In Deutschland soll demnächst gelost werden, wer zur Armee eingezogen wird – oder nach Russland einmarschieren soll? Es ist wie in einem dystopischen Roman. Die große Frage: Was ist der SINN des Wahnsinns?

Wenn ein Leser einen Leserbeitrag zahlt, besteht die Möglichkeit, eine Nachricht mitzusenden. Ihr könnt mit mir teilen, was euch gerade auf dem Herzen liegt.

Eine liebe Leserin schrieb mir dieser Tage etwa, sie wolle ihre »liebsten Menschen gut durch diese Zeit bringen«. Das kann ich wahrlich gut verstehen. Es hat mit Relevanten Strukturen und den Ordnungen der Liebe zu tun – und mit schlichtem Menschsein (leider keine Selbstverständlichkeit heute).

Ich denke aber über ihren weiteren Wunsch nach, nämlich »vielleicht irgendwann im Rückblick verstehen zu können, wofür das alles gut gewesen sein soll«.

Da musste ich durchatmen. Das hat mit den ganz großen Fragen zu tun. Vielleicht mit Theodizee, also der Frage nach der Gerechtigkeit Gottes – oder zumindest nach Seinem Plan.

Und es hat mit einer der größten und ältesten Fragen der Menschheit zu tun. Mit der Frage nach dem Sinn des Lebens.

Strukturiert, ehrlich und intellektuell offen über solche großen Fragen nachzudenken (kurz: Philosophie zu treiben) wird regelmäßig dazu führen, dass aus jeder beantworteten Frage mehrere neue Fragen erwachsen.

Ja, mutig nachzudenken fühlt sich bisweilen an wie der Kampf des Herakles gegen die Wasserschlange Hydra. Für jeden Kopf, den er abschlägt, wachsen ihr zwei neue Köpfe nach! (Bis sein Neffe Iolaos die Hälse mit einer Fackel ausbrannte, doch das wäre ein anderes Thema.)

Dennoch »für dein Land«

Da ich mir natürlich exakt dieselben Frage(-n) stelle wie diese Leserin, lasst mich zumindest zu Protokoll geben, in welcher Richtung ich Antworten vermute.

Die Leserin fragt (hier) nicht, was der Sinn der gegenwärtigen Ereignisse und ihrer Mühen ist, sondern »wofür das alles gut gewesen sein soll«.

Wofür wird das, was heute passiert, einmal gut gewesen sein?

Ich stelle mir diese Fragen heute auf mehr als einer Ebene.

Wir erfahren aktuell, dass sich die deutsche Regierungskoalition auf eine »Wehrpflicht per Losverfahren« geeinigt hat ((mdr.de, 12.10.2025)). Wenn du Deutschland liebst, bist du ein Rechter und ein Nazi, dein Konto wird gekündigt und du wirst beim Arbeitgeber diffamiert. Wenn dich aber das Los trifft, hast du dennoch »für dein Land« zu sterben.

Ach, wir wussten ja, dass Politik sich 1984 zum Vorbild nahm. Doch dass sie auch Die Tribute von Panem (Hunger Games) nachspielen, ist tatsächlich neu.

Zurück aber zur Frage: Wofür soll das alles gut gewesen sein? Wofür wird es gut gewesen sein, dass die Regierung nun per Losverfahren bestimmen will, welche jungen Männer zum x-ten Mal versuchen, in Russland einzumarschieren?

Es könnte dazu gut gewesen sein, dass Deutsche mit Familie spätestens jetzt über ein bestimmtes Gandalf-Zitat nachdenken.

Man hört und liest in letzter Zeit häufiger ein Zitat aus dem Herrn der Ringe, und zwar den weisen Gandalf, der kurz vor dem eigenen Sturz in die Tiefe seinen Gefährten zuruft: »Flieht, ihr Narren!«

(Ich notierte es bereits im März, im Essay »Plötzlich reden alle vom Auswandern«. Es sei allerdings zur Vorsicht geraten: Die Lektüre des Herrn der Ringe kann dich in »Unserer Demokratie« bereits ins Visier des Verfassungsschutzes bringen und dich dein passives Wahlrecht kosten, siehe Ludwigshafen. Und wen die Regierung wegen abweichender Meinung als »Rechtsextremist« etikettiert, dem verbietet sich damit schon mal die Ausreise; siehe bild.de, 17.05.2025. Flieht, aber wie auch früher schon: Passt auf, was ihr vorher wem erzählt.)

Wer über Flucht nachdenkt, der wird sich bald praktische Fragen stellen, die selbst wieder auf die zentralen Fragen hinauslaufen: Wer bin ich? Wer will ich sein? Und wie kann ich es werden?

Ich mag mich hilflos fühlen ob gewisser großer Ereignisse, und vermutlich liege ich damit richtig.

Etwas weniger hilflos – aber längst nicht allmächtig – bin ich hinsichtlich meiner Handlungen innerhalb und im Angesicht dieser Ereignisse.

Diese Zeiten dich und mich

Es würde geradezu zur vergebenen Chance, wenn ich die Ereignisse nicht nutzte, um persönlich alle unnützen Zeitverschwendungen loszulassen und meine verbliebene Zeit darauf zu verwenden, ein Mensch zu werden, für dessen Charakter ich mich nicht schämen muss.

Werde ich »vielleicht irgendwann im Rückblick verstehen«, »wofür das alles gut gewesen sein soll«?

Ja, denn ich bin überzeugt, dass diese Zeiten dich und mich lehren, das Unwichtige loszulassen und das Richtige zu suchen.

Lebe heute so, dass du »irgendwann im Rückblick« sagen kannst, dass diese Zeiten dich zwangen, das Unwichtige vom Wichtigen zu trennen.

Ist das die letzte und vollständige Antwort auf die Frage? Mitnichten! Doch ich bin recht sicher, dass die Antwort in genau dieser Richtung liegt. Es war mir wieder eine Ehre, in diesem Essay mit euch ein paar Schritte weiter in eine gute Richtung zu gehen.

E-Mail-Abo

Lassen Sie sich automatisch benachrichtigen, sobald ich hier etwas Neues veröffentliche! (Gratis, jederzeit abbestellbar.)

Der Essay Irgendwann im Rückblick verstehen von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://www.dushanwegner.com/essays/irgendwann-im-rueckblick-verstehen/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!