16.11.2020

»Offenbar sind solche Vorfälle keine Einzelfälle mehr«

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, Foto von Vincent van Zalinge
»Offenbar sind solche Vorfälle keine Einzelfälle mehr«, sagte die Bildungsministerin. Ehrlicher wäre die Formulierung: »Och, Mist! Die doofen Populisten hatten wieder recht.« – Es wäre zum Lachen, wenn es nicht unser Land wäre, um das es geht.
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»Ab dem wievielten ›das ist Wasser auf die Mühlen der Falschen‹ gestehen Linke sich ein, dass ihr Weltbild auf Lügen gebaut ist?«, so fragte ich (mehr-oder-weniger rhetorisch) im Dezember 2018.

Im selben Jahr, im Februar 2018, erzählte ich die Metapher »Der Parkpfleger, die Algen und das exponentielle Wachstum«. Es geht um exponentielles Wachstum. Zusammengefasst: Wenn die Algen auf einem See sich jeden Tag verdoppeln, und wenn es drei Tage braucht, das Wachstum zu verlangsamen (oder ganz zu stoppen) – bei wie viel Prozent sollten die Maßnahmen einsetzen, bevor der See vollständig bedeckt ist und kippt? Die Antwort ist: Bei 12,5% ist es bereits zu spät. (Tag t: 12,5%, Tag t+1: 25%. Tag t+2: 50%. Tag t+3: 100% – am Tag t+3, wenn die Maßnahmen theoretisch zu greifen beginnen, ist der See bereits gekippt.)

Indem wir gerade von Vorhersagen reden, die aus politischen und/oder fake-moralischen Gründen ignoriert wurden, und wo wir davon reden, wann es »zu spät« ist, sind wir natürlich bei den Nachrichten des Tages!

»Was ist ein Algorithmus?«

Erlauben Sie mir bitte, aus einem aktuellen Nachrichten-Text zu zitieren:

»Offenbar sind solche Vorfälle keine Einzelfälle mehr. Hier muss man sehr wachsam sein. Es geht darum, unsere Werte zu schützen und auch unseren Lehrkräften beizustehen.« (zitiert aus welt.de, 15.11.2020)

Die Person, die da zitiert wird, heißt Anja Karliczek.

Frau Karliczek ist Diplom-Kauffrau, und sie kennt meines Wissens weder Schul- noch Universitätsbetrieb von innen, also als akademische Forscherin oder so. Frau Karliczek informiert sich wohl aus Gratis-Zeitungsbeilagen über Entwicklungen der Wissenschaft (»da habe ich neulich einen Artikel gelesen, Titel: Was ist ein Algorithmus? Den fand ich hilfreich«; spektrum.de, 11.6.2018). Frau Karliczek wirkt recht ahnungslos und ist also die ideale Bundes-Bildungsministerin im Land von Staatsfunk und Ex-Stasi-Stiftungen.

Wenn die gebildete Frau Karliczek sagt, »Offenbar« seien »solche Fälle keine Einzelfälle«, bezieht sich »solche Fälle« auf Drohungen und Einschüchterung von Lehrern durch muslimische Schüler. (Randnotiz: Wenn ein Erwachsener etwas Böses im Namen des Islam tut, wird so schnell wie belegfrei behauptet, dies habe »natürlich nichts mit Islam zu tun« und der Täter sei »kein wahrer Muslim« (beziehungsweise »kein wahrer Schotte«) – es ist interessant, dass dies bei muslimischen Schülern wohl nicht geschieht.)

(Fast) alle planen

»Offenbar sind solche Vorfälle keine Einzelfälle mehr«, ist ein recht offenes Eingeständnis der Tatsache, dass auch hier wieder »die Falschen« recht behielten – eine Bestätigung, auf die viele der »Falschen« gern verzichtet hätten.

In Texten wie »Die Warteschlangen-Hopper«, »Künstliche Intelligenz und Mäusespeck« oder natürlich »Chinas Kolonie« notiere ich, dass und wie all unsere lokalen Problemchen und Moraldebatten global betrachtet eher lächerlich wirken könnten – ja, inklusive mancher jener, an deren Konsequenzen unglückliche Bürger sterben.

Ich bin nicht der weltgrößte Merz-Fan, ein aktuelles Statement jenes jugendlichen Hoffnungsträgers fand ich jedoch bemerkenswert:

China hat heute die weltweit größte Freihandelszone der Welt auf die Beine gestellt und wir diskutieren hier ernsthaft über korrektes Gendern in Gesetzesentwürfen? Wir können doch die Welt um uns herum nicht völlig ausblenden! ™ (»tm« steht für »Team Merz; siehe @_FriedrichMerz, 15.11.2020)

Natürlich wirkt es wie eine (gar nicht falsch) berechnete Provokation, die »whiteknighting« triggern soll (»whiteknight« ist die Verteidigung internet-feministischer Standpunkte durch »woke« Männer, die sich dadurch Sympathie und vielleicht auch sexuelle Zuwendung linker Frauen erhoffen; siehe auch »wokefishing«, vrgl. vice.com, 28.6.2020, was wiederum vergleichbar ist mit Konzernen, die »woke« und »moralisch« tun, während sie ihre Produkte weit fort in Quasi-Sklavenarbeit produzieren lassen, vergl. theguardian.com, 6.6.2017).

Doch, nur weil es eine Provokation ist, ist es noch nicht falsch! China hat tatsächlich ein Handelsabkommen mit Ländern der Region geschlossen, das 2,2 Milliarden Menschen und 28% des weltweiten Handels umfasst (theguardian.com, 15.11.2020), und die Zukunft der Welt beeinflusst – während Deutschland sich mit ausgedachten Fake-Moral-Problemchen beschäftigt.

Eine weitere Meldung scheint mir auf anderer Ebene nicht minder wichtig: China hat dieser Tage seinen neuen, vierzehnten Fünfjahresplan vorgestellt (tagesschau.de, 30.10.2020). Ich kann mich noch daran erinnern, als wir uns im Westen über kommunistische Fünfjahrespläne lustig machten – heute steigen mir vor Neid bald die Tränen in die Augen: Eine Regierung, die zum Wohl des Landes statt gegen das eigene Land handelt, und dazu noch einen Plan hat, statt heute dies und morgen das Gegenteil davon zu sagen!

Aus diversen Gründen erscheint mir die Teilung der Welt in »demokratisch« und »undemokratisch« immer weniger aussagekräftig. (Ist ein Staat »demokratisch«, wenn der quasi vom Staatsfunk mit an der Macht gehaltene und potentiell ewig regierende Regierungschef das Ergebnis lokaler Wahlen annullieren kann, oder wenn auf betrugsanfällige Wahlmethoden wie Briefwahl und Wahlcomputer gesetzt wird? Ist es nicht ehrlicher, die Chefs der Staaten gleich via monarchischer Nachfolge, Parteipolitik oder Konzerninteressen zu bestimmen, statt mit viel Propagandalärm aufwändige Show-Wahlen abzuhalten?)

Der wirklich wichtige Unterschied zwischen den Staaten der Welt scheint mir schon länger nicht die »Staatsform auf dem Etikett« zu sein, sondern die Frage nach der Planung.

China plant. Konzerne planen. Global agierende Akteure und NGO-Financiers planen. (Fast) alle planen. Es sind – neben den bekannten »fragile states« – heute vor allem die wie in einem Übergangszustand zwischen Demokratie und etwas anderem wirken, die nicht planen. Machterhalt ohne Planung ist das Markenzeichen der deutschen Regierung, nicht erst im Jahr 2020.

Sarkastisch aufgespießt

»Ab dem wievielten ›das ist Wasser auf die Mühlen der Falschen‹«, so fragte ich, »gestehen Linke sich ein, dass ihr Weltbild auf Lügen gebaut ist?«

Die Algen in jener Metapher, sie könnten für die politisch korrekten Lügen stehen, die das Land zu ersticken begonnen haben, die sich immer weiter ausbreiten, indem sie inzwischen ins gesetzliche Gewebe der Nation eingesponnen werden.

Natürlich würden Linke es nicht und niemals offen und explizit eingestehen – es sind ja Linke und ihr Weltbild ist bekanntlich auf Lügen gebaut, doch inzwischen beginnen sie sich selbst unfreiwillig zu entlarven. »Offenbar sind solche Vorfälle keine Einzelfälle mehr«, darf man also durchaus als ein so unbedarftes wie totales Eingeständnis des Lügencharakters linker Lebenslügen deuten.

Der Begriff »Einzelfall« ist ja schon länger als prototypische politisch korrekte Lüge bekannt, mit welcher die strukturellen Folgen linker Lebenslügen wegformuliert werden sollen. Sarkastisch wird der Begriff »Einzelfall« vom Twitter-Account »@Einzelfallinfos« aufgespießt.

Man erkennt jetzt also de facto an, dass »die Falschen« hierin richtig lagen. Indem man aber de facto zugibt, dass »die Falschen« richtig lagen, lässt man natürlich auch durchblicken, dass man nicht für diese Problemlagen geplant hat.

Mut, Vorsicht, Verantwortungsgefühl

Wem gehört die Zukunft, den Mutigen oder den Vorsichtigen?

Ich sage: Es ist beides falsch, denn es beantwortet nicht die relevante Frage!

Mut und Vorsicht sind nur mögliche Motivationen für menschliches Handeln. Ich persönlich bevorzuge die Kombination aus Mut und Vorsicht, ob wir sie mutige Vorsicht oder vorsichtigen Mut nennen.

Die Zukunft »gehört« denen, die sie richtig vorhersagten und rechtzeitig klug handelten (sowie das notwendige Quäntchen Glück fanden), ob ihre Handlung von Mut, Vorsicht oder schlicht Verantwortungsgefühl getrieben war.

Je besser der Staat plant, umso weniger muss der einzelne Bürger planen. – Dies sind Zeiten, in denen der Bürger sehr genau und sehr klug planen sollte.

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