20.9.2020

Herr Merz ist nicht überfordert

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, Foto von Vanessa Balogh (Abendstimmung am Tegernsee)
Merz sagt, ein paar »Flüchtlinge« aufzunehmen, »überfordert uns nun wirklich nicht«. Man gönnt Herrn Merz seine Villa, sein Flugzeug, sein Geld – doch diese Heuchelei, die »uns« sagt, aber »die Bürger in den Brennpunkten« meint, die stößt bitter auf.
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Der Herr Merz, so lesen wir (merkur.de, 7.12.2018), der hat eine »Villa am Tegernsee«. Das »schmucke Anwesen soll schon länger in Familienbesitz sein«, so lesen wir, und außerdem liegt es »recht abgelegen«. Komfortable Privatsphäre ist doch der letzte große Luxus.

Es gibt keinen Grund zu Neid, weil Herr Merz so eine schicke Hauptwohnung hätte. Wenn wir dem Bericht glauben dürfen, dann ist es nicht seine Hauptwohnung sondern seine Nebenwohnung. Das Tegernseer Tal, so lernen wir, ist nämlich ein »Zweitwohnsitz-Eldorado«.

Vor einiger Zeit wurde debattiert, ob Herr Merz ein Flugzeug besitzt – oder zwei (haha, Sie haben es gemerkt: indem ich »oder zwei« nachschob, änderte sich die Bedeutung des vorherigen »ein« vom unbestimmten Artikel zum Zahlwort; zur Flugzeugfrage jedoch: stern.de, 28.11.2018).

Nun fragen Sie sich selbst womöglich: »Will der Wegner eine Neiddebatte entzünden?« – Und die Champagnerkristallglasklare Antwort lautet: »Nein – eine Heucheleidebatte!«

Nun wirklich nicht

Fast als wäre Herr Merz seit langer Zeit zuerst ein Geldverdiener, und als wäre er nur noch drei mal die Woche ein Politiker – und das auch nur am Abend – sagt Herr Merz immer wieder mal etwas zur Lage des Landes, und es lässt sich wohl nur mit kultureller Tageszeit erklären, wie erstaunlich lang die Schatten in den Zeitungskolumnen sind, die seine in ihrer vertikalen Dimension durchaus sparsamen Worte werfen.

Am 15. September 2020 wurde Herr Merz zitiert:

Es macht daher weder Sinn, weiter nach einer ‚europäischen Lösung‘ zur Verteilung zu suchen, noch in einen Überbietungswettbewerb in Deutschland einzutreten, wie viele Migranten wir denn aufnehmen sollen. (Merz nach welt.de, 15.9.2020)

Diese Aussage klang nun gar nicht »Bierdeckel«, eher »Orakel vom Tegernsee«, will sagen: Jeder konnte sie deuten, wie er wollte. Einige deuteten sie tatsächlich so, dass Merz dagegen sei, dass Deutschlands Wohlfahrtskonzerne weiter auf dem Rücken der Bürger den Erfüllungsgehilfen krimineller Schlepperbanden spielen. Nun, wer solche Hoffnung hegte, der wurde nur wenige Tage später wohl korrigiert.

Solange es in Europa keinen funktionierenden Verteilmechanismus gibt, kann Deutschland einen Teil der anerkannten Flüchtlinge aufnehmen. Das überfordert uns nun wirklich nicht. (Merz nach welt.de, 19.9.2020)

(Ich meine ja, dass seine erste Aussage zu unscharf war – und damit dann doch professionell politikisch – um sicher im Widerspruch zu stehen, doch böse Zungen sollen gerufen haben: Widersprich nicht dem Merz – warte, bis er es selbst tut!)

Wirklich europäische Lösung

Nein, nicht die Wendigkeit wäre das Problem, und schon gar nicht die Uneindeutigkeit. Ein Politiker musste noch nie zurücktreten, weil er nicht eindeutig genug war – aber mancher, weil er an der entscheidenden Stelle einen Hauch zu greifbar wurde (zumindest früher, als Politik noch ein Schamgefühl kannte; unter Merkel und Staatsfunk ist ohnehin so manches wurscht).

Ob der Herrscher ein Monarch oder ein Demokrat ist (oder eine Mischform aus beidem, so wie heute in Moskau, Istanbul oder Berlin), immer ist er/sie auch eine Projektionsfläche und eine Vertretung der Anliegen des Einzelnen gegenüber den Realitäten der Welt. Wer den Vielen eine Projektionsfläche sein will, muss unbestimmt bleiben und doch zugleich die Phantasie des Einzelnen wie der Masse anregen. Wer zur Macht strebt, soll ein magischer Spiegel sein, in welchem ein jeder sich selbst sieht, wenn auch sprachgewaltiger und weltklüger.

Nein, nicht die Unbestimmtheit verärgert mich, nicht einmal die orwellschen Gegenteilphrase »europäische Lösung«. Wenn Merkel, Merz & Co. von einer »europäischen Lösung« reden, meinen sie de facto, dass ganz Europa dem deutschen Irrweg einer praktischen Generaleinladung an Afrika folgen soll (und wenn sie schon dabei sind, dann auch noch Deutschland hinterher in die Abschaffung zuverlässiger Energieversorgung und De-Industrialisierung durch Bürokratieaufwuchs von der Klippe springen). Es gibt eine faktische »europäische Lösung« – der deutsche Wahn ist das Gegenteil davon. Der Twitterer daspunkt brachte es elegant auf eben diesen:

Ich finde die europäische Lösung beim Thema der illegalen Migration gut. Was mich stört, ist der Umstand, dass Deutschland nicht mitmacht. (@daspunkt, 19.9.2020)

Nein, nicht die Unbestimmtheit und die Übernahme merkellsch-orwellscher Gegenteilworte ist das ärgste Ärgernis.

Es ist die Heuchelei, es ist die ganz selbstverständliche Heuchelei des Herrn, der irgendwie gleichzeitig Politrentner und politische Nachwuchshoffnung spielt.

Um die billigen Discounter

»Das überfordert uns nun wirklich nicht«, sagt der Herr mit der Zweitwohnsitzvilla am Tegernsee.

Wie schon beim »Wir« in der Jahrhundertlüge »Wir schaffen das« fragt man sich: Wer ist das »uns«, von dem der Multimillionär Merz spricht?!

Wird Herr Merz seine Villa für »junge Männer« öffnen – entgeltfrei natürlich? Seine Kinder sind erwachsen, doch so er Enkel hat, werden diese auf »Brennpunktschulen« gehen? Muss seine Frau sich nervös fühlen, weil die Gegend um die billigen Discounter, wo sie täglich die Sonderangebote absucht, in den letzten Jahren unsicher wurde?

Nein, natürlich nicht. Nichts von alldem. Die Golf-, Yacht- und sonstigen Clubs der Leute seiner Gehaltsklasse sind abgeriegelt und wohlbeschützt. Deren Milchkaffee kostet mehr als euer Abendessen. Die (Enkel-) Kinder, so meine wilde und freie Vermutung, werden feine Privatschulen und ebensolche Universitäten besuchen, dann Praktika bei Firmen absolvieren, wo »Rolex« eher etwas für die unteren Ränge ist (was dazu führen kann, dass Luxus-Praktikanten für den Job von ihrer Royal Oak auf die Datejust »downgraden«).

Ich gönne ja jedem alles, wonach sein Herz begehrt – das Geschwätz von »wir« und »uns« jedoch, wenn im wahren Effekt eigentlich gemeint ist: »ihr da unten, die ihr zu arm und also zu wehrlos seid«, dieses heuchlerische Geschwätz ist es, das mir bitter und gallig aufstößt.

Die Suche geht weiter

Im Essay »Ich fordere das Ende der Forderungen« schlug ich vor:

Wer etwas fordert, dessen Folgen er anderen aufbürdet, ist ein Schwätzer und sollte als solcher behandelt werden. (Essay vom 11.9.2020)

Friedrich Merz will »uns« etwas aufbürden, das ihn und seine relevanten Strukturen genau gar nicht betreffen wird. Herr Merz lässt ungewollt den Eindruck durchschimmern, dass Deutschland und die Deutschen ihm eher nicht so eine relevante Struktur sind.

Vor zwei Jahren fragte ich: »Wofür steht Merz – außer dass er die AfD doof findet?« (Essay vom 15.11.2018) – Ich kenne die Antwort bis heute nicht. Ich weiß, dass manche Bürger in ihrer Verzweiflung ihre Hoffnung auf Merz richten – ich sehe es nicht.

Ich gönne den Reichen ihren Reichtum, ihre Villen und ihre Flugzeuge, ob sie davon nun eines oder mehrere haben. Wenn die Reichen uns aber regieren wollen, dann sollen sie bitteschön auch uns verteidigen.

Schwätzer, die »wir« sagen, aber »ihr da unten in den Brennpunkten« meinen, hat Deutschland genug – es braucht nicht noch einen.

Nein, Merz ist nicht das Licht am Ende des Tunnels. (Um der Zug zu sein, der entgegenkommt, dafür ist er wiederum auch nicht wichtig genug.) – Die politische Figur Merz wirkt mir eher so wie ein liegengebliebenes Fahrzeug am Straßenrand, das regelmäßig mit den Lichtern flackert, und dann schauen wir nach, und stellen fest, dass wir uns um die Insassen keine Sorgen machen müssen, und dann fahren wir wieder weiter.

»Deutschland sucht den Superstar« heißt eine Kandidatenshow im Fernsehen. Was Deutschland heute wirklich braucht – und wen es suchen sollte, ist ein simpler Kandidat, dem es magischerweise gelingt, die durch und durch bösartigen Ränkespiele der Parteien zu überleben ohne innerlich entseelt und zynisch geworden zu sein, ohne vergessen zu haben, was »uns hier unten« wirklich wichtig ist.

Ich sehe noch keinen.

Die Suche geht weiter.

Die Hoffnung hoffentlich auch.

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