25.03.2022

Die Regierung wirft Kamelle (und nimmt sie wieder weg)

von Dushan Wegner, Lesezeit 7 Minuten, Foto von Sharon McCutcheon
Der Karnevalsverein »KG Entlastungspaket«: Prinz Olaf, Jungfrau Christian und Bauer Robert werfen Kamelle – die sie ohnehin dem Volk genommen hatten – und nehmen die Hälfte gleich nochmal weg! Man fragt sich nur: Wann kommt der große Aschermittwoch?
Die Regierung wirft Kamelle (und nimmt sie wieder weg)
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Kamelle! Kamelle! – So riefen wir zu Rosenmontag, Jahr um Jahr. Große, geschmückte Wagen fuhren durch Köln. Ein kilometerlanger Zug. Zwischen den Wagen marschierten Blaskapellen und kostümierte Trommler.

Das bunte Tamtam war toll, und die Melodien klingen mir bis heute im Herzen, etwa: »Denn wenn et Trömmelche jeht, dann stonn mer all parat, un mer trecke durch die Stadt, un jeder hätt jesaat: Kölle Alaaf, Alaaf, Kölle Alaaf!«

Wer Kölner ist, der konnte jetzt eben gar nicht anders, als diese Worte mitzusingen; vielleicht begleitet dieser alte Ohrwurm Sie nun durch den neuen Tag. Das Kölsch (also das Bier) mag leicht »durchlaufen« – Das-Kölsche-an-sich aber, wenn es einmal im System ist, das geht nicht so schnell raus, das war schon eine superjeile Zick.

Ganz wesentlicher Teil dieser Rosenmontagszüge (aber auch etwa der wunderbaren Veedelszüge am Dienstag danach!) waren die »Kamelle«, die geworfen wurden.

Das Wort »Kamelle« geht auf »Karamell« zurück, was bekanntlich geschmolzener und dann ausgehärteter Zucker ist, sprich: Bonbons.

Wir kostümierten Kinder riefen unten am Straßenrand laut »Kamelle«, und die in Karnevals-Uniformen gekleideten Herren oben auf dem Wagen warfen Hände voller Bonbons auf uns hinab.

Besonders froh waren wir, wenn es eben nicht »nur« Bonbons waren, sondern vielleicht einmal eine Tafel Schokolade, eine kleine Tüte Gummibärchen oder sogar ein Spielzeug.

Wer als Kind strategisch vorging, der achtete darauf, wem die Karnevalisten besonders häufig Wertvolles zuwarfen, einer Gruppe von Damen oder der Stadtteil-Prominenz etwa. Man stellte sich in die Nähe dieser Zielpersonen auf, und man hoffte auf zu kurz geworfene Pralinenschachteln.

Wir hatten Tüten oder Taschen dabei, und wir sammelten und sammelten und sammelten. (Und die nächsten Tage und Wochen verhandelten wir dann mit den Eltern, wieviel Quatsch wir pro Tag maximal essen durften, damit die Zähne nicht gleich alle auf einmal ausfallen.)

Ich will nicht leugnen, dass die Attraktivität des Rosenmontagszugs für mich irgendwann merklich einbüßte. Erst fingen sie an, an den besonders attraktiven Abschnitten der Strecke diese Tribünen aufzustellen, die man nur gegen Eintrittsgeld betreten durfte. Die Karnevalsfeiernden wurden so de facto in Jecke erster und zweiter Klasse geteilt. Und dann wurde das Karnevalstreiben »härter«, und auch das Publikum wurde ein spürbar anderes, zumindest dort, wo ich als Kind gern »Kamelle!« gerufen hatte. Der Kampf um die Kamelle fühlte sich tatsächlich immer mehr wie ein Kampf an.

Ach, ich weiß heute nicht mehr, ob es tatsächlich alles so passierte und anders wurde, oder ob ich selbst mich verändert hatte. Wer von uns beiden, der Rosenmontagszug oder ich, nun ein anderer wurde (wenn die Parade zuletzt denn stattfand), so oder so höre ich noch immer unsere eigenen Rufe: »Kamelle! Kamelle!«

Wo wir aber von billigen Bonbons reden, welche die Obrigkeit dem niederen Volk zuwirft, da sind wir natürlich bei den Nachrichten des Tages angelangt.

»So viel haben Pendler jetzt mehr«

Die deutsche Regierung hat das Füllhorn geöffnet – oder das, was man heute für ein Füllhorn hält. Finanzminister Lindner hat in guter alter Sozen-Manier die Spendierhosen angezogen, und er verteilt das Geld anderer Leute.

Die BILD-Zeitung nennt es in der Dachzeile ein »MILLIARDENSCHWERES KRISEN-PAKET« (bild.de, 25.3.2022), in der Überschrift jubelt man: »So viel Geld bekommen SIE jetzt«, in der Unterüberschrift dann: »Tabelle: So viel haben Pendler jetzt mehr«, und überm eingebetteten Video jauchzt der Titel: »Hunderte Euro Entlastung für Alle!«

Ich weiß nicht genau, wo die Rechenfähigkeiten des Bankkaufmanns Jens Spahn waren, als er den Gesundheitsminister spielte und Intensivbetten berechnet werden sollten. Heute aber gibt Bankkaufmann Spahn wieder die Opposition, und in dieser Rolle rechnet er einmal nach, was die Geldgeschenke der Regierung dem Volk wirklich bringen werden:

Bei Gehalt von 3500€ brutto kommen von 300€ Energiepauschale bei Ledigen netto 159€ an, bei Paaren 177€. Der Arbeitgeber zahlt übrigens jeweils 62€ mehr an Abgaben. (Auszug aus @jensspahn, 24.3.2022)

Der Tweet des Herrn Spahn enthält dann noch einige Aufmunterungen für »die Koalition«, politisches Blabla (»nachsitzen«, »Mogelpackung«), aber auch eine recht detaillierte Aufstellung in Tabellenform, wie viel vom »Entlastungspaket« beim Bürger tatsächlich ankommt.

Die 300 Euro des »Entlastungspakets« ergeben, nach Steuern, für einen Ledigen 159,08 Euro und 176,92 Euro für den Verheirateten, wobei der Arbeitgeber jeweils 62,62 Euro draufzahlt – was dessen Laune gewiss nicht heben wird. (Nein, liebe linken Kinderlein, der Arbeitgeber ist nicht »der Böse« – der Arbeitgeber ist der, der dafür sorgt, dass Mami und Papi euch das iPhone kaufen können, auf dem ihr böse Hashtags gegen den Kapitalismus schreibt.)

Ein ganz besonderer Karnevalsumzug

In Karnevalstermini gesprochen: Prinz Olaf, Jungfrau Christian und Bauer Robert fahren auf dem Karnevalswagen durch Deutschland (siehe auch Wikipedia: »Kölner Dreigestirn«), und sie werfen Kamelle. Das Volk hat sich zu freuen – also die, die überhaupt etwas bekommen; nicht die Rentner, bei denen gibt es nichts extra, die dürfen weiter ihre Rente versteuern – was für eine andauernde Sauerei! 

Es ist ein ganz besonderer Karnevalsumzug, der da in Berlin umherzieht: Man presst den Bürgern zunächst die Bonbons ab (dass die Energiepreise stiegen, hilft dabei sehr), und man presst mehr Bonbons ab als in den meisten anderen Ländern der Welt, und dann wirft man ein klein wenig wieder unter die Bürger. Seine Tollität Prinz Olaf, Ihre Lieblichkeit Jungfrau Christian und Seine Deftigkeit Bauer Robert werfen Zuckerzeug, und sie lassen sich dafür bejubeln. Dreifach »Alaaf« und dazu gern ein »Helau«. – Dann aber nimmt man tatsächlich den Leuten fast die Hälfte der Kamelle wieder weg!

Wenn jemand so etwas beim tatsächlichen Karnevalsumzug versuchte, es würde eine Schlägerei geben. Wenn es aber den Deutschen angetan wird, jubeln die Claqueure in den Redaktionen – und die Bürger nehmen auch dies willig hin.

Zu viele Deutsche wurden von Propaganda und Staatsfunk zu brav erzogen. Sich zu beschweren gilt als »Hass und Hetze«, und Hass und Hetze, das machen nur Nazis, und man will ja kein Nazi sein, also sagt man brav »Danke und Hurra«, wenn einmalig 159 Euro »geschenkt« werden – während etwa die Krankenversicherung dauerhaft und monatlich erhöht wird (tagesschau.de, 24.3.2022).

»… ist alles vorbei«

Ich ahne heute, dass es nicht (nur) die »härtere« Gangart beim Rosenmontagszug war, die mich damals mit dem Ereignis fremdeln ließ. Da war noch etwas, und im Nachhinein ist es denkbar offensichtlich: Das Betteln um Kamelle hat doch etwas Erniedrigendes!

Oben auf dem Wagen fährt der Kölner Klüngel, unten betteln wir um Kamelle, und wenn das billige Bonbon daneben fällt, krabbeln einige Kinder sogar auf dem Boden. Es ist ein gar eigentümlicher Brauch!

Ja, es gibt »Geschenke«, die sind erniedrigender, als wenn man sie gar nicht gegeben hätte. Wenn aber der Schenkende dir ein paar Groschen von genau dem Geld schenkt, das er dir zuvor weggenommen hat, und sich selbst groß dafür rühmt, nur um dir dann gleich die Hälfte wieder wegzunehmen, dann sind wohl »absurd« und »surreal« die passenden Adjektive.

Die Linken verschiedener Parteibücher fremdeln ja ohnehin mit Ideen wie »deutsches Vaterland«, vielleicht wäre es an der Zeit, eine neue Hymne auszurufen: »Wir sind nur ein Karnevalsverein, Karnevalsverein…«

(Nebenbei, nicht nur für die Verschwörungstheoretiker unter uns: Es gilt auch bei der Aufregung ums kuriose »Entlastungspaket« zu überlegen, wovon es unsere Aufmerksamkeit ablenkt, unabhängig davon, ob diese Ablenkung geplant oder nur »nützlich« wird.)

Eine neue Hymne

In Köln pflegt man zum Karnevals-Wahnsinn zu sagen: »Am Aschermittwoch ist alles vorbei!«

Am Aschermittwoch holen sich die braven Katholiken unter uns brav ihr Aschekreuz in der Kirche ab, und dann kurierten alle ihren Kater aus, und mancher tat so, als sei ja nicht wirklich groß was los gewesen, und man habe sowieso eher nur zugeschaut, höchstens hier und da ein »Bützchen« gegeben, sonst nichts – großes kölsches Ehrenwort!

»Denn wenn et Trömmelche jeht«, so singt man in Köln, »dann stonn mer all parat, un mer trecke durch die Stadt…«; zu Hochdeutsch: »Denn wenn die Trommel erklingt, dann stehen wir alle parat, und wir ziehen durch die Stadt…« – Es drängt mich, paraphrasierend zu ergänzen: Fragt nicht, für wen die Trommel geschlagen wird, sie wird für uns geschlagen – auf dass wir endlich den Hintern hochbekommen!

Ich weiß nicht genau, wann uns ein »großer Aschermittwoch« bevorsteht, wenn er aber kommt, bewahren Sie sich bitte dafür etwas Kamelle auf – so Sie welche abbekommen. Wir werden froh sein, uns den Tag etwas versüßen zu können.

In diesem Sinne also, liebe Leser: Alaaf! Helau!! Kamelleee!!!

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