05.04.2022

Mache deine Fehler!

von Dushan Wegner, Lesezeit 4 Minuten
Es fällt einfacher, Entscheidungen zu treffen, wenn man sich vorher eingesteht: »Ich werde immer wieder Fehler machen.« – Immer noch besser, als sich nicht zu entscheiden und anderen Leuten (oder sogar dem Zufall) die Entscheidung zu überlassen. Oder?
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Du wirst falsch liegen. Selbst in Zeiten relativer Sicherheit, eben noch, so etwa in den Jahrzehnten zwischen Kaltem Krieg und Merkelismus, selbst damals hättest du mit einiger Wahrscheinlichkeit immer wieder falsch gelegen.

Und heute, in dieser Zeit der Umbrüche und Umwälzungen, heute ist die Wahrscheinlichkeit noch größer, dass du falsch liegst, dass ich falsch liege – dass ein jeder von uns in seinen Entscheidungen falsch liegt.

Worin du angeblich falsch liegst? Ja, das ist die Crux! (Oder, wie es im Hamlet so schön heißt: »ay there’s the rub!«) – Der Mensch kann doch nur nachher wissen, worin er falsch lag. Wenn ich vorher gewusst hätte, worin ich falsch liegen würde, dann hätte ich diese Entscheidung ja nicht getroffen!

Ja, es soll Situationen geben, da weiß man, dass man falsch liegt, und doch folgt man gewissen niederen Instinkten. In diesen Momenten ist man auch ohne (erkennbare) äußere Kontrolle unfrei zu nennen.

Der freie Mensch handelt aber stets so, dass seine Handlungen nach seinem Ermessen richtig sind, wissend, dass mit realistischer Wahrscheinlichkeit ein Teil von ihnen sich eben doch als falsch erweisen wird.

Ein Beispiel: Wenn etwa der Aktienmarkt sich durchschnittlich nach oben bewegt, wird es eben auch Investitionen geben, die weniger profitabel als der Durchschnitt sind — oder sogar ein konkreter Verlust – und diese Entscheidungen werden ebenso von Profis getroffen. Je öfter du investierst, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass du einen Fehler machen wirst.

Noch ein Beispiel: Knapp 40% aller Ehen in Deutschland werden geschieden (siehe de.statista.com, 24.1.2022), und in anderen Ländern ist die Zahl noch höher. Ein weiterer Teil erkaltet ohne Scheidung. Und doch versuchen hoffnungsfrohe Menschen es immer wieder. In keinem anderem Geschäft würde ein Geschäftsmann investieren, wenn die Chancen auf Totalverlust so hoch stehen. Wir wissen, dass das Risiko hoch ist, irreparable Fehler zu machen, und doch versuchen wir es – manche von uns sogar mehrmals im Leben.

Weitere Beispiele, von denen ich ja bereits geschrieben habe, wären etwa die Berufswahl (siehe etwa Essay vom 13.12.2021) oder die Neu-Abwägung, in welchem Land man die nächsten Jahre und Jahrzehnte seines Lebens verbringen will (siehe etwa Essays vom 3.4.2022 oder vom 6.12.2021). Ob wir uns fürs Auswandern oder doch fürs Dableiben entscheiden, ob wir in der Berufswahl dieses oder jenes Talent zum Ausdruck bringen, es besteht immer eine Wahrscheinlichkeit, dass wir ganz oder in einzelnen Aspekten falsch liegen.

Es ist verständlich, wenn wir Menschen vor großen Entscheidungen in Schockstarre zu verfallen drohen – und uns dann gar nicht entscheiden mögen.

Solange wir leben, treffen wir Entscheidungen, auch und oft gerade dann, wenn und indem wir keine Entscheidung treffen.

Wer im Auto fährt und selbst lenkt, der entscheidet sich mit jedem Kilometer neu, wohin der weitere Weg führen soll. Und manchmal entscheidet man spontan, an der nächsten Abfahrt von der Autobahn runter zu fahren, oder an der nächsten Kreuzung abzubiegen und ein neues Ziel anzupeilen – oder doch wieder heimzufahren.

Aber auch wer in einen Zug einsteigt und ab da die Schienen übernehmen lässt, der hat sich ja für ein Ziel entschieden. Mancher steigt allerdings in den falschen Zug ein, auch das ist die Realität. Wenn es ihm wirklich wichtig ist, dann kann der Zugpassagier ja die Notbremse ziehen (und dafür die Konsequenzen tragen). Und manchmal zieht das Schicksal selbst für uns die Bremse, gegen unseren Willen, und dann kommt der Zug zum »Halt auf freier Strecke«, wie ein Film aus dem Jahr 2011 über einen Vater und Gehirntumor-Patienten heißt (siehe YouTube). Dann sind uns die Entscheidungen aus der Hand genommen – bis dahin allerdings sind unsere Entscheidungen eben das: unsere Entscheidungen.

Sicher, es ist ratsam, genug Mühe und genug Zeit dafür aufzuwenden, täglich weniger falsch zu liegen. Dann aber gilt es, tief einzuatmen und sich bewusst zu werden: Zum Erwachsensein gehört, dass wir in einem Teil unserer Entscheidungen falsch liegen werden.

Wer sich nicht entscheidet, der ist wie eine Murmel, die den Berg der Zeit hinabrollt, von einem Felsbrocken zum anderen hüpfend, bis er irgendwann an einem zufälligen Ort liegen bleibt.

Gerade in diesen Zeiten, in diesem Krisennebel, in diesem Dunst täglich neu inszenierter Krisen, gerade heute ist es wahrscheinlich, neben guten Entscheidungen auch falsche zu treffen.

Ich weiß nicht vorab, welche meiner Entscheidungen sich als Fehler erweisen wird – wenn ich mich auch mit klugen Menschen berate – doch ich will zumindest ehrlich sagen können, dass ich es war, der jede Entscheidung traf. Nicht immer ich allein, aber immer ich selbst.

Ich spreche mir also Mut zu: Finde dich damit ab, dass du in deinen Entscheidungen manchmal eben falsch liegen wirst. Und doch, entscheide dich, immer wieder, damit es deine Fehler waren, denn so, und nur so, werden auch deine Erfolge eben deine Erfolge sein.

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