24.04.2021

Alles dicht machen, woher der Wind weht

von Dushan Wegner, Lesezeit 6 Minuten, Foto von Clinton Naik
»#allesdichtmachen« sagt Dinge, die man exakt von »Journaktivisten« hören könnte – und nennt es »Satire«. Dadurch erst wird es zum Skandal. Die Journaille sieht sich selbst, und sie hasst, was sie sieht. Verständlicherweise! Es ist ja auch gruselig.
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Ein Sturm wütet durch die deutsche Debatte, und die Windböen dieses Sturms werden sogar außerhalb des deutschen Wasserglases wahrgenommen!

»German actors made a pandemic-related video campaign. It didn’t go well.«, schreibt die New York Times (nytimes.com, 23.4.2021), zu Deutsch etwa: »Deutsche Schauspieler machten eine Kampagne mit Pandemie-Bezug. Es lief nicht so gut.« – »Right-Wing Politicians Cheer German Actors‘ Attack on Corona Measures«, schreibt der Hollywood Reporter (hollywoodreporter.com, 23.4.2021), zu Deutsch etwa: »Rechter-Flügel-Politiker applaudieren der Attacke deutscher Schauspieler auf die Corona-Maßnahmen«.

Ein Sturm wütet durch die deutsche Debatte. Auf den ersten Blick mögen die Sturmschauer sich sogar erfrischt fühlen – und doch, dieser Sturm ist gefährlich (auch dadurch, dass die Beteiligten vermutlich hiernach ihre Loyalität doppelt und dreifach werden bekunden müssen, um ihr Einkommen zu sichern). Dies ist ein Sturm, ja, doch mancher Wettermann hat ihn durchaus kommen sehen.

»mit klarer Haltung«

Einige Schauspieler haben es tatsächlich gewagt, satirische Videos zu drehen, welche die Corona-Maßnahmen der Merkel-Regierung aufs Korn nahmen.

(Randnotiz: Dieselben Schauspieler hatten bislang vermutlich wenig moralische Bedenken, ihr Auskommen indirekt via GEZ-Zwangsgebühr und Steuern (Filmförderung) zu bestreiten. Aber gut, um mich auf Bob Dylan zu berufen – you gotta serve somebody – und meinen Essay vom 2.3.2018 zitierend: »Irgendwem musst du dienen, mein Sohn«.)

Die Aktion hieß ironisch »#allesdichtmachen«. 53 deutsche Schauspieler forderten in Online-Videos von der Regierung satirisch noch härtere Maßnahmen.

Man dankte den deutschen Medien ironisch-satirisch für ihre meinungssteuernde Funktion:

Mein Name ist Jan Josef Liefers, ich bin Schauspieler und ich möchte heute Danke sagen. Danke an alle Medien unseres Landes, die seit über einem Jahr unermüdlich, verantwortungsvoll und mit klarer Haltung dafür sorgen, dass der Alarm genau da bleibt, wo er hingehört, nämlich ganz, ganz oben. Und dafür sorgen, dass kein unnötiger kritischer Disput uns ablenken kann von der Zustimmung zu den sinnvollen und immer angemessenen Maßnahmen unserer Regierung. (Jan Josef Liefers, 22.4.2021; via YouTube)

Es war satirisch und es tat den satirisch Persiflierten sehr weh. Jeder gute Witz markiert bekanntlich einen Schmerz, und der Schmerz dieser Satire ist schnell ausgemacht: Sehr ähnliche Worte hätten auch nicht-satirisch von Staatsfunkern wie Dunja Hayali oder Tina Hassel, oder auch einem der vielen Merkelsoldaten im Politik-Apparat ausgesprochen werden können.

Urinal im Museum

Marcel Duchamp nahm 1917 ein Urinal, setzte seine Signatur darauf, stellte es ins Museum und nannte es »Fountain«, zu Deutsch: »Brunnen« oder »Quelle« (siehe Wikipedia). Ein denkbar banales, geradezu vulgäres Alltagsobjekt wird zu Kunst, indem man es zu Kunst erklärt. Ähnlich ist es mit der Satire des Jan Josef Liefers: Er befreit die Aussagen der Regierungstreuen von den letzten Resten der Verstellung – und klebt dann das Etikett »Satire« darauf.

Der Skandal am Duchamps Urinal war nicht das Urinal selbst – jeder kennt es aus Bahnhofstoiletten – der Skandal war, dass er es Kunst nannte. Der Skandal an Liefers Lob der Medien war nicht das Lob selbst – jeder kennt es aus dem Alltag des Propagandastaates – der Skandal war (und ist aktuell noch immer), dass er das Lob eine Satire nannte.

Diese Satire tat, was Satire so oft zu tun behauptet, aber so selten einhält: Diese Satire hielt dem Medienbetrieb tatsächlich den Spiegel vor – und die schauten hinein, und was sie sahen gefiel ihnen gar nicht – also schrien sie laut. (Interessanterweise tat die Politik diesmal das strategisch Richtige, und »umarmte« die Kritik, verteidigte sie gegen die nach Blut lechzende Journaille – man erkannte offensichtlich, das machtstabilisierende Potential, mal »Dampf vom Kessel zu lassen«. Auf lange Sicht hält man, so denkt man vermutlich, dieselben Leute ja ohnehin an der GEZ-Filmförderungs-Kandare, und im Wahlkampf kann deren jetzt gewonnene Glaubwürdigkeit noch sehr nützlich werden. Man vergleiche etwa, wie Laschet die Schauspieler damit zu verteidigen vorgibt, von ihnen sei doch »keiner AfD, keiner rechts«; siehe bild.de, 24.4.2021.)

»»Alles dicht machen« ist so schäbig, dass es weh tut«, geiferte es in tagesspiegel.de, 23.4.2021 (übrigens vom selben Autor, der sich einst bei den Terrorbanden der Antifa bedankte; tagesspiegel.de, 24.1.2014). Weitere Reaktionen beinhalteten die bekannten Stehsatz-Stanzen wie »rechtsradikal« (@ennopark, 23.4.2021), dazu Goebbelsvergleiche (dokumentiert auf @dushanwegner, 24.5.2021). Man drohte öffentlich, »Listen« zu erstellen (dokumentiert auf @dushanwegner, 23.4.2021) – und wenig überraschend wurden Quasi-Berufsverbote gefordert (dokumentiert auf @dushanwegner, 23.4.2021).

Die Drohungen zeigten Wirkung. Bald knickten erste Schauspieler ein, zogen ihre Videos zurück und taten öffentlich Abbitte (etwa @kostjaullmann, 23.4.2021).

Gestalten wie Stefan Niggemeier konnten bald jubeln: »#allesdichtmachen schrumpft. Inzwischen sind 11 von 53 Videos verschwunden: …« (@niggi, 24.4.2021) – es folgt eine Liste der Personen, die vor den Drohungen kuschten, die inzwischen weder auf der Website allesdichtmachen.de noch in der YouTube-Playlist zu finden sind.

Die in Zivilkleidung

Die Reaktionen auf »#allesdichtmachen«, sie sind schockierend, doch genau gar nicht überraschend. Wir warnten schon lange, dass die Moralisten und Gerngehorsamen, welche sich »die Guten« nennen, in Geist und Tonfall auffallend den Totalitären zweier deutscher Diktaturen ähneln. Zum Beleg darf ich Ihnen einfach mal anbieten: alle meine Texte.

Ist der Wettermann überrascht, ist er schockiert, wenn der Sturm stürmt? Der Wettermann hat den Sturm vorhergesagt. Der Wettermann hat erklärt, warum der Sturm entstehen wird. Der Wettermann hat sogar erklärt, welche Wolken man mit metaphorischem Silberjodid besprühen sollte, um den Sturm vorm Eintreffen zu verhindern – es wurde nicht auf ihn gehört. Und nun ist der Sturm halt da.

(Randnotiz: Es ist eine interessante Parallele, dass derselbe konzernartige Staat, nämlich China, nicht nur aktuell das Denken, Fühlen und Verhalten (hoffentlich »nur«) seiner Bürger mit Hilfe von automatischen Computersystemen zu steuern versucht (siehe auch den Essay »Automatisiertes Glück«), sondern parallel auch seine (prinzipiell ja seit Jahrzehnten eingesetzten) Maßnahmen zur direkten Wetter-Beeinflussung derzeit massiv hochfährt (theguardian.com, 4.12.2020). In China arbeiten, so liest man, etwa 35.000 Menschen gezielt an »Wetter-Modifikation« (siehe Wikipedia: »Beijing Weather Modification Office«). Vor Großereignissen wie Olympia 2008 oder staatlichen Feierlichkeiten wird schon mal der Himmel wolkenfrei und strahlend blau »gemacht« – auch da kann der Propagandastaat Deutschland noch von China lernen.)

»I used to care« / »I still do«.

»People are crazy and times are strange«, so singt Bob Dylan (Things Have Changed, via YouTube), »I’m locked in tight, I’m out of range. I used to care, but things have changed.«, zu Deutsch etwa: »Die Leute sind verrückt und die Zeiten sind merkwürdig. Ich bin festgezurrt, ich bin außer Reichweite. Es machte mir früher etwas aus, aber die Dinge sind nun anders.«

Ich verstehe Bob Dylan, ich wünsche mir an manchen Tagen, mit Dylan singen zu können: »I used to care, but things have changed« – jedoch, es wäre nicht wahr. An dieser Stelle sollte ich eher eine bekannte Konstruktion des Comedians Mitch Hedberg heranziehen, wenn dieser sagt: »I used to do drugs. I still do, but I used to too.« (11 Sekunden via YouTube), zu Deutsch und statt auf Drogen auf die besprochene Sache hin formuliert: »Es machte mir früher etwas aus. Es macht mir noch immer etwas aus, doch früher machte es mir auch schon etwas aus.« (Mitch Hedberg starb 2005 im Alter von 37 Jahren – ja, an Drogen.)

Der Wettermann ist nicht überrascht, wenn der Sturm einbricht, den er doch kommen sah, vor welchem er doch warnte. Ach, man musste doch zuletzt nicht einmal ein »professioneller Wetterleser« sein, um die dunklen Wolken am Horizont zu sehen.

Um uns ein letztes Mal auf Bob Dylan zu berufen (»Subterranean Homesick Blues«, siehe YouTube): »Keep a clean nose, watch the plain clothes, you don’t need a weather man, to know which way the wind blows.«, zu Deutsch etwa: »Halte deine Nase sauber, achte auf die in Zivilkleidung. Du brauchst keinen Wettermann, um zu wissen in welche Richtung der Wind weht.«

»Weiterschreiben, Wegner!«

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