Ich darf das, ich bin Jupiter
31.07.2025 · Lesezeit 5 Minuten · Bild-Titel: »Entspann dich.«
Meine Kinder – ach, wie die Zeit eilt! – werden groß. Es ist schwer genug, einem Pubertier zu sagen, was es tun soll. Beim erwachsenen Kind hat man aber eigentlich allerhöchstens ein Vorschlagsrecht. Und vermutlich ist das auch gut so. Ich antworte ohnehin zu oft in diesen Tagen mit »Ich weiß es nicht«.
Als ich aber einst etwas zu sagen hatte (so will ich es mir einbilden), damals war das erste Latein, das unsere lieben Blagen lernten, ein Spruch über Jupiter. Über Jupiter und Ochsen.
Der Spruch lautet: Quod licet Iovi, non licet bovi.
Das bedeutet: Was dem Jupiter erlaubt ist, ist dem Ochsen nicht erlaubt.
Bei Wikipedia steht zu diesem Spruch, dass wir nicht wissen, wer ihn zuerst gesagt hat. Ebenfalls bei Wikipedia steht, dass es der deutschen Redewendung »mit zweierlei Maß messen« entspricht – wie unvollständig das doch ist!
Natürlich gehört es zur guten Ordnung einer Familie, dass Eltern einiges dürfen, das Kinder eben nicht dürfen.
Ich darf scharfe Messer verwenden und mit anderen Schärfen umgehen. Ich darf Auto fahren und Steuern zahlen. Und ich darf dem Kind das Messer wegnehmen – ja, ich muss es tun. Ich weiß nicht, ob du und ich ein Jupiter sind, aber manches kleine Öchslein sollte auf jeden Fall vor gefährlichen Werkzeugen geschützt werden, oder?
Wir kennen ja auch das »Gewaltmonopol des Staates«. Es ist so lange eine gute Idee, bis die monopolisierte Gewalt tatsächlich den Weg für die Interessen der Partei und mächtiger »Parteifreunde« freiprügelt. Das Problem ist nicht Gewaltasymmetrie per se, sondern ungerechte Gewaltasymmetrie.
Wir sind uns also einig, dass Personen in Machtpositionen bisweilen die Genehmigung für Handlungen besitzen, die anderen Personen bei Androhung von Strafe verboten sind.
Wenn wir uns aber darin einig sind, dass aus Verantwortung und Macht eine sinnvolle Asymmetrie der Macht folgen kann, wie verhält es sich dann andersherum?
Können wir aus einer Asymmetrie der Macht schließen, dass wer einem anderen Menschen eine Verpflichtung auferlegen darf, die für ihn selbst nicht gilt, dies Beleg für seine Machtposition ist? Ist diese Machtposition nicht selbst dann gegeben, wenn die Asymmetrie von Dritten gesichert wird?
Nehmen wir etwa an, eine Gruppe A hätte das moralische (und also von der Gesellschaft durchgesetzte Recht), Räume nur für sich einzurichten. Es wären Räume, zu denen Mitglieder von Nicht-A keinen Zutritt haben.
Gleichzeitig wäre es Mitgliedern der Gruppe A jederzeit erlaubt, jeden Raum zu betreten, in dem sich Nicht-A-Mitglieder befinden.
Die Behörden würden sogar aktiv gegen Nicht-A-Mitglieder vorgehen, die sich in Räumen nach dem Vorbild von Gruppe-A-Räumen versammeln würden und dabei Gruppe A ausschließen.
Wir könnten dann sagen: Gruppe A hat Macht über Nicht-A, denn die Regeln, die sie anderen auferlegt (»Ihr dürft euch nur unter Euresgleichen versammeln«), gelten für sie selbst nicht.
Bestimmt fallen euch konkrete Fälle ein, in denen eine Gruppe etwas darf, eine andere aber nicht. In Deutschland etwa existieren besondere Gesetze gegen Majestätsbeleidigung, die Politiker davor schützen, für ihre Taten allzu scharf kritisiert zu werden (gemeint: StGB §188). Politiker verbarrikadieren sich vor den Bürgern (siehe dazu den Essay »Angst für die Bürger, Burggraben für die Elite« von 2019), während sie die Schulen und Innenstädte Deutschlands aktiv zu Krisengebieten machen.
Ich habe das ungute Missverhältnis von Macht und Gewalt auf diese Formel gebracht: »Ich darf das. Du darfst das nicht. Das heißt, du weißt: Ich herrsche über dich.«
Damit wir uns das merken können, habe ich sogar ein Lied und Video dazu gebastelt!
Ich sage keineswegs, dass eine Asymmetrie der Macht immer schlecht ist. Im Gegenteil: Macht ist vermutlich immer asymmetrisch, sonst wäre es eher eine Partnerschaft.
Verantwortung braucht Macht. Machtlose Menschen können keine Verantwortung tragen; auch deshalb fallen sozialistische Gesellschaften regelmäßig auseinander.
Ich bin nicht prinzipiell gegen Asymmetrie von Macht. Ich will vielmehr ein Bewusstsein wecken für Macht-Asymmetrie.
Ich will Bewusstsein wecken für das Machtverhältnis. Wir sollten sensibel sein für Situationen, in denen einer Gruppe harsche Regeln auferlegt werden, die für eine andere Gruppe nicht gelten.
Wenn du jemanden siehst, für den nicht die Regeln gelten, die für den Rest von uns gelten, dann ist er »Jupiter«, und in irgendeiner Form herrscht er über dich.
Wenn du nicht Jupiter bist, bist du der Ochse.
Man wird dich so lange den Karren ziehen lassen, bis du Ochse zusammenbrichst.
Und dann wird man mit dir tun, was man eben mit nutzlosen Ochsen tut.
»Irgendwem musst du dienen, mein Sohn«, so schrieb ich 2018. Selbst einer, der in der einen Rolle ein Jupiter ist, ist in einer anderen Rolle doch wieder ein Ochse.
Die Frage ist nicht, ob du ein Ochse bist. Die Frage ist, vor welchen Jupiter-Karren du dich spannen lässt, welches Joch du bewusst auf dich nehmen willst, weil jener »Jupiter« es wert ist.
Weiterschreiben, Wegner!
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Der Essay Ich darf das, ich bin Jupiter von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/ich-darf-das-ich-bin-jupiter/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!