Telegram-Boss verhaftet, BKA sucht Ricarda-Beleidiger … und sonst so?
26.08.2024 · Lesezeit 8 Minuten · Bild-Titel: »Thumbnail«
Der Telegram-Boss wurde jetzt in Paris verhaftet. Außerdem sucht das Bundeskriminalamt international offenbar nach Leuten, die Böses über die Grünen sagen. Und es sind Zeiten, die Identitätskrisen gebären … doch eins nach dem anderen!
Apropos Identität: Wenn einer dich fragen würde, wer du bist, und du solltest weder Namen noch Beruf noch Familienstand antworten – was würdest du sagen? Was würdest du in diesen Zeiten sagen? Schreibt es unbedingt als Kommentar hier zum Video!
Kennt ihr diesen Witz? Ist es überhaupt ein Witz? Es ist mehr so ein witziger Spruch. Und es soll vorgekommen sein, dass jemand es tatsächlich so sagte.
Also, der Witz geht so: Die Polizei kontrolliert einen Autofahrer und verlangt die Papiere. Der Kontrollierte findet das doof, und er findet sich wichtig, und also antwortet er: »Ey, wissen Sie, wer ich bin?«
Der Polizist aber alarmiert seinen Kollegen: »Peter, ruf den Psychiater. Hier hat einer vergessen, wer er ist!«
Haha, wir lachen alle.
Weniger zu lachen hat aber aktuell Pavel Valeryevich Durov.
Durov ist 1984 geboren. Durov ist 15,5 Milliarden Dollar schwer. Durov ist bekannt als Co-Gründer des Kurznachrichtendienstes »Telegram«, als Verfechter der Meinungsfreiheit und als Kritiker russischer Politik.
Wer aber ganz konkret für Meinungsfreiheit einsteht und russische Politiker kritisiert, der bekommt bald Ärger von Putin. Durov musste ja ohnehin Russland verlassen, weil er sich als Gründer von VKontakte weigerte, oppositionelle Gruppen auf VKontakte auszuschließen. Kein Wunder, dass Durov diese Woche nun schließlich verhaftet wurde.
Habe ich »Putin« gesagt? Mein Fehler, Pardon! Durov wurde in Frankreich verhaftet, in Paris am Flughafen (siehe etwa golem.de, 26.8.2024).
Er wurde mit der Begründung verhaftet, dass sein Kurznachrichtendienst nicht genügend zensiert. (Es wird nicht helfen, dass private Nachrichten auf Telegram wohl ernsthaft verschlüsselt sind.)
Angeblich, so die französischen Behörden, habe Durov auf Telegram nicht genug mit der Polizei »kooperiert«.
Ich gehe davon aus, dass da »noch mehr Dinge« laufen. Es stellen sich Fragen.
Etwa diese: Es war Durov sehr wohl bekannt, dass die Möglichmacher von Meinungsfreiheit in der EU-Besatzungszone gefährlich leben. Die Drohungen der EU-Freiheitsfeinde etwa gegen Musk sind ja laut genug. Durov lebt eigentlich sehr komfortabel in Dubai, warum also landete er mit seinem Privatjet in einem für freiheitlich gesinnte Individuen gefährlichen Gebiet wie der EU?
Im Internet kursieren verschiedene Begründungen und Gerüchte. Einige behaupten, man werfe Durov vor, dass auf seiner Plattform Drogendeals und anderes illegale Zeug stattfinden. Pizzabestellungen wohl auch. Verstehe einer die Welt!
Andere werfen Durov vor, dass er auf seiner Plattform die Verbreitung von antisemitischem Hass zulässt, etwa in Form von Bildern aus Gaza. Andere sagen, man hätte ihn für das Verbreiten »russischer Propaganda« verhaftet.
Fakt ist wohl, dass schon länger ein Haftbefehl gegen Durov bestand … und er rätselhafterweise dennoch nach Frankreich flog. Der Chef der unabhängigen Video-Plattform »Rumble« reiste derweil aus Europa ab. Falls du dich je fragtest, was du tätest, wenn eine Diktatur aufzöge, die Antwort: genau das, was du jetzt und heute tust.
Wir kennen ja die Drohungen von EU-Funktionären gegen jeden, der die unzensierte Verbreitung von Information in der EU ermöglicht. Und genau diese Selbstverständlichkeit ist es, die mich in eine Identitätskrise stürzt … und mit »stürzt« meine ich: in die ich und wir hineinrutschen, seit einiger Zeit schon.
Mitarbeiter von Gab, einem weiteren Kurznachrichtendienst, veröffentlichten dieser Tage ein Anschreiben, welches sie nach deren Aussage vom deutschen Bundeskriminalamt erhielten (@BasedTorba, 25.8.2024). Das BKA wollte die privaten Nutzerdaten eines Gab-Users erhalten. Um welches Verbrechen handelte es sich? Terrorismus? Mord? Verbotene Bilder?
Nein, viel schlimmer! Der User @DieLuntebrennt_schon hatte einen Scherz über die Körperform der Grünen Ricarda Lang gepostet.
Klingt absurd? Okay, hier die Passage aus dem Schreiben des BKA, wenn man den Gab-Leuten glauben darf: »In this particular case the Gab user ›@DieLuntebrennt_schon‹ published two posts that sexualize the German politician ›Ricarda Lang‹ and denigrate her weight.«
Zwei Postings mit »sexualisierten« Witzen über die Körperfülle einer Politikerin. Klar, da muss man natürlich tätig werden.
Das BKA verlangt laut dem veröffentlichten Schreiben alle Daten zu diesem User, inklusive vollem Namen, Geburtsdatum, Adresse und Telefonnummer.
Und das BKA beruft sich auf den offen anti-demokratischen deutschen StGB-Paragraphen 185 (»Majestätsbeleidigung-Paragraph«) und auf den anti-freiheitlichen »Digital Services Act« der EU.
Kein Wunder, dass die Behörden nicht dazu kommen, Abschiebekandidaten abzuschieben und Terror zu verhindern. Viel wichtiger ist es, Leute zu verfolgen, die sich über Ricarda Lang lustig machen, und das Internet zu zensieren. (Habt ihr eigentlich ein Video der konkreten Tat in Solingen gesehen? Ich sah nur eines von der Situation danach. Der Mann hat 3 Menschen ermordet und sechs weitere Menschen schwer verletzt, aber niemand hat das Smartphone gezückt und gefilmt? Ungewöhnlich. Ich bin wahrlich nicht scharf darauf, aber so ein effektives »Social-Media-Blackout« ist seltsam.)
Wisst ihr übrigens, was Ricarda Lang dieses Wochenende sonst so trieb?
Einen Tag nach dem Anschlag von Solingen machte sie fröhlich Party. Diesmal nicht bei Taylor Swift, sondern in Jena, beim »Christopher Street Day« (@Eva_Chava_, 25.8.2024).
Wenn Frau Lang »in Gedanken bei den Opfern und ihren Familien« war, dann wohl nicht für viel längere Zeit, als etwa ich brauche, um einen Big Mac samt Fritten und Cola zu mir zu nehmen.
Frau Lang verhöhnt das Land, verhöhnt die Opfer grüner Politik, indem sie Party macht, wenn Trauer angesagt wäre – aber wehe, ihr macht euch über Frau Lang lustig … dann sucht euch das BKA, und zwar international.
Europa wird zum Kontinent der Unfreiheit. Gerade Großbritannien hat seit seinem EU-Austritt den Weg in den totalitären Suizidalismus ja beschleunigt wie das Ei, das aus dem zehnten Stock gefallen ist. Deutschlands Stolpern in den neuen Totalitarismus verläuft vergleichsweise eher … verwirrt.
Alles zusammen aber löst in mir Identitätskrisen aus.
Andere Menschen haben Kindheitstraumata. Ich aber fühle mich etwas traumatisiert – um nicht zu sagen »angelogen und missbraucht« –, wenn ich den Widerspruch bedenke zwischen dem, wie uns Demokratie und der Westen in der Schule angepriesen wurden und der ganz aktuellen Realität.
Es war mal Teil meiner Identität, mit der Familie dem Sozialismus entflohen und als Kind dann eben in der Demokratie aufgewachsen zu sein.
Ich war mal ein Mensch, der an die Werte glaubte, die uns als die Werte des Westens präsentiert wurden. Als »unsere« Werte. Das ist ein Teil von mir.
Ihr könnt es in meinen Essays graduell verfolgen (dies ist Essay Nr. 2.131), wie ich es zunächst als warnende Übertreibung schreibe, dass Deutschland und der Rest des Westens aus der Demokratie und der Freiheitlichkeit herausrutschen – doch statt auf (wahrlich nicht nur) meine Warnungen zu hören und sich zu besinnen, wurden meine Warnungen von vor drei, vier, fünf Jahren zur eher noch unter-dramatischen Beschreibung des Heute.
Ich war einmal ein freiheitlicher Demokrat in einer freiheitlichen Demokratie – ich bin noch immer freiheitlicher Demokrat, aber was zur Hölle ist das, worin wir uns heute wiederfinden? Wenn es kein richtiges Leben im Falschen gibt: Kann man freiheitlicher Demokrat in einer unfriedlichen Postdemokratie sein?
Metaphysiker diskutieren schon mal abstrakte Fragen wie die Identität eines Objektes in einem Universum, in welchem es absolut nichts außer diesem einen Objekt gibt. Wenn nichts existiert außer diesem einen Objekt, also nichts, was »nicht dieses« ist, was bedeutet das Wort »dieses«?
Nun sind weder du und noch ich einsame Objekte im All, auch wenn man sich bisweilen so fühlen mag. Ich habe aber manchmal das Gefühl, mich in einem sehr anderen All wiederzufinden. Dies ist eine andere Welt, ein anderes politisches System, als das, welches man mir in der Schule erklärte.
Und wer bin dann ich? Es fängt ja schon damit an, dass ich, wenn ich heute ziemlich genau die Werte vertrete, die mir in der Schule als wahr und richtig beigebracht wurden, als »böse« gelte. Und die Leute, die heute von der Propaganda als die »Guten« präsentiert werden, ähneln sehr denen, die uns im Geschichtsunterricht als die »Bösen« vorgestellt wurden.
Was und wer bin ich heute? Und wer sind wir als Gesellschaft, in der man sich nicht mehr groß wundert, wenn Leute für Meinungsfreiheit ins Gefängnis gehen?
Ich schaue in den Spiegel und frage mich: Bruder, weißt du, wer du bist?
Ich lese die Nachrichten, und ihr seid dabei in meinem Herzen und meinen Gedanken, und ich frage mich nach der Nachrichtenlektüre: Was haben wir heute gelernt?
Sind wir klüger geworden? Besser? Schöner? Schöner außen wie innen?
Klar, Freiheit stirbt, doch tut sie das nicht täglich?
Ach, was soll’s, wir leben … noch.
Die Frage bleibt: Schwester, Bruder, weißt du, wer du bist?
So viel für heute. Wir lesen uns in den Kommentaren! Ich danke allen Unterstützern. Eure Identität steht fest, und ein Teil davon ist, dass ihr das hier möglich macht! Danke schön.
Weiterschreiben, Wegner!
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