25.08.2021

Bürger, die schimpfen, beißen nicht

von Dushan Wegner, Lesezeit 3 Minuten, Foto von Tamas Pap
Solange wir eifrig schwätzen und schimpfen, solange können die beruhigt sein. Bürger die schimpfen (dafür aber brav arbeiten, Steuern zahlen und Müll trennen), die beißen nicht – allzu häufig nicht einmal im Wahllokal.
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Hunde, die bellen, so sagt das Sprichwort, beißen nicht – doch sie können dir eine üble Migräne bescheren.

Das Sprichwort soll uns beruhigen: »Du hörst den Hund bellen? Sei froh, denn solange er bellt, geht er Dir nicht an die Knochen!

Ein Volk, das gegen die Regierung protestiert, das ist ein Volk, das noch auf die Einsicht der Regierung hofft, ein Volk also, das dieser noch verbunden ist.

Und doch können allzu andauernde Proteste bei den Regierenden eine leichte Migräne bewirken, und sei es »nur« aus dem Grunde, dass wer protestiert, nicht arbeitet.

(Ich mag ja die braven Völker, die immer nur am Wochenende protestieren. So arbeiten sie in der Woche, dienen den irdischen Herren und zahlen ihre Steuern. Am Tag aber, an dem ihre Großväter einst dem himmlischen Herrn die Reverenz erwiesen, fahren diese Hoffnungsvollen mit dem staatlich geprüften Auto und der öffentlichen Bahn zur Demonstration – staatstreu hoffend, dass diese überhaupt von der Regierung genehmigt wurde, was bei Demonstrationen gegen die Regierung in Staaten wie Belarus, China oder Deutschland oft nicht der Fall ist. Dort kaufen sie dann eine vom Gesundheitsamt kontrollierte Erfrischung, zahlen mindestens Mehrwertsteuer und vielleicht auch Alkoholsteuer, aber immerhin bewegen sie sich an der frischen Luft, was gut für die Produktivität am folgenden Arbeitsmontag ist.)

Überwiegend Überzeugung

Zu protestieren, zu demonstrieren, und überhaupt aus Überzeugung laut dagegen zu sein, es besteht überwiegend aus Worten.

Wir lieben sie ja, diese Worte, diese Dagegenworte, die scharfen Formulierungen, den beredten Widerspruch. Wir mögen unsere Worte gern leiden, das macht uns so angenehm zivilisiert – wir bellen ja nicht nur wie der Hund (selbst wenn unser Anliegen bisweilen ähnlich wie das des Hundes beschaffen sein mag).

Ja, wir hören heute von überall her laute, wütende Worte. (Ein Zyniker könnte aber ergänzen: Es sind die Worte einer Minderheit, die Mehrheit aber, und das wiederum ist wenig überraschend, geht lieber »shoppen« (bild.de, 24.8.2021: »Deutsche shoppen den Lockdown-Frust weg«).

(Kleine Begriffskunde: Kaufen und Einkaufen sind der Tausch des eigenen Geldes gegen Waren oder Dienstleistungen, welche Händler oder Konzerne im Markt anbieten. »Shoppen« ist der Missbrauch des Kaufens als Sucht- und Genussmittel. Kaufen ist also die Schmerztablette, welche die – etwa vom Bellen des Hundes ausgelöste – Migräne beheben soll. Shoppen ist das Einwerfen dieser Tablette einfach so zum Vergnügen und weil einem sonst nichts einfällt.)

In einem aber liegen die Shopper durchaus richtig: Der Mensch lebt nicht vom Wort allein, des Menschen Seele braucht auch Handlungen.

Sie und ich, liebe Leser, wir könnten bei Gelegenheit dazu neigen, unser Vergnügen wie auch die Linderung unseres Schmerzes in Worten zu suchen, und doch wäre es eine Handlung, die uns wirklich (weiter-) helfen würde.

Manches scheint banal und ist doch zugleich erhebend: Der Blick auf den Horizont (etwa ob da nicht Feinde sind), die schaffende Arbeit mit den Händen (um dem Stamm einen Vorteil zu verschaffen), der umgesetzte Plan (um die eigene Art voranzubringen), was sich der Evolutionslogik als nützlich erwies, danach sehnen wir uns – und ohne das sind wir unvollständig.

Egal was andere Philosophen, Journalisten oder gar Juristen Ihnen sagen mögen. Was unser Gemüt betrifft, sind Worte nur dazu da, Handlungen zu formen – Worte sind noch nicht die Handlungen selbst.

»Der Worte sind genug gewechselt«, so heißt es bei Goethe (Faust, Vorspiel auf dem Theater, via zeno.org), »laßt mich auch endlich Taten sehn!«

Es ist eine Ermahnung, die Leser wie Schreiber zu sich selbst sagen könnten – gelegentlich.

Worte sind Vorbereitung, nicht Ziel, sind Mittel zum Leben, nicht des Lebens letzter Zweck.

In diesem Geiste also nur noch dies: Genug deiner Worte, du Freund eben dieser – lass dich endlich deine Taten sehen!

»Weiterschreiben!«

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