21.10.2020

Leser, wir sind längst nicht mehr in Kansas

von Dushan Wegner, Lesezeit 10 Minuten, Foto von Mary Hammel
Haben Sie von Trumps Kampf gegen Menschenhandel gehört? Nein. Es ist eine der Meldungen, die Trump gut dastehen lassen. Journalisten sind wie Darsteller, die eine Rolle spielen, wozu es gehört, alles zu verschweigen, was ihren politischen Gegnern nutzt.
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»Der Zauberer von Oz«, so fürchte ich, hat uns in einem womöglich größtmöglich wichtigen Punkt ganz fürchterlich angelogen. Ich meine nicht den Zauberer, also die erzählte Figur, deren große Lüge samt ihrer Aufdeckung ja eine in die Kulturgeschichte eingegangene Pointe des Filmes bildet. Ich meine die Lehre selbst, welche in eben der Aufdeckung der Lüge und den Folgen transportiert wird – die ist falsch!

Im Kinderbuch Der Zauberer von Oz (im englischen Original: The Wizard of Oz) findet sich ein Mädchen in einem magischen Traumland wieder, wo sie mit neu gewonnenen Freunden allerlei Abenteuer besteht, um schließlich die klassische Geschichten-Moral zu lernen, dass es zu Hause eben doch am besten sei.

»Der Zauberer von Oz« – heute bekannt vor allem durch die Verfilmung mit Judy Garland aus dem Jahr 1939 (!) – hat bis heute Spuren in der US- und damit Weltkultur hinterlassen. Eine der ikonischen Szenen, deren Lehre man auch dann kennt, wenn man den Film selbst nie sah, ist die Enttarnung des Zauberers als Jahrmarktschausteller.

Das Mädchen Dorothy Gate und ihre Freunde treffen den »großen Zauberer«, doch sie erleben ihn nicht persönlich, sie sehen nur Effekte und hören eine mächtige Stimme.

Dorothys kleiner Hund lässt sich nicht vom Schauspiel beeindrucken. Er entdeckt einen grünen Vorhang, den er zur Seite zieht, und dahinter steht ein alter Mann, der eine Maschinerie bedient, und noch panisch ins Mikrophon ruft: »Pay no attention to the man behind the curtain!« – »Achtet nicht auf den Mann hinterm Vorhang!«

Dies aber ist der Punkt, so meine These, an dem die »Moral von der Geschicht’« ein viel zu optimistischer und also gefährlicher Irrtum ist.

Als der Hund den Vorhang zurückzieht und als die Helden des Films entdecken, was »wirklich« passiert (und wie wenig »magisch« es ist), verlieren die billigen Effekte des Zauberers schlagartig ihre Wirkung.

Die Lehre der Vorhangszene ist: »Wenn wir entdecken, wie wir von billigen Effekten beeindruckt gehalten wurden, werden die Tricks der Mächtigen ihre Macht über uns verlieren.« – Es ist falsch.

Filmstudios lassen zu Hollywood-Filmen oft »Making-Ofs« drehen und schneiden, also kleine Jubel-Dokumentationsfilme mit Filmschnipseln von »hinter den Kulissen«. Man würde ja küchenpsychologisch meinen, dass die Aufdeckung und Erklärung der Effekte den »magischen« Reiz des Filmes schwächen oder gar ganz brechen müsste, doch man läge gründlich falsch!

Ein Kind hört gebannt zu, wenn Opa ihm eine Geschichte vorliest, und das Kind sieht dabei, wer es ist, der ihm vorliest, dabei die Stimme verstellend und gelegentlich die Geräusche imitierend, doch im Kopf und Herz des Kindes bricht dieses »doppelte Bewusstsein« keineswegs die Magie der Geschichte, sondern verstärkt sie sogar.

Und so ähnlich, fürchte ich, ist es mit dem wahren »Zauberer von Oz« und leider auch mit der Konstruktion der Realität durch Journalisten und Propaganda: Der Zuschauer weiß auf einer Ebene seines Geistes, dass er hinters Licht geführt wird, dass da Leute sind, die in Mikrofone quaken, Schalter bedienen und eine Realität konstruieren – doch einen ganz anderen Teil seines Gehirns stört es genau gar nicht, dass es oft Lügenschall und Moralrauch ist; im Gegenteil: man findet es noch »faszinierend«, wie man hinters Licht und am Nasenring durch die Manege geführt wird – womit wir bei den Nachrichten des Tages wären.

25 Millionen jährlich

Gewisse Gruppen reden so viel und oft von Sklaverei, als wollten sie die betroffenen Gruppen in ihren Worten »neu versklaven«, und sie meinen dabei eine von Hollywood zum Unterhaltungsmaterial gedrechselte, buchstäblich schwarz-weiße Pop-Sklaverei. Tatsächlich aber zieht sich Sklaverei durch die Menschheitsgeschichte, und die Wahrheit ist, dass Sklaverei jahrhundertelang von arabischen Sklavenhändlern dominiert wurde (vergleiche etwa dw.com, 22.8.2019). Tatsächlich ist Sklaverei im Islam und der islamischen Welt ein bis heute auch praktisches Thema (sogar die politisch linke englischsprachige Wikipedia bietet gleich 5 Artikel zu »Islam and slavery«). Tatsächlich gerieten nicht wenige weiße Europäer im Laufe der Geschichte in Sklaverei (dt. Wikipedia: »Versklavung von Weißen« – es wäre spannend, wenn Europäer zur Abwechslung einmal in Afrika nach Reparationen fragen würden).

Sklaverei ist kein reines Vergangenheitsthema. Neben der fortdauernden Sklaverei etwa unter sogenannten »Islamisten« (etwa die Gefangennahme und -haltung von Jesidinnen als »Sex-Sklavinnen«; siehe etwa Reuters via newsweek.com, 13.10.2014) ist eine neue »Nachfolgeform« der Sklaverei zu einem weltweiten Schattenmarkt angewachsen: der Menschenhandel als Teil der organisierten Kriminalität. Nach Schätzung der US-Regierung werden aktuell etwa 25 Millionen Menschen jährlich zu Opfern einer Form von Menschenhandel (state.gov, Trafficking in Persona Report, June 2019 (PDF)).

»Aber warum tut niemand etwas dagegen?«, so möchte man als anständiger Bürger ausrufen. Nun, ein Verschwörungstheoretiker mit zynischen Tendenzen könnte antworten: »Vielleicht weil einige von ›denen-da-oben‹ selber mit drin hängen – deshalb haben sie auch den Epstein umgebracht, der mit Minderjährigen handelte!« – Ein andrer Quatscherzähler könnte ohne Grundlage sagen: »Weil einige derer, die für ihre Projekte auf (Quasi-) Sklaven setzen mit dem Westen wirtschaftlich und auf andere Weise sehr eng verbunden sind.« – Wieder andere, und zu denen könnte ich mich dann vielleicht sogar zählen, werden enttäuscht-von-der-Welt feststellen: Mit dem Kampf gegen moderne Sklaverei lässt sich kein Wahlkampf gewinnen – also ignorieren wir es.

Ignoriert die gesamte Welt den täglichen Menschenhandel? – Nein, nicht die gesamte Welt ignoriert dieses Leid und Unrecht. Nur Journalisten ignorieren es weitgehend – es stört gleich mehrere ihrer Narrative, und es hilft (aktuell) genau gar nicht dabei, die politischen Gegner der Journalisten anzugreifen.

Im Januar 2020 etwa unterzeichnete US-Präsident Donald Trump den »Executive Order on Combating Human Trafficking and Online Child Exploitation in the United States«, ins Deutsche übertragen: »Eine präsidiale Verordnung zur Bekämpfung des Menschenhandels und der Online-Ausbeutung von Kindern in den Vereinigten Staaten« (whitehouse.gov, 31.1.2020).

Die erwähnten Verschwörungstheoretiker hätten eine recht einfache Erklärung parat, warum es unter den bekannten Globalisten, von denen einige noch nach dem Selbstmord des Herren Jeffrey Epstein den Atem anhielten, wenig Applaus fand, wir jedoch wollen uns hier jede Spekulation sparen.

Am 20. Oktober 2020 dann wurde offiziell das »DHS Center for Countering Human Trafficking« ins Leben gerufen, eine Abteilung des »Department of Homeland Security«, zum Kampf gegen Menschenhandel und organisierten Kindesmissbrauch (dhs.org, 20.10.2020, blogs.thomsonreuters.com, 20.10.2020).

Menschenhandel unterscheidet sich in wichtigen Faktoren grundsätzlich von anderen Verbrechen, da in dieser »Branche« mit diversen psychologischen Tricks wie Erpressung und falscher Hoffnung die Opfer oft »motiviert« werden, mit den Tätern zu kooperieren. Entsprechend muss die Bekämpfung auf mehreren Fronten gleichzeitig und koordiniert gegenhalten (Markt/Bedarf, »Transportwege«, Information und Motivation der Opfer). Die US-Regierung will mit eigenen und externen Datendiensten kooperieren, um diese politisch undankbare Aufgabe anzugehen.

Frage: Haben Sie davon in einem Mainstream-Medium gehört oder gelesen? Eine Zeile nur, oder nur eine Minute?

Nein, wahrscheinlich nicht.

Warum nicht?

Nun, hier eine Momentaufnahme der Pressekonferenz zum Thema: @imatriarch, 20.10.2020. Es sind kaum Journalisten da, und die, die da sind, könnten kaum weniger Interesse zeigen.

Es wirkt beinahe, als wäre all den selbsternannten Moralisten in den Redaktionen die Moral in Wahrheit gründlich und vollständig egal. (Im deutschen Staatsfunk berichten sie dafür mit dem üblichen offenen Anti-Trump-Drall über ein abgebrochenes Interview; siehe tagesschau.de, 21.10.2020.)

Eine Rolle spielen

Das Verhalten von Journalisten könnte uns als irrational, widersprüchlich und also rätselhaft erscheinen – bis wir den geeigneten Schlüssel zur Deutung anwenden.

Das was sich heute »Journalismus« nennt, besonders im Mainstream, ergibt oft keinen Sinn – bis man den modernen Journalismus als Schauspielerei deutet.

Journalisten sind Schauspieler, die eine Rolle spielen. Für Schauspieler stellt sich die Frage nicht, ob das, was sie sagen, wahr ist, sondern ob man es ihm glaubt. In der Schauspielerei wie im Journalismus ist Wahrheit oft eher akzidentell.

Ich unterstelle nicht einmal allen Journalisten, dass sie aktiv lügen (siehe dazu den Grundlagentext »Darf man über „Lügen“ reden?« vom 28.11.2017) – wenn ich auch zu häufig von Journalisten heimlich »du hast ja Recht, aber das kann man so nicht sagen« gehört habe, um an weitverbreitete innere Unschuld zu glauben.

Wir verstehen Mainstream-Journalisten erst, wenn wir sie als Darsteller deuten, wie die (weit besser bezahlten, aber auch charismatischeren) Promis in Hollywood – und es wäre schon ein merkwürdiger Zufall, wie auffällig ähnlich sie klingen, die Darsteller Hollywoods und die aus den Redaktionen.

Die Kameras abgeschaltet

Ich habe einst das Buch »Talking Points« über politische Sprache geschrieben (zuerst Westend Verlag, dann Selbstverlag), um Bürger darüber aufzuklären, wie politische Sprache den Bürger manipuliert.

Habe ich etwas verändert? Zum Guten gar? Sagen wir mal so: Ich hatte das Buch bewusst so geschrieben, dass es als Anleitung und zugleich als Selbstaufklärung lesbar ist – und ich habe erschreckend viel positives Feedback von Praktikern verschiedener (!) Parteien erhalten, auch welcher, die sich offiziell spinnefeind sind, dass sie die Methoden erfolgreich anwenden.

Ich habe versucht, den Leuten zu zeigen, wie der »Mann hinterm Vorhang« operiert. Das Publikum aber sagt: »Oha, interessant«, um gleich wieder auf seine Zaubertricks zu starren – aber andere »Zauberer« sagen: »Oha, interessant – den Trick will ich auch probieren!«

Politiker beschimpfen sich schon mal auf üble Weise im TV oder im Parlament, davor und danach können sie aber gute Kumpels sein (und innerhalb von Parteien ist es gelegentlich anders herum – da heuchelt man öffentlich Harmonie, hinter den Kulissen jedoch hasst und bekriegt man einander). Auch Politiker spielen eine Rolle. Die gewohnheitsmäßige Trennung zwischen öffentlichem und privatem Verhalten zerfällt ein wenig in der Corona-Krise, wenn Politiker sich unbeobachtet fühlen immer wieder beim »Coronatheater« erwischt werden – (nicht nur) darin gleichen die politischen Darsteller den journalistischen; siehe etwa die Aufnahme der CNN-Journalismus-Darstellerin Kaitlin Collins (@TrumpWarRoom, 6.10.2020), die sich im dem Moment, da sie die Kameras abgeschaltet wähnt, sofort und wie selbstverständlich die Coronamaske vom Gesicht reißt.

Ein weiterer berühmter Satz aus dem Zauberer von Oz« wird von der Heldin zu ihrem Hund gesagt: »Toto, I have a feeling we’re not in Kansas anymore.« (siehe YouTube) – »Toto, ich habe das Gefühl, dass wir nicht mehr in Kansas sind.«

»We’re not in Kansas anymore« wird häufig zitiert, wenn man illustrieren und betonen möchte, dass sich die Rahmenumstände grundsätzlich geändert haben (in Business-Sprache: ein Paradigmenwechsel), dass es also notwendig ist, die Dinge konzeptionell neu und aufs Neue ernsthaft anzugehen (siehe diese großartige We’re-not-in-Kansas-anymore-Zusammenstellung auf YouTube).

Die Welt ist anders als das, was uns die Journalisten-Darsteller vorspielen. Meldungen, die für Trump hilfreich sein könnten, werden verschwiegen oder ins journalistische Niemandsland verbannt, etwa die sehr merkwürdigen Details um die Geschäfte der Biden-Familie (siehe die Ausnahmen, welche die Regel bestätigen: wsj.com, 20.10.2020; dailymail.co.uk, 21.10.2020). Einige der Dinge, die Medien berichten – etwa der »Russia-Hoax«, den gewisse Leute jahrelang gegen Trump fuhren – sind weitgehend erfunden. Nicht weniger arg sind aber die Fälle von Informationen, die weggelassen wurden, weil sie den politischen Gegner in moralisch gutem Licht dastehen lassen würden.

Der Mann hinterm Vorgang ist längst sichtbar – doch erstaunt stellt er fest: Das Publikum ist nicht sauer auf ihn, dass er sie betrog, sondern auf den Hund, der den Vorhang zur Seite zog!

»Die Menschen wollen doch belogen werden«, so hört man heute. Ist es denn richtig? – Nun, es kommt darauf an, ob man es zur Zuschreibung von Wollen und Absicht zur Bedingung macht, dass der Mensch sein Wollen explizit in Worte bringt. Während nicht viele Bürger tatsächlich »ich will belogen werden« formulieren, lässt ihr Handeln recht unzweideutig darauf schließen, dass es erschreckend vielen Menschen egal ist, ob die offizielle Wahrheit wahr oder gelogen ist, solange ein Mächtiger ihnen übers Untertanenköpfchen streichelt, wenn sie nur daran glauben.

»Embrace uncertainty«

Der Vorhang ist zur Seite gezogen, der Mann an den Geräten ist sichtbar – doch dem Publikum ist es egal. Das Publikum liebt die Effekte, den Rauch, den Sound, die für uns »Normale« schier unvorstellbare Dekadenz der Ästheten. Wie hübsch Dorothys Schuhe glitzern! (Silber im Buch, rubinrot in Hollywood.)

Toto, wir sind nicht mehr in Kansas – und wer den Journalisten einfach so alles glaubt, der könnte irgendwann feststellen, dass er sich nicht mal mehr in der Realität befindet.

Sicher, ich kann Ihnen die Freien Denker empfehlen, und ich kann von einem wirklich objektiven Medium träumen. Doch ich kann Ihnen keine absolute Sicherheit geben, dies oder jenes sei wirklich der Fall und heute maximal aktuell – und ich habe große Zweifel an jedem, der das zu können von sich behauptet.

Der Zauberer ist enttarnt, doch das Publikum will weiter den Rauch und die Effekte sehen. Put on your red shoes and dance the blues.

»Embrace uncertainty«, lautet ein Rat aus der amerikanischen Pop-Psychologie: Nimm die Unsicherheit an.

Ich will heute »die Unsicherheit annehmen«. Es wäre töricht, zu glauben, dass das, was uns als Realität und Wahrheit vorgegaukelt wird, ganz real und wirklich wahr ist. Die Möglichkeiten sind heute: Verrückt werden oder uns an den wenigen Geländern, die sich anbieten, nach vorne tasten. Ich will mich nach vorne tasten.

»If we walk far enough,« sagt Dorothy im Zauberer von Oz, »we shall sometime come to someplace«; zu Deutsch: »Wenn wir lang genug gehen, kommen wir irgendwann irgendwo an.« – Ich hoffe sehr, dass es stimmt. Also: Hacken zusammen, Zähne zusammen, vorsichtig weiter, Dorothy!

Nein, Toto, wir sind schon lange nicht mehr in Kansas. Bald werden wir es sehen, so hoffe ich, bald wird offenbar werden, wo wir wirklich sind.

»Weiterschreiben, Wegner!«

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