31.7.2020

Journalist als neuer Übermensch

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, Foto von Nicola Fittipaldi
Journalisten halten sich wohl für Übermenschen, wollen Respekt und Unterwerfung erzwingen. Werden wir uns unterwerfen? Nein! Wir sollten uns weigern, vor diesen Gestalten das Knie zu beugen – oder vor irgend einem anderen Menschen!
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Er hatte schon immer einen schillernden Ruf, der »Übermensch«, wenn auch in letzter Zeit immer wieder mit der Vorsilbe über – amerikanisch: uber – geflirtet wird. – Wir brauchen kaum zu erwähnen, warum das Image des Übermenschen schwierig ist — doch die Idee selbst ist um viele Jahrhunderte älter!

Bereits die alten Kirchenlehrer kannten die Idee des Übermenschen, lateinisch »homo superior« (ja, »Superman« ist eine Variante jener Idee) – und in der Antike kannte man den »hyperanthropos«, wenn es auch damals schon nicht selten spöttisch gemeint war (etwa wie das bayerische »Großkopferter«).

Wir kennen Dostojewskis Raskolnikow, der »die Alte« umbringt, im spätjugendlichen Wahn, als eine Art »Übermensch« über Tod und Leben entscheiden zu dürfen.

Und dann wäre da natürlich der Herr Nietzsche, dessen »Also sprach Zarathustra« die Idee des Übermenschen in der Neuzeit verankerte, inklusive des Namens »Übermensch« selbst: »Ich lehre euch den Übermenschen. Der Mensch ist etwas, das überwunden werden soll. Was habt ihr getan, ihn zu überwinden?«

Heute, im Jahr 2020, tritt ein neuer Übermensch auf, eine vermeintlich »höhere« Art, angeblich reich an Bewusstsein und Wahrheitserkenntnis, an Klugheit, Richtigkeit und Wertigkeit sowieso, und der, der sich für den neuen Übermenschen hält, nennt sich Journalist.

Was erlauben sich die Sterblichen?

Der reichste Mann der Welt hat sich vor einigen Jahren eine Zeitung gekauft, die »Washington Post«. Man könnte an den Journalisten dieser Zeitungen durchaus die eine oder andere Eigenschaft kritisieren, doch ein Mangel an Selbstbewusstsein gehört gewiss nicht zu diesen.

Am 30.7.2020 brach aus einer Weißes-Haus-Korrespondentin jener Zeitung ein beleidigter Frust heraus, der stellvertretend für eine ganze Branche steht (und also viele Unterstützer fand):

All of you on Twitter screaming at reporters on how to do our jobs: Just stop. (Seung Min Kim, 30.7.2020/archiviert)

Ins Deutsche übertragen etwa:

Alle auf Twitter, die ihr Reporter anbrüllt, wie wir unseren Job erledigen sollen: Hört einfach auf. (Seung Min Kim, 30.7.2020/archiviert; aus dem Englischen übertragen)

Wir hören den Klang jener Worte, und es klingt etwa so: Was erlauben sich die einfachen Sterblichen, die erhabenen Kasten der Journalisten-Übermenschen zu kritisieren?

Es ist die erfrischend ehrliche Selbstoffenbarung der Vertreterin einer Branche, die sich für eine Kaste von »Übermenschen« zu halten scheint, in generellem Wert und Erkenntnisqualität sowieso über uns Geringen schwebend.

Frau Min Kim von der Washington Post ist nicht allein mit ihrer Forderung, wir Niederen sollten der edleren Kaste offizieller Journalisten doch gefälligst demütiger gegenübertreten.

»Zeigen Sie Respekt«, raunzte mich letztens ein Staatsfunker an (der ganze Kontext: @gaborhalasz1, 30.7.2020/ archiviert). Ich kenne noch ein oder zwei weitere Gruppen, welche »Respekt« einfordern, ohne näher auszuführen, wodurch dieser »Respekt« begründet sei.

Wichtiger und edler als wir

Der »Respekt«, den Journalisten einfordern, all die Sonderrechte, sie werden immer offener zum Schutzschild für politischen Aktivismus an den Wegen und auch mal Gesetzen der Demokratie vorbei. Immer wieder hören wir von linksextremen Kontakten und Sympathien von Journalisten, nicht nur im Staatsfunk, auch bei vom Staat co-finanzierten Zeitungen und Medien im Parteienbesitz. (Aktuell jammern Journalisten beim Staatsfunk etwa darüber, dass es schwieriger für sie wird, unbeobachtet etwa bei linksextremen Treffen teilzunehmen; siehe tagesschau.de, 30.7.2020.)

Gelegentlich ist der politische Aktivismus von Journalisten sehr handfest. Seit Jahren kennen wir in Deutschland die Fälle von »Extremisten mit Presseausweis« im Einsatz gegen die Opposition (welt.de, 3.3.2016). Bei regierungskritischen Demonstrationen erlebt man immer wieder linke Journalisten als Störer und Schläger, die aus der Nähe die Gesichter kritischer Demonstranten fotografieren, woraufhin diese Fotos wie »Fahndungsfoto« in Antifa-Datenbanken auftauchen können. Von den aktuellen Antifa-Aufständen in den USA wird berichtet, dass Antifa-Schläger als Journalisten mit Presseausweis auftreten, was ihnen die Möglichkeit gibt (oder: gab), Anschläge auch hinter Absperrungen auszuführen (politico.com, 30.7.2020).

Auf den Videos von den Plünderungen und Brandstiftungen sehen wir auffällig viele Antifa-Schläger mit laufenden Smartphone-Kameras – jeder einzelne linke Trump-Hasser, der seine Videos etwa auf einer chinesischen Video-Plattform hochlädt, kann sich »Journalist« nennen – und in dem Moment, in dem sich ein Linker den Titel »Journalist« selbst verleiht (wer wollte es ihm streitig machen?), meint er, zum Übermenschen zu werden, für den unsere normale Moral nicht mehr gilt, wichtiger und edler als wir, die wir ihm »Respekt« zu zollen haben.

Woher wissen wir es? Richtig.

Was wir für »Realität« halten, wird ganz wesentlich von den Narrativen bestimmt, die wir uns selbst erzählen.

Letztens las ich (ich weiß nicht mehr, wo ich es las, und werde es hier gern nachtragen, falls ich wieder darauf stoße), diesen Gedanken, sinngemäß: »Früher berichteten Journalisten, was passierte, und wir bildeten uns eine Meinung dazu – heute geben Journalisten eine Meinung vor, und wir versuchen herauszufinden, was wirklich passierte.«

Das von politiknahen Journalisten konstruierte Weltbild ist auf einem wackligen Fundament opportuner Lügen gebaut. (Wir müssen die Lügen nicht einzeln listen, wir kennen sie ja, von gewissen religiösen Fragen über die Realität in den Städten bis zur mathematischen Möglichkeit der Weltrettung durch Deutschland.)

Journalisten beschreiben, was wir für die Realität zu halten haben, und was sie berichten, und je preisbehangener der Journalist ist, um so weiter gehen heute regelmäßig die Realität und der Bericht darüber auseinander.

Ein (aus deren Perspektive) nicht unwichtiger Teil des journalistischen Narrativs ist das angebliche »Übermenschentum« der Journalisten selbst! Woher wissen wir um die Bedeutung und Wichtigkeit, die Erhabenheit und Unhinterfragbarkeit der Journalisten?

Woher »wissen« wir es, dass Journalisten edel und überlegen sind?

Richtig.

Von den Journalisten!

Vor diesen Gestalten

Wir kennen prinzipiell zwei Möglichkeiten, das Konzept des »Übermenschen« auszudeuten (und von diesen dann wiederum weitere Verästelungen): Ein ständiges Streben nach der Überwindung eigener Schwächen, oder die Überzeugung, dass man selbst (oder andere, zu verehrende Personen), inhärent und/oder metaphysisch höherwertig, überlegen und also ohne Rückfrage zu respektieren sei.

Ich erkenne in der Selbstwahrnehmung von Journalisten die zweite Art des »Übermenschen«-Konzeptes. Klickdreck-Kolumnnist_innen, die kaum eines einzigen kohärenten Gedankens fähig sind – geschweige denn eines wirklich schönen Satzes, schauen vom ersten Tag auf ihre Mitbürger hinab – bestätigt in ihrem vermeintlichen plötzlichen Übermenschen-Status vom Schulterklopfen ihrer Kollegen. Staatsfunker mit dem moralischen Standing eines Taschendiebs am Hauptbahnhof wollen der Nation ihre Einsichten in Gut und Böse aufdrücken.

Ich glaube an das Besserwerden des Einzelnen – und an eine Kultur, die das Gute im Menschen fördert – also das Gegenteil linksjournalistischer Denkweisen.

»Zeigen Sie Respekt«, fordert der Staatsfunker von mir, doch ich beuge nur ungern das Knie – und schon gar nicht vor diesen Gestalten, die so vieles zerstören, was mir wichtig und heilig ist, die Lüge nicht von Wahrheit unterscheiden können, die sich im Schatten daheim fühlen und das Licht fürchten.

»Ehemals war alle Welt irre«, so heißt es im Zarathustra (Kap. 5), und es muss also ein Buch über die Zukunft sein, denn dies ist ohne Zweifel eine Zeit weltweiten Irreseins.

Hört nicht auf die Zwerge, welche die alten Statuen abrissen, dann selbst hinaufkletterten und sich nun für die neuen Übermenschen halten! Journalisten wollen uns belehren. Dieser Journalismus ist etwas, das überwunden werden muss! Was habt ihr getan, ihn zu überwinden?

Der Autor des Zarathustras möge es mir verzeihen, dass ich mich zum Schlusswort dieses Textes auf die Bibel beziehe – und deren Autor wiederum möge es mir nachsehen, wenn ich hier, Matthäus 5:37 paraphrasiere: »Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist von Journalisten.«

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