29.09.2021

Nach dem Lockdown überdenken Menschen ihren Job – und ihr Leben

von Dushan Wegner, Lesezeit 4 Minuten, Foto von Dustin Humes
Macht Ihr Job Ihnen (noch) Spaß? Wenn Geld nicht das Thema wäre, würden Sie heute noch kündigen, oder würden Sie aus Spaß an der Sache weiter arbeiten?
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In seinem Roman »Per Anhalter durch die Galaxis« beschreibt Douglas Adams die Bizarrheit, dass Menschen mit ihren Autos zur Arbeit rasen und später wieder zurück, während andere in die jeweils entgegengesetzte Richtung eilen:

»Umfahrungen sind Vorrichtungen, die es einigen Personen ermöglichen, sehr schnell von Punkt A nach Punkt B zu gelangen, während andere sehr schnell von Punkt B nach Punkt A fahren. Menschen, die an Punkt C leben, welcher ein Punkt genau dazwischen ist, fragen sich oft, was an Punkt A so toll sein soll, dass so viele Menschen von Punkt B so sehr daran interessiert sind, dorthin zu gelangen, und was an Punkt B so großartig sein mag, dass so viele Menschen von Punkt A so wild darauf sind, dorthin zu gelangen. Sie wünschen sich oft, dass die Leute sich ein für alle Mal festlegen, wo zum Teufel sie sein wollen.«

Wir kennen sie, diese Entwicklungen, die im Nachhinein logisch sind, die zuvor aber kaum jemand erwartet hatte. Der Arbeitsmarkt, gerade unter Informationsarbeitern, durchläuft eine solche durchaus logische, aber unerwartete Veränderung. 

Durch die weltweiten Lockdowns wurden einige Menschen arbeitslos, aber zum Glück längst nicht alle. Diejenigen von uns, die Jobs und Einkommen behielten, mussten lernen, ohne Büro und aus der Ferne zu arbeiten. Wir arbeiteten von zu Hause, aus dem Wohnzimmer, der Küche oder dem Schlafzimmer. Videokonferenzen wurden von einem exotischen und umständlichen Experiment zum neuen Alltag im Geschäftsleben. 

Es war zu erwarten, dass einige Telearbeiter die neu gewonnene Freiheit tatsächlich schätzen lernten. Andererseits könnte man argumentieren, dass der Weg zur und von der Arbeit einen psychologisch relevanten Übergang darstellt, der das Privatleben vom Arbeitsleben trennt. Nun, einige von uns verzichten auf diese angebliche »Trennung«, die ohnehin schon vor der Pandemie zu schwinden begonnen hatte. Smartphones lassen uns rund um die Uhr erreichbar sein, und damit sind wir rund um die Uhr mental bei der Arbeit. Indem man sich das Pendeln spart, gewinnt man zuerst zwei oder mehr zusätzliche Lebensstunden zurück.

Während es wenig überrascht, dass einige Leute sich dafür entscheiden würden, zu Hause zu bleiben, war es weniger offensichtlich, dass einige Menschen nach den Lockdowns ihre Jobs ganz aufgeben würden.

Fortune.com, 26.8.2021 nennt es »die große Resignation«, und sie geben auch der Ursache einen Namen: »pandemic burnout«. Wer es sich leisten kann, kann seinen jetzigen Job kündigen und einen neuen antreten. Wer sich eine Kündigung nicht leisten kann, träumt möglicherweise noch von einem Jobwechsel.

In Zeiten dramatischer gesellschaftlicher Veränderungen hinterfragen die Menschen ihr Leben kritisch. Sie bleiben stehen und fragen sich: »Ist es das alles wert?«

Die Menschen fühlten sich sowohl dem Virus als auch den staatlichen Maßnahmen gegenüber hilflos. Den höheren Mächten ausgeliefert zu sein hat uns noch einmal daran erinnert, dass jeder Tag nur einmal kommt. Wie Steve Jobs in seiner berühmten Antrittsrede sagte: »Ich habe jeden Morgen in den Spiegel geschaut und mich gefragt: ‚Wenn heute der letzte Tag meines Lebens wäre, würde ich dann das tun wollen, was ich heute tun werde?‘, und wenn die Antwort zu viele Tage hintereinander »Nein« lautet, weiß ich, dass ich etwas ändern muss.«

Die Lockdowns haben Menschen indirekt inspiriert, sich die Steve-Jobs-Frage zu stellen: Will ich meine Tage so verbringen?

Arbeitgeber, die es versäumen, ihren Mitarbeitern ein gewisses Maß an persönlichem Wachstum, allgemeiner Bedeutung und zufriedenstellender Autonomie zu bieten, werden zunehmend Schwierigkeiten haben, wirklich kreative und produktive Mitarbeiter zu gewinnen.

Douglas Adams hoffte, «dass die Leute ein für alle Mal herausfinden würden, wo zum Teufel sie sein wollten.”

Es scheint immer mehr Menschen zu geben, die sich erneut überlegen, was und wer genau sie sein wollen – und das ist prinzipiell eine gute Sache.

Hoffentlich werden diese Leute erfolgreich sein in ihrer Suche. Das Leben wie auch unsere Kraft sind begrenzt, und wir können unseren Lebensweg nur so und so häufig ändern, bevor wir alt und müde sind, und für all die Mühe erschreckend wenig vorzuweisen haben. 

Das Alte hat keinen inhärenten Wert, das Neue aber auch nicht. Neue Jobs sind nicht unbedingt besser und befriedigender, nur weil sie neu sind.

Seien wir vorsichtig, denken wir nach, doch lasst uns mutig sein. Ändert, was geändert werden muss!

Es sollte doch eigentlich keine globale Krise brauchen, damit wir unser Leben mal grundlegend prüfen.

»Weiterschreiben, Wegner!«

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