27.06.2021

Vertrauen Sie noch?

von Dushan Wegner, Lesezeit 9 Minuten, Foto von Joel Vodell
Es ist ein Mysterium, ein Rätsel, das große deutsche Kuriosum: Warum vertrauen die Menschen noch immer – in derart blindem Gehorsam – der Regierung? Wie oft und wie brutal müssen sie enttäuscht werden, bis ihnen Zweifel kommen?
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Ich stehe auf – und vertraue. Ich vertraue darauf, dass meine Füße mich tragen werden. Ich vertraue darauf, dass der Boden nicht unter mir wegbricht. Ich vertraue darauf, dass mein Kaffee nicht giftig ist.

Ich gehe über den Zebrastreifen, und ich vertraue darauf, dass die Autos anhalten werden. Ich rechne mir an, dass man nicht überall darauf vertrauen sollte. Aus dem Augenwinkel prüfe ich am Zebrastreifen, ob die Autos auch wirklich anhalten. Man merkt ja, ob sie abbremsen. Ich schaue den Fahrern in die Augen. Ich will sehen, ob sie mich sehen. Mancher Fahrer bremst ja nur, weil er eben eine Nachricht auf WhatsApp erhalten hat. Er bremst, weil er auf sein Handy schaut. So einer kann schnell wieder aufs Gas treten. So einem kann man nicht vertrauen!

Weiter eine Maske

Hach, wir lieben sie ja so, diese Meldungen, die mit »eine neue Studie« beginnen! Und, weil wir diese Neue-Studie-Meldungen so lieben, lassen Sie uns gleich selbst eine solche Meldung schreiben: Eine neue Studie mit Daten aus dem Impf-Vorreiter Israel kommt zum Ergebnis, dass auf drei durch die mRNA-Injektion verhinderte Sterbefälle etwa zwei Impftote kommen. (mdpi.com, 19.6.2021: »The Safety of COVID-19 Vaccinations – We Should Rethink the Policy«).

Die Studie selbst wurde am 2. Juni 2021 bei der »Open Access«-Publikation MDPI eingereicht (zu den Besonderheiten dieser Plattform siehe Wikipedia). Die aktuellen Entwicklungen mit der indischen »Delta-Variante« des Virus sind demnach logischerweise nicht berücksichtigt. Aus Ländern rund um den Globus wird berichtet, dass auch Geimpfte an der Delta-Variante erkranken und sterben (etwa für Israel, wsj.com, 25.6.2021). Die berüchtigte »WHO« fordert Geimpfte dazu auf, zur Sicherheit weiter eine Maske zu tragen (cnbc.com, 25.6.2021).

Bis eben noch klangen »Experten« wie Prediger einer mächtigen und reichen Sekte, ohne Zweifel, aber mit viel Missionseifer. (Wie sollten wir Impf-Prediger nennen, die sich Scientists nennen, aber wie Ideologen klingen? Fällt Ihnen dazu etwas ein?)

Wir beginnen erste Vorsicht zu spüren, selbst bei einem dem Staatsfunk maximal verbunden Experten wie dem Gesundheitsökonomen und Nicht-Arzt Karl Lauterbach. Jüngst twitterte er den Link zur Studie »The BNT162b2 mRNA vaccine against SARS-CoV-2 reprograms both adaptive and innate immune responses« (medrxiv.org, 6.5.2021). Er schrieb dazu: »Spannende Studie aus Niederlanden, wie BionTech Impfung unser Immunsystem verändert. Einige Effekte könnten erklären, weshalb tödliche Verläufe nach Impfung extrem rar sind. Trotzdem muss das tiefer erforscht werden, nicht alle Änderungen müssen gut sein…« (@karl_lauterbach, 25.6.2021) – Formulieren wir es höflich: Die Jünger Lauterbachs hören eine neue Unsicherheit, und sie sind nicht durchweg begeistert.

Ist der allzeit sachliche Herr Lauterbach unter die Querdenker gegangen? Bereitet da gar jemand rechtzeitig eine Entschuldigung vor? Warum wurde das den Leuten nicht vorher gesagt, dass eine experimentelle neue Gentechnologie mit Notzulassung und ohne Langzeitstudien gefährlich sein kann???? Um die nicht minder normale Frau Künast zu zitieren: »Fragen!«

»RNA-Impfung programmiert deine Zellen«, so schrieb ich im Essay vom 23.5.2021. Es spricht sich unter den ersten willigen Lauterbach-Gläubigen herum, dass es ist, wie es ist, und sie sind sauer, dass es ihnen nicht vorher gesagt wurde. Die Buchstabenpanik ist nicht die einzige Panikmode in diesen panischen Tagen.

Pflaster auf Knie

Warum vertrauen wir? Was rechtfertigt unser Vertrauen in den Boden unter unseren Füßen?

Eine spontane Antwort auf die grundlegendste der »Vertrauensfragen« könnte doch lauten: »Das, worauf wir vertrauen, hat sich darin, worin wir ihm vertrauen, in der Vergangenheit bewährt und des Vertrauens würdig erwiesen.« – Ich bezweifele einen solchen »belohnenden« Begriff von Vertrauen.

Wir kennen ja den Begriff des Vorschussvertrauens. Ich lege die philosophische These vor, dass alles Vertrauen ein Vorschussvertrauen ist.

Der Wanderer vertraut bei jedem Schritt dem Weg, der vor ihm liegt. Wenn der Wanderer aber auf einen losen Stein tritt, oder wenn gar sein Fuß kurz in weichem Sumpf versinkt, dann wird sein Verstand alsbald das zum Vorschuss gegebene Vertrauen einkassieren. Ab dem ersten losen Stein, der den Fuß kurz straucheln ließ, wird eine Zeit lang jeder Schritt geprüft.

Zu Beginn seines Lebens vertraut der Säugling der gesamten Welt. Warum sollte er es nicht tun? Jeder Mensch, dem der Säugling begegnet, beabsichtigt nichts anderes, als den Säugling am Leben und nicht-unglücklich zu halten.

Später lernt der Mensch – und mancher Hund – dass es bei Gelegenheit klüger ist, die Schutzzäune der Vorsicht um das Vertrauen aufzustellen. »Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser«, so sagt das Sprichwort. Wir vertrauen – doch wir prüfen immerzu, ob es nicht einen Grund gibt, nicht zu vertrauen.

Was ist denn Vertrauen? Es ist nicht Gewissheit. Wir wissen ja nicht, wir haben keine Gewissheit, dass der Boden uns tragen wird. Ich will den Begriff des Vertrauens für den Moment so beschreiben: Vertrauen ist der (implizite oder aktive) Beschluss, so zu handeln, als ob der Fall wäre, was für unser Handeln als notwendig vorausgesetzt wird.

Der kleine Sohn vertraut darauf, dass sein Vater ihn auffangen wird, und so springt er in des Vaters ausgestreckte Arme. Die kleine Tochter vertraut darauf, dass die Mutter schon das richtige Pflaster aufkleben wird, und so läuft sie mit dem blutigen Knie zu eben dieser Mutter.

Was aber, wenn der Vater den Sohn einmal zu oft fallen lässt? Was, wenn die Mutter von ihrem Smartphone gebannt ist und das Töchterlein mit dem blutenden Knie einmal zu oft fortschickt? Vertrauen ist ein Vorschuss, doch was, wenn der Vorschuss aufgezehrt ist?

Gehstock neben Bett

Wir wachen am Morgen auf. Wir steigen aus dem Bett. Wir vertrauen unseren Beinen und dazu dem Boden, dass beide uns tragen werden. Wir vertrauen dem Kaffee, dass er nicht vergiftet ist.

Es kommt die Zeit im Leben, da vertraut mancher Mensch seinen Beinen nicht mehr. Viele Menschen verabreichen sich morgens nach dem Aufwachen zunächst einen Schuss vom selben »digitalen Heroin«, zu dessen verführerischer Giftigkeit sie zu wenige Stunden zuvor eingeschlafen sind – ja, ich meine Smartphones, Facebook und den ganzen Dreck. Mancher aber, wenn er alt ist, greift zunächst (und zwischendurch in der Nacht, wenn er Pipi machen muss und noch keine Seniorenwindel trägt) nach dem Gehstock oder der Krücke, die neben dem Bett bereitsteht. Man vertraut seinen Füßen nicht mehr. Es sind Situationen denkbar, etwa für Abenteuersportler an der Felswand oder in Haushalten mit viel Lego, da vertraut man nicht einmal dem Boden, auf welchen man seine Füße stellen wird. Es gibt Orte auf der Welt, da vertraut man nicht einmal dem Wasser, das aus den Rohren fließt.

Wir vertrauen, weil wir zum Vertrauen hin geboren sind. Allem und allen zu vertrauen, das kann gefährlich sein, das lernen wir bald. Das andere Extrem aber, nämlich niemandem zu vertrauen, das lässt uns paranoid und unglücklich werden.

Alle Arten von Erfolg, ob wirtschaftlich oder privat, sind eng verknüpft mit der Kunst, an der richtigen Stelle zu vertrauen – oder eben nicht zu vertrauen.

Eine ganz besondere Spielart des Vertrauens ist mir heute aber ein wahres Rätsel. Dieses Rätsel beschäftigt mich so sehr, dieses Rätsel scheint mir heute derart dramatisch wichtig zu sein, dass es die Motivation dieses gesamten Textes darstellt.

Nicht nur der sarkastische Essayist in mir, auch der ganz ernsthafte Grübler grübelt heute über die Frage: Warum vertrauen die Bürger noch dieser Regierung, den Journalisten und den dubiosen »Experten«?

Eine Regierung, deren Gesetze und Handeln wieder und wieder mindestens gegen den Geist der Verfassung verstoßen – bei Gelegenheit auch gegen deren Buchstaben.

Experten, die heute etwas behaupten und morgen das Gegenteil, immer zufälligerweise das, was der Macht der Regierung und/oder den Profiten der Parteispender dient.

(Einige, nicht alle) Journalisten, die täglich bei Lügen ertappt werden – und dann morgen wieder mit dem ultragroßen, weil zwangsfinanzierten Sprachrohr die neuen Parolen des Tages in die Wohnzimmer brüllen.

Eine sogenannte »Elite«, die wenig Hemmung zu haben scheint, für ihre Ziele, ihre Ideologie und ihre Macht das Leben der Bürger samt der Zukunft des Landes zu opfern.

Warum vertrauen so viele Bürger denen? Warum vertraut man sein Leben, die Zukunft der Kinder wie auch des Landes einer Kaste von Leuten an, denen man nicht einmal den eigenen Hund zum Gassigehen überlassen würde?

Erwachsene Ernsthaftigkeit

Es ist dem Menschen angeboren, zu vertrauen. Wir wollen vertrauen. Erwachsen zu werden bedeutet aber, unterscheiden zu lernen, wann man vertrauen sollte und wann nicht.

Es ist kein Zufall, dass Merkel zu den Bürgern wie zu dummen Kleinkindern spricht. Es ist kein Zufall, dass manche Grüne kaum zwei kohärente Sätze aufsagen können. Es ist kein Zufall, dass Politik und Konzerne sich so aktiv Frauen an die Macht wünschen. Es ist die stereotypische (!) Mutter, die den Säugling in die Welt bringt und begleitet (»heia popeia, alles wird gut«) – der stereotypische(!) Vater begleitet das Kind dann ins Erwachsensein (»stell dich nicht so an! denk nach!«). Undemokraten wünschen sich den ewigen geistigen Säugling als Untertan. Demokratie ist die Staatsform der erwachsenen Bürger – also ist erwachsene Ernsthaftigkeit das Letzte, das Undemokraten für ihre Pläne brauchen können.

Der Säugling vertraut auf alles – der Paranoide vertraut auf nichts. Dazwischen aber, zwischen dem Säugling und dem Paranoiden, sollten wir uns wiederfinden.

Nein, ich vertraue der deutschen Regierung und ihren diversen Experten nicht generell und immer. Im Gegenteil. Es hat sich bewährt, grundsätzlich davon auszugehen, dass alles Lüge ist, was die sagen – und nur bei Anlass zu prüfen, ob nicht etwas davon doch wahr sein könnte.

Ein Stück des Weges mit mir

Wer nicht geistig auf dem Stand eines Säuglings oder eines Grünenwählers bleiben will, der sollte nicht allem vertrauen, was die Leute im TV sagen. Wer nicht paranoid werden will, wird eben doch entscheiden müssen, was er vorsichtig zu glauben und für wahr zu halten beschließt. Vor allem aber, wer nicht nur Vertrauen lernen will, sondern dazu noch die Kunst der Hoffnung, der muss in die Unsicherheit hinein handeln. Und ja, auch und gerade das aktive Denken und Ziehen bestmöglicher Schlüsse ist eine Handlung.

Oder, knapper formuliert: Prüfe alles, glaube wenig, denke selbst!

Und dann, wenn du geprüft hast. Wenn du ausgesucht hast, woran du glaubst. Wenn du selbst nachgedacht hast und zu eigenen Schlüssen gelangt bist, dann beschließe für dich, was und wem du vertraust. (Und wenn du beschließt, der Impfung zu vertrauen, dann tue auch das mit ganzem Herzen! Schlimmer als der Zögernde ist doch der Mutige, der seinen Mut anzweifelt.)

Ich wache am Morgen auf. Ich beschließe, meinen Beinen zu vertrauen, und dem Boden, auf dem ich stehen werde. Ich trinke meinen Kaffee, und ich vertraue darauf, dass er nicht vergiftet ist – zumindest solange, wie medizinische Studien nicht ernsthaft mein Vertrauen in den Kaffee erschüttern.

Wenn ich über die Straße gehe, vertraue ich darauf, dass alle Beteiligten sich an die Regeln halten wollen – und doch behalte ich ein Auge offen, für den Fall, dass sie es nicht tun. Vertraue, doch prüfe.

Ich schreibe meinen Text, und ich vertraue täglich darauf, dass er wohlgesinnte Leser findet, die »ein Stück des Weges mit mir gehen« – und damit meiner Arbeit ihren Sinn geben.

Warum sollten wir denn irgendetwas tun, warum sollten wir uns in irgendeiner Angelegenheit anstrengen, wenn wir nicht vertrauen könnten, dass die Zeit und Mühe einen Sinn ergeben?

Ich tue mein Bestes, und dann vertraue ich darauf, dass der Rest sich ergibt – das ist doch, wofür Vertrauen da ist!

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