79-mal pro Tag wird gemessert (zumindest offiziell). Es ist nicht »mittelalterlich« – es ist schlimmer. Im Mittelalter hatten die meisten Messertaten einen »rationalen« Grund – heutige Messerei ist teils grob irrational, zumindest aus europäischer Sicht.

»Gewalt mit Stichwaffen eskaliert – Messer-Angst!«, schreibt bild.de, 21.5.2025. Es wird mich zur wehmütigen Erinnerung an Backfisch führen – doch eines nach dem anderen.

Man könnte heute ein ganzes Nachrichtenmedium betreiben, allein mit den üblen Schlagzeilen zur Messergewalt in Deutschland. Und tatsächlich berichtet die BILD inzwischen praktisch täglich von Messerangriffen – und von der längst nicht mehr mit rationalen Argumenten zu erklärenden Öl-ins-Feuer-Politik deutscher Behörden und Politik.

Etwa bild.de, 19.05.2025: »Nach dem Angriff auf drei Menschen vor einem Hochhaus in Halle (Saale) ist der festgenommene Tatverdächtige wieder auf freiem Fuß.«

Oder bild.de, 19.05.2025: »Mann (42) in Kerpen niedergestochen und schwer verletzt«.

Oder bild.de, 17.05.2025: »Berliner Polizist in den Hals gestochen: Not-OP! Der Messer-Angriff passierte direkt vor der Wache – Tatverdächtiger schon wieder auf freiem Fuß«.

Und so weiter und so Tod. Die Lage in Deutschland ist derart brisant, dass sogar der verfluchte deutsche Staatsfunk tröpfchenweise die Wahrheit sagt.

Mittelalterliche Zustände?

tagesschau.de, 21.05.2025 berichtet von der Festnahme eines 35-jährigen Syrers, der in Bielefeld auf Menschen einstach: »Er wird verdächtigt, heimtückisch in Tötungsabsicht auf die feiernden Menschen in Bielefeld eingestochen zu haben.«

Und dann: »Die Behörde teilt mit, dass der Verdacht besteht, dass die Tat religiös motiviert war und als Angriff auf die freiheitliche demokratische Grundordnung zu verstehen ist.«

Die Propaganda schreibt davon wohlgemerkt als Bericht von der Festnahme, nicht als Bericht von der täglichen Messergewalt in Deutschland. (Der Fachbegriff für solche »Rahmung« ist Framing: siehe dazu auch den Essay »ARD und das »Framing Manual« – hilflos, fehlerhaft und doch erschreckend«)

Ein zynischer Realist mit satirisch-sarkastischer Ader könnte formulieren wollen: »Wer Menschen mit teils mittelalterlicher Gesinnung ins Land bringt, der wird eben mittelalterliche Zustände erhalten.«

Mit dem Begriff »mittelalterlich« meinen wir unter manchem anderen auch, »den Wert eines Menschenlebens als gering einzuschätzen«. Doch tatsächlich kannte auch das Mittelalter ein sehr konkretes Messergewaltproblem!

Knife to the heart

In den Archiven europäischer Städte kann der Hobbyhistoriker die mittelalterlichen Gerichtsakten nach Einträgen zur Messergewalt durchsuchen.

In Büchern wie »Crime and Culture in Early Modern Germany« oder »Crime and Conflict in English Communities« (siehe archive.org) finden sich aufbereitete Berichte mit Schlüsselpassagen wie »knife to the heart« – »Messer ins Herz«, begleitet von Berichten über weitere Waffen wie Äxte und Dolche.

Beim Schmökern fällt einem zum Beispiel die Messergewalt durch Frauen gegen ihre mittelalterlichen Ehemänner auf. Ich will ja niemanden anstacheln, aber aufgrund des Gewichts zum Beispiel von Äxten galt bis zur Verbreitung der Pistole eben das Messer als typische »Frauenwaffe«. Die Akten eines mittelalterlichen Bestatters zeigen, dass 53,8 Prozent der von Frauen begangenen Morde mit einem Messer durchgeführt wurden; selbes Buch, S. 124.

Zur Wahrheit gehört, dass manche mittelalterlichen Messermorde durch Wahnsinnige verübt wurden. Besonders wenn es um seelisch kranke Frauen und ihre Kinder geht, ist die Lektüre nur schwer erträglich.

Und doch fällt mir etwas auf: Das Gros der Messergewalt im Mittelalter, soweit wir es sagen können, hatte einen rationalen Grund.

Aus europäischer Sicht

Ich sage nicht, dass der Grund damals in unserem Sinne moralisch war – oder in irgendeinem Sinne.

Die Gründe für Messergewalt im Mittelalter waren etwa Raub, Überfälle und auch mal Rache oder, ja, eskalierter Streit unter Räubern.

So unmoralisch und falsch die meisten mittelalterlichen Messertaten sind, wir verstehen etwa, warum ein Mensch einen anderen Menschen mit dem Messer in der Hand überfällt.

In bild.de, 20.05.2025 wird der Anwalt Udo Vetter zitiert: »Wir haben eine importierte Messergewalt. In anderen Kulturkreisen ist das Messer eine Art Statussymbol. Das verändert das gesellschaftliche Klima hier im Land.«

Vetter sagt das sehr höflich, und selbst diese simple Wahrheit ist für die heutige Zeit sehr mutig.

Früher nicht Alltag

Die Messermörder des Mittelalters waren aus unserer europäischen Sicht eher selten irrational. Böse und irrational sind nicht dasselbe.

Es war im Mittelalter nicht Alltag, dass ein Bürger auf eine Gruppe seiner Mitbürger losging und sie niedermesserte, als Strafe dafür, dass sie der im Land traditionell vorherrschenden Religion angehörten.

Es war im Mittelalter nicht Alltag, dass ein Bürger auf einen Mitbürger einstach, weil er sich von diesem »blöd angeguckt« fühlte.

Die Menschen des Mittelalters mussten nicht jederzeit und in jeder Kneipe damit rechnen, dass ein Mitbürger durch die Tür kam und zu messern begann.

Vor allem aber: Die Stadtstaaten und Fürstentümer des Mittelalters waren nicht irrational genug, eine Politik zu betreiben, die aktiv genau diese Art von Gewalt vermehrte.

Die Gerichte des Mittelalters bestraften die Messertäter – nicht wie heute diejenigen, die auf die Messertäter schimpften. Und die Inquisition richtete sich gegen die Gegner der Kirche, nicht gegen ihre Verteidiger.

Sag einem Menschen des Mittelalters, dass der Messerstecher in der Zukunft frei herumläuft, aber der, der über den Messerstecher schimpft, vom Staat verfolgt wird, und der Mittelalter-Mensch wird starke Zweifel haben, ob die Menschheit sich wirklich nach vorn entwickelte.

Die Menschen im Mittelalter mögen nach anderen Werten gelebt haben, als denen, die unsere »Eliten« in ihren Sonntagsreden als »unsere« Werte rühmen.

Doch eines war das Mittelalter gewiss nicht: irrational.

Unsere größte Sorge

Wäre das Mittelalter irrational gewesen, wären wir als Kultur und Denkweise heute nicht mehr hier. Und wenn und weil wir heute irrational sind, werden wir als Kultur und Nation in fünfhundert Jahren nicht mehr existieren.

Oder auch schon in fünfzig Jahren.

Oder in fünf.

Ja, mancher hat das Gefühl, dass wir schon heute nicht mehr existieren. Nicht als das Land, in dem wir aufwuchsen, in dem wir unsere Kinder ohne größere Sorge in die Schule schickten und dann am Nachmittag allein im Park spielen ließen.

Das Land, in dem Familien zusammen auf den Weihnachtsmarkt gehen konnten, wo unsere größte Sorge war, Kopfschmerz von zu viel Glühwein zu bekommen. (Aber irgendwie muss man ihn doch runterspülen, den leckeren Backfisch mit Remoulade! Hach, ich werde noch ganz nostalgisch.)

Nachtrag: Ist heute Wahrheitstag?

Während ich diesen Essay schreibe, erscheint auf tagesschau.de ein weiterer Artikel, bei dem ich mich frage: Ja, ist denn heute Wahrheitstag bei der Propaganda?

»Immer mehr Unternehmen geben auf«, titelt tagesschau.de, 21.05.2025 und verlinkt darin zu tagesschau.de, 22.04.2025 (»Insolvenzen – Warum so viele Firmen in Deutschland pleitegehen«) und darin wieder zu tagesschau.de, 14.03.2025 (»Zahl der Insolvenzen steigt weiter«).

Man fragt sich, wie schlimm die Lage wirklich ist, wenn es inzwischen sogar die Propaganda einmal im Monat zugibt.

Ich komme nicht umhin, mir vorzustellen, wie die deutsche Gegenwart und die absehbare Zukunft aussähen, wenn die deutschen »Eliten« weniger irrational vorgingen.

(Und wehe, wenn wir uns dessen bewusst werden, dass die rationalste Erklärung für diese Entwicklung womöglich ist, dass die-da-oben eben nicht irrational handeln.)

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Der Essay 79-mal pro Tag von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/79-mal-pro-tag/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!