08.07.2021

Vom Glauben, dass Vernunft möglich ist

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, Foto von Ryan Loughlin
Über 2.000 Migranten kamen im Juni illegal über den Ärmelkanal, also will Großbritannien harte Asylgesetze beschließen. – Vergleich: In Deutschland wurden Jan-Juni 2021 exakt 58.927 Asyl-Erstanträge gestellt, ein Viertel mehr als in dem Zeitraum in 2020.
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Da singt ihm der Chor der Engel so schön vor, dem Herrn Faust, »Christ ist erstanden«, und »Prüfung bestanden«. Da hat ihm der »Chor der Weiber« (ja, so heißt das beim Herrn von Goethe) brav Bericht erstattet. Da wird der Chor der Jünger ein Schmachten zur Inspiration anbieten. Großes Vertrauen um ihn her (einzig sein Diener, der Wagner, ist an dem Punkt von der Szene abgegangen, also muss nun der Wegner es kommentieren), und was sagt der Faust dazu?

»Was sucht ihr, mächtig und gelind, ihr Himmelstöne, mich am Staube?« (man merke sich das Reimwort »Staube«, für später), dann: »Klingt dort umher, wo weiche Menschen sind.« (Nachzulesen bei zeno.org.)

Und schließlich, ein Zitat, das man selbst dann kennt, wenn die Deutschstunden so viele Jahrzehnte zurückliegen, dass damals tatsächlich noch der Faust studiert wurde und nicht etwa Fack ju Göthe.

Es folgt, gereimt zum »Staube«: »Die Botschaft hör‘ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube«. Wo wir aber von Botschaften reden, die zu glauben (nicht) nur denkende Dichter sich schwer tun, wären wir bei den Nachrichten des Tages!

Über 2.000!

»Großbritannien plant radikale Asyländerungen«, so lesen wir aktuell (welt.de, 6.7.2021): »Schnellere Abschiebung, lebenslange Haft«.

Die Briten, die eben erst aus der EU-Knechtschaft entkommen sind, dürfen noch immer, so erfahren wir, eine »Rekordzahl von illegal eingereisten Migranten« im Land von indischem Tee und sandigen Keksen begrüßen.

Man will das Asylrecht »deutlich verschärfen«, so heißt es. Das heißt, dass das britische Asylrecht in Zeiten der EU-Knechtschaft zu lax war. Der Nörgler in mir, dieser »freche Realist«, er fragt: Im Vergleich wozu ist das bisherige »zu lax«? Man darf postulieren: Im Vergleich zu den Bedürfnissen eines Staates, der eine auch nur halb realistische Chance haben will, die nächsten zehn, zwanzig oder gar fünfzig Jahre ohne sozialen Kollaps zu überstehen.

Apropos »Kollaps«: Man bedenke, von welchen Zahlen aktuell konkret die Rede ist! Im Juni 2021, so lesen wir, wurden »mehr als 2000« illegale Migranten von britischen Sicherheitskräften im Ärmelkanal aufgegriffen, was laut BBC »ein neuer Monatsrekord war« (bbc.com, 29.6.2021: »Channel crossings: June sees record number of migrants«).

Laut bamf.de (PDF, S. 3) wurden in Deutschland im Zeitraum Januar bis Juni 2021 insgesamt 58.927 Erstanträge auf Asyl gestellt, eine Steigerung gegenüber dem Vorjahr um 24,6% (damals 47.309 Erstanträge im selben Zeitraum).

(Randnotiz: Nicht alle diese Erstanträge gehen auf einen illegalen Grundübertritt zurück. 12.830 der Erstanträge in 2021, also ein Fünftel der »Asylerstantragsstellenden«, wie das Amt brav gendert, wurden für in Deutschland geborene Kinder gestellt. Ich räuspere mich, und ich sage es mal so: Wir wissen, wohin die Reise jener Eltern ging; wohin aber die Reise Deutschlands geht, das bleibt… spannend.)

Zu viel Vernunft

Man denkt nun »auf der Insel« also darüber nach »Auffangzentren für Migranten in Übersee« einzurichten. Es ist eine Selbstverständlichkeit, welche in Deutschland die AfD schon unter Professor Lucke forderte (faz.net, 10.9.2015). Es ist weit humaner als Merkels zynische »Welteinladung«, mit der sie vor wem-auch-immer ein »freundliches Gesicht« zeigen will – und wenn die Eingeladenen nicht auf dem Meer ertrinken, hofft Merkel auf die Türken und Griechen, die Eingeladenen eben doch fortzuhalten. (Wenn diese aber in Italien oder Spanien anlanden, sind sie in der EU – und damit in Deutschland, aber eben nicht in Großbritannien, so das Bestreben der konservativen britischen Innenministerin Priti Patel. Wer sich kurz vergegenwärtigt, wie viele Milliarden Euro mehr die Betreuung von Migranten in Deutschland den bestens mit der Politik verbandelten Wohlfahrtskonzernen einbringt, der könnte einen dazu Verdacht schöpfen, warum die rationale und damit zugleich humanere Idee mit den extraterritorialen Auffangzentren in Deutschland als »rechts« und »böse« ignoriert wird.)

Nach dem Brexit gehört es »zu den Prioritäten der konservativen britischen Regierung«, so erfahren wir, die illegale Migration zu bekämpfen. Es ist wie ein negativer Scherenschnitt, wie ein Kunstwerk, das das Eigentliche erst im Nichtgesagten erkennen lässt, das sich an Form und Umriss des Gesagten schmiegt. Es bedeutet im Umkehrschluss: Wenn und solange man in der EU ist, diesem Verein zur Umverteilung deutschen Geldes, kann/konnte man sein Land nicht vor illegaler Migration schützen.

Der neue Appell lautet: »Take Back Control of our Borders«, und das Englische kann hier als Absicht gelesen werden, aber auch als Imperativ und damit – seien wir stets ehrlich! – formidabler Schlachtruf.

Wenig überraschend formieren sich in Großbritannien die erstaunlich zuverlässig finanzierten »Aktivisten« und klagen, »Tausende schutzlose Migranten würden kriminalisiert«. (Sollen wir noch »Aktivisten« sagen, oder »PR-Söldner mächtiger Akteure, die an der Verwaltung der Not reich werden«?)

Keine Euphorie

Wird es den Briten gelingen, die illegale Migration zu stoppen? Selbst wenn ich maximal zuversichtlich wäre, würde sich doch keine Euphorie einstellen – warum sollte sie es auch?

Erstens: Die Probleme, die in der Vergangenheit entstanden, sind durch neue Verbote ja nicht fort. Großbritannien und besonders London rühmten sich bislang einer ultraglobalistischen Interpretation von »Toleranz«. Mit dieser »Toleranz« ging auch die aktive Leugnung sozialer Spannungen, importierter Kriminalität und wachsender Gewalt einher. Migranten, die mittellos und ohne Ausbildung auf die Insel migrierten, verstärkten oft die eher abgehängten Milieus.

Vor allem aber: Warum sollte ich euphorisch sein, weil Menschen die Hoffnung auf ein besseres Leben genommen wird?

Die »grenzenlose« Migration, wie Globalisten und pseudo-linke PR-Söldner (sowie natürlich die Opfer der Propaganda) sie anstreben, ignoriert und verschärft das Problem, dass mit den Migranten auch die Ursache der Flucht mitzieht, sprich: die gefährlichen, destruktiven Denkmuster, welche für das Leid in ihrer alten Heimat sorgten. Dieses Problem zu leugnen vervielfältigt das Leid global statt es zu lösen – (auch) deshalb muss Migration begrenzt werden (von Staaten, die nicht suizidal unterwegs sind). Das alles aber ändert nichts daran, dass es Menschen sind, die auf eine bessere Zukunft hofften – und dass ihnen »Nein« und »Stopp« gesagt werden muss, das ist kein Grund zu Euphorie.

Die blanke Möglichkeit

Wird Großbritannien den Mut und die Kraft aufbringen, seine Grenzen zu schützen und in Migrationsfragen zu Recht und Ordnung zurück zu finden? Wird es ein Leuchtfeuer der Vernunft, vor den Küsten des latent irre gewordenen Festlands?

Ich bin versucht, erneut den Herrn Faust zu zitieren, und mit ihm zusammen auszurufen: »Die Botschaft hör´ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.«

»Ich hoffe noch aufs Wunder!«, so habe ich doch einst beschlossen, und also lese ich doch gern weiter den Faust, gleich den nächsten Satz: »Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind.« (Und ignoriere den wieder folgenden, der sich zu feige für »jene Sphären« erklärt.)

Das Wunder ist ein Kind des Glaubens, so lehrt es Goethe, und wer wären wir ihm zu widersprechen? Wenn ich aber aufs Wunder zu hoffen beschlossen habe – und das Wunder der Vernunft wäre ein äußerst begrüßenswertes! – dann braucht es zuvor den Glauben an dessen blanke Möglichkeit.

Woher auch immer heute »die holde Nachricht tönt« (`s ist der wieder nächste Satz), ich will alle meine Kraft sammeln um sie in diesen Glauben münden zu lassen. Ich will dran glauben, dass Vernunft möglich ist.

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