Die deutsche Krise ist »nur« die direkte Folge epidemischer Dummheit. Der gewöhnliche Tagesschau-Gucker will gar nicht Zusammenhänge verstehen, er will brav sein – und dabei wird er dumm. Das Problem: Dummheit und Bosheit sind in ihrer Wirkung identisch.

Erlaube mir eine Frage: Weißt du, was du tust?

Ich meine, so allgemein. Die letzte große Entscheidung, die du bezüglich deines Lebens trafst: Wusstest du, was du tatest?

»Klar«, wirst du sagen, »natürlich wusste ich, was ich tat. Ich war ja nicht auf Drogen oder Linker oder anders geistig beeinträchtigt.«

»Schön, schön«, antworte ich.

Dann mache ich eine Pause, der Dramatik wegen. Ich habe Zweifel an der Selbstsicherheit, mit der du sagst, dass du wusstest, was du getan hast.

Ich wage diese These: Zu wissen, was man tut, beinhaltet, alle Konsequenzen und deren Konsequenzen dieser Handlung zu kennen. Alle relevanten Faktoren und notwendigen Voraussetzungen zu verstehen. Und deren Voraussetzungen und so weiter.

Wenn du etwas tust, doch nicht weißt, unter welchen Voraussetzungen es erfolgreich sein wird – hast du überhaupt »erfolgreich« für die Handlung definiert? –, wenn du alle Konsequenzen kennst und debattiert hast, zu denen deine Handlung führen kann, wie kannst du sagen, dass du weißt, was du tust?

»Ich bin Profi, ich weiß, was ich tue«, so sagt der Fachmann schon mal. Es ist nicht ganz falsch, denn wir verstehen, dass er weit mehr über die Voraussetzungen und Konsequenzen der anstehenden Handlung weiß als wir. Doch Ärzte etwa werden dir gern gestehen, dass sie wahrlich nicht alle möglichen Konsequenzen ihrer Handlungen kennen. Nur die wahrscheinlichen, plausibelsten, gegeben die aktuelle Informationslage.

Nicht stolze, schöne Elefanten sind wir – Blinde im Porzellanladen sind wir, und zwar nicht »gewöhnliche« Blinde, sondern solche, die nicht verstehen, dass sie blind sind!

Doch anders als der tatsächliche – also geübte – Blinde tasten wir nicht vorsichtig, bewegen uns nicht langsam, um den Grundriss zu verstehen und möglichen Schaden zu minimieren. Nein, wir trampeln herum, als sähen wir unsere Blindheit nicht.

Wenn aber etwas zu Bruch geht, sagen wir: »Tja, das hat keiner kommen sehen, da konnte man nichts machen.« – Doch ganz so einfach ist die Sache nicht.

Im Jahr 2018 schrieb ich: »Sind die dumm oder böse? Macht es überhaupt einen Unterschied?«

Ich kam zu dem Ergebnis, dass Dummheit und Bosheit von außen betrachtet oft nicht zu unterscheiden sind – und deshalb zumeist gleich behandelt werden sollten.

Dummheit ist das Nichtwissen um die Zusammenhänge. Bosheit ist das Inkaufnehmen destruktiver Konsequenzen. Spätestens aber, wenn ein Mensch – oder eine Institution – etwas Dummes tut, die verheerenden Konsequenzen sieht und es dann noch mal tut und nochmal, sollten wir ehrlicherweise von blanker Bosheit reden.

Was aber sollen ein Mensch oder eine Nation tun, auf dass ihre Handlungen nicht dumm und also böse sind?

Die Antwort ist so einfach auszusprechen, wie es einem Störrigen schwerfällt, sie zu praktizieren: Macht euch ehrlich und bescheiden. Studiert die tradierten Erfahrungen der Generationen vor euch. Benennt auch die Konsequenzen, die zu benennen euch aus »psychologischen« Gründen schmerzt.

Und dann seid mutig, indem ihr eure Handlungen eurer Erkenntnis folgen lasst.

Wir sind an diesem Punkt, weil die Mächtigen handelten, als wären sie entweder dumm oder böse. Da sie seit einem Jahrzehnt stur weitermachen, ist von Bosheit auszugehen – und davon, dass sie noch lange so weitermachen werden.

»Ich weiß nicht, was kommen wird!«, so rufe nicht nur ich heute, »ich weiß nicht einmal wirklich, was heute der Fall ist!«

Die deutsche Krise ist »nur« die unmittelbare Folge epidemischer Dummheit. Der gehorsame Tagesschau-Gucker will nicht Zusammenhänge verstehen. Er will von der Propaganda das Köpflein gestreichelt bekommen – und dafür ist er bereit, sich ebendieses Köpflein von der Machete enthalsen zu lassen. Nein, Dummheit und Bosheit sind nicht zuverlässig zu unterscheiden.

Wie klug bin ich selbst? Ich fühlte mich noch nicht unsicherer ob der tatsächlichen Zusammenhänge – und ob der Entwicklung ab hier und heute. Das Eingeständnis meiner Dummheit, meines Unwissens, ist womöglich das einzig Kluge an mir.

Ja, es ist klug, sich seine Dummheit einzugestehen. Das senkt das Risiko, böse zu handeln. Niemand ist dümmer als der, der sich für klug hält. (Und niemand ist verlotterter als der, der sich für moralisch hält.)

Doch wenn es einen Weg nach vorn gibt – einen Weg, der nicht in den Abgrund führt –, dann nur durch persönliche Ent-Dummung.

Nur, liebe Freunde, seid vorsichtig: Öffentliche Ent-Dummung ist heute in immer mehr Staaten des sogenannten Westens illegal.

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Der Essay Wusstest du, was du tatest? von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/epidemisch/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!