6.10.2020

Herr Trump spielt Poker

von Dushan Wegner, Lesezeit 8 Minuten, Foto von Michał Parzuchowski
Bei Merkels Zittern schauten Journalisten geradezu panisch weg. Bei Trumps Erkrankung suchen sie nach dem kleinsten Detail, das ihm irgendwie schaden könnte. Es ist mehr als Heuchelei. Es ist eine einseitige (und erbärmliche) Blindheit.
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Von allen Spielen, die man am Tisch spielt, ist Poker das einzige seiner Natur nach wirklich erwachsene Spiel. Sicher, die Spieler anderer Spiele versuchen durchaus gelegentlich, all den übrigen Spielen etwas »Erwachsenes« zu verleihen, doch nur sehr wenige Spiele enthalten das Erwachsene bereits im Grundkonzept (weitere »erwachsene« Spiele wären das Murmelspiel der Kinder, sowie jenes, wo man Münzen gegen die Wand wirft).

Das Erwachsene des Pokerspiels ist die Konsequenz außerhalb des Spiels. Man spielt um echtes Geld (es macht nicht halb so viel Spaß, wenn die Plastikchips nicht für reale Währung stehen). Anders als beim Spielgeld des Monopoly bleibt der beim Poker erspielte Geldwert auch nach dem Spiel im Eigentum des Spielers – und das verlorene Geld bleibt verloren (ähnlich wie mit den Murmeln beim Murmelspiel).

Man kann zwar fast jedes Spiel via Turnier und Geldpreisen mit realweltlichen Konsequenzen versehen, beim Poker jedoch sind die Konsequenzen ein nicht (sinnvoll) zu entfernender Teil des Spiels selbst. Poker ohne den Einsatz echten Geldes, und seien es nur ein paar Groschen, ist nicht wirklich Poker.

Im Pokerspiel kreuzen sich zwei Welten, die sich eigentlich nicht kreuzen sollten, die uneigentliche Ebene des Spiels nach seinen eigenen, weitgehend willkürlichen Regeln, und die reale Ebene des echten Geldes, mit dem sich, so vorhanden, Essen und Kleidung kaufen lassen, ein Dach über dem Kopf oder die teure Zeit des Arztes.

Das Pokerspiel ist eine Welten-Chimäre, das macht ja seinen Reiz aus, es hat etwas Monsterhaftes an sich, etwas Unheiliges – womit wir natürlich bei den Nachrichten des Tages wären.

Nach drei Nächten

Als Frau Merkel vor einiger Zeit immer (wieder scheint vor allem beim Hören der Nationalhymne) heftig zitterte, mahnte man im deutschen Staatsfunk, auch die zitternde Zerstörerin habe ein »Recht auf Privatsphäre« (dw.com, 12.07.2019; diesen und weitere Hinweise: @argonerd, 6.10.2020). Als am Wochenende aber die COVID-19-Infektion des US-Präsidenten bekannt wurde (siehe Essay vom 2.10.2020), war jedes propagandistische Getue von »Privatsphäre« der Politiker sogleich verflogen.

»Doch wie krank ist Donald Trump wirklich?«, fragte man etwa bei dw.com, 4.10.2020. Sogenannte »Journalisten« suchen nach dem kleinsten Fitzelchen an Information, die dem US-Präsidenten (derer Meinung nach) schaden könnte. Kaum ein Artikel kann darauf verzichten, den (übrigens abstinenten) Trump wiederholt als »übergewichtig« zu etikettieren – kaum vorstellbar, dass in Deutschland das Gewicht der Kanzlerin erwähnt würde, geschweige denn derart nachdrücklich betont.

(Randnotiz: Als ein Foto von Merkel publik wurde, auf welchem sie arg zerzaust Wein trinkt, während Seehofer zum Wasser gegriffen hatte, schrieb etwa stern.de, 5.7.2018: »Prost, lässige Kanzlerin!«, und der folgende Artikel war eine servile Lobeshymne, hochnotpeinlich und natürlich typisch für die Propagandarepublik Deutschland. Es ist übrigens nicht das einzige »lässige« Bild der Zerstörerin. – Regelmäßiger Alkoholgenuss soll sich durchaus auf Hirn- und Körperleistung auswirken – kein Wort dazu in der deutschen Untertanenpresse. Man stelle sich vor, es gäbe von Trump derart viele Fotos mit Weingläsern… Ende der Randnotiz)

Als Reaktion auf die Meldungen um Trumps Covid-Infektion, kolportierte etwa die umstrittene Journalistin Dunja Hayali eine unter linken Trump-Hassern populäre Verschwörungstheorie, wonach Trump seine Krankheit womöglich nur simuliert haben könnte(@dunjahayali, 2.10.2020/ archiviert).

Nach drei Nächten im Krankenhaus beschloss Trump, wieder aufzuerstehen und ins Weiße Haus zurückzukehren – und der deutsche Haltungsjournalismus war natürlich wieder nicht zufrieden. Der Spiegel etwa mäkelte: »Er inszeniert sich in einer PR-Show als großer Anführer, als starker Mann – und lässt dadurch die 215.000 Corona-Toten in den USA schwach wirken.« (spiegel.de, 6.10.2020)

Nein, ich lobe Trump nicht für seine schnelle »Wiederauferstehung«. Nein, ich denke nicht, dass es eine gute Idee ist, sich selbst aus der Klinik zu entlassen, auch als US-Präsident. Aus der Tatsache, dass man im Propagandastaatdeutschland den Gesundheitszustand der Zerstörerin Angela M. zum Tabuthema erklärt, aber in jedem Trump-Text zweimal dessen Übergewicht und Alter erwähnen will, folgt nicht, dass Trumps Alter und Übergewicht ihn nicht tatsächlich zum Risiko-Patienten machen.

Sehr reale Konsequenzen

Ich versuche, mir einen Reim auf Trumps Verhalten zu machen. Nein, ich will nicht »Gedanken lesen« wie Journalisten es tun, die ihre eigenen finsteren Gedanken dem politischen Gegner als Absicht zuschreiben. Ich will Trumps Verhalten von außen betrachten, wie man über einen Fahrradfahrer sagen kann, dass er Fahrrad fährt, unabhängig davon, was der Fahrradfahrer denkt, dass er tut.

Ich meine: Trump spielt Poker mit seiner Gesundheit und dadurch, ja, mit dem Amt. Wenn Trump gewinnt, wird er als »Gewinnertyp« dastehen, wahrscheinlich die Wiederwahl gewinnen und weitere vier Jahre die amerikanische Demokratie gegen ihre Feinde verteidigen können – wenn nicht… man mag es nicht einmal aussprechen.

Trumps Spielzüge und Bluffs sind zum guten Teil »uneigentlich« und »als ob«, wie es sich für Spiele gehört, doch auch dieses »Pokerspiel« hat sehr reale Konsequenzen. Nach Meinung einiger Experten fühlen sich erkrankte COVID-19-Patienten oft nach den ersten Tag kurzzeitig besser, um bald darauf umso heftiger zu erkranken. Wir werden sehen, wie dieses »Pokerspiel« ausgehen wird.

Das Lebensspiel zuvor

Natürlich kann (und sollte!) man Trumps Handlungen prüfen und kritisieren – die USA sind ja nicht der Propagandastaat Deutschland, wo Kritik an der Zerstörerin einen zum Ausgestoßenen werden lässt. Man kann Trumps Pokerspiel bewundern oder es strikt ablehnen – und gern auch beides zugleich – man sollte aber zumindest die Mühe aufwenden, es zu verstehen.

Es hat seinen Grund, warum die USA das Land mit den vielen Startups sind. Das Leben selbst als ein »großes Spiel mit Konsequenzen« zu betrachten ist in der gesellschaftlichen DNA der USA codiert.

»Get rich or die tryin’«, ist mehr als ein flapsiger Spruch. (Kurz-Erklärung: Für die Christen, welche in die USA auswanderten, war das gesamte Leben uneigentlich, also auf düstere Weise »spielerisch«, das Eigentliche lag jenseits des Todes – wie es aber dort im Jenseits ergehen würde, das war direkt davon abhängig, wie erfolgreich man das Lebensspiel zuvor »gespielt« hatte.)

Es ist zutiefst amerikanisch, ein »Spiel mit Konsequenzen« zu spielen. (Deshalb ist es, bei aller Grausamkeit, auch auf seine eigene Weise »zutiefst amerikanisch«, ein Gesundheitssystem zu betreiben, in welchem der gesundheitlich und finanziell Schwache wie selbstverständlich stirbt – ohne Verlierer kein Spiel.)

Das Spielerische fehlt

Früher redete man mehr über den »amerikanischen Traum« als heute. Mir erschiene es ohnehin präziser zu sein, vom »amerikanischen Spiel« zu reden.

Nein, ich will keinesfalls alle Aspekte des amerikanischen Spieles preisen. Spätestens wenn Menschen verzweifelt und unnötig sterben, weil sie sich nicht monatlich Hunderte Dollar für künstlich aufgeblasene Insulin-Preise leisten können, verliert das Spiel seinen Spielcharakter und erscheint mir wie sinnlose Barbarei, erschreckend nah an den »Spielen« im römischen Kolosseum. Nein, seine Bürger vorm sinnlosen unverschuldeten Tod zu bewahren wäre nicht »Sozialismus«.

Mehr als nur ein klein wenig werde ich das Gefühl nicht los, dass uns beides abhanden gekommen ist, was das »amerikanische Spiel« ausmacht, das Spielerische wie auch das Bewusstsein der Konsequenz.

Das Spielerische fehlt uns, die Lust am Ausprobieren, das Setzen und Verlieren, es fehlt uns, und man merkt, dass es uns fehlt.

Im Essay »Eine Falle für Idioten« (7.11.2018) lese ich mit Ihnen das Gedicht »If–« von Rudyard Kipling. Darin heißt es, in meiner deutschen Übertragung:

Wenn du all deine Gewinne auf einen Haufen türmen kannst, und alles riskieren über einen Münzwurf, wenn du verlieren kannst, und an deinem Anfang neu beginnen, und nie auch nur ein Wort über deinen Verlust hauchen … (siehe 7.11.2018)

Das Gedicht sagt nicht, dass wir alles riskieren sollen. Rudyard Kipling fordert aber sehr deutlich, dass unser Geist bereit sei, wenn Zeit und Gelegenheit es notwendig werden lassen, tatsächlich alles zu riskieren, gewissermaßen: Poker zu spielen, und zwar das ganz große Poker.

Jede Lust am Spiel und am Spielerischen aber ist nur halb und damit unvollständig und nicht wirklich »ganz großes Poker«, wenn die Lust nicht verzahnt wird mit dem Bewusstsein der Konsequenz unserer Spielzüge.

Die Lust am Spielerischen bei gleichzeitigem Bewusstsein der realen Konsequenzen, es widerspricht doppelt allem, wofür Linke, Haltungsjournalisten und Trump-Hasser heute stehen – es ist zutiefst amerikanisch. An linker Ideologie ist ja nichts Verspieltes, nichts Liebevolles und gewiss nichts Menschenfreundliches – zugleich ist es Wesensmerkmal linker (und »gutmenschlicher«) Ideologie, nicht selbst für die Konsequenzen der eigenen Handlungen verantwortlich zu sein, sondern diesen anderen Aufzubürden (siehe auch »Aus Gutmenschen, die es selbst betrifft, werden schnell Bösmenschen« vom 3.4.2018).

Trump verkörpert – und zwar seit Jahrzehnten! – das »große amerikanische Spiel« – natürlich müssen Linke ihn dafür hassen! (Zum »Spielerischen mit realen Konsequenzen« bei Trump siehe auch meinen Essay vom 22.6.2018: »Wie Trump mit oberflächlich falschen Fakten die Medien austrickst«.)

Leichtigkeit in den Fingern

2020 ist ein Jahr, das sich auf gewisse Weise irreal anfühlt, wie ein großes, irrwitziges Spiel.

Nein, nicht alle Karten werden neu verteilt. Die Reichen bleiben reich – werden nicht selten noch viel reicher – während die Armen… nun ja.

Nein, es werden nicht alle Karten neu verteilt, doch wir werden alle dazu gezwungen, mit den Karten, die uns bislang zugeteilt wurden, klug zu spielen.

Ich wünsche dem Einzelnen, der mit COVID-19 infiziert wurde oder sogar daran erkrankte, eine rasche und vollständige Genesung. Ich weiß nicht, wie Trumps Pokerspiel ausgehen wird – er weiß es vielleicht selbst nicht, und gewiss nicht mit Gewissheit – wenn er es wüsste, wäre es ja kein Spiel. (Und was bedeutet »Wissen« in Angelegenheiten dieser Art überhaupt? Hillary Clinton und ihre Helfer in den Redaktionen »wussten« ja such, dass sie gewinnen wird.)

Wir werden heute alle zu Pokerspielern. Und wir sollten alle erwachsen werden, und verstehen, dass Handlungen auch Konsequenzen haben.

Wir wissen nicht, wie Trumps großes Pokerspiel in eigener wie auch in amerikanischer Sache ausgeht. Wir wünschen ihm und den Vereinigten Staaten von Amerika denkbar viel Glück.

Ich sage heute, im Herbst eines sehr ungewöhnlichen Jahres: Wir werden das Spielerische wiederentdecken müssen. Schicksal und Geschichte haben uns an den Spieltisch gesetzt, ob wir wollten oder nicht (wahrscheinlich wollten wir nicht), man hat unser Leben und unsere Zukunft zum Einsatz erklärt, und jetzt gilt es, unsere Karten klug auszuspielen.

Bewahrt euch das Spielerische – es gibt kein Pokerspiel auf Sicherheit. Spielt mit Leichtigkeit in den Fingern und der präzisesten Mathematik im Kopf, die euch zur Verfügung steht.

Nicht jeder, der mutig ist, wird dafür belohnt werden, sonst wäre es ja kein Mut. Nicht wenige werden sich verzocken, andere werden sich lange unsicher sein, wie ihre Partie ausgeht.

Nein, nicht jeder wird für seinen Mut belohnt werden. Doch diejenigen, welche die nächsten Runden im großen Pokerspiel überleben, die werden mutig gewesen sein.

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