05.10.2021

Facebook war kaputt

von Dushan Wegner, Lesezeit 5 Minuten, Foto von Lucio Patone
Facebook war ein paar Stunden down, und nicht wenige freuten sich, dass die Welt nun besser wird. – These: Wenn dein Fortfallen ein Fest für die Menschheit ist, dann ist dein Handeln womöglich, moralisch betrachtet, ziemlich böse.
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Die Legende erzählt, dass der berühmte Bildhauer Michelangelo einst gefragt wurde, wie er denn etwas so Vollkommenes wie den David geschaffen habe. Er soll darauf geantwortet haben, er habe sich schlicht den Stein vorgenommen und alles entfernt, was nicht David war. (Tatsächlich aber arbeitete er an einem Stein, der als verhauen galt und 26 Jahre ungenutzt herumgestanden hatte.)

Ja, es ist wohl eine Legende. Ich konnte dafür keine Quelle finden und quoteinvestigator.com auch nicht. Braucht es überhaupt eine Quelle? Es ist ja zweifellos schön, und Schönheit ist, so bin ich zutiefst überzeugt, eine Form von Wahrheit.

Die Details dieser Szene

Ich habe jüngst das Foto eines Großvaters und seiner Enkelin gesehen, die sich in einem Fastfood-Lokal gegenübersitzen, und ja, die Details dieser Szene taten auch mir weh.

Es war eine Konstellation, die wir so ähnlich im Alltag beobachten können, jeden Tag.

Das Mädchen starrte gebannt auf ihr Smartphone, ihren Großvater ignorierend. Der aber saß geduldig gegenüber und schaute nach vorn, ins Leere, traurig auf seine Enkelin wartend. Die Enkelin hing am digitalen Heroin, ein zeitweiliger Zombie, womöglich eine Abhängige.

Es war eine Szene, die man leider oft genug im Alltag sieht, doch unter diesem Bild stand ein Kommentar, der mich bei aller Plakativität dann doch berührte.

Ich zitiere aus dem Gedächtnis: »Girl, you are running out of time, and you don’t even know it.« – zu Deutsch etwa: »Mädchen, dir läuft die Zeit davon, du weißt es nur noch nicht.«

Die Süchtige weiß nicht, was sie falsch tut. Würde man sie auf ihr Verhalten ansprechen, würde sie einen anblaffen, wie Süchtige und Selbstbewusste es tun. Das Gespräch mit dem Alten kann ihr nicht den schnellen Dopaminkick besorgen, den der schnelle Klick, den die Bestätigung der Fremden ihr gibt.

Das Imperium zieht sich zurück

Am 4. Oktober 2021 war das Facebook-Imperium für knapp sieben Stunden offline, inklusive der zu Facebook gehörenden Dienste Instagram und WhatsApp (siehe etwa bild.de, 5.10.2021).

Auch wenn ich Links zu meinen Texten auf facebook.com/dushanwegner poste, so zähle ich doch zu jenen Glücklichen, die den Blackout nur indirekt via Medien mitbekamen.

Es war Topthema etwa in den Hacker News, aber auch bei der Memes-und-Witze-Website »9Gag«.

Witze sind, wie hier bekannt ist, verdaubar verpackter Schmerz. Die Witze über die Offline-Zeit von Facebook ließen auf einen überraschend offen ausgesprochenen Schmerz schließen.

Ein Witzbold vergleicht die Offline-Zeit mit der letzten Szene des Films »Fight Club«, wo die Hauptfiguren zusehen, wie die Türme der Banken und Konzerne explodieren und kollabieren (9gag.com/gag/a1r4eRP; apropos: diese Filmszene ist das Leitmotiv meines Essays vom 1.3.2019: »Ein merkwürdiger Zeitpunkt in unserem Leben«).

Ein anderer Witzbold bedient sich einer Szene der Simpsons. Kinder öffnen die Türen ihrer Häuser, gehen plötzlich und alle auf einmal nach draußen, in die reale Welt, und sie reiben sich die Augen, weil sie gar nicht mehr das Sonnenlicht gewohnt sind (9gag.com/gag/agBRNe1).

Ein weiterer Witzemacher bedient sich ebenfalls bei den Simpsons, und er zeigt einen schockierten Nachrichtensprecher, der sich die Welt vorstellt, wie sie würde, wenn Facebook nicht wiederkäme. Menschen aller Nationen halten einander an der Hand un tanzen in paradiesischer Natur, was natürlich schlecht fürs Nachrichtenbusiness wäre (9gag.com/gag/awMqKAB).

Facebook war kaputt, und wir hatten für wenige Stunden die Illusion, dass eine bessere, klügere Welt möglich sein könnte.

Die Welt war auch vor Facebook wahrlich kein Paradies. Es gab auch vor Facebook fiese Kriege, wobei man natürlich nicht abstreiten kann, dass etwa das Dritte Reich ganz wesentlich auf moderne Medien und Bewegtbild baute (mind. eine der Helferfirmen dreht heute noch Filme im Propaganda-Stil für das deutsche Fernsehen, und hat beste Beziehungen zur Politik; ich erwähnte es im Essay vom 1.3.2018).

Ich erlaube mir, ausgehend von den Reaktionen auf den Facebook-Ausfall eine halb-hämische neue Faustregel zu formulieren: Wenn dein Fehlen als ein Fortschritt für die Menschheit gefeiert wird, dann ist das, was du zum Gelderwerb betreibst, womöglich schlicht böse.

Negative Näherung

Seit die Evolution in sadistischem Sarkasmus dem Menschen ein Bewusstsein verpasste, denken eben diese Menschen schon mal darüber nach, was der Sinn dieses Zeitabschnitts ist, den sie ihr Leben nennen.

Was ist der »Sinn des Lebens«? In alter Menon-Dialog-Art geben die meisten Menschen auf diese Frage, wenn sie sich überhaupt an einer Antwort wagen, eher konkrete Beispiele dafür, wie dieser Sinn sich manifestieren könnte, nicht eine Erläuterung des Konzeptes.

Ich will heute eine negative Näherung wagen. Wenn wir schon nicht zufriedenstellend und endgültig sagen können, was der Sinn unserer irdischen Turnübung ist, so können wir doch oft sicher sagen, was er nicht ist.

Ist Fernsehgucken der Sinn deines Lebens? Facebook-Scrollen? Auf keinen Fall, hoffe ich. Ist das Glück deiner Kinder der Sinn deines Lebens? Es ist nicht ausgeschlossen, so hoffe ich.

Wenn du nicht die Antwort auf dem Sinn des Lebens weißt, dann finde eine falsche Antwort, finde irgendeine Antwort – und anschließend erkläre dir, warum sie falsch ist – oder warum sie richtig sein könnte!

Wenn Menschen dir für dein Tun danken, dann könntest du näher dran sein an der Antwort, als wenn die Menschen feiern und das Paradies anbrechen sehen, wenn du nur für ein paar Stunden deine Tätigkeit einstellst.

Streiche und schlage fort, was hässlich und gelogen ist. Fülle so diskret wie zügig auf, wo dir Material fehlt. Lass stehen, was schön oder wahr ist! Nähere dich, Schlag um Schlag, und sei mutig. Mensch, dir läuft die Zeit davon, du weißt es nur noch nicht.

Ich paraphrasiere den Michelangelo der Legenden: Du willst den Sinn deines Lebens finden? Nimm dir dein Leben vor, prüfe deine Möglichkeiten genau, und dann schlage fort, was nicht der Sinn eben dieses Lebens ist.

»Weiterschreiben, Wegner!«

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