektiven (siehe etwa Alexander Wallasch bei tichyseinblick.de, 30.8.2020). An jenem, äh, vielschichtigen Ereignis erfreute mich mindestens ein Aspekt mit fröhlicher Freude: Auch dieses Mal sind Staatsfunker ganz öffentlich irritiert und geradezu wütend auf die Vielfalt der Menschen, die in Berlin der Regierung das Misstrauen aussprechen. Beispielhaft sei etwa Nicole Diekmann (@nicolediekmann, 29.8.2020) zitiert: »Menschen waren da gemeinsam auf der Straße, die auf den ersten Blick NICHTS gemeinsam haben. […]«

Wir vermuten ja längst, dass Staatsfunk-Journalisten an genug kognitiver Dissonanz leiden, um mit der Spannung all die abgeschalteten Kraftwerke auszugleichen, doch es von ihnen selbst ausformuliert zu lesen, das ist ein wenig neu und tatsächlich fast-schon-amüsant. Das linke Narrativ vom »wer uns widerspricht, kann nur Nazi sein«, ist selbst für Staatsfunker immer schwerer zu halten, spätestens wenn es sich um Hippies mit Glöckchen, Plastikblumen und handgefärbten Hosen mit Schlag handelt.

Feurige, weitgehend friedliche Proteste

In den USA wütet ein demokratiefeindlicher, teils offen terroristischer Mob. In Berlin protestierten Menschen zur Verteidigung der Demokratie, gegen den Merkel-Apparat, gegen Propaganda und Staatsfunk. Es ist denkbar verschieden – und doch mindestens in der Unzufriedenheit logisch ähnlich.

Natürlich sind Proteste gegen Demokratie wie die in den USA und Proteste für die Demokratie wie die in Berlin auf entgegengesetzten Polen der politischen Skala. (Und nein, ich diskutiere nicht mit Leuten, die sich über verwirrte Flaggen auf nicht-linker Seiten aufregen, aber Anschläge, Brände und tägliche Gewalt von Linken zu »weitgehend friedlich« umdeklarieren.) Auf der nach oben offenen Irrsinns-Skala belegte CNN einen neuen Bestwert, als deren Reporter ernsthaft vor einem lodernden Brand stehend von den eben diesen Bränden berichtete, während CNN tatsächlich vor ihn den Schriftzug einblendete: »Feurige, aber weitgehend friedliche Proteste nach Polizei-Schüssen« (Video-Ausschnitt: CalebJHull).

Von Psychotricks geprägt

Ich wage die These, dass die meisten Proteste weltweit derzeit heute Proteste gegen Unordnung sind – sie unterscheiden sich jedoch wesentlich darin, welche Unordnung es ist, welche die Menschen auf die Straße treibt.

Die Menschen sind unglücklich, und wie Leser der »relevanten Strukturen« wissen, verorte ich Glück als das Bewusstsein um die Ordnung seiner »Kreise«.

Die Schläger der Antifa sind unglücklich, weil ihr Leben ein Chaos ist, das sie selbst verschuldet haben. Da sie aber einer Generation entstammen, die nicht lernte, mit Grenzen und Begrenzung klarzukommen, welche erst die Voraussetzung des Glücks bilden (sowie der Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen), will diese »no dad gang« (siehe Essay vom 28.8.2020) all das zerstören, was sie an ihr Unglücklichsein erinnert – also: alles. Wenn dein Inneres so gründlich und vollständig verwüstet ist bei mehr-als-niemandem aus der von 68er-Pädagogik und Social-Media-Psychotricks geprägten Generation, dann ist alles eine Erinnerung an dein eigenes Unglücklichsein.

Die Pro-Demokratie-Demonstranten in Berlin oder Minsk sind das Gegenteil der unglücklichen Antifa-Schläger. Die Pro-Demokratie-Demonstranten sind nicht unglücklich, zumindest nicht aus sich selbst heraus wie die Antifa-Schläger, sondern unzufrieden, und ja, in großer Sorge.

Gegen das Merkel-System und den deutschen Staatsfunk zu demonstrieren bedeutet, gegen die Zerstörung des Fundaments zu protestieren, das die Deutschen nach dem Krieg mit viel Fleiß und Entbehrung wieder aufbauten – das ist das Gegenteil von Antifa.

Antifa wütet aufgrund eigener innerer Unordnung – Anti-Merkel-Demonstranten protestieren gegen die Zerstörung der Ordnung durch einen mindestens zutiefst unmoralischen Macht- und Propaganda-Apparat.

Schwärt, brodelt, reift

Nein, nicht auf dem Balkon oder draußen auf der Terrasse, sondern mitten in unserem Wohnzimmer steht eine Kiste, und viel zu lang wollten wir nicht wahrhaben, was in dieser Kiste schwärt, brodelt, reift und nun herausbricht.

Die Kiste, die mitten unter uns steht, sie birst von innen, und es bricht heraus der verschiedene und doch aus demselben bösen Schoß geborene Schmerz ob der Unordnung.

Linke und Nicht-Linke eint, dass sie gegen eine schlechte Ordnung demonstrieren. Der Unterschied ist: Nicht-Linke gehen gegen die Zerstörung der Ordnung durch Politik und Propaganda auf die Straße. Antifa-Schläger jedoch prügeln, plündern und brandschatzen, und suchen darin einen Schuldigen für ihre eigene innere Unordnung.

Antifa und übrige linke Banden kämpfen in Wahrheit gegen sich selbst, gegen ihre eigene innere Unordnung – ihre vorgeblichen Gegner sind nur zufälliger Anlass. Der Kampf der Antifa-Schläger ist erfolglos, denn ihr inneres Chaos wird mit jedem geplünderten Geschäft hässlicher, ihr innerer Schmerz mit jedem in Flammen stehenden Gebäude übler. Die linken Banden werden wahrscheinlich noch von außen mit robuster Gewalt gestoppt werden. Die USA können es sich nicht erlauben, zu warten und zu hoffen, bis der Antifa das Brennmaterial ausgeht und sie also müde wird.

Demütig und doch mutig

Das Feuer, das die Welt in Flammen zu setzen droht, ist die innere Unordnung, die innere Unordnung der Menschen und die innere Unordnung der Staaten. Etwas bricht hervor, etwas was wir geahnt und doch nicht einberechnet hatten. Ich will jene spielerisch simulierten Völkerschlachten als Metapher bemühen – ich meine den Fußball: Wenn das Spielfeld durch ein Erdbeben umgepflügt wird, ist es legitim – und sogar ratsam – die Tore umzustellen und sein Spiel neu auszurichten.

Menschen, deren »relevante Strukturen« nicht geordnet sind, die nicht selbst Herr über ihr Schicksal sein dürfen, wie in Weißrussland oder zunehmend Deutschland, oder die nie lernten, selbst Verantwortung zu übernehmen, wie der linke Mob, der Vorstädte in den USA anzündet, sie sind unglücklich, und sie protestieren.

Gewisse globale Akteure mit erschreckend tiefen Taschen haben ein Interesse daran, die Welt in »innerer Unordnung« zu sehen. Was können wir, was kann ich dagegen tun?

Wittgenstein sagt, es sei die Aufgabe des Philosophen, der Fliege den Weg aus dem Fliegenglas zu weisen, aus jener mit verführerischer Flüssigkeit gefüllten Falle, in welche die Fliege sich selbst begab, aus diesem oder jenem Grund.

Der Philosoph soll »der Fliege den Weg aus dem Fliegenglas« zeigen, das ist wahr. Auch Wittgenstein sagte jedoch leider nicht, wie man die Fliege dazu bewegt, auch wirklich aus dem Fliegenglas hinauszufliegen!

Was da birst

Es ist eine gefährliche Kiste in unserem Wohnzimmer, in unseren Städten und auf unseren Plätzen, die wir viel zu lang schönredeten, verniedlichten, nicht wahr haben wollten. Jetzt bricht die Kiste auf, und es ist zweifellos gruselig.

Was soll man sagen? Achtet darauf, dass euch die Splitter der berstenden Kiste nicht um die Ohren fliegen! Dass euch nichts davon, was da birst, in Mund, Nase, Ohren oder Augen gelangt!

Noch sind es nur Splitter und kleine Risse, doch wenn die Kiste erst so richtig birst, könnte alles, was ihr eben noch für sicher hieltet, sehr anders sein.

Seid demütig und doch mutig. Seid vorsichtig und umsichtig. Und, vor allem: Ordnet eure Kreise!

»Weiterschreiben, Wegner!«

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