17.07.2022

Reue, laut und deutlich

von Dushan Wegner, Lesezeit 9 Minuten, Foto von Dave Hoefler
Ökosektierer blockieren den Verkehr. Den Preis dafür zahlen Angestellte auf dem Weg zur Arbeit und Verletzte im Rettungswagen. Ein paar Politiker finden das knorke. So sind'se, die Sozialisten – zahlen am liebsten mit Geld und Leben anderer Leute.
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Wenn Sie auf Ihr bisheriges Leben zurückschauen: Was bereuen Sie? – Sie können so ehrlich und offen sein, wie Ihre emotionale Konstitution es verträgt. Ich mag zwar, indem Sie mich lesen, »in Ihrem Kopf« sein, doch ich höre nicht, was Sie antworten.

Ich meine jetzt nicht »das Übliche«. Klar, ein jeder Mensch wünscht sich, mehr Zeit mit den Lieben verbracht zu haben, weniger im Büro. Wobei diese Zeit mit der Familie vielleicht weit weniger vergnüglich gewesen wäre, als man es sich ausmalt, auch weil das Geld gefehlt hätte, das man ja im Büro verdiente.

Hoffnung und Reue funktionieren beide oft nur dadurch, dass wir wichtige Prämissen weglassen und kausale Zusammenhänge nicht bedenken.

Nein, ich frage nicht nach den Dingen, die jeder bereut, und die zu bereuen wohl ein Teil der Conditio Humana sind.

Ja, man bereut, dass man nicht besser auf seine Gesundheit achtete. Dass man zu wenig Gemüse aß und nicht genug gute Bücher las. Dass man nicht mehr fürs Alter zurücklegte, dass man sich zu oft über zu kleine Ärgernisse erregte.

Alles verständlich, alles menschlich, und also auch alles nicht außergewöhnlich.

Und kommen Sie mir gar nicht erst mit Reue, die doch nur dünn verhüllte Anklage ist. Man bereut, so jammert man, dass ich mich so oder anders behandeln ließ. Dass man hinnahm und ertrug. Schlechte Freundschaften, noch schlechtere Verhältnisse. Auch solche Reue ist verständlich und menschlich, und doch, seien wir stets ehrlich, sie ist auch lächerlich.

Ich frage hier und heute: Was bereuen Sie, dass eigentlich nur Sie bereuen können?

Das Wort »individuell« bedeutet wörtlich: »unteilbar«. – Welche Reue ergibt sich aus Ihrem individuellen, unteilbaren Lebenslauf?

Nachträgliche Überheblichkeit

Ich will Ihnen sagen, was ich selbst bereue, jetzt wo ich mich bald zehn Jahre über der Hälfte meiner durchschnittlichen Lebenserwartung befinde. Der Countdown läuft.

Ich bereue es, nicht lauter und deutlicher gewesen zu sein.

Ach, riskieren wir doch etwas nachträgliche Überheblichkeit: Ich bereue es, zu schüchtern gewesen zu sein, zu viel gezweifelt zu haben.

Ich will Ihnen gern sagen, in welcher Hinsicht ich meine, »zu schüchtern« gewesen zu sein. Doch, zunächst ein Aufhänger im aktuellen Geschehen.

Regelungen der Gesetze

Lassen Sie mich eine kleine Schlagzeile der letzten Tage korrigieren.

Der Kriminalhauptkommissar von Berlin, übrigens ein SPD-Politiker, wurde dieser Tage zitiert, es sei »Inakzeptabel, wenn Ministerinnen sich mit diesen verklebten Leuten solidarisieren«. (welt.de, 13.7.2022)

Mit den »verklebten Leuten« sind Aktivisten gemeint, die sich auf die Straße kleben, um etwa gegen Umweltverschmutzung zu protestieren.

Man gibt sich Namen wie »Last Generation« und benimmt sich auch sonst, als ob etwas im Kopf verklebt wäre.

Ich will gar nicht die Logik diskutieren, die es haben könnte, Stau zu verursachen, Menschen auf dem Weg zur Arbeit oder Krankenwagen mit Patienten an Bord zu blockieren, um fürs Klima zu demonstrieren. Es ist absurd.

Interessant ist aber, dass Berliner Politiker sich offenbar mit Tätern dieser Straftaten solidarisieren.

Ich sagte »Täter von Straftaten«, nicht »Straftäter«. Um Straftäter zu sein, müsste man für seine Taten auch tatsächlich verurteilt werden.

Jedoch, wie die Polizei in Berlin klagt: Diese Leute werden zwar festgenommen, doch stramm linke Institutionen, mit Rückendeckung der Politik, lassen sie bald wieder laufen.

Warum werden sie laufen gelassen?

Weil die Anliegen, mit denen sie ihre Taten begründen, offenbar mit dem moralischen Geschmack gewisser Kreise zusammenfallen.

Wenn diese Leute exakt dieselben Handlungen durchführen würden, aber für sichere Grenzen oder Begrenzung der Einwanderung demonstrieren würden, wie würden linksgrüne Politikerinnen und dann auch die Richter reagieren?

Den Staatsschutz würde man rufen. Man würde die »Aktivisten« bald »Terroristen« nennen. Man würde jahrzehntelange Haftstrafen fordern. Autofahrer, die aus Wut einfach draufhalten, würden zumindest vom Gericht öffentlicher Meinung freigesprochen – so die Opfer nur »Rechte« waren.

Politiker und wohl auch Richter ersetzen die Regelungen der Gesetze durch eine diffuse, stramm linke »Moral«.

Widersinnigkeiten und Launen

Moral aber ist kein Naturgesetz, keine logische Wahrheit wie etwa die Mathematik.

Moral ist ein Gefühl, wie auch die Liebe, das Heimweh oder der Hunger. Moral sagt etwas darüber aus, was dir wichtig ist und bewahrenswert erscheint.

Die moralische Argumentation der Klimasekte ist, dass der Untergang unmittelbar bevorsteht, wogegen man ja protestiert, und dass deshalb dein Arbeitsplatz oder das Leben des Menschen im Krankenwagen eben der Preis sind, den sie gewillt sind, für ihre Klimaproteste zu bezahlen – wie es sich für Sozialisten gehört, ist es ja nicht ihr eigenes Geld und Leben, mit dem sie bezahlen.

Dieselben Aktivisten und ihre Sympathisanten fänden es ganz und gar nicht gut, wenn man der Einfachheit halber solchen Klimaspinnern einfach die Hände abhackt und die abgetrennten Körperteile an der Straße drangeklebt lässt. Das Leben des Menschen im Krankenwagen sind sie bereit für ihren Protest zu bezahlen – ein paar ihrer Finger aber nicht.

Das Problem der Moral ist jedoch, dass sie zu oft zufällig und erschreckend leicht zu manipulieren ist.

Menschen sind etwa bereit, für ihre Religionsgemeinschaft zu morden, nur um nicht den emotionalen Halt zu verlieren, den diese ihnen gibt. Unsere Moral ist abhängig davon, was wir im Moment wichtig finden, oder was wir schlicht vor Augen haben.

Finden Sie es etwa gut, wenn Kinder unter brutalen Bedingungen seltene Erden aus dem Boden kratzen, hustend, leidend, nicht lange lebend?

Nein, natürlich finden Sie es nicht gut.

Doch Sie würden auch nicht auf das Smartphone verzichten, das diese seltenen Erden braucht. Was sollten Sie denn lesen, wenn Sie auf dem Klo oder in der Straßenbahn sitzen?

Moral muss sich gut anfühlen. Es fühlt sich besser an, wenn irgendein afrikanischer Warlord für uns übernimmt, was wir nicht persönlich sehen wollen. Und die Firmen, die über Zwischenhändler das Produkt dieser Kinderhände verwenden könnten, sie müssen uns nur bunte Regenbogenflaggen zeigen und moralische Worte sagen, dann glauben wir ihnen gern, wie moralisch sie sind – wir wollen es ja nicht anders.

Moral ist flatterhaft, sie ist erhitzbar und explosiv. Und doch wären wir ohne Moral wenig mehr als ein Pack wilder Hyänen. Ach was, selbst das Rudel in der Wildnis hat eine Ordnung, und damit eine Moral.

Das Gesetz aber, das soll ja eine verfestigte, stabile Form der Moral sein. Eine Essenz der Moral, die das Zusammenleben erst möglich macht. Ein gutes Gesetz, das ist eine Moral, die von Widersprüchen, Widersinnigkeiten und Launen des Augenblicks gereinigt wurde.

In Wahrheit chaotisch

Wenn also Politiker oder Richter ein spontanes Moralgefühl über die Ordnung der Gesetze stellen, dann erheben sie das spontane, unordentliche Gefühl über die Ordnung des Staates.

Das moralische Bauchgefühl einiger linker Aktivisten über die Ordnung der Gesetze zu stellen, bedeutet schlicht, den Rechtsstaat in Zweifel zu ziehen.

Wir stellen dieser Tage immer wieder fest, dass der Verfassungsschutz in die um 180 Grad falsche Richtung zu beobachten scheint.

Nicht die Leute, welche die Politik kritisieren, gefährden die Demokratie, sondern allzuoft jene, welche als vorgebliche Demokraten mit ihrem wenig rechtsstaatlichen Auftreten das System lächerlich machen.

Ja, manches westliche, vermeintlich demokratisch-kapitalistische Land bewegt sich auf Sozialismus zu. Doch mit »Sozialismus« meinen wir nicht Güterteilung wie im Kibbuz. Mit »Sozialismus« meinen wir eine auf Seilschaften und Intrigen fundierende, Ordnung vorgaukelnde, aber in Wahrheit chaotische und also final auf den Untergang ausgerichtete Staatsform wie den real existierenden Sozialismus. Das praktische Primat spontaner Moralgefühle über tatsächliches Recht und Gesetz ist ein Schritt in den real existierenden (und sich regelmäßig bald hinter Bürokratie einbunkernden) Sozialismus.

Gegen die Vogelgrippe

Bildungsbürger mögen sich heute in ihrem beruflichen Fachgebiet auskennen, mögen sogar ein paar bekannter Bücher gelesen haben und vielleicht trinken sie ihren Wein, wie einst Steinbrück, niemals unter fünf Euro pro Flasche. Und doch wirken sie hilflos und umher gepustet, wie Papierbötchen auf dem See im Sturm, wenn und weil sie nicht sehen, wie ihre ethischen Gefühle gesteuert werden.

Merkel konnte Deutschland üblen Schaden zufügen, weil Journaille und vielleicht auch Richter die moralischen Gefühle der Menschen derart steuerten, dass sie es hinnahmen, und wider alle Vernunft brav »Wir schaffen das!« riefen, eine Nation wie gackernde Hühnchen auf dem Weg zur Verwertung, an der Leine inkohärenter Moral – hoffentlich sind sie alle brav gegen die Vogelgrippe geimpft.

Metaphysisch nicht möglich

Vor bald zwei Jahrzehnten hatte ich begriffen und aufgeschrieben, dass und wie menschliche Moral zu beeinflussen ist. Ich skizzierte es in den beiden Büchern »Relevante Strukturen« und »Talking Points«.

Ja, ich warnte vorm Manipuliertwerden. Und ich sagte auch korrekt voraus, dass in der nun bereits begonnenen Zukunft die ethische Wahrnehmung der Menschen von oben gesteuert und justiert werden wird, so wie ein Mechaniker seine Maschinen steuert und justiert.

Meine Reue aber besteht darin, dass ich meine Warnung womöglich allzu philosophisch formulierte. Meine Reue besteht darin, dass ich zu leise war.

An den Tag

Politiker und Konzerne, welche die vulgärsten moralischen Trigger zu bedienen wissen, kommen mit den unmoralischsten Dingen durch. Wer sich in Deutschland als »der Gute« etabliert, dem ist es metaphysisch nicht möglich, etwas Illegales zu tun.

§1 des deutschen Strafgesetzbuches lautet: »Eine Tat kann nur bestraft werden, wenn die Strafbarkeit gesetzlich bestimmt war, bevor die Tat begangen wurde.«

Dieser erste Paragraf sollte gestrichen und ersetzt werden. Erstens wissen wir, dass auch legale Taten de facto »bestraft« werden können, wenn sie eine störende politische Meinung oder unerwünscht Wahrheit enthalten, und die Strafe kann dann etwa aus Hausdurchsuchung, Jobverlust oder sozialer Vernichtung bestehen. Manchmal scheint der moralische Mob das wahre Gesetz zu sein.

Der erste Paragraf des StGB sollte ersetzt werden durch die Präambel, dass alle folgenden Gesetze keine Anwendung finden, wenn der Täter bei der Durchführung der Tat eine politisch gewünschte Haltung an den Tag legte.

Jahre und Jahrzehnte

Ja, ich hatte vorausgesehen, dass es sich so entwickeln würde. Und ich hatte die Mechanismen beschrieben. Doch ich war wohl viel zu philosophisch geblieben, zu höflich.

Das ist der Punkt meiner Reue. Ich war nicht laut genug. Nicht deutlich genug. Vielleicht sogar zu wortverliebt – wie wahrscheinlich auch genau dieser Text.

Das ist die beste Lehre, die ich aus meinem eigenen Leben ziehe, und die ich Ihnen anbieten kann: Wenn du etwas zu sagen hast, sag es laut, sag einfach.

Klügere Menschen als ich es bin, rieten mir, nach YouTube zu gehen, meine Nachricht als Video zu präsentieren. Ich zögerte lang. Vielleicht zu lang. Nun, jetzt kann man mich endlich auch als Bewegtbild sehen und hören.

»Besser spät als nie«, ist ein reichlich dummer Satz, wie uns jeder Arzt und Notarzt bestätigen wird. Manchmal ist es eben zu spät. – Auf der anderen Seite aber: Das Gezerre um unsere ethischen Gefühle hat gerade erst begonnen – und es wird die nächsten Jahre und Jahrzehnte nicht nachlassen.

Dies alles, irgendwelche festgeklebten Spinner in Berlin, Konzerne, welche ihre moralische Verrottung hinter Regenbogenflaggen verstecken, die lächerliche Einsetzung des rassistischen Lügners Joe Biden als US-Präsident, all dies war nur Vorgeplänkel auf die Dinge, die noch kommen.

Ich bereue, nicht laut und nicht deutlich genug gewesen zu sein. Lernen Sie aus meinen Fehlern, Sie wollen ja später nicht bereuen.

Die Moral aus meiner Geschicht’: Wenn Sie von etwas überzeugt sind, seien Sie laut, und seien Sie deutlich!

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