31.10.2019

System Error und der Clan-Chef

von Dushan Wegner, Lesezeit 9 Minuten, Bild von Marika Vinkmann
Clan-Chef Miri ist wieder da – und ihr wundert euch über AfD-Erfolge? Mancher Bürger fragt sich unbewusst: Will ich lieber von Herrn Miri oder von Herrn Höcke regiert werden?
System Error und der Clan-Chef
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Ein Schüler kam zum Meister und fragte um Rat in einer geschäftlichen Angelegenheit. Ein Geschäftspartner, auf den er angewiesen war, lieferte schlechte Ware, doch dieser Geschäftspartner war sein Freund von Kindesbeinen an, und also brachte der Schüler es nicht übers Herz, die Geschäftsbeziehung abzubrechen und anderswo Ware zu bestellen.

»Was soll ich tun?«, fragte der Schüler, »wenn ich die Geschäfte so weiterführe, riskiere ich das Einkommen meiner Familie, wenn ich sie nicht weiterführe, verliere ich einen Freund, welcher es doch nicht besser kann.«

Der Meister reichte dem Schüler einen Teller mit sechs Reiskuchen, und er sagte: »Verteile diese Reiskuchen auf die Kinder in diesem Raum, aber verteile sie gerecht! Es ist ein Spiel, und Spiele haben Regeln, sonst wären sie kein Spiel. Erst wenn du sie verteilt hast, sprich wieder zu mir! Verteile die Reiskuchen und schweige, außer ich stelle dir eine Frage!«

Der Schüler nahm den Teller in die Hand. Das war nun keine Antwort auf seine Frage nach dem Geschäftspartner! Als ob er es nicht wüsste, schaute er sich noch einmal im Raum um. Es waren keine Kinder im Raum.

Der Schüler setzte an, etwas zu sagen: »Aber–«, doch der Meister unterbrach ihn sogleich: »Du hast noch nicht die Reiskuchen verteilt, und ich habe dir noch keine Frage gestellt. Ich sagte, sprich erst wieder, wenn du die Reiskuchen verteilt hast!«

Der Schüler saß ratlos da. Für einen Augenblick hoffte er, es würden Kinder hereinkommen, an die er die Reiskuchen verteilen könnte, nichts dergleichen war zu erwarten. Im Raum waren nur er, der Meister, der lächelnd Tee aus einem Becher trank, und natürlich sein Teller mit den zu verteilenden Reiskuchen.

»Ich kann es nicht«, wollte der Schüler sagen, doch der Meister unterbrach ihn schon nach dem »Ich«.

Es dauerte eine quälende Weile, dann sagte der Meister endlich: »Das Spiel, das du hier spielst, kannst du gar nicht gewinnen. Wie sehr du es auch versuchst, es ist unmöglich, etwas auf nichts zu verteilen. Wir wissen, dass das Leben endlich ist, und dass jeder Atemzug nur einmal geschenkt ist, bis wir keine Atemzüge mehr übrig haben. Lass mich dir also die Frage stellen, die Teil dieses Spiels ist. Wenn wir wissen, dass dieses Spiel nicht zu gewinnen ist, und dass unsere Atemzüge gezählt sind, ist es klüger ein unmöglich zu gewinnendes Spiel früher abzubrechen oder später?«

Der Schüler war unsicher, ob er jetzt wirklich reden durfte.

Der Meister nickte: »Ja, das war meine Frage, jetzt darfst und sollst du antworten. Wenn wir wissen, dass dieses Spiel nicht zu gewinnen ist, und dass unsere Atemzüge gezählt sind, ist es klüger das Spiel früh abzubrechen, oder sollte man noch warten?«

Der Schüler verstand. Er gab den Teller mit den Reiskuchen zurück, und er sagte: »Ich breche das Spiel ab.«

Der Meister lächelte.

Clowns und Clans

Im Juli 2019 lasen wir: »Spezialkräfte umstellten sein Bett« und »Miri-Clan-Boss in den Libanon abgeschoben« (focus.de, 11.7.2019). Die Aktion hieß »Störung der Nachtruhe des Herrn Miri«, und Spezialkräfte sollen monatelang an der Vorbereitung gearbeitet haben.

Deutschland könnte seine Aufmerksamkeit auf Bildung und Kultur richten, auf die Forschung an Zukunftstechnologien, auf die Vorbereitung seiner Kinder auf eine Welt der Roboter und künstlichen Intelligenz – aber die Clowns in Berlin haben auch schon so alle Hände voll zu tun, etwa mit den Clans in Bremen.

Nun, Herr Miri mag sich gedacht haben, dass wer zuletzt die Nachtruhe stört, sie am besten stört, oder so ähnlich, denn jetzt ist Herr Miri wieder da. Wir lesen, über einem Bild mit Rückenansicht eines Herren in warmer Jacke:

15 Wochen nach der Abschiebung reiste Ibrahim Miri illegal nach Deutschland ein – Hier spaziert der Clan-Chef zum Asylantrag
(
bild.de, 30.10.2019)

Der junge Mann mit der Begeisterung für Deutschland und seine Möglichkeiten durfte, so erfahren wir, eigentlich gar nicht ins Land der Berliner und anderen Fettgebäcke einreisen. Und doch tat er es! Rätselhaft, wie er das nur anstellen konnte! – So absurd das alles ist, die Pointe kommt noch…

Laut seinem Anwalt, so schreibt bild.de, hat sich der junge Mann gleich selbst angezeigt. Und er sagt, dass er im Libanon bedroht wird – das müsste der deutsche Staat erstmal widerlegen. Ich weiß nicht, wie fit der junge Mann in Sachen künstliche Intelligenz ist, aber seine natürliche Intelligenz ist zweifelsohne hervorragend – anders als die Intelligenz des Systems, dass er so geschickt zu bespielen versteht wie libanesische Volksmusiker die Saiten der Oud.

Nur die Schallwellen

Wer in Mathematik aufgepasst hat oder etwas über frühe Computer weiß, der hat vielleicht erkannt, was das Problem des Spieles mit den Reiskuchen ist, welche auf »null« Kinder aufgeteilt werden sollen: Division durch Null.

Nun kann man diskutieren, warum die Division durch Null nicht möglich ist. Man kann auch Antworten setzen, etwa Unendlich (Symbol: ∞). Man kann sich auch, wie ich, damit behelfen, bereits die Frage zu prüfen. Die Aussage »an keine Kinder verteilen« ergibt keinen Sinn, denn Verteilen setzt voraus, dass es einen Empfänger gibt. Die Division durch Null ist in einer einfachen Deutung vergleichbar mit Paradoxien wie dem Baum im Wald, der ein Geräusch macht oder eben nicht (es kommt darauf an, ob das Konzept »Geräusch« nur die Schallwellen meint oder auch die Tatsache, dass ein bewusstes Lebewesen sie wahrnimmt), oder dem Stein, den Gott erschaffen soll, der so schwer ist, dass er ihn selbst nicht heben kann (die Bedeutung von »Gott« ändert sich im Verlauf der Frage, man fragt also, ob es einen allmächtigen Gott gibt, der nicht allmächtig ist, also gibt es ein X, das Y und nicht-Y ist).

 Wenn wir erkannt haben, dass eine Aufgabe unmöglich zu lösen ist (oft dadurch, dass die Frage schlecht, ungenau oder widersprüchlich gestellt wurde, sprich: dass man das Problem nicht verstanden hat) dann werden wir sie nicht dadurch lösen, dass wir nur lange genug durchhalten.

In der Politik und in Konzernen, wo das Personal nicht vom langfristigen Erfolg des Projektes motiviert ist (sondern etwa, rein hypothetisch, für sich und befreundete »Berater« ein paar Krümel vom Kuchen abzweigen will, was zum Glück nicht in Deutschland vorkommt), da könnte es die »Verantwortlichen« gefährlich wenig stören, dass das Problem, an dessen Lösung sie arbeiten, logisch gar nicht zu lösen ist. Im Gegenteil! Wenn du davon profitierst, mit Getöse zu tun, als würdest du das Problem lösen, dann wäre es geradezu wahnsinnig, fürs Erste zuzugeben, dass das Problem nicht zu lösen ist, da die Frage falsch gestellt wurde, und es lieber früh als spät abzubrechen.

Wann glaubt ihr, dass die Taschendiebe auf der Titanic mit dem Klauen aufhörten? Ich sage euch, die schwammen im Eiswasser und klauten noch immer dem Ertrinkenden neben sich die nassen Taschen leer.

Ich gestehe: Ich verspüre in diesen Tagen das Bedürfnis, den Leuten zuzurufen: »Hab ich euch ja gesagt!!!« (Und damit ich das auch ohne zu brüllen tun kann, habe ich ein Hab-ich-euch-ja-gesagt-Kopfschmerzdesign entworfen.)

Die gefühlte Wahrheit der Linken, die mit Kuscheltieren in der Hand am Bahnhof stehen und (übrigens latent rassistisch) die »edlen Fremden« begrüßen, sie ist eine inkohärente, realitätsfremde Illusion.

Deutschland heute reiht sich in (mindestens) einem Aspekt nahtlos in all die anderen »linken« Träume ein, von Pol Pot bis Stalin, von Castro bis DDR: Linke gehen von einem sachlich falschen Menschenbild aus, folglich sind ihre Vorhersagen zu menschlichem Verhalten durchgehend falsch. Die Konsequenz linker Illusionen sind stets Leid und Unrecht, die einzigen zuverlässigen Konstanten gutmenschlicher Lebenslügen.

Ein unlogisches Spiel

In der Geschichte vom Meister und den Reiskuchen, die der Schüler an Kinder verteilen soll, die gar nicht da sind, wird das Spiel abgebrochen, bevor die Beteiligten an der Unmöglichkeit des Spiels verrückt werden. Wer bricht das Toleranz-Spiel ab, bevor Deutschland daran zerbricht?

Deutschland spielt ein unlogisches Spiel. Im Text »Selbes Land, neue Sitten« habe ich untersucht, wie ein demokratisches System quasi »gehackt« werden kann, wenn es Regeln anzuwenden versucht, die nicht in die reale Realität passen.

Deutschland hat noch immer sehr löchrige Grenzen, ein Rechtssystem, das nicht für eine Zeit global mobiler Akteure ausgelegt ist, und eine öffentliche Debatte auf dem intellektuellen Niveau einer obskuren und etwas dämlichen Sekte.

Die Behörden versuchen, was ihnen gerade einfällt, um die Begleiterscheinungen der Division durch Null in den Griff zu bekommen. Das Justizministerium will das »NetzDG« schärfer machen. Der Verfassungsschutz ruft dazu auf, bei ihm anzurufen, wenn man jemanden im Bekanntenkreis des Rechtsextremismus verdächtigt. Man fühlt vermutlich selbst, in welches Fahrwasser man Deutschland bringen könnte, und in geradezu peinlicher Unbeholfenheit wird formuliert:

Es geht nicht um Denunziantentum, sondern wir wollen jede Möglichkeit nutzen, an Informationen zu gelangen. (…) Bitte missbrauchen Sie es nicht zur Denunzierng von Bürgerinnen und Bürgern.
(
bundesverfassungsschutz.de, 28.10.2019, der Schreibfehler »Denunzierng« ist im Original, Stand 31.10.2019, 15:33 Uhr – heißt das gesuchte Wort aber nicht eigentlich »Denunziation«?)

Wenn man durch Null zu teilen beginnt, wird man selbst erschrecken, zu welchen Ergebnissen man gelangt. Deutschland 2020: »Papa, kauf mir ein neues Smartphone – oder ich ruf beim Verfassungsschutz an und sag denen, was du beim Abendessen erzählt hast.«

So und so viele Atemzüge

In diesen Tagen wird nicht nur über Herrn Miri, sondern auch über Herrn Höcke diskutiert. (Letzterer hat sich nichts wirklich Verbotenes zu Schulden kommen lassen, er sagt aber Dinge in einem »bösen Sound«, und er nutzt eine Sprache, die vielen Bürgern, auch mir, die Zehennägel hochdreht – nein, es ist nicht möglich, als deutscher Politiker »tausendjährig« positiv zu besetzen.) 

Herr Miri wendet die geschriebenen und ungeschriebenen Regeln des Systems gegen eben dieses – zu seinem Vorteil. Deutschland versucht sich an der Division durch Null. Die Clans und ihre Chefs nutzen den System Error der deutschen Demokratie zu ihrem Vorteil. Leute wie Herr Höcke möchten »die Division durch Null« beenden, und mancher Bürger scheint zu akzeptieren, dass so eine tiefgreifende Korrektur gewisser Härte bedürfen könnte.

Nicht alle seiner Wähler wählen Höcke, weil sie ihn so nett finden – der Grund ist ein anderer, nämlich: Tief innen drin stellt sich mancher Wähler die Frage: Von wem möchte ich lieber regiert werden, von Herrn Miri oder von Herrn Höcke?

Im Text »Wird unsere Kraft reichen, den Weg zurück zu gehen?« fragte ich, ob wir die Kraft haben werden, die heute entstehenden Schäden zu reparieren. Das ist schon wieder mehr als ein Jahr her. Heute frage ich mich, ob wir überhaupt noch die Gelegenheit haben werden – die Welt wartet ja nicht auf Deutschland, während dieses sich täglich ins Bein schießt – warum sollte sie?

Regierung und Staatsfunk verordnet die Division durch Null. Wer nicht durch Null teilt, der ist ein Nazi! Wenn Computer versuchen, durch Null zu teilen, stürzen sie ab – Gesellschaften ebenso.

Es bleibt dem Einzelnen überlassen, für sich die Frage zu beantworten, ob er das System davon abbringen kann, durch Null zu teilen, ob er sich vor den Konsequenzen des »System Error« in Sicherheit bringt, oder ob er sich an beidem zugleich versucht.

Jedes Leben hat nur so und so viele Tage, jeder Tag nur vierundzwanzig Stunden. Die Dummheit und die linke Verlotterung haben viele Milliarden Euro als Budget und viele Millionen Gläubige als Publikum. Wir haben nur die Kraft unserer Worte, aber die immerhin haben wir.

Wir wollen unser Bestes geben, unsere Mitmenschen davon abzuhalten, durch Null zu teilen, ein Argument und ein Gedanke nach dem anderen. In Schlesien sagt man: »Man kann nicht mehr machen, als zu machen« – und wenn alles Tun (und Argumentieren) nicht hilft, und wenn dann alles schiefgeht, dann bleibt nur zu seufzen: »Hab ich euch ja gesagt«.

Zwischendurch esse ich einen Reiskuchen vom freundlichen asiatischen Supermarkt, denn Reiskuchen ist lecker und nicht teuer (außerdem glutenfrei, was manchen wichtig ist). Wenn Kinder da sind, gebe ich ihnen etwas vom Reiskuchen ab – und wenn sie nicht da sind, dann eben nicht.

Doch, vor allem: Meine Kinder lernen Mathematik. Das ist wichtig, damit sie nicht versuchen, durch Null zu teilen.

»Weiterschreiben, Wegner!«

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