08.12.2022

Nicht, dass alles nur »Show« ist!

von Dushan Wegner, Lesezeit 7 Minuten, Bild: DW via Stable Diffusion
Behörden starten Super-Razzia, und angeblich sind die Zielpersonen super gefährlich – planen Staatsstreich! – doch Medien deutschlandweit wissen vorab Bescheid, als wäre überhaupt nichts gefährlich. Hmm. Nicht, dass alles nur »Show« ist!
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Ein Mensch schaut zum ersten Mal einen Film. Er sieht Pistolenschüsse und andere Gewalt. Er sieht rote Flüssigkeit aus einem Körper spritzen.

Es ist gut, wenn dieser Mensch nicht allein ist, wenn er zum ersten Mal einen »blutigen« Film sieht. Es empfiehlt sich, dass jemand daneben sitzt, der dem angehenden Filmfan erklärt: Das ist nur Filmblut! Es ist rot gefärbtes Wasser. Denn: Es ist alles nur Show!

Jedoch, auch wenn wir wissen, dass es alles »nur Show« ist, so arbeiten in uns doch mehr Mechanismen als nur das ach-so-vernünftige und unmittelbar zugängige Bewusstsein.

Ich etwa tue mir denkbar schwer, einen sogenannten »Horrorfilm« zu schauen. Auch wenn ich in der Sache weiß, dass das im Film alles nur Fake-Blut ist, so reagieren meine Instinkte doch genau so, wie die Natur es vorsah und der Regisseur es vorsah.

»Es ist nur Show«, so sagt mein Verstand, doch meine Gefühle verstehen das nicht, und so rast mein Herz und mein Magen rotiert.

Wo wir aber von »Show« reden, und von der Dissonanz zwischen Ratio und Emotion, wären wir bereits mindestens halb bei den Nachrichten des Tages angelangt!

»Coronaverharmlosermilieu«

»In den frühen Morgenstunden« so schreibt tagesschau.de, 7.12.2022, »haben die Ermittler zugeschlagen«. Die Dach- und die Schlagzeile darüber lauten: »Bewaffnete Reichsbürger: Razzia wegen geplanten Staatsstreichs«.

»Geplanter Staatsstreich« – das klingt dramatisch, und soll wohl auch dramatisch klingen.

Der deutsche Staatsfunk und politiknahe Redaktionen berichten innerhalb von Minuten nach der Razzia, dass ein 71-jähriger Adliger im Staatsstreich als neuer Regent eingesetzt werden sollte. Es ginge gegen eine »mutmaßliche rechte Terrorgruppe«, so berichtet sueddeutsche.de, 7.12.2022 hinter Bezahlschranke. Und natürlich bringen die Journalisten brav auch die AfD hinein.

Die Bundesanwaltschaft ist eine Behörde des aktuell FDP-geleiteten Justizministeriums, und ihr aktueller Leiter wurde 2015 vom damaligen SPD-Justizminister, nämlich Peinlichminister Heiko Maas, für sein Amt vorgeschlagen.

Auch nachdem die Anschläge von Klima-Sektierern womöglich das erste Menschenleben gekostet hatten (siehe Essay vom 4.11.2022), stellte sich – warum auch immer – der Chef des Verfassungsschutzes schützend vor die »Klimakleber«, als wäre er ihr Pressesprecher (siehe Essay vom 17.11.2022).

Doch wenn ein 71-jähriger Finanzberater sich zum König von Deutschland zu erklären droht, muss natürlich die GSG-9 aktiviert werden. 130 Objekte wurden durchsucht und 25 Menschen verhaftet.

Die früh- und gutinformierte TAZ weiß über die Verhafteten zu berichten: »Alle bewegten sich im Reichsbürger- und Coronaverharmlosermilieu.« (taz.de, 7.12.2022)

Aha.

Vielleicht war er ja wirklich »Anführer einer terroristischen Vereinigung«, wie ihm vorgeworfen wird.

Offenbar aber gehörte er wohl zum »Reichsbürgermilieu« – und/oder zum »Coronaverharmlosermilieu«.

Machen wir uns bewusst, liebe Leser: Ein jeder Bürger, der sich nicht den vierten Booster stechen lässt, der jemals Zweifel an den täglich wechselnden »Wahrheiten« über Covid-19 oder der Wirksamkeit der mRNA-Injektion bekundete, gehört der Wortbedeutung nach zum Coronaverharmlosermilieu.

Einordnungen vorab

So weit, so mehrdeutig. Ein Meta-Detail all dieser Meldungen aber ist derart auffällig, dass sogar der Staatsfunk es in einer Randnotiz feststellt!

»Razzia gegen ›Reichsbürger‹-Szene: Medien wussten vorab Bescheid«, schreibt deutschlandfunk.de, 7.12.2022. (Wäre ich ein Zyniker, würde ich vermuten, dass da jemand sauer ist, selbst nicht vorab eingeweiht worden zu sein. Oder man leidet daran, wie ramponiert das Image der Journalismus-Branche inzwischen ist.)

Tatsächlich ist es auffällig, wie viele linienfreundliche Medien vorab informiert waren.

Der jedes Nicht-Links-Seins unverdächtige Stefan Niggemeier schreibt:

Okay, also ungefähr jede größere Redaktion wusste vorab von dieser extrem gefährlichen Razzia und hat eigene Hintergrundstücke, Einordnungen, Exklusivrecherchen vorbereitet? Das ist aus Lesersicht ja ganz praktisch, aber für den Fahndungserfolg vielleicht doch problematisch? (@niggi, 7.12.2022)

Martina Renner von der umbenannten SED merkt an:

Diese Razzia war seit mindestens einer Woche ein offenes Geheimnis. Wenn ein Ministerium oder eine Behörde dafür sorgt, dass eine Woche vorher sogar die Adressen der Razzien bei der Presse bekannt sind, ist es schwer vorstellbar, dass niemand der Durchsuchten Bescheid wusste. Die Telegram-Nachricht eines Beschuldigten bestätigt dies. (@MartinaRenner, 7.12.2022, Thread)

Redaktionen deutschlandweit

Die Personen, gegen welche die Razzia sich richtete, stammen allesamt aus politischen Richtungen, die es wagen, dem Narrativ des Propagandastaates zu widersprechen – so viel scheint klar.

Doch Begründung und Durchführung dieses Einsatzes scheinen mir im Gegensatz zu stehen!

Auf der einen Seite sind diese Leute so gefährlich und vielleicht sogar veritable Terroristen, sodass ihre Gefährlichkeit die größte Razzia seit Jahrzehnten inklusive Einsatz der GSG 9 rechtfertigte.

Auf der anderen Seite sind diese Leute so ungefährlich, dass Redaktionen deutschlandweit seit Wochen davon Bescheid wissen konnten, und man nicht fürchten musste, dass irgendwas davon an die Verdächtigen durchsickert und diese eine Gegenwehr vorbereiten.

Sogar Linke, deren zentrale Fähigkeit es doch sein sollte, kognitive Dissonanz und logische Widersprüche zu leben, melden erste Zweifel an.

Stattfindende Gesellschaft

Ich nenne Deutschland einen »Propagandastaat«. Mit dem Ausdruck »Propagandastaat« meine ich einen Staat und die darin stattfindende Gesellschaft, deren Bürger rund um die Uhr von politischen Botschaften umgeben sind, welche alle Bereiche des öffentlichen wie auch privaten Lebens bestimmen.

In einer Demokratie, in welcher tatsächlich die Idee der Demokratie ein Leitbild sine-qua-non wäre, würden politische Handlungen mit der Motivation stattfinden, den Willen des Volkes umzusetzen und sein kurz-, mittel- und langfristiges Wohl zu sichern.

In einem Propagandastaat (ob er als »Demokratie« oder anders firmiert) dient politisches Handeln immer wieder zuerst der Propaganda und der Machtfestigung, unabhängig von der demokratischen, rechtsstaatlichen oder blank rationalen Rechtfertigung.

Es ist das Wesen des Propagandastaates, auf der Klaviatur seiner Medien zu spielen, wie ein Pianist die Tasten seines Konzertflügels bedient. Nach einer möglichen Deutung sollte die Super-Razzia ein »Fortissimo« im großen Musik-Stück sein, ein Show-Highlight, das andere Durchhänger kaschiert. Und wenn die Einpeitscher in Funk und Fernsehen auch brav mitmachen, wird das Publikum gar nicht anders können, als zu applaudieren und auch morgen wieder Eintrittskarten zu kaufen.

Lange vorher Bescheid

Formulieren wir doch aus, was sich aus der Anschauung der tatsächlichen Nachrichtenlage als offizielle Wahrheit logisch ergibt: »Die Super-Razzia war dringend notwendig, weil die Verdächtigen so gefährlich waren, aber alle großen Redaktion des Propagandastaates konnten lange vorher Bescheid wissen, sogar die Adresse kennen und ihre Kameras aufbauen, weil man offenbar nicht davon ausging, dass die Verdächtigen wirklich gefährlich sind oder sich gar vorbereiten und bewaffnet wehren könnten.«

Oder formulieren wir es simpler, ohne einen logischen Widerspruch, mit der Realität des Propagandastaates als Prämisse: »Die Super-Razzia gegen Leute, die allesamt im ›bösen‹ politischen Spektrum verortet werden, war eine Propagandamaßnahme des Propagandastaates, weshalb natürlich willige Journalisten vorab eingebunden sein mussten.«

Nicht zu laut

Wir erlebten vor kurzem noch das »Coronatheater« der Prominenten, wenn sie für die Kameras ihre Masken aufzogen.

Wir erleben nach jedem Anschlag und jedem Messermord, wie die politisch verantwortlichen Politiker betroffen und unschuldig tun.

Es wird nicht ungelegen kommen, dass die Super-Razzia jenen Mord an der 14-Jährigen aus den Schlagzeilen verdrängt. Oder die Meldung von der 21-jährigen Ukrainerin, die vom 28-jährigen Jordanier getötet wurde; siehe focus.de, 5.12.2022. Oder Meldungen von all dem übrigen »legalen Unrecht«, das dem Land von seiner herrschenden Klasse angetan wird.

Wir erleben, wie die Behörden mit Hilfe der GSG 9 zur Super-Razzia aufbrechen, während die Presse des Propagandastaates natürlich vorab eingeweiht ist – fast als wäre die Anwesenheit der Presse und die Panik-Berichterstattung im Sinne des großen Narrativs der eigentliche Zweck der Aktion gewesen.

Eine Stimme in mir sagt: Es ist alles nur Show! Es ist eine Inszenierung, eine Co-Produktion von Behörden und Presse des Propagandastaates. Es ist alles nicht echt.

Eine andere Stimme in mir aber warnt: Ja, es wirkt wie Show, doch das heißt nicht, dass es nicht gefährlich sein kann.

Auch zu Propaganda-Zwecken eingesetzte Gewehre sind Gewehre.

Das Blut im Film ist nur Filmblut. Die Razzia aber, die starken Männer und ihre Gewehre, die sind allesamt echt.

Und mindestens genauso echt könnte die Angst der Bürger sein, in Zukunft lieber noch seltener allzu laut der Regierung und ihrer Presse zu widersprechen.

Nicht zu laut

Da wären (mindestens) zwei Möglichkeiten:

1.: Der Prinz und seine Leute waren so gefährlich, dass es die größte Razzia seit Jahrzehnten rechtfertigte (@spdbt: »Mit dem größten Anti-Terroreinsatz unserer Geschichte wurde ein Staatsstreich verhindert.«) – aber nicht so gefährlich, dass man nicht der Presse deutschlandweit davon Bescheid geben konnte.

Oder, 2.: Die Behörden des Propagandastaates veranstalten zusammen mit freundlichen Journalisten eine Show – aus ihren eigenen Gründen.

Entscheiden Sie selbst, welche Erklärung Ihnen plausibler erscheint, was zu Ihnen logisch und zu jüngsten Ereignissen passend erscheint.

Es fällt mir nicht einfach, diese Ereignisse und ihre logischen Konsequenzen auszubuchstabieren. Es geht auf Weihnachten zu, und da schaut man ja schon mal Filme. Diese Story aber hat was von einem Horror-Film, und es hat etwas von »Show«, bloß das »nur« in »nur Show« fällt mir schwer.

Ja, entscheiden Sie selbst. Doch sprechen Sie nicht zu laut davon. Und wenn man Sie fragt,  was Sie damit meinten, sagen Sie es sei doch nur Show gewesen. Sie wollten doch nicht mit »falscher Meinung« den Staat davon ablenken, was ihm wirklich wichtig ist.

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