16.11.2017

Diese Zeit ist eine Fußnote

von Dushan Wegner, Lesezeit 4 Minuten, Bild: Rubens, „Der Tod des Decius Mus in der Schlacht“
Was heute passiert, ist gar nichts im Vergleich zu dem, was kommt. Wir sind mitten im Umbruch – doch wer bestimmt, wie es danach aussehen wird?
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Wenn Sie mit dem Schienbein ans Bett stoßen, haben Sie in dem Moment kein anderes Problem als diesen ganz furchtbar schmerzenden Knochen. Wenn Ihr Haus abbrennt, dann sind in dem Moment die Flammen Ihr größtes Problem. Und wenn Sie dachten, Ihr Leben „läuft jetzt gut“, doch dank gesellschaftlicher Entwicklungen können Ihre Kinder plötzlich nicht mehr sicher allein zur Schule gehen, dann ist die neue Lage Ihr größtes Problem.

Ich habe einmal innerhalb von wenigen Tagen mit einem Menschen gesprochen, dessen Mutter war gerade viel zu jung verstorben, und mit einem zweiten, dessen Kater war vom Auto überfahren worden. Der nun ehemalige Katzenbesitzer war keinen Deut weniger mitgenommen.

Die Spanne unserer Sorgen reicht praktisch immer nur bis zur größten Sorge, derer wir uns in dem Moment bewusst sind.

Die größten Sorgen, die wir jetzt haben, scheinen uns oft als die größten möglichen Sorgen überhaupt – das sollte man im Hinterkopf haben, wenn man über aktuelle Probleme spricht.

Ordne oder werde geordnet

Die „großen“ Epochen, Kulturen und Zeiten haben immer die „Ordnung“ aktiv geformt, die eigene Ordnung und das Verhältnis zu ihren Nachbarn.

Als die Römer die Welt eroberten, haben sie die neuen Gebiete nicht nur militärisch in ihre Gewalt gebracht, sie haben immer auch Kultur angeboten, von Göttern und Poesie bis zu Thermen und Wasserversorgung. Die Völker wurden unterworfen und verführt zugleich.

Es gibt keine „neutrale“ Kultur. Entweder man ist sich seiner Ordnung bewusst und trägt sie stolz in die Welt – oder man wird Teil einer anderen Ordnung. Es muss ein Geben und Nehmen sein. So wie in einer Ehe und einer Familie die Partner ihre Werte und Ordnung aushandeln müssen, so müssen auch im globalen Miteinander die Völker und Nationen ihre Werte anbieten, verhandeln und austauschen.

Das findet heute in Deutschland und von Deutschland aus nicht mehr statt. Im Gegenteil. – Deutschland, die Joggerin im großen globalen Park?

Das Verhalten unserer Machthaber ist nicht vollständig rational zu erklären. Deutschland und Europa hatten einst eine Ordnung etabliert, die noch immer als Leuchtfeuer von Menschenrechten, Rechtsstaat und Demokratie in die Welt hineinstrahlt. Dann mogelten sich Geschäftemacher und Gutmenschen an die Macht, und wollen nun den Westen und seine Werte zwingen, sich wie ein Hund auf den Rücken zu legen und die Kehle anti-demokratischen Denkweisen anzubieten.

Nur Fußnote

Die Zeit, in der wir jetzt leben, wird nur eine Fußnote sein. Welche moralischen Ordnungsimpulse gehen denn von Deutschland und Europa aus? Was ist denn unsere Botschaft an die Welt? Die eine: „Hier ist unsere Kehle, beißt zu!“ – Die andere: „Hier ist unser Portemonnaie, bedient euch!“

Ordne oder werde geordnet. Zahlmeister zu sein und von den Psychosen der Herrschenden betriebene Selbstopferung sind keine Ordnung. Miteinander braucht Augenhöhe. In der Unterwerfung war noch nie Frieden zu finden, Freiheit sowieso nicht.

Diese Zeit ist eine Fußnote, höchstens ein Zwischenabsatz. Es wird eine neue Zeit kommen. Was denn sonst? In der Physik mag Chaos der „natürliche“ Zustand sein, in Politik und Gesellschaft sollte er es nicht sein.

Nein es wird kein Umsturz kommen, wir sind schon mitten im Umsturz drin. Vielleicht wird man später den Sturm auf die Bastille und mit umgekehrten Vorzeichen die LKWs in den Fußgängerzonen vergleichen. Beide sind Symbol eines Anfangs, nicht eines Endes, nur eben Anfang ganz anderer Veränderungen.

Ist der Umsturz unaufhaltsam? Nein – theoretisch wäre er aufzuhalten. Wenn man wirklich wollte. Wenn.

Wenn ich die „Koalitions-Sondierungen“ zwischen einer entseelten Union, einer unsicheren FDP und den „Grünen“ sehe (für letztere fehlen mir gerade höfliche Adjektive), ist meine Hoffnung eher ebenso theoretisch.

Was tun

Ich wurde von Lesern mehrfach gefragt: „Herr Wegner, meinen Sie, dass wir den Scheitelpunkt schon erreicht haben? Wird es jetzt besser werden?“

Meine Antwort: Nein. Und: Nein, noch nicht. Schauen Sie sich die Statistiken an! Oder gehen Sie abends in Köln oder Berlin auf die Straße. Früher war es „draußen“, in den Vorstädten und Wohnsilos. Heute ist es immer häufiger im Herzen der Stadt, auf den Plätzen und in den Parks. Es gibt null Indikatoren dafür, dass es jetzt aufhört – aber hundert Anzeichen dafür, dass es mindestens eine Zeit lang weiter schlimmer wird.

Was also tun?

Diese Probleme sind entstanden durch Indoktrination und einen Teil des Bürgertums, der Bildung und Verstand zugunsten von Gutmensch- und Mitläufertum aufgab. Eine Bevölkerung, die sich einreden ließ, seine eigenen Wichtigkeiten zu haben sei „rechtspopulistisch“.

Diese Zeit ist eine Fußnote. Die Kanzlerin ist schwach und die regierenden Parteien sind ohne Seele.

Es wird eine andere Zeit kommen. Auch sie wird von Menschen geformt werden – welche Menschen das aber sind, das halte ich noch für durchaus offen. Das könnten ja noch immer wir, die Demokraten und freiheitlich denkenden Bürger sein.
Darin liegt meine Hoffnung, dafür sollten wir kämpfen!

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