Meine Tochter hat mir ein neues englisches Wort beigebracht: to adult, auch als Gerundium oder Partizip adulting.
Ein adult ist ein Erwachsener, und wir können uns leicht denken, was to adult bedeutet: erwachsene Dinge tun.
Rechnungen bezahlen, Papiere erledigen, zur Arbeit gehen und so weiter. Zu all dem sagen die jungen Leute von heute auf Englisch: to adult.
Es wäre sehr unvollständig, to adult als bloßes Erwachsensein zu übersetzen. Erwachsensein bedeutet, dass man erwachsen ist. To adult beschreibt viel eher, wie auch ich mich bis heute fühle.
Auch wenn du jemandem sagst: Werde endlich erwachsen!, sagst du doch: Werde zu einem Menschen, der Verantwortung übernimmt und tut, was notwendig ist – weil es notwendig ist, nicht weil es »Spaß macht«.
To adult ist aber etwas ganz anderes – sogar metaphysisch etwas anderes –, als erwachsen zu sein.
Davon unberührt
Ein Erwachsener tut erwachsene Dinge, weil er eben erwachsen ist. Wer aber adulting betreibt, der tut zwar jene Dinge, die man als Erwachsener tut – ob er sich aber auch wirklich als Erwachsener fühlt, ob er gar dadurch schon ein Erwachsener ist, bleibt davon unberührt.
Meine Tochter und ich besprachen also einige bürokratische Angelegenheiten. Als wir die anstehenden Punkte abgearbeitet hatten, konstatierte ich, dass damit wohl das adulting abgeschlossen sei. Die Tochter aber merkte an, dass sie noch den Müll hinausbringen müsse.
Ich schmunzelte bei mir: Ist das Hinausbringen des Mülls wirklich eine erwachsene Tätigkeit? Sollten das nicht schon Kinder tun?
Nun, die Antwort ist einfach: Den Müll hinauszubringen ist eine erwachsene Tätigkeit, die man bereits Kindern aufträgt, damit sie das Erwachsensein üben. Den Müll hinausbringen bedeutet, an der Sauberkeit und damit am Betrieb des Hauses mitzuwirken.
Doch ich schmunzelte aus noch einem weiteren Grund: Adulting als die Pflicht, den Müll hinauszubringen, passte erschreckend gut zu meinem Gefühl, das ich bei einigen der aktuellen Nachrichten hatte – lasst mich erklären!
Was wirklich zählt
Aktuell kursiert in den sozialen Medien das Foto eines Anwerbeplakats der Bundeswehr (zum Beispiel @AtticusJazz, 04.09.2025).
Wir sehen das Foto eines jungen Menschen, eine Frau oder ein Mann mit einem besonders fein geschnittenen Gesicht, ausstaffiert mit sehr viel Uniform und Gerät, inklusive Helm mit Grünzeug und fotogen ins Gesicht geschmiertem Dreck, dahinter einige weitere Soldaten, die allerdings prototypische Männer.
Der große Slogan auf dem Plakat ist: »Wie weit gehst du für unsere Demokratie?«
Ich seufzte, als ich das las, und war damit nicht allein. Das ist kein Ausrutscher! Weitere Plakate sind aufgetaucht mit demselben zynischen Begriff. »Für unsere Demokratie aufstehen. Jeden Morgen«, heißt es da etwa (japantimes.co.jp, 24.08.2025).
»Unsere Demokratie« wird vom denkenden Teil der Bevölkerung heute als Gegenteilwort nach Vorbild der Orwell-Slogans verstanden.
»Unsere Demokratie« ist, worüber George Soros sich mit deutschen Politikern bespricht (@dushanwegner, 23.08.2025). »Unsere Demokratie« ist, wenn die Opposition verboten werden soll. »Unsere Demokratie« ist Codewort für das Streben nach einer neuen, wieder sozialistischen Diktatur in Deutschland »Wettbewerb der Diktaturen«. »Unsere Demokratie« steht für die Macht der Strippenzieher, gegen Wohl und Willen des Volkes.
Es wirkt auf mich also wie Hohn, wenn das Plakat im Namen der Bundeswehr fragt, wie weit junge Deutsche für »unsere Demokratie« gehen würden.
»Deutschland« gilt denen, die »Unsere Demokratie« sagen, als schmutziges Wort. Willst du kämpfen für eine Elite, die Vaterlandsliebe zum Kotzen findet und sich nach der Politik verständlicherweise lieber ins Ausland absetzt?
Es wird niemanden wundern, dass Soldaten besonders häufig der AfD nahestehen. Das fällt sogar den Linken auf (taz.de, 28.7.2023), und deren Logik zu dem Thema ist natürlich links, sprich: widersprüchlich und verlogen. Selbst wollen Grünlinke nicht zur Waffe greifen, aber wenn AfD-Wähler das tun, dann finden sie das auch doof.
»Unsere Demokratie«, das sind die Leute, die ein Viertel der deutschen Wähler ihrer Wahlstimme berauben wollen, weil diese nicht wählen, was die Propaganda zur Wahl empfiehlt. »Unsere Demokratie«, das sind die Leute, die Kandidaten der Opposition erst gar nicht zur Wahl zulassen.
Das aber ist die wahre Frage jenes Plakats: Bist du bereit, zu töten und zu sterben für eine Politik, die dich deiner Wahlstimme beraubt? Für ein System, für das du nur ein »Nazi« und eine »Ratte« bist?
Das Plakat enthält insgesamt vier Slogans, als würde man keinem einzigen davon allein vertrauen. Weitere Sprüche, vermutlich erdacht von Agentur-Fuzzis mit weichen Händen und teuren Designer-Brillen, lauten: »Weil du es kannst« und: »Werde Teil der Truppe. Für dich. Für alle.«
Ganz oben, in schüchtern kleiner Schrift, steht: »Mach, was wirklich zählt.«
Slogans zusammengestöpselt
Zum Erwachsensein gehört wohl, ehrlich zu sagen, dass dieses Plakat inhaltlich mindestens moralischen Müll darstellt.
Leute ohne ein mir erkennbares Gewissen (und vermutlich ohne Erfahrung am Gewehr) haben Slogans zusammengestöpselt – Motto: »Viel hilft viel«. Doch versehentlich haben sie entlarvt, in welchem elenden Verhältnis die »Eliten« zu jenen stehen, von denen sie wollen, dass sie als Soldaten in den Krieg ziehen. (Ich musste meine Finger wiederholt zurückbeordern, damit sie nicht im letzten Satz »fürs Land« einfügten.)
Das Plakat tut mir aber auch ganz konkret weh! Vergessen wir nicht: So zynisch es ist, junge Menschen derart offen dazu aufzufordern, für »Unsere Demokratie« zu kämpfen und möglicherweise zu sterben – es existieren noch immer Tausende von Menschen, die eigentlich aus den richtigen, edlen Motiven zu dieser Bundeswehr gehören.
Ich will euch gestehen: Nein, ich bin kein Erwachsener, ich tue nur so.
Ich versuche mein Bestes in jener Angelegenheit, die meine Tochter »adulting« nennt.
Und zum adulting gehört wohl, dumme und unästhetische Propaganda aus dem Kopf zu entfernen, so wie man Müll hinausbringt, um das Haus sauber zu bekommen. (Wenn einer von euch Erwachsenen weiß, wie das geht, kann er mir das ja bei Gelegenheit erklären.)
Weiterschreiben, Wegner!
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Der Essay Wie weit gehst du für dein Adulting? von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/adulting/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!
